Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 4


 

Lothar Kreimendahl (Hg.): Kant-Index. Band 39: Stellenindex und Konkordanz zur Preisschrift von 1762/64, zu den „Negativen Größen“ und zur Vorlesungsankündigung von 1765/66. Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog 2006, 2 Bände, gebunden, LXXII, 631 S, ISBN 3-7728-2179-0, 704,00 €

Immanuel Kant gehört zu den bedeutendsten Philosophen der Kulturgeschichte. Als hätte es dafür noch einen empirischen Beweis gebraucht, wird seit zehn Jahren an einem Index der kantischen Schriften gearbeitet, der Schlüsselbegriffe auflistet und umfängliche Konkordanzen bietet. Unter der Leitung von Norbert Hinske und Lothar Kreimendahl wird dabei eine computergestützte Erfassung der Texte Kants und deren wort-statistische Auswertung durchgeführt. Die Arbeitsgruppe um Kreimendahl, der sich auch inhaltlich intensiv mit Kants Transzendentalphilosophie und der Entwicklungsgeschichte des kantischen Denkens auseinandersetzt, hat sich vorgenommen, ein Instrument zu erstellen, um eben diese Entwicklungsgeschichte zentraler Konzepte bei Kant sprachlich analysieren und damit das Wachsen der kantischen Philosophie besser und fundierter nachvollziehen zu können. Das beeindruckende Projekt ist das einzige seiner Art in Deutschland.

Nunmehr liegt der zweiteilige Band 39 des Index vor. In Zusammenarbeit mit Hans-Werner Bartz, Heinrich P. Delfosse und Michael Oberhausen hat Kreimendahl einen Stellenindex und eine Konkordanz angefertigt zur Preisschrift („Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze der natürlichen Theologie und der Moral. Zur Beantwortung der Frage welche die königl. Akademie der Wissenschaften zu Berlin auf das Jahr 1763 aufgegeben hat“, 1762/64), zu den Negativen Größen („Versuch den Begriff der negativen Größen in die Weltweisheit einzuführen“, 1763) und zur Vorlesungsankündigung („Nachricht von der Einrichtung seiner Vorlesungen in dem Winterhalbenjahre“, 1765/66). Aufgrund des geringen Umfangs der drei Schriften werden hier erstmals verschiedene Texte in einem Indexband zusammen behandelt. Das bietet sich auch insoweit an, als die drei Texte zeitnah entstanden sind und Bezüge zueinander aufweisen.

Der Aufbau des Index ist ebenfalls ein dreiteiliger. Zu jedem der drei Werke werden ein Hauptindex, Konkordanzen und Sonderindizes geboten, so dass Band 39 im Grunde neun Nachschlageregister vereinigt. Im Hauptindex werden die Begriffe in Grundform aufgeführt und die absolute und relative Häufigkeit des Aufkommens angegeben. Grammatische Angaben zur Wortart sowie Sprach- und Spezifizierungssiglen ergänzen die Auflistung. In den Konkordanzen werden die Schlagwörter im Zusammenhang zitiert, wobei die genaue Fundstelle in der Akademie-Ausgabe Kant’s gesammelte Schriften bezeichnet ist. Der Konkordanztext ist so angelegt, dass nach Möglichkeit der ganze Satz zitiert wird, um den Begriff in einen hinreichend breiten Rahmen zu stellen. Längere Sätze – bei Kant die Regel – werden jedoch abgekürzt und nur der unmittelbare Kontext des Begriffs erscheint in der Konkordanzzeile, was manchmal recht wenig zum Verständnis des Suchbegriffs beiträgt (Bsp.: Konkordanz zum Begriff „Freiheit“ in der Preisschrift: „...dass die Weltweisen den Begriff der Freiheit aus ihren Einheiten, d. i. ihren einfachen und...“, S. 143). Aber die exakte Stellenangabe ermöglicht ein rasches Nachschlagen im Quellentext, ohne den sowieso nicht gearbeitet werden kann. Denn der Index erleichtert die Arbeit mit dem Text, er erspart sie nicht. Hilfreich sind auch die zahlreichen Sonderindizes zur Mathematik, zu fremdsprachlichen Begriffen und v. a. zu Eigennamen von Personen und zu geographischen Bezeichnungen. Hier können Forscher zu speziellen Fragestellungen Ausgangspunkte ihrer Arbeiten finden.

Entlang dieser drei Indizes kann sich der Kant-Interpret einen Weg durch die Texte bahnen und wird dabei zu neuen Erkenntnissen geführt werden. Wer etwa den Begriff „Wahrheit“ in den Negativen Größen nachschlägt, erhält die den Hinweis, bei Kant finde sich die Definition der „Irrthümer“ als „negative Wahrheiten“ (S. 438), was zu den Begriffen „negativ“ (58 Einträge) und „Irrtum“ (1 Eintrag) bzw. „irren“ (1 Eintrag) führt. Bei „negativ“ erhält man sogleich weitere Beziehungen angeboten, die Kant aufstellt, etwa Strafen als „negative Belohnungen“ (S. 400) und Verbote als „negative Gebote“ (S. 400), Begriffe, die dann wiederum ihrerseits nachgeschlagen werden können, usw. So erhält man zunächst nach einigen wenigen Schritten ein erstes Bild des Textes, und schließlich ist die vollständige Erfassung aller relevanten Stellen für die Interpretation gewährleistet. In jeder Phase der Arbeit mit dem Text ist der Index also hilfreich.

Der sorgfältig erstellte, sehr umfangreiche und dennoch übersichtliche Band besticht durch eine präzise Wortanalyse der drei Texte und bietet die Grundlage für weitere philologische Feinarbeit. Daher ist der Index auch kaum für den Hausgebrauch geeignet, sondern ein Arbeitsgerät für Spezialisten, das in Fachbibliotheken und Universitätsinstitute gehört. Dort wird er sich rasch als eine lohnende Investition herausstellen, weil er allen, die mit dem vorkritischen Kant beschäftigt sind, Wissenschaftlern, aber auch Studierenden, mit dem gewissenhaft aufbereiteten Material neue Möglichkeiten der Textinterpretation eröffnet. Ein Kritikpunkt besteht allerdings: Fraglich ist, warum die Datenfülle nicht auch auf CD-ROM verfügbar gemacht wird, als Ergänzung zum Buch. Hier würden sich durch gezielte Abfrageeinrichtungen raschere Zugriffsmöglichkeiten ergeben, die das Arbeiten insgesamt komfortabler gestalten.

Josef Bordat

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