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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 5
Jan Philipp Reemtsma: Über Arno Schmidt. Vermessungen eines poetischen Terrains. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006. 293 S., ISBN 3-518-41762-2, 22,80 €
Wer immer es wissen wollte, der hat es auch wissen können: einen Mangel an Beweisen dafür, daß Jan Philipp Reemtsma ein außerordentlich genauer und engagierter Leser ist, hat schließlich nie bestanden. Daß er an der Universität Hamburg Literaturwissenschaft lehrt, ist dabei noch das geringste, was sich ins Feld führen ließe – wer lehrt nicht alles an deutschen Universitäten? Gewichtiger waren seit je seine einschlägigen Buchveröffentlichungen, vor allem zu Wieland: Das Buch vom Ich nannte er, sicher nicht zufällig, seine 1993 vorgelegte Studie über dessen großen Briefroman Aristipp und einige seiner Zeitgenossen, der 1999 mit Der Liebe Maskentanz eine Sammlung von Beiträgen zu diesem noch immer unbekanntesten Vertreter dessen folgte, was meist so obenhin als Weimarer Klassik durchgeht. Und daß Wieland wenig gelesen wird, liegt an Reemtsma sicher auch zuletzt, hat er doch 1986 den Reprint der großen Ausgabe des Verlegers Göschen angeregt und betrieben, die in Ermangelung einer neuen vollständigeren, gar kommentierten Edition noch immer unverzichtbar bleibt.

Daß Reemtsma 1981 die Arno Schmidt Stiftung gründete, die seither in ebenso einzigartiger wie erfolgreicher Weise für die Sicherung, Herausgabe und Verbreitung von Werk und Nachlaß Schmidts sorgt, ist jedem interessierten Leser geläufig. (Wer’s ebenso einfühlsam wie überwältigend präsentiert bekommen mochte, brauchte sich bloß bis Ende August die grandiose Ausstellung Arno Schmidt? – Allerdings! im Deutschen Literaturarchiv zu Marbach am Neckar ansehen.) Und wer Reemtsma bei einer seiner zahlreichen Lesungen, sei es gemeinsam mit anderen vor Publikum, sei es allein auf Tonträgern, zu hören Gelegenheit hatte, wird sich kaum wundern, daß der Suhrkamp Verlag, der Schmidts Werk mittlerweile vertreibt, jetzt einen Band Über Arno Schmidt mit einer Reihe kleinerer Aufsätze und Beiträge Reemtsmas zu Leben und Werk des Autors vorlegt. Er sammelt zuvor verstreut Publiziertes, das nur hartgesottene Leser Schmidts ohnehin schon auf ihren Bücherborden finden dürften, Nach- wie Vorworte, Aufsätze und Vorträge, ergänzt um einen erstmals gedruckten „möglichen Arno-Schmidt-Monolog,“ eine Zitatmontage, die den Autor durch sein Werk vorstellt, ganz in der Art wie er selbst in seinen Rundfunkdialogen „vergessene Kollegen“ präsentiert hat.
Und wer sich immer gefragt hat, wie kommt eigentlich jemand wie Reemtsma zu gerade diesem Autor, dem gibt ein unaufdringlich persönlicher Text, Statt einer Einleitung, die verblüffend einfache Antwort: aus Trotz; und durch das Lesen einer einfühlsamen Rezension. (Sie glauben gar nicht, lieber Leser, wie man sich als Rezensent da gleich angespornt fühlt!) Denn die erste Lektüre eines ersten Buchs von Schmidt mit 16 blieb zunächst folgenlos, „es schmeckte nicht nach mehr.“ Rolf Vollmanns Besprechung von Abend mit Goldrand in der Zeit vom 14. 5. 1976 aber führte dann in Kombination mit dem Erwerb eines Exemplars zu herabgesetztem Preis (da vom Großhändler beim Transport beschädigt) zur Lektüre: „Das Buch machte mir Mühe. Es war das Faksimile des Typoskripts des Autors. Es bestand aus Gesprächen, die wie in einem Theaterstück notiert waren (die ‚Handlung‘ wie Regieanweisung zwischen die Gesprächspartien gesetzt). Manchmal standen zwei, gar drei Textkolumnen nebeneinander. Es waren Zeitungsausschnitte in den Text geklebt. Und dabei klangen die Textpassagen, in die ich mich vertiefte und in denen ich mich verlor, buchstäblich unerhört. Das Buch machte mir zuviel Mühe, es verschloß sich mir, und das machte mich trotzig. Ich wollte das nicht hinnehmen und nahm mir vor, so lange andere Bücher dieses Autors zu lesen, bis sich dieser vertrackte Abend mit Goldrand mir öffnen würde. [...] Ich sortierte mir die Bücher und fing an, sie in ungefähr chronologischer Reihenfolge zu lesen. Leviathan oder die beste der Welten – da war ich noch skeptisch. Brand’s Haide, Schwarze Spiegel – da stand außer Frage: Solche Prosa hatte ich nie zuvor gelesen. Und solche Prosa habe ich, außer in anderen Werken Arno Schmidts, nie mehr gelesen. [...] Die nächsten Monate las ich nur noch Arno Schmidt. So lange, bis nur noch Abend mit Goldrand übrig war. Ich nahm ihn in die Ferien mit. Man kann Bücher leider nur einmal zum ersten Mal lesen. Die großen Autoren entschädigen für diese traurige Einmaligkeit dadurch, daß ihre Bücher bei der zweiten und dritten Lektüre sich erst wirklich entfalten.“ – Das Unverständliche ist der beste Lehrmeister, so ließe sich eine Einsicht Friedrich Schlegels als Maxime formulieren. Sie sollte sich eine Pädagogik hinter die Ohren schreiben, die ihre Schüler durch permanente Niveauabsenkung für die Sache zu gewinnen und bei der Stange zu halten hofft, und die sich darüber wundert, fortwährend mehr Nichtleser und Analphabeten zu produzieren.
In welchem Maße liebevolles, genaues Lesen die Voraussetzung dafür bildet, auch scheinbar randständigen Texten als Leser gerecht zu werden, zeigt beispielhaft Reemtsmas Nachwort zu Arno Schmidts Dichtergesprächen in Elysium, jener nicht zur Publikation vorgesehenen Sammlung von Dialogen in der Nachfolge etwa Lukians und Wielands, deren Handschrift Schmidt seiner Frau 1940 zu Weihnachten schenkte. Denn was einem zunächst als jugendlich-überschwengliche Selbststilisierung und -plazierung inmitten poetischer Geistesgrößen der Vergangenheit erscheint, das liest Reemtsma als Fingerübung und zugleich verwandelnde Aneignung der Tradition, deren Spuren sich im gesamten späteren publizierten Œuvre finden. Der Text wird ihm zur „Programmschrift geradezu, die nur bei Kenntnis des späteren Werkes sich wirklich enthüllt und deren Lektüre durchaus unheimlich ist.“ Ein anderes Beispiel ist das Nachwort zu Alice Schmidts Tagebuch des Jahres 1954: Der unvergleichliche Takt, mit dem Reemtsma hier die Veröffentlichung eines persönlichen, in mancher Hinsicht sogar intimen Dokuments begründet und zugleich seiner Verfasserin tiefe Achtung bezeugt, setzt Maßstäbe für den Umgang mit so persönlichem Material, dessen Zugänglichkeit für jeden Leser schließlich einen noch weit größeren Glücksfall darstellt als ohnehin schon die Tatsache, daß es überhaupt existiert.
Scheint Reemtsmas Buch zunächst auch eine gewisse, grundsätzliche Vertrautheit mit Arno Schmidts Leben und Werk vorauszusetzen, so stellt sich nach und nach heraus, daß es auch dem unbeleckten Leser etwas entscheidendes zu bieten hat: Wer sich nämlich auf derart einfühlsame Rechenschaftsberichte eines engagierten Lesers einläßt, der kann sich der schleichenden, aber umso nachhaltigeren Aufforderung zu eigener Lektüre selber nicht lang entziehen; dem erschließt Reemtsma mit Arno Schmidt eine der großen kritisch begleitenden Stimmen zur Geschichte der Bundesrepublik.
Rolf Bulang, Marburg
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