Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 3


 

Das Hessische Landestheater Marburg

Der Name der Rose
Schauspiel nach dem Roman von Umberto Eco in der Bearbeitung von Claus J. Frankl

Premiere: Samstag, 24. Juni 2006 im Schlosshof Rauischholzhausen

Die Freilichtaufführung beginnt lange vor der Fanfare, die den ersten Auftritt der Spieler ankündigt. Der Aufgang zum Schloss durch den baumbewachsenen Parkweg, der Eintritt in den Hof durch das imposante Tor, der Anblick der märchenhaften Schlosskulisse gehören bereits dazu. Alles um den Besucher herum ist romantische Fassade, fast zu schön, um wahr zu sein, eben Theater. Ein einnehmenderer Spielort für ein mittelalterliches Mönch-, Mörder- und Inquisitorspiel als der Schlosshof in Rauischholzhausen ist kaum vorstellbar.

„Im November 1327 reist der englische Franziskaner William von Baskerville mit dem ihm anvertrauten Novizen Adson von Melk zu einer Benediktinerabtei im nördlichen Apennin, wo er ein Kolloquium von Vertretern der Kurie und des Franziskaner-Ordens vorbereiten soll. Es geht um die Frage, ob die Kirche besser arm wäre oder ob sie mit Macht und Reichtum prunken soll, wie es der in Avignon residierende Papst tut.“ (Programmheft)

William von Baskerville wird von David Gerlach gespielt, sein Gehilfe von Carl Pohla. David Gerlach, häufiger Gast am HLT, als Faust in der Spielzeit 2003/04 und als Regisseur der herausragenden Aufführung von Vinterbergs und Rukovs Fest noch in guter Erinnerung, setzt sich nicht nur äußerlich von den Mitbrüdern des Benediktinerklosters ab. Seine ruhige, nachforschende, leisere, auch komische Spielweise steht in deutlichem Kontrast zu der hitzigen, aggressiven, fanatischen, mysteriösen – immer huschen irgendwo Mönche in schwarzen Kutten über den Hof, verbergen sich, belauschen andere, verschwinden hinter Türen – Klosteratmosphäre um ihn herum.

Das maskenhaft-verzerrte Gesicht von Jorge von Burgos, eindrucksvoll gespielt von Stefan Gille, signalisiert dem Zuschauer gleich zu Beginn, dass dahinter mehr als nur ein blindwütiger Eiferer für die Sache der Kirche, dem Lachen eine Sünde ist, steckt.

Der Mönch Baskerville hält sich im Benediktinerkloster auf, um einen Disput zwischen unterschiedlichen religiösen Gruppierungen innerhalb der Kirche vorzubereiten. Unmittelbar nach seiner Ankunft wird er mit einem Todesfall, der sich bald als Mord herausstellt, konfrontiert und vom Abt des Klosters mit der Aufklärung des Vorfalls beauftragt. Der undurchsichtige Salvatore (Daniel Sempf), im Dienst des Mönchs Remigius von Varagine, lenkt durch merkwürdige Reden und auffälliges Verhalten den Verdacht auf sich. Später wird er seinen Vorgesetzten an den Abgesandten des Papstes, Bernard Gui, verraten.

Das Klosterleben in der Benediktinerabtei wird durch mysteriöse Todesfälle, Morde allesamt, erschüttert. William von Baskerville entdeckt Hinweise und Spuren, die vermuten lassen, dass die geheimnisvolle Klosterbibliothek irgendetwas mit den Vorfällen zu tun hat.

Der Abt des Klosters, dem Thomas Streibig finstere, undurchschaubare Züge gibt, hat William von Baskerville zwar mit der Untersuchung der Morde beauftragt, ihm aber gleichzeitig untersagt, die Bibliothek zu betreten. Das Verbot stachelt den Franziskanermönch zu noch genaueren Nachforschungen an und erhärtet seinen Verdacht, dass mysteriöse Bücher in der Mordaffäre eine Rolle spielen.

Mit der Ankunft des mächtigen Papstvertrauten Bernard Gui wird die heimliche Gewalttätigkeit der Morde hinter den Klostermauern zu einer offenen Gewalttätigkeit der Kirche selbst. Peter Meyer verkörpert, in Stimme und Auftreten überzeugend, einen herrschsüchtigen, machtbesessenen Kirchenfürsten.

Radestock inszeniert die Ankunft der Avignon-Abgesandten als farbenprächtiges Spektakel mit Kutsche, Reitern im Schweizer-Garde-Outfit und großem Fußvolk.

Eines der Opfer des Inquisitors ist Remigius von Varagine, der des Ketzertums angeklagt wird. Fred Graeve, der erst vor kurzem sein 50-jähriges Bühnenjubiläum feiern konnte, hat einen „großen“ Auftritt an der Treppe zu Füßen Bernard Guis, der ihn verhaften und kurz darauf abtransportieren lässt. Die Inquisition wird Remigius, diese Drohung steht im Raum, alles entlocken, was sie wissen will.

Längst haben William von Baskerville und sein Adlatus Adson den begründeten Verdacht, dass ein bestimmtes Buch aus der Bibliothek, ein „heidnisches“ Buch in griechischer Schrift, in die Mordfälle verwickelt ist.

In einer gekonnt inszenierten Traumszene wird vorgeführt, zu welchen wilden, orgiastischen Auswüchsen der heidnische Geist des Buches im Kloster führen kann, ja schon geführt hat.

 

Der Kreis schließt sich am Ende des Stücks. Jorge von Burgos, ein „unheimlicher“ Mönch von seinem ersten Auftritt an, wird von Baskerville als Mörder überführt. Baskerville entdeckt den Verdächtigen über dem gesuchten Buch, als er es endlich wagt, in die Bibliothek einzudringen. Er zwingt Jorge zu einem Geständnis. Die Rache des Mörders: Er legt ein Feuer, Bibliothek und Kloster brennen bis auf die Grundmauern nieder.

Regisseur Radestock hat den bekannten Roman Umberto Ecos mit allen Zutaten auf die Bühne, sprich: den Hof des Schlosses in Rauischholzhausen, gebracht, die eine Freilichtaufführung verlangt und wie sie schon zur Tradition des HLT als Schlussinszenierung der Theatersaison gehören. Den Erfolg machen eine zugkräftige Geschichte und ein geschlossen auftretendes Schauspielensemble aus, eine beachtliche Zahl von Kleindarstellern, Reiter und Reiterinnen, eine Kutsche, fast schon ein Radestock-Inszenierungs-Erkennungszeichen, die schlossherrenmäßig durch das Tor einfährt und im Hof ihre Runden dreht, eine unauffällige, aber zur ausgedehnten Spielfläche und zur Gebäudekulisse passende Ausstattung (Axel Pfefferkorn), gregorianische Gesänge und – auch das schon Radestock-Tradition – ein schaurig-schönes „Feuerwerk“ am Ende. – Das informative Programmheft und ein Zettel zum Inhalt des Stücks, erstellt von Dramaturgin Annelene Scherbaum, helfen allen, die zu Namen, Daten und zum mittelalterlichen Büchereiwesen mehr wissen wollen. Und da ist ja auch noch das Buch selbst, Umberto Ecos Welterfolg aus dem Jahr 1980, Der Name der Rose, den der Besucher nach der Aufführung vielleicht wiederlesen mag.

Herbert Fuchs

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