Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 5


 

schauspielfrankfurt

Die Jungfrau von Orleans
Eine romantische Tragödie von Friedrich Schiller

Premiere: 15. September 2006

Schillers Jungfrau von Orleans (1801) wird immer wieder kontrovers gedeutet und diskutiert. Die Stilisierung der historischen Johanna-Gestalt ins Übernatürliche und ihre Bestimmung durch den göttlichen Auftrag werden betont, aber auch ihr heroisches Sendebewusstsein und ihr Selbstbewusstsein. Von der Erfahrung von Geschichte, von Ethik und Moral und den vom Menschen selbst verursachten Kriegsgräueln und Blutvergießen ist die Rede. Und immer wieder werden Schillers religiös-heldisch-pathetische Sprache und die Theaterwirksamkeit des Stücks hervorgehoben. – An dem letzteren könnte man, wenn man die Spielpläne deutscher Bühnen anschaut, Zweifel haben. Die Jungfrau von Orleans wird natürlich nach wie vor gespielt, ist vor allem im Schillerjahr 2005 häufig aufgeführt worden, aber zum klassischen Standardrepertoire einer größeren Bühne gehört das Stück – anders als Lessings Emilia Galotti oder Schillers Kabale und Liebe – nicht mehr ohne weiteres.

Regisseurin der Neuinszenierung am Frankfurter Schauspiel ist Simone Blattner, die nach Regiearbeiten am Bayerischen Staatsschauspiel und Dresden seit mehreren Jahren in Frankfurt arbeitet und dort ab dieser Spielzeit Hausregisseurin ist. – Blattner lässt Schillers Stück auf einer ansteigenden verschiebbaren Rampe spielen, die einen Großteil des sonst leeren, schwarz behängten Bühnenraums – die Bühne wurde von Natascha von Steiger eingerichtet – ausfüllt. Das Spiel präsentiert sich wie auf einer Ausstellungsfläche, steht den Zuschauern gegenüber, drängt sich ihnen auf, will sie nicht unberührt lassen.

Dass die Zuschauer von diesem eigenartigen Schillerstück gepackt werden, ist auch der Entscheidung der Regisseurin zu verdanken, das Stück ganz auf die Figur der Johanna hin zu inszenieren und die Hauptfigur mit der Schauspielerin Susanne Buchenberger zu besetzen. – Susanne Buchenberger, 1970 in Karlsruhe geboren, ist bereits seit der Spielzeit 2001 / 2002 festes Ensemblemitglied in Frankfurt. Sie verkörpert in beeindruckender Weise das Religiös-Naive und Religiös-Pathetische der Schiller-Heldin. Sie ist das einfache Bauernmädchen – der langen Zöpfe hätte es, um das zu betonen, nicht bedurft –, das staunend, nie zweifelnd, ganz selbstverständlich ihre göttliche Sendung akzeptiert: Die Mutter Maria erscheint ihr und verlangt von ihr, der irdischen Liebe abzuschwören, die Truppen Frankreichs gegen das englische Besatzungsheer anzuführen und den König, Karl VII., nach Reims zur Krönung zu führen.

Schon ihr erster Auftritt zeigt ihre Ergebenheit in Göttlich-Überirdisches. Von hinten nähert sie sich der Schar der Bauern, die bedrückt und sorgenvoll über die Besetzung Frankreichs sprechen, und ergreift den Kettenhelm, den einer hält, streift sich ihn über ihr langes Haar und ist, als sei das kein Gegensatz, das einfache Mädchen Johanna und die Heeresanführerin, die Jungfrau von Orleans, gleichzeitig: „Ein Zeichen hat der Himmel mir verheißen, / Er sendet mir den Helm, er kommt von ihm, / Mit Götterkraft berühret mich sein Eisen, / Und mich durchflammt der Mut der Cherubim, / […]“.

Die Selbstverständlichkeit, mit der Susanne Buchenberger die beiden Rollen, das Religiös-Eifernde, Selbstbewusste und vom göttlichen Auftrag Erfüllte wie das Einfach-Naive, darstellt und Simone Blattners Entscheidung, das in den Mittelpunkt der Inszenierung zu rücken und diesen eigentlich in sich widersprüchlichen Doppelcharakter der Johanna in allen Szenen das Bühnengeschehen bestimmen zu lassen, machen die Spannung der Inszenierung aus. Gerade weil Blattner sich dafür entschieden hat, die Naivität der Johanna zusammen mit ihrem göttlichen Auftrag als „natürliche“ Gegebenheit zu zeigen - nichts davon zu ironisieren oder irgendwie „klein“ zu machen, ins Groteske etwa zu verzerren - sondern ins Zentrum der Aufführung zu rücken, werden mit einem Schlag die Brisanz und Heutigkeit des Stücks deutlich. So also – das zeigt Blattners Inszenierung – funktioniert die „heilig-unheilige“ Allianz zwischen Religion und Krieg, zwischen göttlicher Botschaft und dem Niederschlagen und Niedermetzeln von Gegnern auf den Schlachtfeldern, zwischen naiver Gottesfurcht und kühner Kriegsheerführung, so einfach – nur der (richtige) Glaube muss als Triebfeder vorhanden sein – werden aus Niederlagen Siege, legitimieren sich Kriege, wird aus einem geschlagenen König von Frankreich ein Triumphator, so einfach und selbstverständlich lassen sich Gott und Religion für Staat und Kriegspolitik missbrauchen und so einfach und selbstverständlich werden die Besetzer, die übrigens denselben Gott wie Johanna und das Heer Karls des Siebten anrufen, zu teuflischen Feinden.

Die Inszenierung tut viel, damit sich diese auf eine unauflösliche Paradoxie hinauslaufende Wirkung, ohne dass sie dem Stück übergestülpt würde, wie von selbst einstellt, der Aufführung ein Zentrum gibt, aus dem sich die Einzelszenen zu einer Leitidee formieren. Im Gedächtnis bleibt das Bild des Riesenkreuzes, das halb drohend, halb wie zum Beweis der göttlichen Macht im Bunde mit Frankreich vom König und den Seinen in den Bühnenhimmel emporgehoben wird, als Johanna von ihrem Vater am Hof als Teuflin verschrien und von den anderen schnell verraten und fallen gelassen wird. – Da ist die Szene, in der die gottgesandte Jungfrau den Engländer Montgomery (Sebastian Schindegger), der geschlagen um Verschonung fleht, eben im Namen dieses Kreuzes tötet und damit wiederum Frankreich, so als sei gerade all das gottgefällig, dem Sieg näher bringt: „[…] ich muss – mich treibt die Götterstimme, nicht / Eignes Gelüsten, – euch zu bitterm Harm, mir nicht / Zur Freude, ein Gespenst des Schreckens würgend gehen, / den Tod verbreiten und sein Opfer sein zuletzt!“ Und da ist die Schlussszene, die Blattner, innerhalb ihres Regiekonzepts konsequent, nicht abmildert oder weglässt, sondern ausspielen lässt: Die tödlich verwundete Johanna ist in ihren letzten Worten schon nicht mehr auf der Erde, so scheint es, gehört bereits zum Himmelreich: „Der schwere Panzer wird zum Flügelkleide. / Hinauf – hinauf – Die Erde flieht zurück – / Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!“ Als Schlussbild bleibt auf der Rampe, wie zur nachträglichen Legitimierung all des blutigen Kriegsgetümmels, das sich dort abgespielt hat, die göttliche Fahne – „Von meinem Meister ward sie mir vertraut“ –, die Johanna von Sieg zu Sieg geführt hat, liegen und macht – eine absurd-groteske Wirkung! – aus der Schlachtfeldbühne einen fast religiösen Raum.

Der unterschwellig religiös-kultische Charakter des Stücks bekommt zusätzliches Gewicht durch einen Stimmenchor, der verteilt über den gesamten Zuhörerraum aus dem Publikum heraus agiert. Vier-, fünfmal oder häufiger erhebt sich ein leises Summen, das in die Handlung etwas Mysteriöses, Überweltliches, Religiös-Kultisches hineinträgt und in eigenartigem Widerspruch zu den blutrünstigen Worten und Mordtaten und dem Sterben auf der Bühne steht. Der Höhepunkt ist eine Art moderner gregorianischer Gesang am Ende des Stücks, für die Inszenierung eigens von Christopher Brandt komponiert, der in seiner Einfachheit und seinem Ernst das leicht Kitschig-allzu Harmonische des Endes erträglich macht.

Blattner gerät nicht in die Versuchung, die von Schiller intendierte Ernsthaftigkeit seiner „romantischen Tragödie“ durch karikierende Figurenzeichnungen in der Umgebung von Johanna aufzuweichen oder in Frage zu stellen. Es läge vielleicht nahe, Figuren wie den König (Joachim Nimtz) oder den Herzog von Burgund (Oliver Kraushaar) oder die Furie Königin Isabeau, die Mutter des Dauphin, (etwas zu krass: Cornelia Kempers) oder etwa den Erzbischof von Reims (Moritz Peters) oder Figuren aus Johannas Heimatdorf marionettenhaft und überzeichnet anzulegen und damit ein kritisches Moment in die Inszenierung hineinzutragen. Aber gerade das hätte die Paradoxien und Widersprüche in und hinter den Worten und Aktionen auf der Bühne geschmälert. Die Ernsthaftigkeit aller Figuren und aller Handlungselemente verstärkt die Absurditäten der Handlung, nämlich des Tötens im Namen Gottes.

Die Widersprüchlichkeit von Gottesgefolgschaft und Kriegeführen, die Schiller den Zuschauern in einer Inszenierung wie der von Simone Blattner zumutet, wird durch die Johanna-Lionel-Handlung auf die Spitze getrieben. Johanna wird, als sie dem wehrlosen und schon geschlagenen Lionel (Benjamin Höppner) in die Augen blickt, von Liebe zu ihm ergriffen und verschont ihn. Blattner lässt diese Begebenheit noch eher beiläufig spielen, macht aber die darauf folgende Szene, in der Johanna in einem langen Monolog sich selbst des Verrats an ihrer göttlichen Sendung anklagt und bedauert, Lionel je begegnet zu sein, zu einer zentralen Szene der Inszenierung. Verse wie die folgenden mit ihrem grotesken Gottesglauben geben dem naiv-siegessicheren Bauernmädchen Johanna etwas Unheimliches: „Unglückliche! Ein blindes Werkzeug fodert Gott, / Mit blinden Augen musstest du´s vollbringen! / Sobald du sahst, verließ dich Gottes Schild, / Ergriffen dich der Hölle Schlingen!“ Religiosität pervertiert zu unbefragter, vernunftwidriger Gotteshörigkeit. Gerade Liebe, die den Krieg vielleicht überwinden könnte, versteht Johanna als Verrat an ihrer göttlichen Sendung. – Susanne Buchenberger macht in dem Monolog die Verzweiflung der Johanna über ihre Liebe und ihre allein auf Krieg angelegte Gottesgefolgschaft deutlich.

Die Jungfrau von Orleans ist das erste Stück, mit dem das Frankfurter Schauspiel die neue Spielzeit eröffnet, deren Motto „Selig sind die Armen im Geiste – Wo bleibt das Himmelreich?“ lautet. Die Intendantin des schauspielfrankfurt, Elisabeth Schweeger, erläuterte in einem Interview (FAZ, 11. 9. 2006) das Skurril-Biblische des Mottos mit dem Hinweis auf den drohenden Verlust von kulturellen Werten in der heutigen Zeit: „Wir gehen am Theater auch mit kulturellen Traditionen um, und wenn sie nicht mehr gefragt sind, haben wir ein Problem. Die Moderne lässt sich nur verstehen aufgrund einer gelebten Tradition. Die Moderne ist nicht plötzlich da, die kommt aus einer langen Geschichte und knüpft daran an. Deswegen kann man die Tradition nicht ausblenden, man darf sie nur nicht ins museale Eck schieben.“

Blattners Johanna von Orleans-Inszenierung provoziert Fragen, die den Blick auf religiös-kulturelle Traditionen und unsere Gegenwart gleichermaßen lenken. „Was passiert mit bestimmten religiösen Bedürfnissen? Wie werden sie von machtpolitischen Zwängen benutzt und eingesetzt?“ (Elisabeth Schweeger) Der programmatische Kontext, in den das Spielzeit-Motto die Inszenierung von Simone Blattner stellt, gibt der Aufführung zusätzliches Gewicht und Brisanz.

Herbert Fuchs

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