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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7
(2006), Heft 3
Gerhard Preyer: Soziologische Theorie der Gegenwartsgesellschaft. Mitgliedschaftstheoretische Untersuchungen, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2006, 273 S., 27,90 €
Nicht zuletzt als Herausgeber der seit 1991 erscheinenden Zeitschrift Protosoziologie dürfte Gerhard Preyer zahlreichen soziologisch und philosophisch interessierten Lesern im In- und Ausland bekannt sein. Das anspruchsvolle, inzwischen als Internet-Zeitschrift erscheinende Periodikum präsentiert Aufsätze von vielfach international renommierten Autoren aus Philosophie, Soziologie und Wissenschaftstheorie. Die Produktion eigener wissenschaftlicher Arbeiten steht dabei seiner Aktivität als Beobachter wissenschaftlicher Debatten und Editeur von Texten keineswegs nach. Neben zahlreichen Beiträgen etwa zur Sprach- und Bedeutungstheorie sowie zu Fragen der Soziologie und Gesellschaftstheorie umfaßt die Liste seiner Publikationen auch ein Buch über die Philosophie von Donald Davidson. Im Rahmen des von Gerhard Preyer seit geraumer Zeit verfolgten, in verschiedenen Texten bereits vorgestellten Arbeitsprogramms einer Protosoziologie liegt nun ein umfassender Beitrag zu zentralen Fragen der Beschreibung sozialer Phänomene vor. Der Autor erhebt in seinem neuen Buch >Soziologische Theorie der Gegenwartsgesellschaft - Mitgliedschaftstheoretische Untersuchungen< nicht nur den Anspruch, Motive der überkommenen soziologischen Theorie in bestimmter Hinsicht zu ergänzen, beziehungsweise zu korrigieren, er unternimmt darüberhinaus den Versuch, die gegenwärtig zu beobachtenden Prozesse der Globalisierung in einer seinem Ansatz entsprechenden Weise aufzuschlüsseln.

Im Zentrum der Untersuchung - darauf weist bereits der Untertitel des Buches - steht der bereits in der älteren Soziologie verwendete Begriff der Mitgliedschaft. Preyer setzt sich in seinen Überlegungen explizit von traditionellen Formen etwa einer Volkssoziologie ab, die Gesellschaft als ein Ensemble von handelnden Subjekten und der von ihnen gestifteten Institutionen beschrieb, und folgt der Vorstellung, daß sich soziale Systeme nicht aus Menschen, sondern vielmehr aus Mitgliedschaftsrollen zusammensetzen. Der konzeptuelle Kern der Protosoziologie besteht in diesem Sinne in einer Theorie der Mitgliedschaftsbedingungen, die der Autor als Alternative zu traditionellen handlungs- und kommunikationstheoretischen Ansätzen in der Soziologie präsentiert. Nicht Handlungen oder Kommunikationsakte, sondern Mitgliedschaftsrollen fungieren in diesem Kontext als die selbst nicht weiter dekomponierbaren Letztelemente der sozialen Systeme. Hervorgegangen ist diese Konzeption unter anderem aus einem Umbau der Architektur der Luhmannschen Systemtheorie, in welchem bestimmte Elemente dieser Theorie in neuer Weise konfiguriert werden. Die Theorie der Mitgliedschaftsbedingungen bleibt dabei zentralen Motiven der Systemtheorie verpflichtet. Zunächst gilt unverändert, daß sich soziale Systeme durch einen Prozeß der Selbstkonstitution herausbilden, der entsprechende Formen der Abgrenzung und Grenzerhaltung impliziert; Systembildung umfaßt Mechanismen der Interdependenzunterbrechung gegenüber der systemischen Umwelt. Mitgliedschaften bestimmen sich von hier aus als Elemente von sozialen Systemen, die dem Autor zufolge als operativ geschlossene Einheiten gelten können; das Prinzip der Autopoiesis bildet - ebenso wie bei Luhmann - ein zentrales Element der explizierten Konzeption.
Die hier entwickelte Spielart einer Systemtheorie als Theorie der Mitgliedschaftsbedingungen umfaßt einen Satz spezifischer Merkmale, die dem Motiv der sozialen Mitgliedschaft faßbare Konturen geben. Mitgliedschaften bilden zunächst den Gegenstand und das Resultat eines bestimmten Entscheidungshandelns. Dieses Entscheidungshandeln folgt nicht den Prinzipien einer rationalen Wahl durch einzelne Individuen, sondern bildet dem theoretischen Ansatz zufolge das Produkt systemischer Operationen, die sich autokatalytisch in der Evolution der entsprechenden Mitgliedschaftssysteme konstituieren. Um diese zweifellos zentrale Überlegung seiner Protosoziologie zu verdeutlichen bringt der Autor das Motiv einer den Systemen selbst immanenten Autorität ins Spiel: soziale Systeme verfügen, wie es heißt, ad ovo über ein Autoritätssystem. Der zusätzliche Hinweis, von diesem Motiv aus ergäbe sich ein möglicher Anschluß an die Sphäre der Rechtssoziologie, verbindet den mitgliedschaftstheoretischen Diskurs mit Fragen der sozialen und politischen Macht. In jedem Fall entscheiden die dem Imperativ der Selbsterhaltung folgenden Systeme hier souverän und autark über die In- und Exklusion der Individuen. Möglich wird diese selektive Operation durch eine den Systemen eigene Codierung, die sich von Fall zu Fall mit wechselnden Programmen verbindet; Mitgliedschaftssysteme werden also stets auf der Basis eines binären Schematismus errichtet und stabilisiert. Die dabei implizierte grundlegende Asymmetrie zwischen den Positionen der Mitglieder und der Nichtmitglieder muß im Rahmen eines fortlaufenden Entscheidungshandelns in den Systemen stetig neu akzentuiert werden.
In diesem Kontext stellt sich die Frage nach der Funktion von sozialen Normen. Preyer gibt in seinen Überlegungen eine an Luhmann anknüpfende Antwort. Anders als die etwa Durkheim und Parsons verpflichtete Soziologie, die die sozialen Werte und Normen als entscheidende Instanzen für die Genese gesellschaftlicher Ordnung behandelt, erscheinen diese Normen und Werte im Kontext der mitgliedschaftstheoretisch argumentierenden Protosoziologie lediglich in einer sekundären Position. Normen, so erklärt der Autor, wirken keineswegs durch sich selbst, sondern bedürfen zu ihrer Durchsetzung stets einer Instanz der Autorität. Hier greifen Mitgliedschaftsmedien, deren Aufgabe darin besteht, für Commitments zu sorgen, die den sozialen Zusammenhang über bestimmte Bindungsenergien aufrecht erhalten, deren Leistungen nicht an die Praktiken rationaler Diskurse und argumentativer Konsensbildung gebunden sind. Derartige Commitments gewährleisten, daß der soziale Zusammenhalt auch im Falle von Interessendifferenzen und Meinungsunterschieden seiner Mitglieder stabil zu bleiben vermag. Kulturelle Werte und Normen werden dadurch nicht gänzlich entwertet, verlieren aber ihre regulative Bedeutung bei der Herausbildung gesellschaftlicher Ordnung.
Während der Autor zum einen das systemtheoretische Motiv der Autopoiesis für die Kennzeichnung sozialer Mitgliedschaftszusammenhänge in Anspruch nimmt, setzt er sich auf der anderen Seite zugleich von der ebenfalls bei Luhmann vorliegenden Vorstellung einer operative Geschlossenheit sozialer Funktionssysteme ab. Der unter anderem an Max Weber anknüpfenden Idee, daß sich in den Gesellschaften des Okzidents autonome, nach außen hin geschlossene Funktionsbereiche - wie etwa die Sphären der modernen Wirtschaft, der Wissenschaft oder des Rechts - ausdifferenzieren kontrastiert Preyer in Anlehnung an Parsons und Richard Münch ein Modell, in welchem sich die sozialen Funktionssysteme stets im Zustand einer wechselseitigen Durchdringung befinden. Die Prozesse der funktionalen Differenzierung und der Interpenetration der sich konstituierenden gesellschaftlichen Subsysteme sind hier, wie schon bei Parsons, gleichursprüngliche Phänomene. Handlungspraktiken, die sich etwa im ökonomischen oder wissenschaftlichen Raum situieren, sind infolgedessen nicht durch eine bereichsspezifische Eigenlogik eindeutig determiniert, sondern bilden vielmehr Interpenetrationszonen, in denen sich unterschiedliche systemische Imperative verbinden. Leitend ist hier also die Vorstellung von einer multiplen Konstitution des sozialen Agierens, die jedem Versuch einer monofunktionalen Rekonstruktion entgegensteht.
Die Art, wie sich die unterschiedlichen sozialen Subsysteme im Einzelfall wechselseitig überschneiden, ist Gegenstand mitgliedschaftstheoretischer Erörterungen. Der Autor geht hier von der Einsicht aus, daß die genannten Prozesse systemischer Interpenetration, die im Raum des konkreten sozialen Handelns ablaufen, zugleich eine entsprechende Rollenbindung dieses Handelns einschließen. Als Letztelemente der soziologischen Theorie bilden die Mitgliedschaftsrollen komplexe Interpenetrationszonen diverser gesellschaftlicher Funktionsbereiche. So konstituieren sich zum Beispiel die spezifischen Aktivitäten moderner Berufsgruppen auf der Basis einer wechselseitigen Durchdringung der Faktoren der Ökonomie und des kognitiv-professionellen Komplexes, der Leistungen der Wissenschaft und Technik notwendig einschließt. Das sich hier auskristallisierende Rollensystem, in welches nach Einsichten Webers die Elemente einer rationalen Lebensführung und eines systematischen Aktivismus eingehen, impliziert zugleich das Bestehen einer Differenz zwischen der sozialen Rolle und der agierender Person; Mitgliedschaftsrollen stellen sich für die Individuen in der Neuzeit als austauschbare Verhaltensmuster dar.
Gesellschaft bildet in diesem Modell ein Ensemble von unterschiedlichsten Mitgliedschaftsrollen, die sich durch je spezifische Verbindungen diverser Imperative und Rationalitäten auszeichnen. Dies führt den Autor zu der in der Tradition der Soziologie immer wieder aufgeworfenen Frage, wie Gesellschaft unter den Bedingungen funktionaler Differenzierung als Ganze integriert ist. Eine klassische Antwort lieferte die Gesellschaftstheorie Durkheims, in der vor allem die Instanz einer an entsprechenden Normen ausgerichteten Erziehung als ein Mittel beschrieben wird, das geeignet ist, den sich in der Moderne stetig verstärkenden sozialen Dissoziationstendenzen entgegenzusteuern. Parsons, der hier anknüpft, faßt Integration in der Folge dann als einen bestimmten Effekt von Steuerungsprozessen, die am System der normativ geltenden Kultur orientiert sind. Liefert diese Konzeption bereits angesichts moderner Gesellschaften ein inadäquates Bild von der Genese und Reproduktion kollektiver Einheiten, so muß sie angesichts der als Globalisierung bezeichneten Transformation der traditionellen Sozialstrukturen vollends scheitern. Die vorliegende Abhandlung richtet ihr besonderes Interesse nicht zuletzt auf eben diese Veränderungen in der Weltgesellschaft, die einen gänzlich neuen Typ von Sozialordnung hervortreten läßt und entsprechend modifizierte Antworten auf die Frage nach den Voraussetzungen und Implikationen sozialer Integration verlangt.
Im Anschluß an einen Exkurs zu den inzwischen historischen Debatten über das Verhältnis von Moderne und Postmoderne untersucht der Autor die Voraussetzungen und Folgen der Globalisierung. Er folgt dabei der bereits verschiedentlich vertretenen Auffassung, daß die Prozesse Globalisierung keineswegs mit jener Ausbreitung und Universalisierung von Werten und Errungenschaften westlicher Kulturen zu verwechseln sind, die noch die klassische Moderne auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Im Zuge der gegenwärtigen Entwicklungen konstituiert sich vielmehr eine sogenannte Mehrebenengesellschaft - der Autor spricht zugleich auch von einer segmentierten Gesellschaft-, die sich als ein Arrangement von divergierenden Partialkulturen darstellt, die nicht mehr durch gemeinsame Normen und Überzeugungen zusammengehalten werden. Erhellend ist auch der in diesem Zusammenhang vielfach verwendete Begriff der Glokalisierung, mit dem ein zweiseitiger Prozess bezeichnet wird, in dem Globales in lokale Sphären eingeführt wird, während sich Lokales in globalen Ordnungen Geltung verschaffen kann. Kennzeichnend für die Ordnungen, die sich hier herausbilden, ist das gänzliche Fehlen jedes übergreifenden Steuerungsmechanismus. Es ist deshalb, wie der Autor hervorhebt, illusorisch zu glauben, die politischen oder rechtlichen Organisationsformen, die sich im Zeitalter der klassischen Nationalstaaten herausgebildet hatten, ließen sich auf die bestehende Weltgesellschaft insgesamt übertragen. Man muß vielmehr, wie es bereits in den entsprechenden Theorien der Postmoderne beschrieben wurde, von einer irreversiblen Partikularisierung der sozialen Ordnung ausgehen, in der stetig Spannungen und Konflikte auftreten, die nur schwer zu harmonisieren sind. Das Erstarken partikularer Ordnungen kann sich in unterschiedlichsten Fundamentalismen manifestieren, die von hier aus selbst als Produkte der Globalisierung begriffen werden müssen.
Mit der gegenwärtig ablaufenden Transformation der Weltgesellschaft wandeln sich auch die spezifischen Formen der in den Handlungspraktiken vorliegenden Interpenetrationsformen der sozialen Subsysteme. Es entstehen, wie der Autor bemerkt, neue Gemengelagen funktionaler Imperative und damit veränderte Bedingungen der Mitgliedschaft der Individuen an den sozialen Ordnungen. Das ersatzlose Wegfallen übergreifender Wertstandards macht die Integration und Stabilisierung gesellschaftlicher Zusammenhänge zu einem strukturellen Dauerproblem, das keine letzten und perfekten Lösungen kennt. Zu erwarten ist eine im hohen Maße dynamisierte Welt, in der eine fortlaufende Dekomposition bestehender und die Herausbildung neuer sozialer Konfigurationen zu beobachten sein wird. In der Universalisierung des Partikularismus gewinnt eine Logik der Netzwerkbildung an Bedeutung, die vorzugsweise an die neuen Kommunikationsmedien - vor allem an das Internet - gebunden ist. Als Distanzen überbrückende Technologie ersetzt das Internet die Formen einer ortsgebundenen Interaktion und ermöglicht so die Entfaltung virtueller Gemeinschafen. Netzwerke besitzen eigene Bedingungen der sozialen Integration, die sich von den herkömmlichen Praktiken der In- und Exklusion deutlich abheben. Die hier und in anderen Kontexten einer globalisierten Gesellschaft auftretenden Bedingungen der Integration und damit der Mitgliedschaften analysiert der Autor unter anderem im Anschluß an die Durkheimsche Unterscheidung zwischen negativer und positiver Solidarität sowie mit Blick auf die Luhmannsche Einsicht, daß unter bestimmten Bedingungen Formen der Exklusion weitaus stärker integrierend wirken als Formen der Inklusion. Weil die klassischen Formen einer Allinklusion der Subjekte in eine Gesamtgemeinschaft unter Bedingungen der Globalisierung scheitern müssen, avanciert die Entscheidung für Mitgliedschaften in Gruppen, Interessenverbänden, Kommunikationszirkeln und Netzwerken zu einer zentralen Instanz für die Prozesse der sozialen Integration. Aufgrund der Unterscheidung zwischen Mitgliedschaftsrollen und den in diesen Rollen agierenden Personen ist die Partizipation des Einzelnen an sozialen Zusammenhängen das Produkt einer Wahl, die auf die Kontingenzen möglicher Mitgliedschaften antworten muß.
Eine sich globalisierende Gesellschaft muß, wie der Autor hervorhebt, mit einer Zunahme unterschiedlichster Spannungen wie etwa der zwischen kulturellem Diskurs und Ökonomie oder Ökonomie und politischer Rationalität rechnen. In mancher Hinsicht befindet sich die Kultur des Westens in einem Prozess der Desillusionierung über die Möglichkeiten ihrer künftigen Entwicklung, für die die westlichen Staaten in unterschiedlicher Weise gerüstet sind. Nicht zuletzt die deutsche Gesellschaft tut sich schwer, die seit geraumer Zeit ablaufenden Veränderungen im Inneren und nach Außen anzunehmen. Die Abhandlung von Gerhard Preyer liefert hier instruktive Beobachtungen und verknüpft sie mit seinem Ansatz einer mitgliedschaftstheoretisch gewendeten Soziologie. Sie folgt dabei der Einsicht, daß die sich gegenwärtig kristallisierenden Strukturen der Weltgesellschaft nach einer entsprechenden Modifikation der theoretischen Instrumente der Kultur- und Gesellschaftsanalyse verlangen. Der Autor liefert eine komplexe Studie, die nicht nur im Hinblick auf die klassische Soziologie kenntnisreich argumentiert, sondern auch eine Fülle von aktuellen Abhandlungen zur Globalisierung verarbeitet. Wer an soziologischer Theorie und an den Implikationen und Folgen des gegenwärtigen Umbruchs in der Weltgesellschaft interessiert ist, dem sei diese Studie zur Lektüre empfohlen.
Hans Zitko
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