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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 4
Joseph von Eichendorff: Aus dem Leben eines Taugenichts, Sprecher Rainer Unglaub, Regie Hans Eckardt, 3 CDs, Laufzeit 188 Minuten, Verlag und Studio für Hörbuchproduktionen, Marburg, Reihe Deutsche Klassik und Romantik, ISBN 3-89614-218-6, 13,90 €
Friedrich Hölderlin: Hyperion oder der Eremit in Griechenland, Sprecher Rainer Unglaub, Regie Hans Eckardt, 5 CDs, Laufzeit 345 Minuten, Verlag und Studio für Hörbuchproduktionen, Marburg, Reihe Deutsche Klassik und Romantik, ISBN-13: 978-3-89614-216-0, ISBN-10: 3-89614-216-X, 29,90 €
Welche Texte könnten einander unähnlicher sein - und doch gibt es tiefe Übereinstimmungen zwischen Eichendorffs "Taugenichts" und Hölderlins "Hyperion". Die Hauptfigur des ersten ist ein ganz aus dem Unbewussten lebender Mensch, dem, weil er sich von den Impulsen des Lebens selber führen lässt, scheinbar kein Leid zustoßen kann. Der Roman, der von seinen Abenteuern erzählt, wirkt wie ein unbegreiflich-schönes Geflecht von romantischen Situationen, die in spielerischer Leichtigkeit in eine Apotheose der Liebe münden. Jede Reflexion ist ihm fremd. Hölderlins Buch hingegen ist nichts weniger als leicht: unsägliche Qual und äußerste Gedankenbewegung gehen in ihm eine einzigartige Synthese ein. Dennoch verbindet den Taugenichts und Hyperion eine geistige Verwandtschaft. Beide sind oder werden vielmehr im Verlauf ihres Lebens Dichter, beide sind Jünglinge, die nicht anders können, als sich ihrem Schicksal vorbehaltlos zu überlassen. Die reflexionslose Spontaneität des einen entsteht nur in - und ist nur gemeinsam mit der - hochbewussten Konstruktion (vgl. hierzu die Rezension im Marburger Forums von Otto Eberhardts: Eichendorffs Taugenichts. Quellen und Bedeutungshintergrund, Würzburg 2000) des Textes. Beides jedoch, Reflexion und Intuition, verbinden sich in seiner Bildschicht und -bewegung. Die dichterische Inspiration erlangt der andere, Hyperion, erst am Ende seiner leidvollen Entwicklung - trotz einer grundsätzlichen Identität (das zu findende Gut muss erst verlorengehen, bevor es auf höherer Stufe errungen werden kann) unterscheiden sich beide Werke aber auch und gerade in ihrer sprachlichen Diktion und Haltung aufs äußerste.

Rainer Unglaubs Stimme realisiert die Verwandtschaft und Verschiedenheit der Romane schon durch ihr Timbre: sie klingt beide Male jugendlich, aber bei Eichendorff unbeschwert und heiter, bei Hölderlin auf eine ruhige, völlig unpathetische Weise innig. Natürlich liest Unglaub den "Hyperion" langsamer (und den "Taugenichts" an manchen Stellen vielleicht ein wenig zu schnell). Beide Aufnahmen verlebendigen den Text beinahe wie eine musikalische Aufführung die ihr zu Grunde liegende Partitur. Man erfährt unmittelbar, warum nicht nur Lyrik, sondern auch Prosa gelesen werden muss: beim Hören verdichtet sich die Realität der Sprache, des Kunstwerks, zu eindringlichster Präsenz. Im Klang schwingt das Unhörbare, die eigentliche Essenz von Dichtung, auf spezifische Weise mit - anders, tiefer und stärker, als bei der stillen Lektüre. Die Stimme erzeugt den unverwechselbaren Sprachraum einer geistigen Schöpfung gerade deswegen, weil sie zum Spiegel oder Mittler zwischen ihm und dem Aufnehmenden wird. Wer also Unglaubs "Taugenichts" und "Hyperion" hört, gelangt unmerklich in eine im Lesen - eben nicht im schauspielhaften Spiel! - entstehende Welt, deren innere Ruhe: bei aller Spannung, sich dem verdankt, dass der Sprecher niemals die Distanz zu sich selber verliert. Keine Lesung darf dieses Reflektierte, gerade nicht Unmittelbare, verlieren oder aufgeben, sie zerstörte damit ihr Spezifisches, den magisch-kontemplativen Raum, den inneren Bezirk, in dem sie statthat.
Eine Lesung wird also bei aller Spannungssteigerung oder Dramatik immer ein tragendes Element der Ruhe bewahren. Unglaub akzentuiert diese Notwendigkeit, indem er etwa bei Stellen äußerster Emphase des Textes die Stimme zurücknimmt, statt sie ins Laute zu bringen. Ein Beispiel: Hyperion, der nach Diotimas Tod in einer letzten Steigerung den tiefsten Schmerz als Bedingung seiner Existenz akzeptiert und sich so als "Fremdling" auf der Welt erfährt, vergleicht sich mit dem Mond, der noch am Tag zu sehen ist: "o wie der Mond, der noch am Himmel blieb, die Lust des Tags zu teilen, so stand ich Einsamer dann auch über den Ebnen und weinte Liebestränen zu den Ufern hinab und den glänzenden Gewässern und konnte lange das Auge nicht wenden" (Hölderlin: Sämtliche Werke, Kleine Stuttgarter Ausgabe, Dritter Band, S. 164). Eben dieses "o wie der Mond" hebt Unglaub, indem er in leiser Klarheit spricht, in einen poetischen Zwischenbereich, den der Einsamkeit selber.

Nun sind einige kritische Anmerkungen, in der gebotenen Kürze, denn sie heben den positiven Gesamteindruck keineswegs auf, zu machen. Es gibt, vielleicht unweigerlich bei einer längeren Lesung, manche sinnentstellende Textfehler; einige Beispiele: "wie Mannen aus vergangner Zeit", statt: "Manen" (a.a.O., S. 15); "Wiesengesang", statt: "Wiegengesang" (S. 19); "Tugend", statt: "Jugend" (S. 23); "ewigliebendes", statt: "ewiglebendes" (S. 111); "in macedonischer Ruh", statt: "Reih" etc. Weiterhin spricht Unglaub g am Wortende sehr häufig wie ch (heilich, ewich, übrich), was mir der Reinheit der Diktion abträglich zu sein scheint. Und ein drittes: es kommt mir unpassend vor, dass er die Stimmen Diotimas, sowie der Freunde, Notaras und Alabandas, vom Klang der Hyperionschen abhebt, die erste wird zarter und ein wenig höher, die anderen dunkler und grober.
Aber all das wird, beinahe, nein wirklich belanglos angesichts dessen, dass diese uns doch so ferngerückte Sprache von Unglaub mit solchem Ernst und solcher Eindringlichkeit zu Gehör gebracht wird - aber ohne jegliche Betonung des avantgardehaften Außenseitertums, die die Quadfliegsche Aufnahme der Hölderlinschen Gedichte heute so schwer zugänglich macht. Der letzte Teil des Romans, Diotimas Sterben und Tod, Hyperions Gang ins deutsche Exil, wird in Unglaubs Lesung zu einer unglaublichen Steigerung nach innen. Solchermaßen vollzieht sie den Weg der Dichtung nach.
Hyperion, der sein Schicksal auf sich nimmt, begegnet der toten Geliebten, in einem Moment höchster Inspiration, wieder: "Und mir war, als hört ich Diotimas Stimme, die Stimme, die mich einst erheitert in den Tagen der Freude - Bei den Meinen, rief sie, bin ich, bei den Deinen, die der irre Menschengeist misskennt! Ein sanfter Schrecken ergriff mich und mein Denken entschlummerte in mir. O liebes Wort aus heilgem Munde, rief ich, da ich wieder erwacht war, liebes Rätsel, fass ich dich? Und Einmal sah ich noch in die kalte Nacht der Menschen zurück und schauert und weinte vor Freuden, dass ich so selig war und Worte sprach ich, wie mir dünkt, aber sie waren, wie des Feuers Rauschen, wenn es auffliegt und die Asche hinter sich lässt -" (S. 165)
Hyperion, Sohn der Sonne, Inkarnation Apolls, des Dichterischen, ein Gott-Mensch, findet zum jeden Begriff übersteigenden Verständnis der Natur - sie spricht selber aus ihm, nachdem er aus dem mystischen Einssein mit ihr wieder erwacht ist, wie aus einer delphischen Pythia; übersetzt, aus dem Zentrum und Herd des Geistes und der Begeisterung in menschliche Form gebracht, lauten sie: "O Seele! Seele! Schönheit der Welt! du unzerstörbare! du entzückende! mit deiner ewigen Jugend! du bist; was ist denn der Tod und alles Wehe der Menschen? [...] Geschiehet doch alles aus Lust, und endet doch alles mit Frieden. Wie der Zwist der Liebenden, sind die Dissonanzen der Welt. Versöhnung ist mitten im Streit und alles Getrennte findet sich wieder. Es scheiden und kehren im Herzen die Adern und einiges, ewiges, glühendes Leben ist Alles" (S. 166).
Das höchste Sein ist Schönheit - eine solche Erkenntnis ist, hierin liegt das Ungeheuerliche, nur in grenzenloser Einsamkeit, in der Begegnung mit dem Tod und auf dem Gipfelpunkt der Inspiration möglich: "Es war der schönste Mittag [...]" (S. 165). Auch Hyperion sagt, wie Zarathustra, Ja zum Leben und zu seiner Todverschlungenheit; beide wissen, dass die Gestalt dieser Erkenntnis, die sie sind, aus dem entsteht, was die Essenz des Lebens ist: sein Zugleich von Leben und Tod: in Hyperion, wie in Zarathustra sieht es sich selber und ist in diesem Augenblick "Alles", Welt und Mensch in einem. Die Welt spricht nur aus dem welthaft werdenden Menschen, der hierin auch der Inbegriff der Menschheit ist. Hyperion weiß, was ihm widerfährt, was ihm sein Schöpfer aufgebürdet hat - und was kein heutiger mehr zu tragen vermöchte (das "glühende Leben", hat uns das zwanzigste Jahrhundert gelehrt, ist auch das grausame).
Der Hölderlinsche Begriff der Inspiration, Zentrum seines Werks selber, ist heute nicht mehr daseinsfähig. Aus eben diesem Grund eröffnet uns eine Lesung wie die von Rainer Unglaub, mit ihrer distanziert-reflexiven Innerlichkeit, einen Zugang zu Hölderlins Dichtung. Sie lässt uns erfahren, welch uneinlösbarer Anspruch und doch auch welche Wirkmächtigkeit, sowie, in der Verbindung beider, welche Tragik der klassischen und romantischen Literatur innewohnen. Im Stillesein innerhalb einer solchen Lesung hallt all das wie ein fernes Echo nach und greift uns ans Herz. Was geschähe mit einem, wenn einem eine Gestalt wie Diotima im Traum begegnete?
Und Eichendorff? Wo ist der arme "Taugenichts" geblieben? Zunächst wird er vom "Hyperion" verdeckt. Aber nun denkt man wieder an ihn und erinnert sich an den seltsamen Aufenthalt des jungen Mannes im Schloss bei Wien, die den Wahnwitz nicht nur streifende Italienreise und die glückliche Heimkehr. Aurelie, auch sie ein Bild der Dichtung, stirbt nicht, sondern bekommt ihren Bräutigam. Um die Erinnerung an den geigenden Poeten aufzufrischen, gibt es keine bessere Methode, als die schöne Aufnahme des Marburger Hörbuchverlages erneut aufzulegen.
Peter Rhonfeld
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