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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 4
Anneliese Botond: Die Wahlverwandtschaften. Transformation und Kritik der Neuen Héloïse, Verlag Königshausen und Neumann, Würzburg 2006, 97 Seiten, ISBN 3-8260-3186-5, 18 €
Anneliese Botond, Lektorin des Insel Verlages, Rezensentin bei der FAZ und Übersetzerin u.a. von Isabel Allende, legt mit diesem Buch eine äußerst kenntnisreiche Studie vor, die beansprucht, die "durchgreifende Idee", die dem Roman nach Goethes Worten zugrundeliegen soll - und die zu finden sich Interpreten seit seinem Erscheinen bislang umsonst bemühen - zu entschlüsseln. "Entschlösse man sich, das "Durchgreifende" der Idee, nach deren Darstellung Goethe gearbeitet haben wollte, auf Vorgängerwerke zu beziehen, dann ließe sich diese Idee unschwer benennen: Aus Eva soll Maria werden: das ist die Forderung, unter die Goethes Ottilie ebenso gestellt ist wie explizit die alte und implizit die neue Heloïse" (S. 12).

Man erinnere sich: Rousseau bezieht sich mit seinem Roman auf den Briefwechsel zwischen Abaelard und Heloisa. Abaelard, der 1079 geborene Theologe verliebt sich in die Nichte des Kanonikus Fulbert, die er in Philosophie unterweisen soll. Das Liebesverhältnis wird entdeckt und Abaelard 1119 (oder 1118) entmannt. Rousseau nun macht aus dieser Vorlage ein "neues Evangelium von der Selbstüberwindung (der Tugend) als Weg zum Glück" (S. 46) - und Goethe wiederum, so die These der Autorin, zeige "die negativen Folgen von außen erzwungener Selbstbeherrschung" (ebda.). Tatsächlich gibt es zwischen der Neuen Héloïse und den Wahlverwandtschaften eine Fülle von Übereinstimmungen und signifikanten Gegensätzen: "Gesetzt nun aber, Goethe hätte seinen Roman als Gegenentwurf zur Neuen Héloïse konzipiert, dann wären die Unterschiede nicht minder wichtig als die Übereinstimmungen [...]" (S. 13).
Wir erinnern uns weiterhin: das Ehepaar der Wahlverwandtschaften zeugt in einer verhängnisvollen Nacht - Charlotte denkt, während sie Eduard umarmt, an den Major, Eduard aber an Ottilie - ein Kind, das später im See des Schlossparks ertrinkt. "Die Geburt des Kindes scheint [...] die zerrüttete Ehe zu retten, sein Tod [...] den Weg zum erlösenden Partnerwechsel (dem realen Tausch des Ehebundes) zu eröffnen. Später wiederholt sich noch einmal die Doppeldeutigkeit der Prophezeiung. In der Mooshütte legt Charlotte das Kind "auf den kleinen Tisch als auf einen häuslichen Altar" [...]. Als Erhöhung gedacht, weist die Geste zugleich auf die Opferung des Kindes voraus" (S. 60). Die zentrale Schlussfolgerung lautet: ""Sittlichkeit als Alternative zur weltlichen Wiederholung der Heilsgeschichte. [...] Durch ihre [Ottiliens] Entscheidung gegen den realen Tausch des Ehebundes [...] ersetzt sie stellvertretende Entsühnung (der Tod des Sündenkindes als Sprungbrett ins allseitige Glück) durch Eigenverantwortung. Ottilie, Goethes neue Heloïse, befreit von dem als unsittlich erkannten Ehemodell Heilsgeschichte, das Rousseaus Julie und Charlotte, ihr parodistisches Abbild, wiederholen. Die Entscheidung Ottilies ist demnach nicht, wie manche Interpreten annahmen, eine Entscheidung gegen die Ehe, sondern gegen die heilsgeschichtlich fundierte Ehe. Der Gott, der ihr "die Augen geöffnet" hat, dürfte demnach kaum der geoffenbarte Gott der Evangelisten und christlichen Theologen gewesen sein, sondern wohl eher - Ottilies Wahlverwandtschaft mit der Natur legt diesen Gedanken nahe - Spinozas als Einheit von Gott und Natur gedachter deus sive natura" (S. 61).
Die Hypothese Botonds ist aufregend, aber überzeugt sie auch gänzlich? Immerhin verzichtet auch Ottilie, und "Entsagung" ist bekanntlich ein Haupt- und Grundwort des späten Goethe. Worin also in diesem Betracht der Unterschied zu Rousseau liegen sollte, wird nicht völlig klar. Die Entsagung Ottilies habe, sagt Botond, keinen stellvertretenden Charakter (vgl. S. 61); handelt es sich wirklich um einen "Paradigmenwechsel", nur weil die Konversion Julies "auf Erleuchtung durch den Christengott [beruht], die der Ottilie auf einer natürlichen und vernunftkonformen Erkenntnis, der Spinozas Gottesauffassung [...] zugrunde liegt" (S. 68)? Sind diese Begriffe - natürliche und vernunftkonforme Erkenntnis - auf die Ottilie der Wahlverwandtschaften überhaupt anwendbar? Das Wunder, das Goethe im letzten Kapitel des Romans beschreibt, sein symbolischer Gehalt, wäre durch den Bezug auf eine gleichsam philosophische Gestalt nicht zu legitimieren. Trotzdem behält der Ansatz Botonds, der Gedanke einer Steigerung des Sittlichen, der implizit eine Abwendung von jeder stellvertretenden Entsühnung enthält, seine Wichtigkeit. Die "Eigenverantwortung", die im Wesenskern Ottilies lebt, ist nicht rational fundiert, sondern gründet auf einer Begegnung mit dem Dämonischen; die ungeheure Stelle des Romans, wo von dieser Begegnung die Rede ist, lautet: "In dem Augenblicke" [Ottilie hat soeben das leblose Kind aus dem Wasser gezogen] "kehrt ihre ganze Besonnenheit zurück, aber um desto größer ist ihr Schmerz. Der Kahn treibt fast in der Mitte des Sees, das Ruder schwimmt fern, sie erblickt niemanden am Ufer, und auch was hätte es ihr geholfen, jemanden zu sehen! Von allem abgesondert, schwebt sie auf dem treulosen, unzugänglichen Elemente" (Die Wahlverwandtschaften, in: Goethes Werke, hrsg. von Erich Trunz, Bd. VI, S. 457). "Fast in der Mitte", an einem Ort, der sich den dämonischen Einflüssen öffnet, ohne Ruder, also ohne jede Steuerungsmöglichkeit, "von allem abgesondert", denn mit keinem Menschen wäre in dieser Situation zu kommunizieren, "schwebt" Ottilie über dem Wasserabgrund, aus dem in solchem Moment das Ungeheure ungehindert aufsteigen kann - aber: "in dem Augenblicke kehrt ihre ganze Besonnenheit zurück", nachdem sie vorher traumwandlerisch, nur als Spielball des Dämonischen gehandelt hat ("Sie eilt nach dem Kahn, sie fühlt nicht, dass ihr Herz pocht, dass ihre Füße schwanken, dass ihr die Sinne zu vergehen drohn", ebda., S. 456).
Was hier mit Ottilie geschieht, in dieser im höchsten Sinn existenziellen Situation, führt sie über sich selber hinaus: "Sie sucht Hülfe bei sich selbst. [...] Alles vergebens! Ohne Bewegung liegt das Kind in ihren Armen, ohne Bewegung steht der Kahn auf der Wasserfläche; aber auch hier lässt ihr schönes Gemüt sie nicht hülflos. Sie wendet sich nach oben. [...] Ein sanfter Wind erhebt sich und treibt den Kahn nach den Platanen" (ebda., S. 457 f). Das greift über jede "Eigenverantwortung", etwa im Kantischen Sinne, weit hinaus, ohne deswegen ins Christliche zu fallen. Die Entsagung, die Ottilie sich auferlegt, also der Verzicht auf eigenmächtige Handlungen, vermag, so hofft sie, "allein gegen die ungeheuren zudringenden Mächte [zu] beschirmen" (ebda., S. 468).
Was Botond durch ihre genaue Lektüre und präzisen Vergleiche deutlich macht, ist, dass Goethe auf jeden Fall auch die Rousseausche Neue Héloïse benutzt hat, die seinem Roman mit als Folie, aber vielleicht doch nicht als einzige, zugrundeliegt. Insoweit hilft uns die Autorin, uns die Rätselhaftigkeit der Werke des späten Goethe noch genauer vor Augen zu führen, sodass sich der Eindruck bestätigt, es gelinge uns auch 200 Jahre nach ihrem Erscheinen und trotz neuer kommentierter Ausgaben immer noch nicht wirklich, in ihren inneren Bezirk zu gelangen.
Peter Rhonfeld
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