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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 4
Wissenschaftler im George-Kreis. Die Welt des Dichters und der Beruf der Wissenschaft. Herausgegeben von Bernhard Böschenstein, Jürgen Egyptien, Bertram Schefold, Wolfgang Graf Vitzthum. Berlin, New York, de Gruyter 2005. XI, 376 S., ISBN 3-11-018304-8, 98 €
Sammelbände sind oft schwere Kost, ihre Besprechung meist nicht minder. Das Thema des vorliegenden klingt interessant, der Einfluß des Dichters Stefan George auf die Hochschulen während der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war enorm und man wüßte da schon gerne mehr. Der Band sammelt die Vorträge einer Tagung der Stefan George-Gesellschaft in Bingen im Jahr 2004: „Wissenschaftler im George-Kreis. Die Welt des Dichters und der Beruf der Wissenschaft.“ Von diesen beiden Themen ist das zweite das eigentliche, liegt darin doch scheinbar eine Art grundlegenden Widerspruchs. „Von mir führt kein Weg zur Wissenschaft,“ lautet die apodiktische Aussage Georges, die in mehreren Beiträgen zitiert wird, um darauf alsbald ihre jeweilige Modifikation zu erfahren – andernfalls wäre das Thema schließlich bereits mit der Feststellung selbst erschöpft. Man könnte soweit gehen und sagen, daß die ganze Tagung sich vor allem der Auslegung dieses Satzes widmete.
Die schieren Fakten scheinen ihn von vorn herein in Frage zu stellen, gehörten zum George-Kreis doch eine ganze Reihe Hochschullehrer, genannt seien nur der Germanist Friedrich Gundolf, der Historiker Friedrich Wolters oder der Ökonom Edgar Salin. Und George ließ – nicht zuletzt durch sie – seinem Kreis immer wieder akademisch gebildeten Nachwuchs zuführen, den er anhielt, seine Studien fortzusetzen und möglichst auch abzuschließen. Darüber hinaus erschien eine Reihe von Büchern und Monographien von Mitgliedern des George-Kreises mit ausdrücklicher Billigung des Dichters und von unübersehbar wissenschaftlichem Anspruch – wie geht das alles zusammen?
George selbst hatte Vorbehalte gegen die Wissenschaft seiner Zeit oder lehnte sie in weiten Bereichen sogar ganz ab. Er war dabei jedoch weitaus weniger weltfremder Sonderling, als seine Zeitgenossen wahrnahmen, und suchte durch einzelne seiner Anhänger in seinem Sinne Einfluß auf den Wissenschaftsbetrieb zu nehmen, nicht zuletzt durch eine Haltung, die Gert Mattenklott 1971 als „ästhetische Opposition“ bezeichnet hat, wenn sie sich, durch die soziologische Brille Stefan Breuers gesehen, heute allerdings eher als „ästhetischer Fundamentalismus“ ausnimmt. Die Beiträge des Sammelbandes spüren dieser Einflußnahme nach und gelangen naturgemäß zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Ihre Bandbreite reicht von Matthias Weichelts klugem Essay über den Germanisten Max Kommerell, der seine Leistung als Literaturwissenschaftler genuin in Kommerells Verhältnis zu George bzw. in seinem Bruch mit dem Dichter begründet sieht, bis zu Bernhard Böschensteins taktvoller Feststellung, bei einigen Kapiteln von Ernst Bertrams Nietzsche-Monographie handele es sich um „poetische Ausarbeitungen, Ausschmückungen, Ausweitungen des Dichters Bertram“ (S. 187f.) – also keineswegs um Wissenschaft. Ernst Osterkamp charakterisiert diese von den Kreismitgliedern nachdrücklich vertretene „Georgesche Wertewissenschaft“ (S. 234) am Beispiel des Raffaelbuches von Wilhelm Stein mit der schönen Formulierung, es bezeichne „genau den Grenzfall einer Gestaltmonographie, wo der Wille zu künstlerischen Geschlossenheit die Tendenz zur Ausbildung eines geschlossenen Wahnsystems mit sich bringt, das der wissenschaftlichen Kritik nicht mehr zugänglich ist“ (S. 236f.). Und zumindest in diesem Fall scheint eine Einflußnahme auf die Kunstgeschichte denn auch gründlich gescheitert zu sein: „Würde man sich Steins Raffael – immerhin die einzige kunsthistorische Monographie, die in Stefan Georges wissenschaftlicher Buchreihe erschienen ist – aus der Geschichte der Raffaelforschung fortdenken, so würde nicht die kleinste Lücke entstehen, denn es hat, mit Ausnahme von Steins engstem Schülerkreis, dort zu Recht nicht die geringste Wirkung entfaltet“ (S. 225).
Nicht alle Beiträge sind freilich so stringent wie Osterkamps paradigmatische Analyse von Steins durchschlagender fachlicher Resonanzlosigkeit und ihren Gründen. Immerhin gelangt Adolf Heinrich Borbein für ein weiteres Fach zu dem Fazit: „Wäre die Geschichte der klassischen Archäologie ohne den Einfluß Georges anders verlaufen? Man weiß es nicht, aber es spricht auch nicht viel dafür“ (S. 257). Und Wolfgang Schuller, der sich dreier Altertumswissenschaftler und Altphilologen des George-Kreises annimmt, läßt an Eindeutigkeit auch nicht zu wünschen übrig: „Wenn Stefan George gesagt hat, daß von ihm kein Weg zur Wissenschaft führe, dann zeigen umgekehrt Woldemar von Uxkull, Albrecht von Blumenthal und Alexander von Stauffenberg, daß – auch wegen ihrer an George orientierten Sprache – die Versuche gescheitert sind, von der Altertumswissenschaft des 20. Jahrhunderts, wie sie auch von ihnen verkörpert wurde, zu George zu führen. Insofern sie das Altertum von vorneherein als Ausdruck des Heroischen im georgischen Sinne sahen, blieb die Kluft zwischen beiden unüberbrückbar“ (S. 224).
Ergiebiger ist Volker Kruses Beitrag „Die Heidelberger Soziologie und der Stefan George-Kreis,“ lenkt er die Aufmerksamkeit von Max Weber (dessen unsterbliche, weil treffende Charakterisierung Stefan Georges als dem „Weihen-Stefan“ hier leider nicht erwähnt wird – aber Kritik, gar noch ironische Kritik an ihrem Gegenstand war noch nie die Stärke der Germanisten, die über George schreiben), seinem unmittelbaren Umfeld und seinem Nachleben doch erstmals gezielt auf dessen Bruder Alfred Weber und gelangt dabei zu der bündigen Feststellung: „Die Topoi der georgianischen Kulturkritik werden zu Fragestellungen der Weberschen Kultursoziologie. Anders ausgedrückt: Die Muster georgianischer Kulturkritik tauchen in Alfred Webers Kultursoziologie als heuristische Prinzipien wieder auf“ (S. 268f.). Daß Kruse dabei die deutschen Wortbildungsregeln ignoriert und die Georgesche Kulturkritik gleich in den Stand einer „georgianischen“ erhebt, erklärt sich vermutlich als fernes Echo des Georgeschen Stilwillens, dem fatalen Hang zu jenem dröhnenden „Georgel,“ das die Lektüre der Texte seiner Anhänger häufig zur Strapaze auch für gutwillige Leser werden läßt und von dem der vorliegende Sammelband sonst erfreulich frei ist. In der Regel geht die Mimesis der Autoren nicht weiter, als von George ebenso umstandslos als „dem Dichter“ zu sprechen, wie es schon die Mitglieder seines Kreises nach außen hin taten (untereinander sprach man einfach vom „Meister“). Jedenfalls scheinen die Wissenschaftler, die sich dem direkten Einfluß Georges irgendwann auf ihrem Lebensweg entzogen und ihren eigenen Weg gingen, sich als interessanter zu erweisen als die lebenslang treuen Anhänger. Max Kommerell ist als ehemals enger Vertrauter, der abtrünnig wird und mit dem Meister bricht, sicherlich ein extremes Beispiel, der Romanist Ernst Robert Curtius, wie Jeffrey D. Todds glänzende Skizze über dessen „abgebrochenes und fortwährendes Verhältnis zum George-Kreis“ zeigt, ein bedeutendes anderes. Und in einer Fußnote zu seiner Skizze findet sich auch eine Beobachtung über die Aneignung eines Georgeschen Begriffspaares aus dem Gedichtband Der Stern des Bundes durch Curtius, die Todd als Habitus der Mitglieder des George-Kreises begreift, „das Leben mit Georges Worten zu deuten und so sich nicht nur Georgesche Anschauung anzueignen, sondern auch zu zeigen, daß man die Dichtung ernst nimmt“ (S. 200). Solchen Beobachtungen einmal dort nachzugehen, wo sie nicht ohnehin auf der Hand liegen wie etwa in Wolters’Herrschaft und Dienst (1909), würde erst das Material für eine Charakterisierung der Rolle von Wissenschaftlern des George-Kreises innerhalb ihrer Disziplinen bereitstellen.
Carola Groppes Untersuchungen über George und die Reformpädagogik seiner Zeit dagegen bleiben, abgesehen von landläufigen Berichten über die Rezeption seiner Dichtung in einigen Landschulheimen, weitgehend ergebnislos, was angesichts der wenig trennscharfen pädagogischen Begrifflichkeit vielleicht auch darauf verweist, wie wenig „wissenschaftlichen“ Charakter diese Bestrebungen hatten. Gert Mattenklott schreibt dann mit seinen Beobachtungen zu „Walter Benjamin und Theodor W. Adorno über George“ gewohnt souverän am Thema des Bandes wie der Tagung vorbei.
Ist ein übergreifendes Ergebnis festzuhalten? In aller Vorsicht wollen die Herausgeber im Band „keine weitergehenden Schlußfolgerungen ziehen,“ als – immerhin – doch diese: „So konnte er, aber in verschiedener Weise, in jeder der genannten Wissenschaften auf einzelne Persönlichkeiten einen starken Einfluß ausüben, der sich auch auf deren wissenschaftliche Orientierung auswirkte, Werte setzend, von denen aus Ziele für die wissenschaftliche Arbeit gefunden wurden und sich neue Bewertungen ergaben. Aber die vermittelten Intuitionen, die Hinweise auf Forschungsideen, die Wertsetzungen waren unterschiedlich fruchtbar und unterschiedlich stark, so daß die Wirkung manchmal nur eine individuelle blieb – der Meister hatte dem Schüler einen Weg gewiesen. Manchmal konnte das Gelernte von Kreismitgliedern an deren Schüler, an im Denken Verwandte und wiederum an deren Schüler weitergegeben werden. Betrachtet man allerdings nicht die Wirkung auf Personen, sondern auf die Fächer selbst – zweifellos die für die Wissenschaft bedeutendere und für die meisten Referate zentrale Fragestellung – bleibt in einigen Fächern wie der Jurisprudenz nur ein kaum merklicher, in der Ökonomie ein auf die Nachfolge weniger Personen beschränkter Einfluß übrig, während in anderen Bereichen sich der Zeitgeist mit Anregungen Georges verband, so daß eine besondere Strömung dieser Wissenschaft entstand“ (S. X). – Georges Wirkung also war unterschiedlich, manchmal auf die einzelne Person begrenzt, manchmal über diese hinaus fortwirkend, wer hätte das gedacht! Vielleicht sollten die Herren Professoren ihr Gremien- und Gutachterdeutsch gelegentlich auf die grüne Weide der Anschaulichkeit führen, wenn sie außer für ihresgleichen auch für andere Leser schreiben? Zum Glück sind die Beiträge besser als das Vorwort der Herausgeber, aus dem diese Zusammenfassung der Ergebnisse zitiert ist.
Rolf Bulang