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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 5
Martin Doerry: »Nirgendwo und überall zu Haus«. Gespräche mit Überlebenden des Holocaust. Fotografien von Monika Zucht. München, DVA 2006, 262 S., 39,90 €
Die 24 Gespräche mit Überlebenden der Shoah, die Martin Doerry in diesem Band zusammengestellt hat (Gespräche - wo nicht anders angegeben - 2005/2006 mit Aharon Appelfeld, Agnes Sassoon, Ernest W. Michel, Edgar Hilsenrath, Peter Gay, Eva Haas, Adam Daniel Rotfeld, Heinz Berggruen, Ruth Klüger, Ivan Klíma, Alfred Grosser, Inge Deutschkron, Arno Lustiger (u. seiner Tochter Gila Lustiger), Imre Kertész (1996), Anita Lasker-Wallfisch (2004), Ralph Giordano, Georges-Arthur Goldschmidt (2002), Lenka Reinerová (2002), Elie Wiesel, Albert O. Hirschman, Lucille Eichengreen, Saul Friedländer, Oldrich Stránský, Lotte Paepcke (1985); sieben Gespräche sind schon im SPIEGEL veröffentlicht worden), verstehen sich als Beitrag, die Erinnerung an die Menschen und an die Shoah zu bewahren: angesichts der Tatsache, daß in absehbarer Zeit keine Überlebenden mehr werden sprechen können (vgl. Doerry, Einleitung, S. 6 f.). Diese Aufgabe erfüllt das Buch in der Vielfalt und Lebendigkeit der Gespräche sowie der Verbindung von Texten und Photographien (mindestens zwei Photographien je Gespräch) in hervorragender Weise.

Alle Gesprächspartner sind »Überlebende«: Sie haben die Lager oder haben in Verstecken überlebt, wurden als Kinder, weg von ihren Familien, ins Ausland geschickt oder sind mit ihren Familien rechtzeitig emigriert. Manche der Interviewten verstehen sich nicht als Überlebende: »Ich bin kein Überlebender«, sagt etwa Georges-Arthur Goldschmidt: »Überlebende sind nur diejenigen, die aus dem Tor eines KZs heraustreten konnten. Ich war ein Schwarzfahrer des Schicksals.« (S. 192) Wer ist »Überlebender«? In gewissem Sinn ist dies eine Frage der Perspektive: Goldschmidt oder Heinz Berggruen selbst können sagen, dass sie keine Überlebenden seien, aber vollkommen zu Recht schreibt Doerry: »Aus unserer Sicht verbietet sich eine solche Unterscheidung jedoch.« (S. 7)
Im Gespräch mit Arno Lustiger und dessen Tochter sagt Gila Lustiger: »›Überlebender‹ ist ein furchtbares Wort. Es klammert den Menschen aus der Gesellschaft aus, auch aus der Gegenwart in Deutschland. Es legt ihn auf einen historischen Moment fest und auf eine einzige Tätigkeit, die des Überlebens. Es wischt sein gesamtes Leben aus, davor oder danach. Mit diesem Wort kommt einer aus dem Lager nie heraus.« (S. 149) In den Gesprächen, die Doerry geführt hat, nehmen die Herkunft und das Leben vor der Shoah, die Zeit der Shoah, das Leben danach unterschiedlich großen Raum ein: So geht es bei Ivan Klima (S. 110–119) in weiten Passagen des Gesprächs um das Leben in der Tschechoslowakei nach dem Krieg, bei Adam Daniel Rotfeld (S. 78–86), der 2005 für zehn Monate Außenminister war, um das deutsch-polnische Verhältnis; bei Anita Lasker-Wallfisch (S. 160–171) steht das, was sie während der Shoah erlebt hat, im Mittelpunkt des Gesprächs; bei Edgar Hilsenrath ist seine Art des Schreibens über die Shoah ein wichtiges Thema, bei Aharon Appelfeld sein Leben in Palästina/Israel, nachdem er 1946 dorthin gekommen war; bei Lenka Reinerová dreht sich ein Großteil des Gesprächs um ihren Werdegang als Sozialistin und Journalistin und ihren Kontakt zu Egon Erwin Kisch. Der Gefahr, die Gila Lustiger in ihrer Aussage beschreibt – dass die Menschen auf die Eigenschaft, »Überlebende« zu sein, reduziert werden –, erliegt das Buch von Doerry und Zucht nicht.
Alle Gesprächspartner Doerrys wurden als Juden verfolgt, wobei das Judentum für sie eine unterschiedliche Rolle spielte und spielt. Viele kamen aus assimilierten Familien, Anita Lasker-Wallfisch etwa verstand sich erst durch die Etikettierung von seiten der Nazis als Jüdin (vgl. S. 163 f.), ähnlich Goldschmidt (vgl. S. 189). Dessen Vater (Oberlandesgerichtsrat) war in Theresienstadt Seelsorger der protestantischen Juden (ebd.): »Aus Theresienstadt kam er mit der unerschütterten Meinung zurück, dass das Judentum sich ganz in der normalen europäischen Gesellschaft auflösen müsse. Seine Deportation hielt er bis zum Schluss für einen monströsen Irrtum.« (S. 190 f.) »Die Briten hatten ihn zum Vorsitzenden der Entnazifizierungskommission in Schleswig-Holstein ernannt, und er sprach prompt alle frei, so deutsch war er.« (S. 190) »[…] das jüdische Sterben hat mich ganz gewiss viel stärker in das Judentum hineingerissen, als es sonst wahrscheinlich der Fall gewesen wäre«, sagt Lotte Paepcke (S. 259). Alfred Grosser (»ein jüdisch geborener, mit dem Christentum geistig verbundener Atheist«; S. 124), Saul Friedländer und Peter Gay sehen sich als Atheisten. »Vom Jüdischen – im strikten Sinne – finden Sie bei mir keine Spur. Aber wenn man mich fragt:›Was bist du eigentlich?‹, dann bin ich Jude«, sagt Friedländer (S. 233).
Elie Wiesel beschreibt die Krise, in die er nach dem Krieg geriet: »Ich stellte dabei nicht Gott an sich in Frage, sondern sein Wohlwollen, seine Gerechtigkeit und Güte. Aber wissen Sie, damals stellte sich uns im Grunde nicht die Frage, wie man unter diesen Umständen noch an Gott glauben konnte. Viel wichtiger war doch die Frage, wie junge Menschen ihr Vertrauen in die Kultur, in Zivilisation und Menschlichkeit bewahren konnten. Und dass sie nicht einfach verrückt wurden.« (S. 209) Aharon Appelfeld, der aus einer assimilierten Familie stammte und in Israel Hebräisch lernte, dabei Zugang zur Bibel (die er, wie er schreibt, bei Buber lernte; S. 24), zum Talmud, zu den Rabbinen, jüdischer Philosophie und zur Kabbala erlangte, meint, er sei »zwar kein religiöser Jude in traditioneller Form geworden«, stehe aber »in Verbindung mit all dem […], was mit dem Jüdischen zu tun hat« (S. 22 f.). Die eigentlich religiöse Frage ist für ihn: »Kann man ohne Bedeutung, ohne einen Sinn leben? Religion heißt Bedeutung. Du lebst, weil es eine Bedeutung hat, weil es sinnhaft ist. Du bist in die Welt gekommen, um etwas zu machen, etwas Gutes zu tun. Das ist die Frage.« (S. 23)
Man würde gerne viel von den Erzählungen und Reflexionen dieser Gespräche wiedergeben, doch die Möglichkeiten einer Rezension sind hier begrenzt; daher nur drei Beispiele:
Gegenwärtige politische Diskussionen in Deutschland treffen Adam Rotfelds Überlegungen zu den Plänen, ein Gedenkzentrum gegen Vertreibung zu errichten. Er bejaht, wenn Deutsche über ihr Leiden im Zweiten Weltkrieg sprechen, aber die Kausalitäten dürften nicht verdreht werden, es dürfe kein verzerrtes Geschichtsbild entstehen: »Hitler wurde den Deutschen nicht aufgezwungen, er wurde gewählt. Das Schlimmste, was passieren könnte, wäre, wenn ein Zentrum der Vertriebenen in Sichtweite des Holocaust-Denkmals im Bewusstsein der Menschen die deutsche Schuld aufwiegt.« (S. 81) Ein solches Zentrum »ausgerechnet mitten in Berlin, also dicht beim Holocaust-Denkmal«, sei »für niemanden in Polen zu akzeptieren«, egal, welcher politischen Richtung er angehöre (ebd.).
Mit Imre Kertész spricht Doerry u.a. über dessen Buch »Roman eines Schicksallosen« und darüber, wie man den Holocaust darstellen kann. Das Buch ist aus der Perspektive des 15jährigen Erzählers geschrieben. Der Erzähler klagt nicht über sein Schicksal, weil er, so Kertész, die Ungerechtigkeit gar nicht als solche begreift (S. 156). Der Autor will erreichen, »dass die Moral des Lesers durch die scheinbar unmoralischen, kalten Zeilen dieses Buchs verletzt wird. Dass er sich darüber empört, dass sich der Erzähler eben nicht empört, sondern alles klaglos hinnimmt.« (S. 157) »Einen Roman zu schreiben, einen Roman über Auschwitz, der den Leser nicht verletzt, das wäre eine Schande. Ich will den Leser verletzen, meine ganze Technik zielt darauf.« (Ebd.) Demgegenüber wirft er Spielberg und seinem Film »Schindlers Liste« vor: »Er hat einen Film gemacht […], aus dem die Zuschauer wie Sieger herauskommen.« (S. 158) Spielberg habe keinen Begriff von der totalitären Welt der Konzentrationslager, die Bilder seien falsch, die Figuren in sich unbegründet. »Da ereignet sich etwas, was es in der Geschichte noch nie gegeben hat – und Spielberg macht daraus einen ganz normalen Film.« (Ebd.) »Auschwitz ist ein ganz tiefes, großes Erlebnis für jeden, solange es noch eine zivilisierte Menschheit gibt.« Auschwitz (die Shoah) stellt, so verstehe ich Kertész hier, die Menschlichkeit und das Menschsein in Frage, so sehr wie kein anderes bekanntes Geschehen. Ein Stück zuvor im Gespräch sagt er: »[…] es kommt […] der Punkt, wo man sich mit dem Schicksal, dem Tod auseinandersetzen muss. Und da unterscheidet sich das bloß ideologische Schreiben von der Annäherung an die ganze Wahrheit – mit all ihren extremen Erfahrungen.« (Ebd.)
Die vielleicht bewegendste Szene des Buchs ist die, in welcher der von seinem Vater totgeglaubte Aharon Appelfeld 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg in Israel seinen von ihm für tot gehaltenen Vater trifft, den er zuletzt 1941 in einem Lager sah; aber diese Szene soll hier nicht näher geschildert werden – es sei dem Leser empfohlen, das Buch zu kaufen und Appelfelds Geschichte und all die anderen Berichte und Reflexionen selbst nachzulesen.
Thomas Reichert
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