Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 4


 

Friedhelm Decher: Gibt es im Leben Alternativen? Ein Dialog. Basilisken-Presse, Marburg 2006, 92 S., ISBN 3-925347-87-9,18,00 €

Wer die Wahl hat, hat die Qual! Oder vielleicht doch nicht? Würden wir unser Leben anders gestalten, sofern wir noch einmal dazu Gelegenheit hätten? Oder würden wir, vergleichbar wie Phil Connors in dem Film Groundhog Day aus dem Jahre 1993 immer der gleichen Biographiespur folgen? Neueste empirische Forschungen verheißen da eher letzteres und stimmen somit die Weckrufe für jene Murmeltiere an, die einen Trost in selbsterfüllenden, prädestinierten Biographien zu finden hoffen. Heraus kommt dann Wikipedia: Im Dialog oder warum sich die Qual der Wahl bei Buchempfehlungen nicht stellt.

Max Frisch sagte anläßlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Berlin am 19.07.1987: »Man kennt sich selbst nicht. Oft versteige ich mich zu der fixen Idee, daß ich in dieser Luft [gemeint ist der Grunewald und seine Umgebung] ein ganz anderer, ein durchaus fröhlicher und sprühender Kerl geworden wäre.« Friedhelm Decher greift diesen Topos in seinem neuesten Buch auf. Ausgehend von Frisch‘s zentralen Werken Stiller, Homo Faber, Mein Name sei Gantenbein und dem kleinen Theaterstück Biografie-Stück wird das Problem vorerst literarisch erschlossen, um es anschließend mittels empirischer Untersuchungsergebnisse zu untermauern. In Dialogform eingebettet, wird der Lehrer Max von seinem uns unbekannten Freund aus der Sinnkrise geredet.

In Stiller fiktioniert der Protagonist aus seinem Ich heraus ein Nicht-Ich in der Person des Mr. White. Die Biographisierung von White entpuppt sich aber zusehends als Hybrid eigener, des Ich-Erzählers zugehöriger und gescheiterter Lebensabschnitte, sowie einer Erfindung neuer Lebensabschnitte. Jeder Versuch, sein Scheitern vor sich zu verbergen und einen anderen Stiller zu generieren, scheitert. Die »Loser-Biographie« Stillers gibt somit bei Decher einen ersten Anhaltspunkt für die Unabänderlichkeit unseres individuellen Seins. Während aber Stiller eine andere Identität zu finden hofft, werden in der linearen Biographie des Protagonisten Walter Faber auf einmal Unstetigkeitsstellen sichtbar. Faber ist Techniker und für seine Zunft stereotyp, außerordentlich zweckrational ausgerichtet. Aus seinem Ich-Bericht erfahren wir seine Lebensgeschichte, die eines Tages durch die dem Leben innewohnende eigentümliche Kontingenz durchbrochen wird. Während er auf der Suche nach seiner ehemaligen Freundin Hanna ist, verliebt er sich in seine ihm unbekannte Tochter Sabeth. Durch einen Unfall werden Ereignisse in Gang gesetzt, die schließlich zum Tode und somit zur »Vernichtung« aller drei Biographien führen. Mit Gantenbein nähert sich Decher nun seinem eigentlichen Anliegen. In diesem Roman habe Frisch die »bloß fiktive[n] Vergegenwärtigungen möglicher Biographien« durchgespielt.

Die sich als Gantenbein ausgebende Person imaginiert sich retrospektiv verschiedene mögliche Biographiepfade um ihre, durch Eifersucht zerstörte Ehe zu plausibisieren. Dieses Ende stellt somit einen Fixpunkt dar, an dem sich Kontingenz und Determinismus scheiden sollen. Nicht bloss imaginativ durchgespielt werden die Pfade im Biografie-Stück. Kürmann erhält mittels des Registrators die Möglichkeit, an jeden beliebigen Punkt in seiner Vergangenheit zurückzukehren und von dort aus sein Leben neu zu gestalten. Doch dies ist nur eine »[Wahl] nach der Gesetzlichkeit«. Soviele Varianten sich auch anbieten, am Ende konvergieren sie stets mit dem realisierten Lebenspfad.

Decher lässt hier den literarischen Teil des Buches enden. Nach gut der Hälfte der Seiten beschließen Max und sein Freund die Unterredung am folgenden Tage gestärkt fortzusetzen. Die empirischen Erkenntnisse, mittels derer die nun vom Vortage umrissenen Gedanken untermauert werden sollen, werden aus der Psychologie, Biologie und Genetik entlehnt. Zuvor allerdings wird der platonische Seelenmythos kurz entblättert, der in gewisser Weise ein Biographie-Stück um eine Lernprozeßkomponente erweitert, darstellt. Platon entwirft am Ende seiner Politeia den Mythos der Wahl der Lebensweise. Nachdem die Seelen von allen irdischen Fehlbarkeiten geläutert wurden, steht es ihnen frei, eine beliebige Lebensweise zu wählen. Einmal gewählt, kann die Seele diese Wahl nicht mehr revidieren. Der entscheidende Punkt für Decher an dieser Stelle ist, dass Platon meint, die Seelen träfen ihre jeweilige Wahl »gemäß den Gewohnheiten und Erfahrungen ihres früheren Lebens«. Damit kann sich die Seele in ihrem Wandern durch die verschiedenen Leben stetig langsam verändern. Da sie aber auch alleine ihre Lebensweise wählt, ist sie auch allein verantwortlich für ihr Tun: »Die Schuld liegt bei dem, der gewählt hat; die Götter sind schuldlos.«

Mit Schopenhauer soll dieser mythische Erklärungsversuch nun langsam in eine empirisch wissenschaftliche Hyothese transformiert werden. Von der Psychologie stark beeinflußt, war für Schopenhauer die Konstanz des Charakters im Leben offensichtlich. Er unterteilte diesen in einen »intelligiblen« und in einen »empirischen« Teil, wobei ersterer ein nicht materiel reduktionistisch verstandener, pränatal gewählter sei. Einmal ausgewählt, läßt auch dieser sich nicht mehr ändern. Der empirische Charakter wäre demnach der sichtbare Teil des menschlichen Handelns, das was wir in unserem Umgang mit anderen als dessen Charakter betiteln würden. In seiner Preisschrift über die Freiheit des Willens habe Schopenhauer, so Decher, das Bild von einem Krebs in seiner veränderlichen Schale bemüht. Die dennoch starre Formstruktur der Schale läßt Schopenhauer schließlich feststellen: »Wie einer ist, so muß er handeln.«

Die Ausdifferenzierung der beiden Sphären wurde in anderen Wissenschaften immer wieder aufgegriffen. Der Dualismus des empirischen und intelligiblen Charakters wurde je nachdem unter genetische, soziologische oder entwicklungspsychologische Prämissen gestellt. So referiert Decher auch Jean Piaget, der ein »Schichtenmodell«entwickelte, bei dem Entwicklung vorallem »Höherentwicklung « bedeute. So steigen zum Beispiel Kinder von basalen Schichten des »anschaulich[es], praktische[n] Denken[s]« zur Schicht des konkretoperationalistischen Denkens« und schließlich zur Schicht des »formal-systematischen Denkens« auf. Demgegenüber stehen strukturalistisch geprägte Ausdifferenzierungsmodelle wie »Freuds psychoanalytische Deutung«, die allerdings »nicht mehr sehr en vogue« seien. Erik H. Erikson geht dann nach Decher schon eher die richtige Richtung. In Identität und Lebenszyklus entwickelt er ein Phasenmodell, das aus zwei Grundkomponenten aufgebaut ist, der »Ich-Identität« und der »Identitätskrise«. Diese untergliedern sich wiederum in acht polare Entwicklungsschemata wie z.B. Ur-Vertrauen und Ur-Mißtrauen. Lernt das Kind in seiner frühesten Phase nicht, dass es sich bedingungslos in die Obhut der Eltern oder einer anderen Bezugsperson begeben kann, dann, so Erikson, kann es zu einer grundsätzlichen Identitätsstörung kommen.

Die Theorien der Entwicklungspsychologie lassen sich nach Decher mit einem Regisseur vergleichen. Um diesen aber nicht gänzlich ohne Drehbuch den Film des Lebens drehen zu lassen, werden ihm die Drehbuchautoren »Milieutheorie «, »Behaviorismus«, »Geschlechteridentität«, »Intelligenzforschung«, »Zwillingsforschung« und »Psycho-Biologie« zur Seite gestellt. In Persona finden wir Karl Marx, John Broadus Watson, Burrhus Frederic Skinner, Arthur Jensen, John Money, Thomas Bouchard, Hoimar von Ditfurth und ganz nebenbei Sir Bertrand Russel. Ein beachtliches Ensemble, das von Decher hier auf den letzten achtzehn Seiten aufgeboten wird. Zuviel, für achtzehn Seiten, wenngleich es bei den vorherigen knapp siebzig Seiten nicht anders war. Der interessante Einstieg entlarvt sich nämlich schon bald als ein bescheidener Überblick, mit dem nichts gewonnen wird und schon gar nicht der Entscheid über die Eingangsfrage. Zwar werden die Ergebnisse der verschiedenen Forschungsgebiete immer wieder auf die Werke Frisch‘s heruntergebrochen und in Beziehung gesetzt, aber an der Ausgangslage ändert sich nichts. Wir sind so wie wir sind und hätten auch niemals anders sein können. Mich tröstet es da nicht, dass Decher darin »etwas Tröstliches« findet. So läßt sich das Buch auf die Aussage Decher‘s reduzieren: Der Mensch habe »[n]ach vorne, also im Blick auf die Zukunft, [...] sehr wohl Wahlmöglichkeiten. Und erst im nachhinein, also beim zweiten oder x-ten Durchgang, zeigt sich, daß de facto keine andere Wahl als die, die man getroffen hat, möglich gewesen ist.«

Was soll das anderes heißen, als dass so das Schicksal in gewisser Weise zu seinem alten Recht kommt. Glaubt Decher wirklich, dass eine Wahl noch Wahl genannt werden kann, die sich im nachhinein als determinstische Konstante entpuppt? Wenn ja, was wäre dann für ihn Determinismus oder Illusion? Für mich ist Dechers Trost jedenfalls purer Determinismus in paradoxe Worten gekleidet. Zudem drückt den Leser sowieso schon das beklemmende Gefühl, dass die Begriffe Identität, Charakter und Biographie manchmal äquivok und manchmal synonym gebraucht werden. In einem Buch, in dem diese drei Begriffe zentrale Rollen einnehmen, hätte man sich über ein wenig analytische Klärung gefreut.

Die fast schon wikipedische Zusammenstellung wird auch nicht von der Dialogform aufgefangen. Denn diese ist einerseits zu gaarderistisch und andererseits durch zu viele Floskeln gespickt. Der sich im explikativen Delirium befindliche Oberlehrer erklärt seinem kleinen, von einer »Kanne Wein« zugedröhnten »Ah ich verstehe«-Schüler das menschliche Sein. Müssen Phrasen wie »zum Bleistift«: »Pustekuchen!«, »Aber sag an!«, »Komm, nun mach mal halblang!«, »Brimborium«, »Na komm, erzähl!«, »[...] als ob dir eine Laus über die Leber gelaufen wäre.« etc. wirklich sein? Müssen solche Ausdrücke wirklich sein?

Sebastian Rinas (Berlin)

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