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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7
(2006), Heft 3
Montaigne datierte seinen Entschluß, auf alle ihm lästig gewordenen Ämter zu verzichten und sich auf sein väterliches Schloß, genauer in den Turm an dessen Südwesteingang, zurückzuziehen, auf seinen 38. Geburtstag, den 28. Februar 1571. Fortan, so ließ er förmlich auf einer Wandinschrift festhalten, wolle er sich nur noch seinen Studien widmen. Worum es ihm dabei geht, hält er im Vorspann zu den "Essays" fest. So kurz diese Rede "An den Leser" auch ist, gibt sie doch ganz entscheidende Hinweise: "C'est icy un livre de bonne foy“ _ "Es ist dies ein aufrichtiges Buch", so lautet der erste Satz. Und er enthält schon ein ganzes Programm, nämlich in dem Begriff "bonne foy" - aufrichtig.
In einer Zeit, die höfische Verstellungskünste und kunstvolle Rhetorik, die Maske und den schönen Schein, viel höher als Geradlinigkeit schätzte, nahm Montaigne damit eine klare Gegenposition ein. Gegenstand seiner Studien, auch das ist ungewöhnlich, ist er sich selbst, er will sich im Schreiben selbst zeichnen, und zwar so, daß der Leser ihn schlicht (simple), natürlich (naturelle) und in seiner gewöhnlichen Art (ordinaire) wahrnimmt. Rückhaltlos und unverstellt sollen die "Essais" ihn zeigen. Zur Verdeutlichung fügt er hinzu: "Lebten wir noch, wie manche Völker, unter der sanften (douce) Freiheit der ersten Naturgesetze", würde er sich am liebsten "in voller Gestalt und nackt darstellen."
Damit ist der entscheidende Schlüsselbegriff genannt, der, wie sich zeigen wird, auch wesentlich für Montaignes Sokratesbild ist. Er versucht zu verstehen, wie die ursprüngliche Natur des Menschen beschaffen ist. Er selbst nimmt sich deshalb als Beispiel, weil, wie er später formuliert, jeder Mensch in sich das vollständige Bild der Menschheit trägt." (III, II, 18)
Die Selbsterkundung ist daher immer auf der Suche nach der Erkenntnis der "ersten Natur des Menschen". Notwendig ist das eine Wissenschaft, die nie zu einem fertigen Ergebnis, und nie zu Ende kommen kann. (III, II, 18) Jeder scheint sich zwar der nächste und mit sich selbst bekannt zu sein, doch wer wir wirklich sind, wissen wir nicht. Erziehung, gesellschaftliche Spielregeln, Anpassung an Sitten und Bräuche und alle möglichen Gewohnheiten verbergen uns unsere eigentliche Natur. Für Montaigne ist daher die Selbsterkundung die einzig respektable Wissenschaft. Sie hat er zu seinem wahren Beruf (sa profession) gewählt. Er finde darin, so sagt er, eine Tiefe und so unendliche Vielfalt, daß alles, was er dabei lerne, ihm immer nur wieder von neuem zeige, wie viel er noch zu lernen habe. (III, III, 324)
Die Vorrede nennt also nicht nur Gegenstand und Vorgehensweise, sondern gibt auch einen ersten Hinweis auf den Titel "Essais". Es sind wörtlich Versuche, die unter sehr verschiedenen Aspekten verstanden werden müssen. Ausgehend vom Bild des Selbstportraits bedeutet "essai" Entwurf, Vorzeichnung, Skizze, Annäherung an sich selbst. Die strenge und vorurteilslose Selbstbeobachtung fordert ständige Ergänzungen und Korrekturen. Das heißt, die "Essais" sind daher auch Selbstprüfungen in dem Sinne, "sich selbst auf die Probe zu stellen."
Montaigne spielt mit allen Bedeutungsvarianten des Wortfeldes "essai". Entsprechend ergeben sich immer wieder neue Hinsichten während der Lektüre. Die Wortbestimmung ist so wenig abzuschließen wie das Werk selbst. Das macht zum Beispiel schon die Erscheinungsweise der "Essais" deutlich.
Die ersten beiden Bände mit insgesamt 94 Kapiteln veröffentlichte Montaigne 1580. Er reiste nach Paris und übergab sie dem König, Henri III. Im Anschluß daran unternahm er eine ausgedehnte Reise - sie dauerte 17 Monate - über Deutschland, die Schweiz und Italien. Das Tagebuch, das dabei entstand, betrachtete er als Material zur Fortführung der "Essais". Deshalb dachte er selbst auch nicht an eine Veröffentlichung. Erst 1774, also zwei Jahrhunderte später, wurde das Manuskript entdeckt.
Gegen Ende dieser Reise wird Montaigne zum Bürgermeister von Bordeaux gewählt. Er nimmt, wenn auch zögernd, an. Seine gewissenhafte Amtsführung wird geschätzt, so daß er 1583 nochmals für zwei Jahre gewählt wird, was durchaus nicht die Regel ist. Erst 1585 zieht er sich wieder zurück. Doch während der ganzen Zeit arbeitete er an den "Essais" weiter. 1582 erscheint eine erweiterte 2. Auflage, 1587 eine dritte, wiederum erweiterte Auflage und schließlich 1588 die letzte zu Lebzeiten des Autors. Diesmal sind nicht nur die ersten beiden Bände durch zahlreiche Zusätze (das Titelblatt nennt 600) ergänzt, vielmehr kommt noch ein neuer, dritter Band hinzu, der im Umfang dem ersten und zweiten entspricht, allerdings ist er nur in 13 Kapitel gegliedert, die entsprechend sehr viel länger sind.
Montaigne stirbt 1593. 1595 schon erscheint ein Neudruck der "Essais", der von Montaignes Wahltochter, Mlle de Gournay, betreut wird. Er enthält etliche Erweiterungen aus dem Nachlaß. Bis zuletzt hat Montaigne an seinem Werk weitergeschrieben.
Im Gegensatz zu der kurzen Vorrede für die ersten beiden begründet und verteidigt Montaigne sein Werk im dritten Band wiederholt und ausführlich. Offenbar antwortet er auf Kritik, die nach Erscheinen der ersten Bände laut wurde. Damit beginnt schon die Kontroverse um die "Essais", die ihre direkte Fortsetzung in der umfangreichen Einleitung von Mlle de Gournay findet. Sie schon antwortet auf Vorwürfe wie: er sei "unzüchtig" und "gefährlich", und beschwert sich, man dichte ihm "weiß ich was für Gottlosigkeiten an." (Tietz III, 565)
Solcherart Urteile begleiten die Wirkungsgeschichte der "Essais" bis heute. Mlle de Gournay empfiehlt, Montaigne gründlicher zu lesen, er sei selbst "sein bester Schutzredner". Auf den Vorwurf z.B., er verstricke sich ständig in Widersprüche, antwortet er: "Die Selbstschilderung ist eine Aufzeichnung verschiedener und veränderlicher Ereignisse, unbestimmter und, wenn es sich so ergibt, auch gegensätzlicher Einfälle." Widersprüche gehören also notwendig dazu, sei es auch nur darum, weil er die Dinge unter anderen Umständen oder einem anderen Blickwinkel betrachte. Wörtlich dann: "Wenn meine Seele festen Fuß fassen könnte, so würde ich mich nicht versuchen (je ne m'essaierais pas), ich würde die Fragen entscheiden (je me resoudrais)." Hier setzt Montaigne also das Verb essayer, versuchen, gegen résoudre - beschließen, entscheiden. Als Jurist denkt er dabei sicher auch an die Rechtssprache, die möglichst Eindeutigkeit will. Aber in der Erkenntnis seiner selbst gibt es keinen letztinstanzlichen Beschluß. "Die Seele ist immer in der Lehre und in der Prüfung", sagt Montaigne. Schließlich bemerkt er zu der Kritik, daß er sich selbst zum Gegenstand seiner Abhandlungen mache: "Wenn sich die Leute beklagen, ich rede zuviel über mich, dann beklage ich mich darüber, daß sie nicht einmal an sich denken." (III, 18ff.)
Bei allen Widersprüchen, die sich aus den verschiedenen Aspekten der Betrachtung ergeben, hält Montaigne aber fest, daß er in einem Punkt nie schwankt: "Der Wahrheit widerspreche ich nie ... Ich habe meine Gesetze und meinen Gerichtshof, um über mich zu urteilen." Vor diesem Gerichtshof des Gewissens gilt nur die absolute Aufrichtigkeit. Schließlich könne nur er selbst beurteilen, ob er feige und grausam, oder gerecht und fromm (devotieux) sei. (III, 21f.)
Diese in ihrer Zeit höchst ungewöhnliche Thematik fordert einen ungewöhnlichen Stil. Auch wenn Montaigne hunderte von Zitaten vor allem antiker Autoren heranzieht, sind seine "Essais" keineswegs ein Textkommentar. Vielmehr führt Montaigne mit den zitierten Autoren ein regelrechtes Gespräch. Diese Merkwürdigkeit läßt sich sehr anschaulich aus der Entstehungsgeschichte der "Essais" im Turm von Montaigne erläutern. Der Turm war durchaus keine Eremitenklause oder gar eine Art Elfenbeinturm. Tatsächlich stellt er eine kleine Welt dar, von der aus Montaigne das Geschehen in der Welt sehr aufmerksam, aber eben aus entschiedener Distanz verfolgte. Doch wenn es not tat und er gerufen wurde, war er auch wieder zur Übernahme eines öffentlichen Amtes bereit, weil er darin eine unausweichliche Pflicht sah. Hier in diesem Turm empfing er auch höchste Würdenträger, z.B. den künftigen König Henri IV. Ihn beriet er wie den noch herrschenden König Henri III. In den "Essais" erscheint wenig davon, in dieser Hinsicht sind sie wirklich "privat", wie er in der Vorrede bemerkt.
Montaigne hat sein Domizil in den "Essais" selbst beschrieben. Der Turm und seine Einrichtung sind Teil seiner Selbstdarstellung. Im Erdgeschoß befindet sich eine Kapelle, darüber, durch eine Wendeltreppe erreichbar, ein Wohn- und Schlafraum, von dem aus eine winzige Treppe zur Kapelle hinunterführt. Montaigne konnte durch diesen schmalen Durchgang von hier oben aus die Messe verfolgen. Er war praktizierender Katholik, und das nicht zum Schein, wie mancher ihm nachsagt. Allerdings war er sehr kritisch. Jede Art Sektierertum war ihm höchst zuwider. Den Katholizismus respektierte und verteidigte er (am ausführlichsten in II, XII, Apologie de Raimond Sebond). An der Form des katholischen Gottesdienstes schätzte er, daß hier der ganze Mensch mit Leib und Seele angesprochen wird. Gegen den Bildersturm der Protestanten hat er mehrfach Stellung genommen. Die Bilder waren für ihn Ausdruck echter Frömmigkeit. Das Göttliche, so betont er öfter, übersteige jede menschliche Vernunft. Der Glaube allein ergreife das Geheimnis des Religiösen. Über theologische Fragen ließ er sich unterrichten, aber auf Diskussionen ließ er sich nicht ein. Das war nicht sein Gebiet. In den Glaubensstreitigkeiten und -kriegen sah er ein wahres Unglück. Er mußte sie aus nächster Nähe miterleben und zum Teil auch an Kriegszügen teilnehmen. Auch die eigene Familie war von den Spaltungen betroffen. Seine Mutter, eine geborene Jüdin, sowie ein Bruder waren Protestanten. Doch auch darüber spricht Montaigne kaum, wohl aber stellt er entschieden fest, daß die Konfession für ihn nie eine politische Partei ist. Spöttisch merkt er an für die Ghibellinen war ich Welfe und für die Welfen Ghibelline." (III, XII, 289) In den Auseinandersetzungen zwischen Katholiken und Hugenotten suchte er immer den strengen Rechtsstandpunkt und verweigerte sich jeder blinden Parteinahme.
Man könnte sagen, so wie die Kapelle in das Fundament seines Turmes eingefügt war, habe Montaigne aus einer tief eingewurzelten Grundfrömmigkeit gelebt. Deshalb war er auch in seinem Denken ganz frei, so frei, daß man ihn leicht mit einem Freigeist verwechseln oder gar glauben könnte, er habe ketzerische Ansichten vertreten. Doch wer genauer hinsieht, erkennt, wo er völlig offen bleibt und begreift, woran er unerschütterlich festhält: Es ist das, was er bei strengster Selbstprüfung für das Richtige halten kann. Kein Despotismus, weder im Religiösen noch im Politischen, konnte ihn berühren. In der dritten Etage des Turms liegt dann die berühmte "Librairie", Montaignes Bibliothek, deren Grundbestand ein Vermächtnis seines einzig wahren Freundes, Etienne de La Boétie, ist. Mit ihm war er zusammen im Parlament in Bordeaux. La Boétie starb in seinem Beisein im Alter von 33 Jahren. Montaigne hat in einem Brief an seinen Vater von diesem Tod genaues Zeugnis gegeben. Dieses Dokument, ebenso wie das eindrucksvolle Kapitel "Über die Freundschaft" im ersten Buch der "Essais", zeigen, was der Verlust dieses Freundes und sein beispielhaft tapferes Sterben für ihn bedeuteten. In Montaignes Turm erinnerten nicht nur die hinterlassenen Bücher an diesen Freund. Eine Inschrift in der Bibliothek erklärt, daß dieser Raum dem Freund gewidmet ist, und daß Montaigne sein Lesen und Schreiben als eine Art Fortsetzung des Gesprächs mit seinem Freund versteht.
In dem runden Bibliotheksraum steht an einer schmal eingezogenen geraden Wand der Sessel Montaignes und sein Schreibtisch. Von hier aus blickt er in die Runde und zur Decke, deren Balken mit, heute noch entzifferbaren, lateinischen und griechischen Sentenzen, bemalt sind. Im übrigen sind nicht einmal sie endgültig. Gelegentlich ließ sie Montaigne durch andere ersetzen, die ihm wichtiger geworden waren. Die Bücherborde ordneten die Bücher auf fünf Stufen so, daß Montaigne im Vorbeigehen darin blättern konnte. So wanderte er gerne hin und her, wie er mehrfach erwähnt, z.B. sagte er: "Meine Gedanken schlafen ein, wenn ich sitze, mein Geist kommt nicht in Gang, wenn die Beine ihn nicht bewegen." Und er fügt hinzu: "So geht es allen, die ohne Bücher studieren." (III, III, 45) Wir könnten sagen, diese letzte Bemerkung sei nichts anderes als eine Umschreibung dessen, was wir "Selbstdenker" nennen. Montaigne lebte nicht aus, sondern mit seinen Büchern.
In diesem Turm nun versuchte er seinen, wie er sich ausdrückt, "ungestörten Herrschaftssitz" (sa pure domination) einzurichten; ungestört von häuslichen und allen möglichen anderen Bedrängnissen. Der Begriff "domination" ist in diesem Zusammenhang sicher nicht zufällig gewählt. Denn domination meint nicht nur Herrschaft über jemanden oder etwas, sondern wird vor allem auch im Sinne von "domination de soi-m???eme" - Herrschaft über sich selbst gebraucht. Sie ist nach Montaigne wichtigste Lebensaufgabe. Um die Meisterschaft in der richtigen Lebensführung geht es ihm bei seiner Selbsterkundung. Das ist der eigentliche Sinn dieser Versuche.
So sagt er: "Ein wirklich ausgezeichnetes Leben ist nur eines, das sich bis ins Verborgene in Zucht hält." Nach außen hin könne mancher den Ehrenmann spielen, aber wie es im Innersten aussehe, allein darauf komme es an. (III, II, 22)
Wichtigste Helfer bei dieser Selbst-Prüfung sind für ihn Autoren, die zu diesem Thema etwas beizutragen haben. Sie hat er um sich herum versammelt. Und in Ermangelung seines Freundes, La Boétie, werden sie für ihn zu kritischen Gesprächspartnern. Das heißt, er stellt an sie Fragen, prüft Antworten, fragt nochmals nach, wägt ab, stimmt zu oder widerspricht, lenkt wieder ein, und schließt sich dann dieser oder jener Meinung an, der er aber, unter anderem Blickwinkel, auch wieder einiges entgegenhält. Er schreibt, als ob er ein wirkliches Gespräch führte, das vom Zuhören, Staunen, der Entdeckung ganz neuer Gesichtspunkte und gelegentlichen Abschweifungen bestimmt ist. Nie aber beharrt er auf einem Standpunkt. Er will nicht belehren, sondern selbst lernen, indem er genau beobachtet und beschreibt. (III, II, 20) So werden alle nur erdenklichen Themen angesprochen, angefangen bei den schlichtesten Alltagsfragen: Essen – Schlafen - Krankheiten, bis hin zu den großen Themen: Erziehung – Gerechtigkeit - das richtige Leben und Sterben. Immer begleitet ihn die selbstkritische Frage: que sais-je - was weiß ich denn wirklich? (II, XII, 224)
Die zahlreich eingefügten, vor allem lateinischen Zitate. sind als Denkanstöße anzusehen. Montaigne ist kein Kommentator, obgleich er das Latein besser verstand als mancher seiner Zeitgenossen. Sein Vater hatte dafür gesorgt, daß es seine erste Sprache wurde. Mit diesen Kenntnissen konnte er sich auch über die französischen Grenzen hinweg leicht verständigen. Aber er war bei aller Belesenheit kein Gelehrter. Das systematische Arbeiten und das Anhäufen von Wissen waren ihm fremd.
"Ich bilde meine Seele lieber, als daß ich sie mit Wissen vollstopfe", bemerkt er einmal. (III, III, 34) So wie er seine Lektüre als Anregung für sein inneres Gespräch versteht, so ist für ihn auch sein Schreiben wie ein Sprechen: "Ich spreche mit dem Papier wie mit jedem, dem ich begegne."
Er befragt seine Autoren vor allem auch danach, wie sie gelebt haben. So wie er sich selbst in seinem Schreiben unverhüllt zeigen will, so will er auch sehen, wie sich ein Autor als Mensch in seinem Schreiben zeigt. Deshalb sind ihm auch geschichtliche sowie biographische Werke wichtiger als etwa Romane. (II, X, 93) Weil er ein unbestechlicher Beobachter seiner selbst ist, wird er auch ein sicherer Beobachter anderer. Immer fragt er sich, aus welchen innersten Beweggründen ein Mensch so und nicht anders handelt, er prüft, was hinter den Masken verborgen ist. So wird er zu einem geschätzten Ratgeber. Seine Autorität wächst durch die "Essais". In der Kunst der Menschenführung wird er als Meister anerkannt. Doch er selbst sieht sich keineswegs so. Er versteht sich selbst nicht als Vorbild, vielmehr sucht er für sich selbst immer nach Vorbildern. Solche "Helden" sind für ihn zunächst Homer, Alexander und Epaminondas, der nicht nur als Kriegsherr, sondern vor allem als Philosoph der pythagoreischen Schule zunächst sogar über Sokrates steht (II, XXXVII, 478ff. + 484). Erst im dritten Band der "Essais" läßt Sokrates alle anderen großen Männer weit hinter sich. Er wird für Montaigne zur einzig anerkannten Autorität, zum exemplarischen Leitbild, auf das er sich bei allen wesentlichen Fragen beruft. Das heißt, Sokrates übernimmt nicht wie so viele andere im Wechselspiel der fiktiven Gespräche eine Rolle, sondern ist Kronzeuge für das jeweils richtige Verhalten, ja er wird zum absoluten Maßstab. Dabei sind Montaigne alle Quellen, die über die Lehre und vor allem auch über das Leben von Sokrates Zeugnis geben, recht. Er prüft sie ausnahmslos - allen vorweg natürlich Platon, Xenophon, Diogenes Laertius, aber auch spätere Autoren wie Cicero und sogar weniger bekannte und anerkannte, zum Beispiel Valerius Maximus.
Die vielen Zitierungen, allein im dritten Band an die 50, die Sokrates betreffen, lassen sich natürlich unter sehr verschiedenen Gesichtspunkten betrachten, doch scheinen mir drei Gliederungspunkte sinnvoll, die alle Einzelaspekte berücksichtigen: erstens das Leitthema der "Essais", die Suche nach der ursprünglichen Natur des Menschen, zweitens die Schlußfolgerungen daraus für das praktische Leben, und das heißt hier vor allem die richtige Lebensführung. Sie führt dann, drittens, zum richtigen Umgang mit dem Tod.
"Ich studiere mich", sagt Montaigne, "mehr als irgendeinen Gegenstand, das ist meine Metaphysik, das ist meine Physik." (III, XIII, 321) Die einzig wirklich ernstzunehrnende Wissenschaft ist für ihn, wie er in immer wieder neuen Wendungen betont, die von sich selbst. Er meint auch, daß jeder, der wirklich ernstlich darüber nachdächte, selbst zu diesem Schluß kommen müßte. Nur deshalb habe der Gott der Wissenschaften und des Lichtes, Apollon, sein Gebot "Erkenne dich selbst" über dem Eingang zu seinem Tempel stehen. Wie schon Platon gesagt habe, sei dessen Erfüllung Weisheit. Der Gott gebe damit zu verstehen, daß dieser eine Satz alles enthalte, was dem Menschen wesentlich sei, und mehr und Besseres könne man ihm nicht anraten. Doch auch wenn mancher noch die Richtigkeit dieser Mahnung einsehe, so sei doch Sokrates der einzige, der wirklich sein ganzes Leben, in jedem Augenblick, danach ausgerichtet habe. Nur Sokrates wisse auch, weil er die Tür zu diesem Tempel geöffnet habe, wie wenig wir alle über uns selbst wissen, obgleich ein jeder sich natürlich einbilde, gerade sich selbst am besten zu kennen, und deshalb auch sich weiter nicht um sich selbst kümmern, sondern mit allem möglichen anderen beschäftigen wolle. Schon im Altertum, so führt Montaigne diese Argumentation weiter, galt das Sprichwort, daß es in den allerältesten Zeiten kaum sieben Weise gegeben habe, später jedoch habe man kaum sieben Unwissende auftreiben können. Wieviel mehr müsse das also für uns heute gelten. Wir bildeten uns sogar ein, inzwischen noch klüger geworden zu sein. (III, XIII, 324) Betrachte man die Welt als eine Schule - eine Metapher, die Montaigne oft aufgreift - dann sei die einzig sichere Klasse die menschliche Unwissenheit. Was aber tatsächlich herrscht, ist eine hartnäckige Besserwisserei, sie aber ist ein untrügliches Zeichen der Dummheit.
Nur Sokrates sei es gelungen, den Menschen die Einsicht in ihr Nichtwissen zu vermitteln. Bevor sie nicht gewonnen sei, sei jede weitere Belehrung vergeblich, alles Wissen nur äußerlich, eine Anhäufung fremden Gutes. So erscheint Sokrates als der "Meister aller Meister", hier auch zu übersetzen als der Lehrer aller Lehrenden. Anthistenes z.B. habe, nach Diogenes Laertius, zu seinen Schülern gesagt: "Kommt, gehen wir alle zusammen zu Sokrates und hören ihn; vor ihm bin ich, genauso wie ihr, nur Schüler." Dann habe Anthistenes hinzugefügt: "Wenn die Tugend, nach der Lehre der Stoiker, das richtige Wissen sei, und allein genüge, um ein glückliches Leben zu führen, dann bedürfe es außer diesem Wissen allerdings noch der Stärke des Sokrates." (325)
In diesem Abschnitt über das delphische Orakel wird der Name Sokrates auf knapp zwei Seiten fünfmal genannt. Faßt man die Argumentation zusammen, ergibt sich der Schluß, daß Apollons Gebot, "Erkenne dich selbst", mit dem Wissen über das Nichtwissen beginnt, dieses Wissen dann zu dem Wissen führt, das besser als alles Wissen ist, und das ist Tugend. Sie aber hat nur Sokrates, denn nur er hat aus dem Wissen des Nichtwissens gelebt, weil nur er die notwendige Stärke hatte, seiner Einsicht auch zu folgen. So folgert Montaigne mit Anthistenes: Jeder muß zu Sokrates in die Schule. Er ist der einzig wahre Lehrmeister. Montaigne führt, indem er auf seine eigenen Mängel zeigt, sich selbst und den Leser zu Sokrates. An ihm orientiert er sich, er ist der absolute Maßstab.
Das wird an mehreren Stellen ganz klar formuliert. So sagt Montaigne z.B., man habe Ursache und sollte auch niemals müde werden, das "Bild dieses Mannes als Muster und Vorbild aller Arten von Vollkommenheit" vorzustellen. Und Montaigne wird es auch nicht müde. Jedesmal, wenn er ausführlicher über Sokrates spricht, schließen sich solcherart Urteile an. In allem, was wesentlich für den Menschen genannt werden kann, ist Sokrates das herausragende Beispiel. (III, XIII, 366 + 304) Noch deutlicher dann: Sokrates ist "ein heiliges Bild der Menschheit". (301)
Diese höchsten Lobpreisungen scheinen über alles menschliche Maß hinauszugehen. Aber Montaigne beabsichtigt gerade das Gegenteil. Wenn er Sokrates als Muster des wahren Menschen so hoch stellt, dann nur deshalb, weil er in einer paradoxen Umkehrung zeigen will, wie weit der Mensch von sich selbst entfernt ist. Nicht Montaigne verliert das Maß, wenn er Sokrates über alles Maß zum absoluten Maßstab erhebt, sondern umgekehrt ist Sokrates das natürliche Maß für jeden Menschen zu jeder Zeit, er ist so, wie der Mensch ursprünglich von Gott gedacht war. Wörtlich sagt Montaigne: "Ich nehme dankbaren Herzens an, was die Natur mir gegeben hat; und dem Allmächtigen, Geber aller Gaben, täte man unrecht, wiese man sein Geschenk zurück oder würde es verstümmeln. Alles was er gemacht hat ist gut. Der Mensch ist dafür auch verantwortlich. ... Es gibt nichts, was unserer Pflege unwürdig wäre an diesem Geschenk, das uns Gott gemacht hat: wir schulden ihm Rechenschaft dafür bis aufs kleinste Haar. Und es ist kein unverbindlicher Auftrag, der dem Menschen gegeben ist, den Menschen nach seiner Bestimmung zu führen: es ist ein eindringlicher, eingeborener und höchst vordringlicher Auftrag, und Gott hat ihn uns mit Ernst und Strenge gegeben." (III, 370 / Lüthy 882)
Eine so eindeutige Aussage, ja ein so klares Bekenntnis, findet man bei Montaigne selten. Aber es ist die Voraussetzung, um sein Sokratesbild zu verstehen. Denn Sokrates zeigt für Montaigne am vollkommensten, wie der Mensch ursprünglich gedacht war und wie er aus diesen ersten Voraussetzungen sein Leben in Verantwortung führen kann.
Damit komme ich zum zweiten Punkt, der praktischen Anwendung des sokratischen Wissens. Im 12. Kap. des III. Buches, es trägt den Titel: "Über die Physiognomie", finden sich dazu wesentliche Gedanken. In der Einleitung zu diesem Kapitel heißt es: "Wenn einer wie Sokrates heute geboren würde, fände er nur bei wenigen Anerkennung." (III, 280) Der Grund dafür sei, daß nur noch wahrgenommen werde, was "künstlich, geschraubt, gespreizt und aufgebläht daherkommt". Doch das gerade Gegenteil davon verkörpere Sokrates:"Er läßt seine Seele ihren gewöhnlichen und natürlichen Gang gehen." Er rede von nichts als Fuhrleuten, Tischlern, Schuhflickern und Maurern. Seine Gleichnisse könne jeder verstehen. (III, XII, 281 )
Aber diese Natürlichkeit und Schlichtheit entgehe einem groben Blick wie dem unseren. Es bedürfe eines klaren, geläuterten Auges, um die zarte und verborgene Schönheit der schlichten Natürlichkeit umberhaupt warzunehmen. Meist wird die Einfalt mit Dummheit gleichgesetzt und entsprechend verachtet. Nie wären wir fähig, unter der armseligen Hülle, in der Sokrates einherging, den erhabenen Adel und Glanz seiner Erkenntnisse zu entdecken. Denn unsere Welt ist nur auf Schauwerk ausgerichtet. Sokrates dagegen folgt keinen "eitlen Schwärmereien; sein Ziel ist, uns die Dinge und die Regeln zu vermitteln, die uns im Leben wirklich nützen". (III,281)
Sokrates erhebt sich also nicht über das menschliche Maß, im Gegenteil, er erfüllt es in der schönsten und selbstverständlichsten Vollkommenheit. Er "bleibt auf der Erde" heißt es einmal wörtlich. Ruhig und gelassen gehe er seinen täglichen Gang und denke dabei über die wahrhaft notwendigen Dinge nach. Er sei es gewesen, der "die menschliche Weisheit vom Himmel herab" holte (282), um sie auf den Menschen zurückzulenken, dahin also, wo sie ihre eigentliche Aufgabe zu erfüllen hat.
Sokrates habe, so führt Montaigne im einzelnen aus, der menschlichen Natur deshalb den größten Dienst erwiesen, weil er ihr gezeigt habe, was alles sie aus sich selbst heraus verrnag. (282) Alles was über diese erste Natur hinausgeht, sei eitel und überflüssig. (283) Am eindrücklichsten demonstrierte Sokrates das, wenn er die unverfälschten Vorstellungen der Kinder so ordnete, daß die schönsten Wirkungen unserer Seele daraus hervorgingen. Aus diesen natürlichen und gesunden Voraussetzungen entwickelte er nicht nur die bestgeordneten, sondern auch die erhabensten und kraftvollsten Grundsätze, Handlungen und Sitten. (282)
Aus solchen Stellen wird deutlich, daß die Grundbegriffe, die Montaigne in der Vorrede "An den Leser" nannte, Geradlinigkeit, Natürlichkeit, Schlichtheit, also die Merkmale der ersten Natur, uns durch Sokrates' Leben und Lehre zugänglich gemacht werden. Sokrates wird zum Kristallisationspunkt der wahren Thematik der "Essais". Dazu noch einige Belege:
Es sei wahrhaftig leichter, sagt Montaigne, "wie Aristoteles zu reden und wie Cäsar zu leben, als wie Sokrates zu reden und zu leben. Hier liegt die höchste Stufe der Vollkommenheit und Schwierigkeit, keine Kunst kann dazu irgend etwas beitragen".(III, 302) Das heißt - ich zitiere ergänzend eine andere Stelle: "Die Auszeichnung der Seele ist nicht, hoch hinaus, sondern geradeaus zu gehen. Ihre Größe tut sich nicht in der Größe, sondern sie tut sich im rechten Maß kund." (III, 24) Die deutschen Übersetzungen, die ich geprüft habe, auch die sonst mit Recht gelobte von Herbert Lüthy, schreiben an dieser Stelle nicht "im rechten Maß", sondern "in der Mittelmäßigkeit". Im Text steht "médiocrité". Das aber bedeutet zu Montaignes Zeit zuallererst "mesure" - Maß. Entsprechende Anmerkungen machen auch die Herausgeber der französischen Ausgaben. Zum vollen Verständnis führt aber erst ein Hinweis, den Reinhard Häußler mir gab: Horazens berühmtes Wort (Oden II 10) von der aurea mediocritas - Rudolf Alexander Schröder übersetzt treffend "der Mitte güldenes Maß" - weist auf Aristoteles' Lehre von der Tugend als rechter Mitte zwischen zwei gegensätzlichen Fehlern zurück.
In der Tat, "mesure", das Maß, deutet für Montaigne auf die eigentlichste, ursprüngliche, in jedem Menschen zuinnerst verborgene Natur, es ist das, was er unter "naturel", natürlich, von Anfang an gegeben, versteht. So sagt er z.B.: "Es gibt niemand, der, wenn er in sich hineinhorcht, nicht in sich eine ihm eigne Form entdeckte, eine Grundform, die gegen die Erziehung und gegen den Ansturm der äußeren Einwirkungen ankämpft, die ihr entgegenstehen." (II, II, 25f.) Aber eben diese Fähigkeit, auf die eigene Natur, die innere Stimme, zu hören, werde bei uns nicht entwickelt, im Gegenteil: "Wir üben sie nicht, ja wir kennen sie nicht einmal mehr, wir schmücken uns beständig mit fremden Qualitäten und lassen die eigenen Möglichkeiten brach liegen." (302) Entsprechend wird unser Handeln kaum je von unseren innersten Beweggründen bestimmt, vielmehr handeln wir aus Eitelkeit, Ehrsucht und Ruhmbegierde, kurz, aus äußeren Gründen, die bestimmt nicht vorn Gewissen vertreten werden können. Innerste Natur, Seele, Gewissen werden oft synonym gebraucht. Wenn man sich darin übte, auf sie zu hören, dann käme der Mensch ins rechte Maß: "Nichts ist so schön und der wahren Natur entsprechend, als wirklich und wie es sich gehört, Mensch zu sein. Keine Wissenschaft ist so schwer, als recht und natürlich zu leben. Die ärgste Krankheit ist die Verachtung unseres Wesens." (III, 367) Dieser Gedanke wird auch in folgendem Beispiel sehr anschaulich: Alexanders Tugend, wie sie bei seinen prächtigen Auftritten erscheine, sagt Montaigne, komme ihm bei weitem nicht so großartig vor, als etwa Sokrates' Tugend in ihren schlichten täglichen Übungen. Viel leichter könne er sich deshalb Sokrates anstelle des Alexander, als umgekehrt, den Alexander an der des Sokrates vorstellen. Wer Alexander fragte, was er zu tun vermöge, bekäme zur Antwort: die Welt bezwingen. Sokrates dagegen würde antworten, so zu leben, wie es der menschlichen Natur gemäß sei (naturelle condition).
Sokrates war ein Mensch und er wollte nichts anderes sein oder scheinen. (118) Aber gerade das ist es, was am schwersten gelernt wird. Dazu gehört auch der Umgang mit dem eigenen Körper. Wieder ist es Sokrates, der allein weiß, wie Leib und Seele harmonisch zusammen leben können. Niemals handle Sokrates wider die Natur. Der Leib kommt zu seinem Recht, alles, was er verlangt, ist natürlich, nur komme es darauf an, das richtige Maß zu finden. In dem kurzen Kapitel "Über eine Mißgeburt", im 2. Buch, sagt Montaigne: "Wir nennen wider die Natur, was doch nur wider die Gewohnheit ist. Alles, was es auch sein mag, ist natürlich." (II, XXX, 435) In diesem Sinne kommt es also darauf an, bei allem, was uns erstaunt, in die Sache so einzudringen, daß wir verstehen, was die Natur will.
Diese Natur - nicht zu vergessen - ist für Montaigne dem Menschen von Gott gegeben. Wörtlich: "Von seiner Weisheit geht nur gutes und Allgemeingültiges, sowie Geordnetes aus (bon – commun – reglé); aber wir sehen oft nicht den größten Zusammenhang und wie alles miteinander verbunden ist." (L'assortiment et la relation, II, XXX, 435)
Körper und Geist sollten wie in ehelicher Eintracht (367) leben. Deshalb schätzte Sokrates die körperliche Lust nach Gebühr. Doch die des Geistes stellte er höher, weil sie mehr Stärke (force), Beständigkeit (constance), Leichtigkeit, Beweglichkeit (facilité), Vielfalt (variété) und Würde (dignité) besitze. (371)
Niemals jedoch dürfe sich der Geist vom Körper lösen, so schwärmerisch, fügt Montaigne in Klammern hinzu, sei Sokrates nie, nur sei der Geist immer Anführer. Er hat gerade die Aufgabe, das richtige Maß zu finden. Entsprechend ist für Sokrates die Mäßigung Ordnerin, aber nie Feindin der Lust. Im Stil einer Sentenz schließt Montaigne: "Die Natur ist ein milder Führer, aber nicht milder als weise und gerecht." Also auch hier denkt Montaigne an das "rechte Maß", die Mäßigung, die als vollkommenes Gleichgewicht zu verstehen ist. Weil Sokrates aus diesem innersten Gleichgewicht lebt, kann er, in welche Lage er auch kommt, sich einfügen, ohne je dieses Gleichgewicht zu verlieren.
Montaigne führt die bekannten Beispiele auf. So z.B., daß Sokrates, so alt er schon war, sich im Tanzen und Spielen von Instrumenten unterweisen ließ. Er fand nicht nur die Zeit dazu, sondern fand sogar, daß diese Zeit gut angewandt war. Genauso sicher stand er seinen Mann im Kampf. Auch unter den widrigsten Bedingungen verhielt er sich würdig. Er trank mehr als seine Trinkgenossen und blieb nüchtern. Er ertrug die häuslichen Unbilden und das Geschrei der Kinder. Kurz, für Montaigne hat Sokrates aufs eindrucksvollste den Beweis erbracht, daß für den echten Weisen alle Handlungen gleichermaßen anständig und ehrenhaft sind. (366)
In diesem Zusammenhang geht Montaigne auch auf das äußere Erscheinungsbild von Sokrates ein. Es verdrieße ihn, daß Sokrates, der in allen großen Eigenschaften ein vollkommenes Muster war, so wenig ansehnlich, ja häßlich war. Darin habe die Natur ihm Unrecht getan, denn eine so hohe Seele müsse auch im Körper sichtbar werden. Nichts sei wahrscheinlicher, als die Übereinstimmung von Körper und Geist.
Man staunt: meint Montaigne wirklich, die Natur könne unrecht tun? Er betont doch unermüdlich, daß sie, wie immer sie auch wirke, vollkommen sei, auch wenn wir es oft nicht begreifen. Wenn Montaigne also von Unrecht im Blick auf die Natur spricht, dann ist am wahrscheinlichsten, daß er hier ein Rätsel sieht, das ihm unerklärlich bleibt, und das er entsprechend auch mit einer höchst rätselhaften Bemerkung umschreibt. Im 50. Kap. des ersten Buches der Essais "Über Demokrit und Heraklit", sagt er einleitend: "Komme ich an eine Sache, die ich nicht verstehe, versuche ich meinen Verstand daran, und prüfe, wie weit ich kommen kann, ist mir die Sache zu schwierig, bleibe ich am Rande. Diese Erkenntnis, daß ich nicht weiter kommen kann, ist eine Wirkung eben dieses Verstandes, ja eine von denen, deren er sich rühmen kann." (I, L, 334)
Ganz in diesem Sinne argumentiert er dann weiter. Er beschreibt den Reiz, die Verführungs- und Überzeugungskraft, die von der Schönheit ausgehen. Wörtlich sagt er: "Ich kann nicht oft genug sagen, wie sehr ich die Schönheit als machtvolle und vorteilhafte Eigenschaft schätze." Er betont auch, wie stark Sokrates von ihr angezogen wurde, denn für die Griechen gibt es ja für das Schöne und Gute nur ein Wort. Sie sind im Innersten eins. Des Mißverhältnis von äußerer und innerer Gestalt bleibt ein Rätsel, Montaigne beschreibt es nur. Bezeichnenderweise nennt er nur ein einziges Beispiel, wo ihm ähnliches begegnet ist: seinen Freund La Boétie. Auch er sei wie Sokrates beschaffen gewesen, aber "die Häßlichkeit bekleidete eine sehr schöne Seele". (305) Er kommt zu dem Schluß, daß eine solche Häßlichkeit nur die Oberfläche streife, das genauere Zusehen entdecke die wahre Schönheit, dennoch bleibt ihm ein Rest an Unbehagen vor diesem Phänomen. Schließlich zitiert er Sokrates, der über seine Häßlichkeit gesagt haben soll, daß seine Seele ebenso häßlich wäre, wenn er sie nicht beständig verbessert hätte. Doch das erscheint Montaigne noch rätselhafter: hier spotte Sokrates, meint er, wie es ja seine Gewohnheit sei, denn eine so vollkommene Seele wie die des Sokrates könne .sich gar nicht selbst gebildet haben. So erscheint die innerste Natur des Sokrates als eine göttliche Gabe, seine Unvergleichlichkeit bleibt dem Verstehen letztlich verschlossen. Aber diese Vollkommenheit macht ihn nicht zum Gott, sondern zum wahren Menschen, das ist der Zauber, der von Sokrates ausgeht.
Ich komme zum dritten Punkt: der richtige Umgang mit dem Tod. Die Lebenskunst von Sokrates vollendet sich in seinem Sterben. In diesem Leitgedanken gipfeln alle Überlegungen Montaignes über den Tod. Zu keinem Thema hat er sich so häufig geäußert. Ausschließlich behandelt er es in drei Kapiteln im ersten und zweiten Buch. Hinzu kommt der große Brief an seinen Vater mit dem Bericht über den Tod seines Freundes La Boétie. Im dritten Buch dann erhält das Thema leitmotivischen Charakter; zentrale Bedeutung gewinnt dabei Sokrates' Verteidigungsrede nach Platons Apologie. In diesem Zusammenhang revidiert Montaigne einige wesentliche Gesichtspunkte früherer Ausführungen. An folgendem Beispiel wird das besonders deutlich.
Im 12. Kap. des dritten Buches, im vorletzten also, geht er\ noch einmal auf das 20. Kap. des ersten Buches ein. Es trägt den Titel: "Philosophieren heißt sterben lernen". Dieser, nach Cicero zitierte Satz, den Montaigne dort vielschichtig erörtert, wird jetzt ganz anders beleuchtet.
Wenn er anfänglich betonte, daß die Philosophie uns durch das Nachdenken über den Tod helfen könnte, ihn nicht zu fürchten, so heißt es jetzt, daß die Philosophie, die uns ermahne, den Tod stets vor Augen zu haben, uns zwar auch Regeln an die Hand gebe, um ihn nicht fürchten zu müssen, aber in Wirklichkeit sei es doch unendlich wichtiger, richtig zu leben. Die Lebenskunst sei die einzig richtige Vorbereitung auf das Sterben und den Tod.
Bezeichnend für diese Wendung ist die Schilderung der einfachen Menschen, der Bauern vor allem, die er aus seiner Nachbarschaft kennt. Hieß es noch im ersten Buch: "Das Ziel unseres Lebenslaufes ist der Tod. ... Fürchten wir ihn, wie ist es dann möglich, einen einzigen Schritt ohne zu schaudern zu gehen? Das einfache Volk hilft sich, indem es nicht daran denkt. Aber was muß das für eine viehische Dummheit sein, die so verblendet sein kann?" (I, XX, 84) Im dritten Buch wird dieser Satz fast wörtlich wieder aufgenommen, aber ganz anders gedeutet. Dort nämlich sagt er: "Das einfache Volk braucht weder Heilmittel noch Tröstungen, und wenn es wirklich ernst wird, dann nimmt es nur zur Kenntnis, was es auch wirklich fühlt. Behaupten wir nicht, daß das einfache Volk nur aus Dummheit und Unempfindlichkeit die gegenwärtigen Übel geduldiger erträgt und an die künftigen nicht denkt, weil die Seele dieser Leute soviel stumpfer und nicht so leicht zu bewegen ist?" - Nun denn, fährt er dann fort, "wenn es wirklich so ist, dann möchte ich auf der Stelle in diese Schule der Dummheit gehen." Was die Wissenschaften uns als schönste Frucht versprechen, das verschafft diese Schule ihren Schülern wie von selbst auf die sanfteste Art. III, 289)
Der verachtete Stand, die einfachen Bauern, werden hier zum Vorbild durch die Selbstverständlichkeit. mit der sie Leben und Sterben verbinden. Aber natürlich stößt Montaigne mit einer solchen Vorstellung auf Unverständnis, wenn nicht gar Verachtung. Entsprechend setzt er seinen Dialog, den er mit dem Leser wie mit sich selbst ständig führt, fort. Er selbst hat gelernt, im Bauern den Menschen zu sehen. Sein Vater sorgte schon dafür, als er ihm - bemerkenswert genug - Bauern zu Paten bestimmte; aber wirklich zu sehen, wer diese Menschen sind, das war Montaignes eigenes Verdienst. Doch seinen voreingenommenen Zeitgenossen macht er ein ironisches Zugeständnis. Natürlich, sagt er, gibt es angesehenere Lehrer, die diese natürliche Schlichtheit (simplicité naturelle) überzeugender vorstellen können, einer davon ist Sokrates. Die selbstverständliche Einheit von Leben und Sterben wird am deutlichsten in seiner Verteidigungsrede ausgesprochen.
Montaigne paraphrasiert wesentliche Passagen daraus. Dann erläutert er sie, und zwar so eindrucksvoll, daß man sagen kann, Montaigne wird selbst zum leidenschaftlichen und begeisterten Verteidiger von Sokrates. Diese Rede, sagt er, sei "trocken und gesund" - "sec et sain" - "natürlich und schlicht, gleichzeitig aber auch von unvorstellbarer Erhabenheit, echt (véritable), offen und frei und über jeden Vergleich' gerecht." Und weiter: keinen Augenblick demütigt sich Sokrates, er fleht nicht, schmeichelt den Richtern nicht. Wahrheit und Einfachheit kennzeichnen seine Rede, weil er sie selbst immer gelebt hat. Sokrates zeigt sich hier als das vollendete Muster einer reichen, ursprünglichen, kraftvollen Natur. Sein unverfälschtes Leben findet den ihm gemäßen, würdigen Tod. Selbstverständlich weiß Montaigne, daß diese Rede auch sehr anders beurteilt wird. So gilt sie manchen als Beispiel einer rhetorisch raffinierten Verteidigung, die alles andere als natürlich und einfach, sondern das Gegenteil, geradezu hochmütig sei. Entschieden wendet sich Montaigne gegen eine solche Sicht. Wörtlich sagt er: "Hier urteile ich ganz anders und behaupte, daß diese Rede in ihrer Bescheidung und Schlichtheit weit hinter und unter alle gemeine Denkweise zurücktritt: sie verkörpert in einer kunstlosen und einfältigen Kühnheit , in kindlicher Gewißheit die reine und anfängliche Urform und Unwissenheit der Natur". (III, 301 / Lüthy 834) Erläuternd fügt er noch hinzu, daß wir von Natur aus den Schmerz, aber nicht den Tod um seiner selbst willen fürchteten, denn "er ist ein nicht weniger wesentlicher Teil unseres Wesens als das Leben".
Aber weiter zu Montaignes Kommentar der Apologie: In keinem Augenblick seiner Rede maße sich Sokrates an, über ein Wissen zu verfügen, das nicht jeder aus sich selbst entwickeln könnte, er wolle nicht klüger sein als andere. Er verlasse sich auf die Götter, und was immer sie verfügten, sei recht. Allerdings mit der Einschränkung, daß dieses Vertrauen nur der aufbringe, der wahrhaft rechtschaffen gelebt und gehandelt habe. Wer das sagen könne, habe sich weder im Leben noch im Tode vor den Göttern zu fürchten. Trotzdem fürchten sich alle. Einzig Sokrates, so sieht es Montaigne, sieht im Tod ein vollkommen natürliches Ereignis. (vergl. auch III, IV, 49) Deshalb wagt er es auch, seinen Helden mit den Bauern in seiner Nachbarschaft zu verbinden. Sie leben das unbewußt, was Sokrates im Licht der klarsten Erkenntnis vorlebt. Leben und Tod sind eins. Das verkennt nur, wer sich von seiner ursprünglichen Natur entfremdet hat. In dieser ursprünglichen Natur ist alles in ein vollkommenes Gleichgewicht gestellt. Jeder Teil, Leib, Geist, Seele, haben den ihnen gebührenden Anteil. Aber nur Sokrates hat diese wunderbare Ausgewogenheit wieder sichtbar gemacht.
Noch auf den letzten Seiten der "Essais" empört sich Montaigne geradezu, wie unsinnig die Menschen mit ihren körperlichen Bedürfnissen umgehen. Mancher beklage sich bitter darüber, wieviel Zeit er bei den Mahlzeiten verliere. Er führt noch andere, deftigere Beispiele an bis hin zur Notdurft, die den derart "Hochgeistigen" zum Ärgernis werde. Er schlußfolgert: "Diese Leute wollen alle aus sich heraus und ihrer Menschlichkeit entfliehen." (373) "Das ist Torheit", fährt er fort, denn "statt daß sie sich in Engel verwandeln, werden sie zu Tieren." Bekanntlich hat Pascal diesen Satz fast wörtlich übernommen. Montaigne, wie ja auch Pascal, warnen vor den Folgen, wenn der Mensch über sich hinaus will, nicht akzeptieren kann, wer er ist, nämlich ein leibgebundenes Geschöpf, das allerdings begreifen könnte, wie es beschaffen ist. Wird der Mensch nicht mit Leib und Seele in ihrer innigsten Vermählung gesehen, verliert er sich selbst. Alle "überirdischen Schwärmereien" erschrecken mich, sagt Montaigne. Französisch heißt das "ces humeurs transcendantes". Sie erscheinen ihm wie "schwindelerregende unzugängliche Höhen". Dann fügt er, im Blick auf Sokrates hinzu: "Nichts ist mir schwerer zugänglich im Leben des Sokrates als seine Ekstasen und Dämonengeschichten". (III, 373) Tatsächlich erwähnt er das Daimonion des Sokrates nur ein einziges Mal im ersten Buch. Dort sagt er: "Das Daimonion des Sokrates (le demon de Socrates) war wahrscheinlich ein Impuls seines Willens (impulsion de volonté), der sich bei ihm einstellte, ohne daß er mit sich selbst zu Rate ging (sans attendre le conseil de son discours). In einer derart geläuterten Seele wie der seinen (ame bien espureé), die durch ständige Übung in Weisheit und Tugend vorbereitet war, ist es wahrscheinlich, daß diese Anwandlungen, so unbedacht und kühn sie gewesen sein mögen, doch stets bedeutend und würdig waren, befolgt zu werden." (I, XI, 42)
Es ist offensichtlich, daß Montaigne sich hier sehr vorsichtig ausdrückt. Worte wie "vielleicht" - "wahrscheinlich" (à l’advanture - vray semblable) - schiebt er wiederholt bei seinen Bemerkungen ein. Er sieht hier etwas Rätselhaftes, das er, wie bei dem Mißverhältnis zwischen Sokrates' äußerer Gestalt und seiner Seele, nur umschreibt. Doch bleibt er in beiden Fällen bei seiner Prämisse und betont: Die Seele von Sokrates ist vollkommen und rein, und zwar von allem Anfang an.
Das Verhältnis der oben zitierten Stelle, in der sich Montaigne erschreckt über Sokrates’ "demon" zeigt, ergibt sich nur aus dem engsten Textzusammenhang. Noch einmal betont Montaigne, worum es ihm einzig geht: "Das menschliche Wesen erkennen und aus seiner ihm gegebenen ursprünglichen Natur leben, das ist die absolute Vollendung, sie ist geradezu göttlich" - göttlich hier in dem Sinne zu verstehen, daß das ursprüngliche göttliche Gebot erfüllt wird. (373)
Auf keinen Fall jedoch kann man aus solchen oder ähnlichen Äußerungen schließen, Montaigne sei etwa "transzendenzlos" gewesen. Aber er übersteigt seine Grenze nicht, er sucht das rechte Maß - jedoch mehr als deutlich sagt er auch, daß dieses erste Maß, unsere uranfängliche Natur, eine Gottesgabe ist. Dieser Natur ist zu folgen - aber zuerst müssen wir sie finden. Das ist die Wegweisung, die die "Essais" beispielhaft geben. Sie zeigen immer wieder, wie die Menschen sich selbst zu entfliehen suchen. Z.B. suchten sie in den alltäglichen Auseinandersetzungen und Streitereien doch immer nur den Schein zu retten und verrieten und verleugneten beständig ihre wahren Absichten - uni des Scheines willen straften wir uns selbst Lügen. Jedoch komme alles darauf an, den wahren und aufrichtigen Sinn zu bewahren. "Tugend und Gewissen sind gefordert, aber sie lassen sich nicht hinter einer Maske verbergen." (III, X, 262) So wörtlich!
Ohne Maske zu sprechen, das ist innerstes Anliegen Montaignes, um den Weg der Selbsterkundung richtig zu gehen. Schon in den ersten Büchern betont er, daß, wenn es ums Sterben gehe, keine Heuchelei möglich sei, dann fielen die Masken, es werde deutlich, was im Menschen verborgen sei. (I, XX, 84) Alle unsere Handlungen, unser ganzes Leben, werde an diesem letzten Akt gemessen. Sokrates hat gezeigt, daß sein Tod seinem Leben entsprach. Montaigne sieht in ihm das Vorbild für ein gelungenes Leben. Niemals aber hat er sich vermessen, wie gelegentlich gesagt worden ist, sich für einen anderen Sokrates zu halten, dessen Maske zu benutzen, um durch ihn von sich selbst zu reden. Das wäre ein Widerspruch, der sein Lebenswerk aufheben würde. Sokrates lehrte, daß jeder lernen muß, sich selbst, seiner eigensten, ihm geschenkten Natur, zu folgen. Montaigne sucht diese Spur seiner innersten Natur. Wenn er seine Schwächen bekennt, wenn er sagt, daß er alles andere als vollkommen sei, dann ist das keine Koketterie. Er wußte, daß man seine Natur verderben, aber nur schwer verbessern kann, wohl aber liegt es an jedem, sich aufrichtig zu sich selbst zu bekennen, ohne Maske. Das ist etwas Ungewöhnliches und eine gewaltige Anstrengung. Montaigne hat sich nie eingebildet, den Weg schon vollendet zu haben, das sagt er nur, und ganz allein, von einem einzigen Menschen, nämlich von Sokrates.
Textausgaben:
Montaigne, Essais, Nouvelle Edition conforme au texte de
l'exemplaire de Bordeaux, avec les additions de l' édition
posthurne, Ics principales variantes, une introduction,
des notes, et un index, par Maurice Rat, Paris, Garnier
1948-1958.
Zitiert wird nach Buch, Kap., Seite; bei Buch III gel. nur
mit Seitenzahl.
Übersetzungen:
Michaels Herrn von Montagne Versuche, nebst des Verfassers
Leben, nach der neuesten Ausgabe des Herrn Peter Coste ins
Deutsche übersetzt von Johann Daniel Tietz, Leipzig
1753/1754. Neuausgabe Zürich 1992, Redaktion Winfred
Stephan.
Michel de Montaigne, Essais, Erste moderne
Gesamtübersetzug, von Hanns Stilett, Frankfurt 1998.
Michel de Montaigne, Essais, Auswahl und Übersetzung von
Herbert Lüthy, Zürich 1953.
Hier benutzte Literatur:
Friedrich, Hugo, Montaigne, Bern/München, 2. Aufl. 1967.
Gide, André, Essai sur Montaigne, Paris 1929.
Laffly, Georges, Montaigne, libre et fidèle, Le Barroux
1997.
Starobinski, Jean, Montaigne en mouvement, Paris 1982.
Erstdruck in : Herbert Kessler (Hrsg.), Das Lächeln des Sokrates, Sokrates-Studien IV, Die Graue Edition, Kusterdingen