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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 5
Wahrscheinlich ist Der Sturm Shakespeares letztes Stück, 1610 oder 1611 geschrieben, 1611 am Hof des Königs Jakob I. anlässlich der Hochzeit der Prinzessin Elisabeth aufgeführt. Am Stadttheater Gießen hatte das Stück jetzt unter der Regie von Thomas Goritzki Premiere. Bühnenbild und Kostüme stammen von Monika Gora.
Der Sturm ist in vielerlei Hinsicht ein eigenartiges Stück. Mit den Motiven der Trennung und Wiedervereinigung, der Verbannung und Heimkehr, der Rache und Vergebung, des Verrats und der Versöhnung, der zufälligen Begegnung zweier junger Menschen, der märchenhaften Handlung voller Magie, übernatürlicher Kräfte und Zauberei, voller Ränkespiele, trunkenboldhafter Auftritte, aber auch voller weiser Reden und Utopien kann das Stück noch am ehesten mit einer „romantischen Komödie“ verglichen werden. – Prospero, der rechtmäßige Fürst von Mailand, wurde vor zwölf Jahren von seinem Bruder Antonio und Alonso, dem König von Neapel, gewaltsam in die Verbannung geschickt. Er lebt seit dieser Zeit mit seiner Tochter Miranda und seinen Büchern, aus denen er Zauberkräfte schöpft, auf einer Insel. Mit Hilfe des Luftgeistes Ariel, der ihm zu Diensten ist, hat er – und damit beginnt das Stück – das Schiff mit seinen Feinden, das in die Nähe der Insel geriet, zum Kentern gebracht; die Seeleute sind auf der Insel verstreut. Er hat bald Gelegenheit, sich an Antonio und Alonso für Unrecht und Schmach zu rächen.

Die Handlung des Stücks kreist um Prosperos Vergeltungsgedanken, aber auch um die Schiffbrüchigen, die zwar aus dem Sturm gerettet sind, unter denen sich aber Neid und Missgunst breit machen: Antonio und Sebastian, Alonsos Bruder, planen heimlich, Alonso umzubringen, um selbst in Neapel an die Macht zu gelangen. Und sie kreist um Ferdinand, den Sohn des Neapler Königs, und Miranda, die sich – Prospero beobachtet es nicht ungern – ineinander verlieben und von Ariel in einer symbolischen Zeremonie zu Mann und Frau gemacht werden. Dazwischen gibt es die für Shakespeare-Stücke oft typischen rüpelhaften Sauf- und Spottszenen, in denen ein weiterer Inselbewohner eifrig mittut: Caliban, Sohn einer Hexe, die ehemals über die Insel herrschte, dann aber von Prospero vertrieben wurde. Caliban wird von Prospero als ein Sklaven-Diener gehalten und verflucht deshalb seinen Herrn.
Am Ende des Stücks, als Ariel die Schiffbrüchigen in einen Bann geschlagen hat, könnte Prospero seine Raschegelüste befriedigen. In ihm siegt aber der Vergebungsgedanke. Er wird als Fürst nach Mailand zurückkehren und Miranda wird die Frau des künftigen Königs von Neapel. Ariel ist wieder ein freier Geist. Und selbst Caliban bereut sein abscheuliches Verhalten. – Das Stück endet mit einem heiteren Epilog, in dem sich Prospero ganz der Freundlichkeit des Publikums anvertraut: „But release me from my bands / With the help of your good hands.“
Thomas Goritzki und Monika Gora lassen dieses wundersame Spiel auf einer leeren Bühne ablaufen, die im hinteren Bereich in schwarze Wände übergeht, die mit weißen Flecken wie mit Sternen übersät sind. Der helle Bühnenboden bildet dazu einen auffälligen Kontrast. Die Figuren sind ganz heutig gekleidet: die Schiffbrüchigen stecken in smarten grau-blauen Bankeranzügen, Miranda trägt ein einfaches Sommerkleid. Prospero sieht in seinem beigen Freizeitanzug und mit seinen langen grauen ins Gesicht hineinhängenden Haaren wie ein Hippie verflossener Jahrzehnte aus. Der Prinz allerdings könnte mit Wams und weißem Hemd einem Märchenbuch entsprungen sein, so wie auch Ariel, mephistoähnlich in schwarzem Frack und mit bloßen Füßen, und der mit Sackleinen bedeckte „Schlechtling“ Caliban. Eine etwas bunte Mischung an Figuren, die sich da auf der Shakespeare-Insel im Großen Haus des Gießener Theaters versammelt, nicht unpassend zum Stück und durchaus phantasieanregend.

Regisseur Thomas Goritzki lässt seine Inszenierung wahrhaft „sturm“gerecht beginnen. Wenn sich der Vorhang hebt, schwebt ein Riesenpendel, an dem ein Schiff befestigt ist, einig Male bedrohlich über die Bühne, und dann bricht das Sturmgeheul los: Aus dem Hintergrund laufen die Spieler mit angstvollem Geschrei bis zur vorderen Bühnenkante und ziehen dabei ein weißes Tuch über die Bühne, mit dem sie den Wellengang, in dem das Schiff der Neapolitaner und Mailänder kentert, nachahmen. Als sich das chaotische Getöse legt und die Nebelwolken den Blick freigeben, erkennt der Zuschauer Prospero (Christian Fries) und Miranda (Rike Schäffer), die sich ängstlich an sein Knie klammert; und Prospero erzählt von seiner langen Leidensgeschichte.
Nicht alle Szenen, die folgen, haben die Intensität und suggestive Wirkung dieser Eröffnungsszene, am ehesten noch die geheimnisvollen Szenen mit Ariel (Kyra Lippler) und die Liebesszenen zwischen Ferdinand (Sebastian Songin) und Miranda. Ihnen beiden gelingt es, ihre Liebe als heitere „romance“ darzustellen, die in ihrer psychologiefernen und alle politischen und menschlichen Widrigkeiten überwindenden Selbstverständlichkeit etwas Anrührend-Unwirkliches und – durch den jammernden Unterton – auch Komisches hat: Seufzt Ferdinand, weil er Sehnsucht nach Miranda fühlt oder weil er auf Prosperos Geheiß hin schwere Bretter über die Bühne schleppen muss? Und wenn beide auf einem grünen Brett, schachspielend, in die Bühnenmitte gezogen werden, dann hat das einen Anflug heiterer Entrücktheit und Weltenferne.
Im Programmheft kann der Besucher in einem Text von Peter Brook den Satz lesen: „Wenn wir jedoch erkennen, dass nichts in dem Stück ist, was es scheint, dass es sich auf einer Insel abspielt und nicht auf einer Insel, im Laufe eines Tages und nicht eines Tages abspielt[…], dass die entzückende Pastorale für Kinder natürlich auch die Vergewaltigung enthüllt, zudem Mord, Verschwörung und Gewalt; wenn wir anfangen die Themen auszugraben, die Shakespeare so sorgfältig verbuddelt hat, dann sehen wir, dass das [Stück] sein vollständiges, abschließendes Bekenntnis ist, und dass es sich mit dem menschlichen Zustand in seiner Gesamtheit beschäftigt.“. Die Ariel- und die Liebesszenen werden dieser eigentümlichen Leichtigkeit, ja „Bodenlosigkeit“ des Stücks, seiner Uneindeutigkeit und diesem Schwebezustand zwischen Wirklichkeit und Unwirklichkeit noch am ehesten gerecht.

Nicht ganz so überzeugend sind dem Regisseur die Trunkenbold-Auftritte gelungen. Dass die etwas langatmig geraten sind, liegt nicht an den Schauspielern (Markus Rührer, Karsten Morschett und Manuel Struffolino), sondern an dem Übergewicht, das diese derben Szenen im Spiel gewinnen. Sie drängen das Leichte, Zauberhafte, Uneindeutige, aber auch unterschwellig Aggressive in den Figuren an den Rand der Bühnenhandlung und stellen insgesamt zu stark das Zotige, Anrüchige, im wahren Sinn des Wortes Schmutzige in den Vordergrund. – Es ist auch zu fragen, ob es eine richtige Entscheidung war, die derben Figuren wie die bösen Verschwörer von Antonio und Sebastian verkörpern zu lassen. Mit gutem Grund, so scheint es, hat Shakespeare für die rüden Szenen den Diener Stephano und den Spaßmacher Trinculo vorgesehen. Antonios und Sebastians Gier nach Macht, auch einen Mord in Kauf nehmend, wird in Goritzkis Interpretation doch eher zu einem Saufgelagespiel. – Und – so muss man in diesem Zusammenhang fragen – gibt die Übersetzung von Hermann Motschach eigentlich neben dem Deftigen auch dem Poetischen genügend Raum und Gewicht? Oder überwiegt in seiner Eindeutschung nicht ein salopper, unernster Ton, der sprachliche Differenzierungen und poetische Nuancierungen gar nicht erst zulässt?
Am Ende der Aufführung zeigt Regisseur Goritzki noch einmal die Stärken seiner inszenatorischen Möglichkeiten. Kaum hat Prospero seine Vergebungsaktion – man muss fast sagen – hinter sich gebracht, kaum ist er wieder Fürst von Mailand, wenn auch noch auf der Insel, gebärdet er sich auch schon wie einer, den man eher ungern zum Herrscher eines Staates oder einer Stadt hätte. Die Inselidylle – das wird überdeutlich – ist vorbei. Draußen in der rauhen Wirklichkeit der Könige und Fürsten geht es gewaltsamer zu. Und wie zum Beweis zieht Prospero aus seiner Manteltasche – längst hat er seinen „Freizeitanzug“ mit dem schwarzen Ledermantel der Regierenden und Mächtigen vertauscht – eine Pistole und hält sie kurz, aber triumphierend in die Luft. Da passt dann auch dazu, dass er sein Gesicht demonstrativ mit schwarzer Farbe – ein Indianderspiel mit Kriegsbemalung ist das allerdings nicht mehr – einstreicht. Der schlimme Antonio ist vom Thron, den er sich unrechtmäßig angeeignet hat, gestoßen worden; doch wer folgt ihm nach? – Der Sturm ist ein Stück über Hass und Liebe und über Zauberei. Es wird durch Goritzkis Interpretation des Schlusses auch ein Stück über Macht, die Furcht einflößt.
Herbert Fuchs
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