Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 5


 

Ulrich Horstmann

HOFFNUNGSTRÄGER

Späte Aphorismen und ein Entlassungspapier
aus dem Dreißigjährigen Krieg

Auszüge II

(Vorabdruck aus dem im September 2006 in der "Bibliothek des skeptischen Denkens" des Hoof Verlages erscheinenden Band)

 

 

Wir vergegenwärtigen uns: Auch der Urzeit schlägt die Stunde.

Nebenbei wird der Okkasionalismus bewiesen, denn was könnte unvereinbarer sein als Urlaubs- und Arbeitswelt. Und doch verzahnen sie sich hier jede Minute, und die Maschinisten des Massentourismus wieseln zwischen den Müßiggängern umher, bedienen, säubern, gärtnern, chauffieren – Morlocks, die auf vornehme Blässe und vollständige Garderobe Wert legen und herauflachen aus ihrem Umkleideraum neben der Filteranlage unter dem Pool. Alles spielt eben doch zusammen, hören die Zwei-Wochen-Eloi heraus, wie Palmwedel und Südwestpassat

Kunst heißt Friedensschluß, gab er noch fernmündlich zu verstehen, als ihre Truppen schon alles überrannten.

Die Außerirdischen sind seid Menschengedenken unter uns. Der Volksmund nennt sie nur nicht so. Er sagt Künstler zu den Unverwandten.

Totenmasken in Kassel. Zerdetschte wie Friedrich Nietzsche, physiognomisch Verfeinerte wie Heiner Müller, bis zum letzten Atemzug Gefolterte wie Ernst Bloch, Prinzipienreiter der Hoffnung, oder im Stillen Amüsierte wie Karl Kraus lassen etwas vom Gesichtsfeld des Ablebens ahnen, dem wir trotzdem alle noch Eindruck machen müssen.

Niedergeschlagen schwimmen die schwarzen Wolken im Teich und lösen sich für den Nähertretenden in Hunderte und Aberhunderte von Kaulquappen auf. Bei diesem versommerten Frühjahr und Froschkönigswetter haben die Tiere praktisch keine Verluste hinnehmen müssen; vielleicht verlustieren sie sich deshalb schon am Sinnbildlichen.

Was heißt hier anspruchsvolle Literatur. Heute steht und fällt ein Verlag mit ihren Vertreibern.

Nicht auszudenken – das Gütesiegel der Meisterwerke.

Gefällig. Kübelweise Lebensgeschichten. Nichts entleert eben so wie das Massenmediale.

Was bliebe übrig, wenn sich eine Galaxie erdete, eine Milchstraße auf irdisches Maß herunterkäme? Das Satellitenbild eines Wirbelsturms?

Fraglos wäre eine heile Welt ungekünstelt. Aber hieße dies, wie eine kluge Mitarbeiterin vermutet, zugleich, daß sie der Fähigkeit, Kunst hervorzubringen, verlustig gegangen sein müßte? Sondert also nur die permanente Misere das Wundsekret des Schönen ab? Ist, was wir für beseelten Marmor halten, Schorf und Borke?

Die Arroganz war ein blendender Panzer, doch der Rostfraß der Jahre hat mich entrüstet.

Hintergangen. Wenn wir zur unverschämtesten Lüge so weit auf Distanz gehen, bis schließlich das gekrümmte All der Tatsachen ganz durchmessen ist und wir ihr erneut, nur eben rücksichtsvoll begegnen – heißt sie dann nicht Ideal?

Er hat sein Menschenmöglichstes getan – das ist die übelste Nachrede in unserem Metier. Denn mag die Ästhetik auch zuletzt in Maximen und Postulaten gipfeln, die Kunst beginnt immer mit der Überforderung.

Wieviel Anschläge? Inzwischen eine rein terroristische Frage.

Deutsche Rechtschreibreform: eine Absahne der Schulbuch- und Lexikonverlage, die nicht von ungefähr die Unterscheidung eines hoch gelobten Buches von einem hochgelobten wegreglementieren möchten

Das Kleinkarierte, Vermessene der Welt – nur erträglich durch die Vermessenheit der Artisten.

Ausgepumptheit, schwere Erschöpfungszustände, Verausgabung, Burnout-Syndrom? Klingt verdächtig nach erfülltem Leben.

Die Dichtung, höre ich aus berufenem Munde, die Dichtung muß ausgehalten werden.

Wenn Melancholie Trübsinn wäre, warum sind dann im blendenden Sonnenschein die Sterne vom Brunnengrund zum Greifen nah?

Nach Geschäftsschluß vor dem Schaufenster der Buchhandlung verharrend und im Inneren den Tisch mit den Frankfurterbuchmessenneuerscheinungen musternd, deren Titel aus dieser Entfernung gar nicht mehr auszumachen sind, entdecke ich noch ein gutes Stück dahinter am Ende des Verkaufsraums in einem eher unabsichtlich an der einzig richtigen Stelle plazierten Spiegel einen Ladenhüter im offenen Staubmantel. Über die Stapel hinweg nehme ich Blickkontakt auf; mir ist, als sei in dieser Sekunde etwas Chronisches und Zehrendes auf Nimmerwiedersehen ausgestanden.

Glücksfall ist die Kunst und Glücksfalle, in der es sich das Genick bricht, wie denn auch umgekehrt le bonheur weiß, was die Stunde geschlagen hat, und kein Pardon gibt.

Die Verzweiflung ist sozial und für jedermann zu haben. Das schmerzliche Lächeln der Melancholie dagegen besteht auf einer Kreditkartennummer.

Vielleicht erklärt sich meine Seelenverwandtschaft mit den Mauerseglern dadurch, daß ich – zusammengerechnet – auch nicht mehr als drei Monate im Jahr da bin.

Diese Ausstrahlung! Jeden Moment, sah man ihm an, mußte die Filmmusik einsetzen.

Ein Heidelberger Theologe erklärt auf einem Symposion ex cathedra, daß Gott siebt. Ob ihm da angesichts des mühelos vernehmenden, verzeihenden und verstoßenden, des alles verheißenden Herrn nicht selbst eine Silbe durch die Lappen gegangen ist?

Das Böse ist metadiskursiv, will sagen, es läßt sich wohl besprechen, aber nicht besprechen. Wer darüber redet, redet schon darüber hinweg. Selbst wortgewaltig ist es nicht zu bannen, nicht in den (Be-)Griff zu kriegen. Gegen das Böse kann man nur angehen, nicht anzüngeln.

Tiere bringen es eben noch bis zur Bösartigkeit. Das Boshafte stellt sich auf die Hinterbeine.

Es soll schon Literaturwissenschaftler geben, die sich in aller Öffentlichkeit für die Literatur stark machen. Purste Avantgarde! Wann wohl die Physiker aufwachen und sich die ersten Lobbyisten für den Erhalt der Schwerkraft in Abgeordnetenvorzimmern den Hintern breitsitzen?

In einem Seminar zum Thema Luftkrieg fällt die Formulierung von der "nach unten offenen Richterskala des Menschlichen". Erst kommt sie einem nur pfiffig vor, dann zündet's: Volltreffer.

Größe ist gar nicht so wählerisch. Selbst Kleingeister, die sich für Kleingeister halten, können sie beanspruchen.

Wo sich der Egoismus hochwirtschaftet, wird er selbstlos.

Ecclesia militans. Herrlich, dieses Gottvertrauen auf den Kreuzzügen im eigenen Land. Beziers 1209. Dreifaltigkeit auf der Stirn des päpstlichen Legaten: "Tuez les tous, Dieu reconnaîtra les siens!"

Die Überfütterung der Dämonen mit apokalyptischer Simulation, kam mir vor Jahren in den Sinn, könnte den ausgebliebenen Dritten Weltkrieg erklären. Jetzt nickt es zustimmend über ein paar Jahrtausende hinweg aus der ägyptischen Mythologie zurück, nach der Re, der in die Jahre gekommene Demiurg, die zunehmende Respektlosigkeit der Menschenkinder mit dem kollektiven Flammentod zu bestrafen gedachte. In der Nacht allerdings reut ihn sein Vernichtungsauftrag an die Zündelgöttin Sachmet. Er läßt deshalb eine gewaltige Menge roten Suds ansetzen, überschwemmt damit die Erde und täuscht auf diese Weise die wüst Entflammte, die den Trank für Blut hält, sich daran berauscht und ihren Auftrag vergißt.

"Das Schöne tut not hier auf Erden; wenig wichtigere Aufgaben gibt es als die, zu bezaubern", so Victor Hugo in Die Arbeiter des Meeres. Das ist wahr, sollte sich aber unter Frauen und Künstlern nicht noch weiter herumsprechen. Eine Schöne mit Zugang zur Außenperspektive der eigenen Anbetungswürdigkeit vermodelt, verskulpturiert, vermarmort, verkünstelt. Ihr stolzes An-sich-Halten schmerzt den körpersprachlich abgeschmetterten Betrachter, weil ihm das Hinsehenmüssen und Sichweiden in sexuelle Appetenz, in ein lüsternes Habenwollen verkehrt wird. Ich möchte das Püppchen an der Rezeption aber gar nicht bespringen, ich preise mich schon glücklich, wenn ich an ein rezeptfreies Tonikum gerate. Zum Bezaubernden gehört also zweifache Unbewußtheit: auf seiten des Auslösenden, das Wirkung nicht berechnet, sondern im Gefolge hat, wie auf seiten des Betrachters, der sich unermahnt als rein – reine Kontemplation, pures Vergnügen, interesseloses Wohlgefallen – verkennen darf. Und wenn diese spiegelbildliche Unschuld unwiederbringlich dahin ist? Werden wir dann nur noch das Nachsehen haben, sobald das Makellose und Vollkommene an uns vorbeistöckelt und uns dabei zumorst, daß es sich als Objekt unserer Begierde zu schade ist? Was soll man der selbstbewußten, selbstbeschädigten Aphrodite flüstern, damit sie dem Labyrinth ihrer fraglos ebenfalls wohlgeformten und verführerischen Hirnwindungen entkommt? Vielleicht den autohypnotischen Satz der modernen und postmodernen Kunst, die sich mit Theorie um den Verstand gebracht hat und zu Nutz und Frommen des naiven Schönen seither mantrahaft wiederholt, daß es keine Schönheit gibt?

Der rund um die Uhr erreichbare Fernsprechpartner Literatur ist zugleich immer besetzt – von einer sich ein- und vorschaltenden Kritik, Philologie, Theorie. In ihren Netzen etabliert sich das Prinzip der langen Leitung bei politisch korrekter Vorwahl. Jede Leseratte allerdings beißt sich durch.

Beim Ausräumen unserer Vorurteile fangen wir mit dem über Vorurteile an: griffig wie sie sind, liegen sie nicht immer falsch.

Kunst ist das, was keinen Kater macht. Daher die Lust, ständig anzustoßen.

 

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