Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2005), Heft 4


 


Hessisches Landestheater Marburg (Tasch) 7. Juli 2006
From Medea

Stück von Grazia Verasani
Deutsch von Johannes M. Höricht und Ludovica San Guedoro
Deutschsprachige Erstaufführung


Inszenierung - Ekkehard Dennewitz | Dramaturgie - Jürgen Sachs | Ausstattung - Frank Chamier (Gast)

Marga - Juliane Beier | Rina - Joanna Praml | Vincenza - Barbara Schwarz | Eloisa - Uta Eisold

 

Die letzten Worte sind gesagt, die Darstellerinnen haben die Bühne verlassen; das Publikum schweigt – nicht aus Unkenntnis über den Verlauf des Stückes, nein, „From Medea“ macht betroffen, denn ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, spricht Grazia Verasani von Dingen, die schon längst hätten gesagt werden müssen: von der Zeit quälender Selbstanalyse, nachdem vier Frauen, zu Kindsmörderinnen geworden, in einer psychiatrischen Anstalt einsitzen, fernab von der Gesellschaft, die sie zu dem hat werden lassen was sie sind: verzweifelt. Weggesperrt und doch zugleich befreit von dieser Welt mit all ihren Konventionen, Bindungen, Verpflichtungen und Vorurteilen, sehen die vier Vorgeführten zum ersten Mal auf den Grund der Tatsachen.

Eloisa (Uta Eisold)
Marga (Juliane Beier)

 

Und somit geht es eigentlich nicht um Mörderinnen, sondern um das Gefängnis der Frauen im Allgemeinen. Denn Frau sein, so die enttäuschten Worte Margas, heißt in den Augen der Familie, der Gesellschaft zuerst einmal seinen Wert zu beweisen, indem man ein Kind gebiert, natürlich einen Sohn, und dieser, als Abbild seines Erzeugers, muß auch noch geliebt werden. Muß. Wie unerträglich solch ein Zwang ist, wie unmöglich solch eine Liebe, wenn sie erbarmungslos gefordert wird, wie undenkbar, wenn die Familie versagt, Probleme ignoriert oder schönredet, und die Liebe zu den Vätern erlischt – von all diesem wird schonungslos berichtet, von Hunger nach Jugend, nach Liebe, von Männern, die Frauen benutzen ihre sexuelle Gier zu stillen und Frauen, die sich mißbrauchen lassen – weil es so üblich ist, weil die Gesellschaft es so kennt und will, und man sich ihr – aus Verzweiflung – gefügt hat.

 

Doch außer Einsamkeit und Not, Stück für Stück schließlich preisgegeben und von einem maskierten Chor ahndungsvoll kommentiert, bleibt selbst nach dieser äußersten Form des Aufbegehrens nichts anderes mehr übrig. Erleichterung – undenkbar. „Wenn du deinen Sohn umbringst, gibt es zwei Tote.“ Vincenza formuliert diese Erkenntnis in einfachsten Worten, setzt schließlich das Gesagte, das längst Empfundene in die Tat um.

Die immer schneller gehenden Gedanken der vier Frauen formulieren sich im rasanten Wechsel der Szenen. Atemlos wird erzählt, kurzatmig bisweilen, aber auf alle Fälle eingängig. 100 Minuten ohne Pause – denn die gibt es im realen Leben ja auch nicht. Und daß dies alles nur ein ewiger Kreislauf ist, läßt die zyklische Form des Stückes erahnen: Drei Insassinnen, eine Triade zerstörter Existenzen, die Triade Mutter – Jungfrau – Hure, erwartet die Ankunft einer „Neuen“, so beginnt „From Medea“, so endet sie.

Vincenza (Barbara Schwarz)
Rina (Johanna-Maria Praml)

 

Alles ist nur eine Variation einer alten Geschichte also. Alle Leiden, die Marga (Juliane Beier), Rina (Joanna-Maria Praml), Vincenza (Barbara Schwarz) und Eloisa (Uta Eisold) durchmachen, werden sich wiederholen. Jede(r) kann und wird ersetzt werden, jederzeit.

Beeindruckend nicht nur die Geschichte an sich, auch das Bühnenbild nimmt den Zuschauer für sich ein: eine Einführung in das Geschehen mittels einer Filmsequenz, dann, für den Rest der Vorstellung, ein karges Vierbettzimmer hinter Gittern. Vor allem aber sind es die Darstellerinnen, die einander überbieten, aufgegangen in ihren Rollen.

Ein Abend, den man nicht so schnell – und so leicht – vergessen wird.

Tanja von Werner

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