Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 3


 

Das Hessische Landestheater Marburg
Jörg Steinberg: Die Hand Gottes – eine Komödie frei nach Diego A. Maradona
Premiere: 20. 5. 20

 

Ein Fußballspiel ist selbst schon Theater, im besten Falle Tragödie, Komödie, Krimi und Far-ce in einem. Die echten Fans jedenfalls zögen ihr Team jedem Schauspielensemble und das Spiel ihrer Mannschaft, so regional es sein mag, jedem Theaterabend vor. Das ist Pech fürs „richtige“ Theater, vor allem in einem Weltmeisterschaftsjahr wie diesem. Denn was immer es in Richtung Fußball tut, schreibt, inszeniert, aufführt, – das echte Ballspiel ist immer um mindestens eine Nasenlänge, meistens um Meilen, voraus. Dem Theater bleibt nichts anderes übrig als hinterherzuhecheln, meist mehr kabarettistisch als theatergemäß. Die Tore schießen bei diesem Spiel fast immer die anderen.

Die Schwierigkeiten, Fußball auf die Bühne zu bringen, zeigten sich auch bei der Premiere der Komödie Die Hand Gottes von dem 1963 in Berlin geborenen Schauspieler, Regisseur und Autor Jörg Steinberg. Einem Autor bleibt außer dem Spiel mit Klischees um den Fußball herum nur wenig, das er bühnenwirksam aufarbeiten könnte. Und so flüchtet sich Steinberg denn auch in die Darstellung von Fußball-Drumherum, das montaglich die Regenbogenpresse füttert und Stoff für Stammtischgespräche hergibt: die mafiosen Methoden um Spielergebnismanipulationen mit Geldverschiebereien vor und nach Spielen, die Wetten auf Meisterschaftsspiele, die sattsam bekannten Sprüche, Versprecher, Fremdwortverdrehungen und Le-benswahrheiten aus der Fußballwelt und das Herunterleiern der großen Namen des Fußballs.

Der Einfall, der dem das Stück dann doch einige komödiantische Momente gibt, ist, der Titel deutet es an, Maradonas berühmt-berüchtigtes Handtor zur 1:0-Führung Argentiniens gegen England im WM-Viertelfinale von Mexiko. Steinberg nimmt die Erklärung des Spielers, es sei die „Hand Gottes“ gewesen, wörtlich und führt eine ganze Schar von germanischen Göttern ein, die sich ausschließlich um den Fußball, das „göttliche Spiel“, kümmern, untereinander um Niederlagen und Siege ihrer Mannschaften feilschen, Spieler bestechen, Spielausgänge manipulieren und dabei auch schon einmal erdenähnliche Ehekrisen riskieren. Das himmlische Treiben der Götter jedenfalls sieht sehr irdisch aus und so vermengen sich im Fußball oben und unten, Göttliches und Irdisches auf wundersmae Weise.
Erträglich wird der gut siebzig Minuten lange Theaterabend im TASCH weniger durch das Stück, das letzten Endes Fußball-Unsinn bleibt, als durch die straffe Inszenierung und die guten Schauspielerinnen und Schauspieler des HLT-Ensembles. Die Regisseurin Luisa Brandsdörfer und die Bühnenausstatterin Ilka Kops lassen die Götter Odin (Thomas Streibig) und Thor (Christian Holdt), die Göttinnen Frigga (Regina Leitner) und die Nornen (Juliane Beier, Barbara Schwarz, Juliane Nowak) zusammen mit den Fußballern Jan Ole Kreuz (Carl Pohla) und Marius Balzer (Daniel Sempf) auf und zwischen den Bänken eines nachgebauten Stadions, das den Blick auf den Eingang in die Mannschaftskabinen freigibt, spielen. Götter-Fußballer und Fußball-Götter werden so auf Stadionmaß und 1:0 – Ergebnisse zurechtgestutzt und es erscheint schon ein wenig verwunderlich, dass die Vorgänge, die im HLT-Stadion ablaufen, irgendjemanden außerhalb des Stadions interessieren könnten. Die Inszenierung zeigt das Fußballspiel doch als etwas Belangloses, das ins Stadion mit seinen spinnigen Intrigen und unsäglichen Fußballliedern und dem – mittlerweile abgedroschenen – 1954er Weltmeistertorschrei und sonst nirgendwohin gehört.

Vergnüglich wird das Spiel um Maradonas gottähnliche Hand durch Thomas Streibig und sein Team. Thomas Streibig tritt in mehreren Rollen auf, als Gott Odin, aber auch als Putzfrau oder Spielervermittler. Immer ist er großer Komödiant, der sich auf Scharmützel mit Frigga einlässt, als undurchsichtiger Boss in Mafia-Manier und Wettannehmer an manche graue Eminenz der Bundesliga erinnert und als Putzfrau so etwas wie die aufmunternde Seele des Vereins ist. Die Hand Gottes ist vor allem Thomas Streibigs Stück und von daher ist der Inszenierung Erfolg zu wünschen.
Ansehnlich und kurzweilig ist der kostenlose „Götterbote“, eine Stadionzeitung anstelle des herkömmlichen Programmhefts. Wer, um einige Beispiele anzuführen, alles über Maradonas Handspiel, die Abseitsregeln, die chemische Zusammensetzung einer Stadionwurst wissen oder Trapattonis berühmte Pressekonferenz-Rede wiederlesen oder einfach ein Elfmeter-Gedicht von Robert Gernhardt kennenlernen möchte, sollte eine der nächsten Aufführungen des Stücks, etwa am 23., 24. und 31. Mai und ab 9. Juni zusammen mit Weltmeisterschaftsspielübertragungen, nicht versäumen.

Herbert Fuchs

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