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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 3
Ein Fußballspiel ist selbst schon Theater, im besten Falle Tragödie, Komödie, Krimi und Far-ce in einem. Die echten Fans jedenfalls zögen ihr Team jedem Schauspielensemble und das Spiel ihrer Mannschaft, so regional es sein mag, jedem Theaterabend vor. Das ist Pech fürs „richtige“ Theater, vor allem in einem Weltmeisterschaftsjahr wie diesem. Denn was immer es in Richtung Fußball tut, schreibt, inszeniert, aufführt, – das echte Ballspiel ist immer um mindestens eine Nasenlänge, meistens um Meilen, voraus. Dem Theater bleibt nichts anderes übrig als hinterherzuhecheln, meist mehr kabarettistisch als theatergemäß. Die Tore schießen bei diesem Spiel fast immer die anderen.

Die Schwierigkeiten, Fußball auf die Bühne zu bringen, zeigten sich auch bei der Premiere der Komödie Die Hand Gottes von dem 1963 in Berlin geborenen Schauspieler, Regisseur und Autor Jörg Steinberg. Einem Autor bleibt außer dem Spiel mit Klischees um den Fußball herum nur wenig, das er bühnenwirksam aufarbeiten könnte. Und so flüchtet sich Steinberg denn auch in die Darstellung von Fußball-Drumherum, das montaglich die Regenbogenpresse füttert und Stoff für Stammtischgespräche hergibt: die mafiosen Methoden um Spielergebnismanipulationen mit Geldverschiebereien vor und nach Spielen, die Wetten auf Meisterschaftsspiele, die sattsam bekannten Sprüche, Versprecher, Fremdwortverdrehungen und Le-benswahrheiten aus der Fußballwelt und das Herunterleiern der großen Namen des Fußballs.

Der Einfall, der dem das Stück dann doch einige komödiantische
Momente gibt, ist, der Titel deutet es an, Maradonas berühmt-berüchtigtes
Handtor zur 1:0-Führung Argentiniens gegen England im WM-Viertelfinale
von Mexiko. Steinberg nimmt die Erklärung des Spielers, es sei die „Hand
Gottes“ gewesen, wörtlich und führt eine ganze Schar von germanischen
Göttern ein, die sich ausschließlich um den Fußball, das
„göttliche Spiel“, kümmern, untereinander um Niederlagen
und Siege ihrer Mannschaften feilschen, Spieler bestechen, Spielausgänge
manipulieren und dabei auch schon einmal erdenähnliche Ehekrisen riskieren.
Das himmlische Treiben der Götter jedenfalls sieht sehr irdisch aus und
so vermengen sich im Fußball oben und unten, Göttliches und Irdisches
auf wundersmae Weise.
Erträglich wird der gut siebzig Minuten lange Theaterabend im TASCH weniger
durch das Stück, das letzten Endes Fußball-Unsinn bleibt, als durch
die straffe Inszenierung und die guten Schauspielerinnen und Schauspieler
des HLT-Ensembles. Die Regisseurin Luisa Brandsdörfer und die Bühnenausstatterin
Ilka Kops lassen die Götter Odin (Thomas Streibig) und Thor (Christian
Holdt), die Göttinnen Frigga (Regina Leitner) und die Nornen (Juliane
Beier, Barbara Schwarz, Juliane Nowak) zusammen mit den Fußballern Jan
Ole Kreuz (Carl Pohla) und Marius Balzer (Daniel Sempf) auf und zwischen den
Bänken eines nachgebauten Stadions, das den Blick auf den Eingang in
die Mannschaftskabinen freigibt, spielen. Götter-Fußballer und
Fußball-Götter werden so auf Stadionmaß und 1:0 – Ergebnisse
zurechtgestutzt und es erscheint schon ein wenig verwunderlich, dass die Vorgänge,
die im HLT-Stadion ablaufen, irgendjemanden außerhalb des Stadions interessieren
könnten. Die Inszenierung zeigt das Fußballspiel doch als etwas
Belangloses, das ins Stadion mit seinen spinnigen Intrigen und unsäglichen
Fußballliedern und dem – mittlerweile abgedroschenen – 1954er
Weltmeistertorschrei und sonst nirgendwohin gehört.

Vergnüglich wird das Spiel um Maradonas gottähnliche Hand durch
Thomas Streibig und sein Team. Thomas Streibig tritt in mehreren Rollen auf,
als Gott Odin, aber auch als Putzfrau oder Spielervermittler. Immer ist er
großer Komödiant, der sich auf Scharmützel mit Frigga einlässt,
als undurchsichtiger Boss in Mafia-Manier und Wettannehmer an manche graue
Eminenz der Bundesliga erinnert und als Putzfrau so etwas wie die aufmunternde
Seele des Vereins ist. Die Hand Gottes ist vor allem Thomas Streibigs Stück
und von daher ist der Inszenierung Erfolg zu wünschen.
Ansehnlich und kurzweilig ist der kostenlose „Götterbote“,
eine Stadionzeitung anstelle des herkömmlichen Programmhefts. Wer, um
einige Beispiele anzuführen, alles über Maradonas Handspiel, die
Abseitsregeln, die chemische Zusammensetzung einer Stadionwurst wissen oder
Trapattonis berühmte Pressekonferenz-Rede wiederlesen oder einfach ein
Elfmeter-Gedicht von Robert Gernhardt kennenlernen möchte, sollte eine
der nächsten Aufführungen des Stücks, etwa am 23., 24. und
31. Mai und ab 9. Juni zusammen mit Weltmeisterschaftsspielübertragungen,
nicht versäumen.
Herbert Fuchs
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