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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7 (2006), Heft 5
Am späten Nachmittag des 20. September wurden die bereits angereisten Tagungsteilnehmer im Festsaal der Technischen Universität Dresden begrüßt - um zu zeigen, wie weitgespannt das Interesse ist: Einzelne kamen aus Finnland, Italien und Israel, aus Spanien, Irland und Polen nach Dresden, auch aus den USA, von den Gästen aus der Schweiz und allen deutschen Ländern nicht zu reden, insgesamt waren es dann erheblich mehr als hundert. Zuerst sprach – in Vertretung des Rektors - Professor Dr. Walter Schmitz, der am folgenden Tag einen wichtigen Vortrag halten sollte, ihm folgte mit einer kurzen Ansprache der Präsident der Rilke-Gesellschaft, Professor Dr. August Stahl.
Die Universität hatte durch ihr Studentenwerk einen kleinen Umtrunk vorbereitet und nach der erfrischenden Pause kam es durch die Lesung von Rilke-Texten durch Frau Dr. Susan Muhlack (Berlin) zur Einstimmung auf die Tagung: Sie las zunächst Gedichte des jungen Rilke, die dieser in der Dresdener Zeitschrift „Die Penaten“ 1894 veröffentlichte und das heitere Briefgedicht „Wieder einmal Dresden-Galerie…“, aus dem Jahr 1896, das uns in den nächsten Tagen mehrfach wieder begegnete, frühe französische Verse „Dresden, April 1905“ und in einem zweiten Teil Auszüge aus dem Rodin-Vortrag, den Rilke in diesem Jahr zuerst in Dresden und Prag vortrug. Damit hatte die Tagung wirklich begonnen – viele ihrer Themen waren durch die ruhige und klare Darbietung bereits aufgeklungen.
Diese und viele andere auf „Rilkes Dresden“ bezogene Texte hat Professor Dr. Erich Unglaub in einem fast 100 Seiten umfassenden Heft zusammengestellt, das der Insel Verlag eigens für die Tagung beisteuerte, und dessen Lektüre die beste Einführung bot.
Am nächsten Morgen war zunächst einmal Gelegenheit, sich auf Schloß Eckberg umzusehen, wo viele der Tagungsteilnehmer, die im Kavaliershaus untergebracht waren, bei herrlichem Sonnenschein zum Frühstück ins Schloß durch den Park - an einer Fontäne vorbei, die Rilke erfreut hätte - einen kleinen Spaziergang machten. Auch der Vortragsraum lag im Park, so dass man auf allen Wegen immer wieder in den Genuss des strahlenden Wetters kam.
Die Vortragsrunde begann in der bewährt liebenswürdigen Moderation von Professor Dr. Ulrich Fülleborn mit einer Annäherung an Rilke und Dresden. Er betonte den Aufenthalt von 1905 mit der Zäsur in seinem Leben (die „Chronik“ spricht von „Neuen Freunden“), dem Abschluß des „Stunden-Buchs“ und dem Anfang des Blicks auf die „Dinge“, gelernt von Rodin. Sodann führte er als ersten Redner Professor Dr. Joachim W. Storck ein, den man in diesem Kreise kaum vorzustellen brauchte, er verwies auf dessen Erinnerungen, die „Begegnungen“ aus dem Jahr 1999, die den besonderen Auftrag seiner Beschäftigung mit dem ‚politischen’ Rilke aus der eigenen Kindheit und Jugend in den 20er Jahren erklären – und das mochte vielen doch neu sein.
Storck sprach über „Rilke in Dresden“ und nahm als Motto „Wieder einmal Dresden- Galerie…“ - als Beweis dafür, wie nah dem jungen Prager Dresden war, viel näher als Wien. Wichtig vor allem sein Interesse an der Kunst. Er folgte dann „dem Weg des langen Lernens“ über die verschiedenen Stationen von Rilkes Dresden-Besuchen, 1901 und 1905 im Lahmannschen Sanatorium, bis zum letzten Dresden-Aufenthalt 1913, der im Zeichen neuer Entwicklungen in Kunst und Dichtung stand, die sich mit dem Projekt Hellerau verbanden. Längere Ausführungen galten der Begegnung mit Franz Werfel in diesen Tagen. Gern wäre Rilke später noch einmal nach Dresden gekommen, Oskar Kokoschka zu sehen - das ergab sich nicht. Erspart blieb ihm die Zerstörung Dresdens, der ein Ausblick Storcks galt, den er mit dem Hinweis auf die „Fünfte Duineser Elegie“ und das ‚Lächeln’… schloß. In dem folgenden Gespräch ging es noch weiter um die problematische Begegnung zwischen Rilke und Werfel, dann aber auch um das Festspielhaus in Hellerau, wo man sich damals traf. Es sollte in diesen Tagen noch häufig zur Sprache kommen.
Den nächsten Vortrag dieses Vormittags hielt Professor Dr. Walter Schmitz von der TU Dresden, wo er das Prag-Projekt als Kulturwissenschaftler und Komparatist leitet. Sein Thema: „Der frühe Rilke und die Städte Prag - Dresden - München“. Er kennzeichnete Rilke als Poeten des Raums und zeichnete ein Stück der Mentalitätsgeschichte der Jahre um 1900 nach. Seine Porträts der drei Städte mit ihren Versuchen, eigene Imagines zu gewinnen, wird in den Blättern der Rilke-Gesellschaft übers Jahr nachzulesen sein, eine knappe Zusammenfassung kann dies kaum leisten. Es war eine ungemein aspektreiche Darstellung, die mit Dresden endete, in der Dresdener Moderne, die von Rilke gesehen, aber nur in Teilen aufgenommen wurde. Schließlich ging es um die Stadt als solche, die von Rilke erzählte Stadt im „Ewald Tragy“, und schließlich um die Großstadt: Paris, die den Dichter („Malte“) ‚ausspeit und zugleich befreit’. In der anschließenden Diskussion ging es um die Deutschen im Prag der Jahrhundertwende.
Nach der mittäglichen Pause übernahm Professor Dr. Walter Seifert (Passau) die Moderation - er brauchte freilich Dr. Rätus Luck den Anwesenden kaum vorzustellen, erinnerte nur an dessen viele Editionen von Briefen Rilkes - auch an Rodin. Jetzt ging es um „Rilkes Rodin-Vortrag in Dresden“. Luck konnte hier auf den „Berner Rodin“ verweisen, eben jene Handschrift, die dem Vortrag zugrunde lag und später überarbeitet in der Fassung von 1907 als Zweiter Teil in Rilkes Rodin-Buch aufgenommen wurde. Als Rilke am 23.Oktober 1905 seinen Vortrag in Dresden hielt, hatte der Leiter der dortigen Skulpturensammlung, Georg Treu, bereits eine ganze Anzahl von Arbeiten Rodins erworben, es gab so etwas wie eine Rodin-Hausse. Rilke hatte bereits am 7. Juli seinen Vortrag an Stelle einer Lesung eigener Arbeiten in Dresden angeboten. Bilder wollte er bei seinem Vortrag nicht zeigen, er hätte sie als Konkurrenz zur Wirkung der Worte empfunden, wollte Zuhörer, nicht Zuseher. Lebhaft schilderte Luck die Handschrift des Vortrags, die im Schriftbild den gewandten Einsatz rhetorischer Mittel zeigt. Es gab dann ein Nachspiel zu dem mit über 600 Personen besuchten Abend (‚es waren die falschen’): und zwar in der Frage des Honorars - Rilke verlangte und erhielt schließlich 300 Mark, für damalige Verhältnisse eine stolze Summe.
Es folgte der Vortrag „Rilke und die Bilder von Ignacio Zuloaga in Dresden“ durch Dr. Justus Lange (Braunschweig), der es sich im Gegensatz zu Rilke nicht nehmen ließ, viele Bilder zu zeigen - da Zuloaga inzwischen außer in Spanien so gut wie vergessen ist, war das auch sehr willkommen. Rilkes großes Interesse für den Maler, dessen Bilder er zuerst 1900 in Berlin gesehen hatte, setzte sich in Dresden und dann in Paris fort. Der Vortragende kennzeichnete den großen Erfolg des Spaniers, das höchst positive Presseecho, das angesichts der gezeigten Beispiele nicht recht nachzuempfinden ist Den stärksten Eindruck hinterließ das Gemälde „Eine Zwergin“. Rilke wollte sogar eine Monographie über den Maler schreiben, wohl für die Reihe, in der sein Rodin erschienen war, und traf ihn auch persönlich, zuletzt am 25.April 1906 bei der Taufe von Zuloagas Sohn. Unter den „Neuen Gedichten“ weist vielleicht „Spanische Tänzerin“ auf dieses Fest hin. Rilkes spätere Spanienbegeisterung war dann allerdings El Greco geschuldet. Leider blieb wenig Zeit für ein Gespräch, gern hätte man gefragt, wie denn der andere Spanier in Paris, Picasso, in diesen Jahren gesehen wurde.
Am Abend dieses Tages versammelte man sich dann zum „Foyer“, in dem kleine Beiträge nach Anmeldung unter der Moderation von Dr. Wilhelm Hemecker (Wien) vorgebracht wurden. Es begann Ada Brodsky mit der anrührenden Schilderung ihrer Rilke-Gruppe in Jerusalem; Klaus Beyer erzählte von einem Erlebnis in Rußland: „Die Taufe“, die an die „Geschichten vom lieben Gott“ erinnert; Professor Georg Luck berichtete davon, wie Hans Carossa im Frühjahr 1919 dem besorgniserregend unterernährten Rilke zu einer Zusatzzuteilung von Milch, Butter, Eiern und Haferflocken verhalf; Hans-Joachim Barkenings stellte ein Gedicht des jungen Jochen Klepper zum Tode Rilkes vor; für ein wenig Entlastung sorgte der Beitrag Thilo von Papes, der aus der Umfrage zur Lesebiographie im Rilke Forum die Wege aufzeigte, durch die man früher wie heute zu Rilke kommt; Jörg Neugebauer bot Proben aus seinem großen Gedicht „Dionysos, der immerzu kommende Gott“ und Roland Ruffini versuchte eindringlich die wichtigsten Gedanken seines umfangreichen Werks „Rilkes Seins- und Kunst-Begriff im Spiegel seiner dichterischen Welt“ zu erläutern. Ganz im Gegensatz dazu stand dann der Versuch von Peter F. Kopp, den schon ermüdeten Zuhörern zwei Gedichte zur Hochzeit von Fidus als Werke Rilkes unterzujubeln - dabei war die Handschrift von Rätus Luck doch unverkennbar.
Am Freitag übernahm Professor Dr. William Waters (Boston) die Moderation: zuerst kam Astrid Nielsen M.A. (Dresden) mit den kenntnisreichen Ausführungen zu: „Clara Rilke und Auguste Rodin in der Dresdner Internationalen Kunstausstellung (1901)“. Sie charakterisierte Dresden als Ausstellungsstadt: schon 1897 war in der Internationalen Kunstausstellung zeitgenössische Kunst und Kunstgewerbe vorgestellt worden, darunter auch Werke Rodins. In der Deutschen Kunstausstellung von 1899 fand sich „Alte Frau“, eine Arbeit der jungen Bildhauerin Clara Westhoff. Die Vortragende schilderte deren Werdegang bis zu dem Entschluß, nicht Malerin zu werden, sondern plastisch zu arbeiten, den sie in Worpswede faßte. Die Worpsweder wurden damals hoch geschätzt - nach der Ausstellung lud Max Klinger sie in sein Atelier ein. Danach kam Paris, 1900 besuchte sie Rodin in einem seiner Depots und 1901 stellte sie neben Rodin in Dresden drei kleine Kinderakte aus. Inzwischen mit Rilke verheiratet, besuchten sie gemeinsam die Ausstellung. Frau Nielsen zeigte sowohl die Werke Rodins, die in Dresden zu sehen waren, als auch diejenigen Claras im Bild, kennzeichnete ihr Experimentieren mit Körperhaltungen und‚ Einsamkeit und Stille’ ihrer Kleinplastiken. In der Diskussion ließen sich die Anwesenden den Unterschied zwischen Originalgipsen und Gipsabgüssen erläutern und lernten, dass Rodin seine Arbeiten in Gips höher schätzte als die Bronzen und die Marmorstatuen aus seinen Werkstätten.
Dr. Angelika Jacobs aus Hamburg leitete dann über zum letzten Besuch Rilkes in Dresden, der 1913 der Gartenstadt Hellerau und dem dortigen Festspielhaus galt: „Hofmannsthals und Rilkes Hellerau“, einem Zentrum der Lebensreform. Hier hatte sich der Deutsche Werkbund niedergelassen und unter Karl Schmidt und Richard Riemerschmidt neue Wohnformen entwickelt. Wolf Dohrn, der früh verstorbene Anreger, fand dann in Jacques Dalcroze aus Genf einen Partner für sein Laboratorium neuer Menschlichkeit - er ermöglichte ihm, hier seine Schule für rhythmische Gymnastik, Bewegungslehre und Tanz zu eröffnen und schuf mit dem von Heinrich Tessenow erbauten Festspielhaus ein Zentrum moderner Bühnenkunst. Hofmannsthal begrüßte die Pläne mit Begeisterung (1912), Rilke gehörte zu den Besuchern der Aufführung von Paul Claudels „L’annonce faite à Marie“ im Oktober 1913, in der Übertragung von Jacob Hegner: „Verkündigung“. Der Eindruck war zwiespältig, wie die Vortragende, auf die Äußerungen Rilkes gestützt, ausführte. Wir sollten Hellerau am Sonntag noch näher kennenlernen.
Anschließend folgten „Dresdener Einblicke“ - ursprünglich für das Foyer vorgesehen: zunächst erzählte Dr. Renate Scharffenberg (Marburg) von „Rilkes Begegnung mit der Gräfin Luise von Schwerin“ auf dem Weißen Hirsch 1905 und den weitreichenden Folgen für sein weiteres Leben und Arbeiten. Hernach illustrierte Arne Grafe M.A. (Greifswald) die Bedeutung der Kur im Lahmannschen Sanatorium an zwei berühmten Gästen, Franz Kafka und Thomas Mann. Der dritte derartige „Einblick“ wurde auf den Nachmittag verschoben; PD Dr. Jan Zielinski (Bern) sprach über „’…die reiche und starke Farben- und Formensprache…’ Maljutin und Rilke“. Rilke hatte Max Lehrs, den Leiter des Königlichen Kupferstichkabinetts in Dresden 1901 persönlich kennengelernt und bot ihm für eine Ausstellung die von Maljutin illustrierten Kinderbücher an, auf die er bei seiner Beschäftigung mit der russischen Kunst gestoßen war, und die ihm großen Eindruck gemacht hatten. Er erbat sie in mehreren Exemplaren bei russischen Freunden, schickte sie auch an Lehrs, der am 7. November 1901 dankte. Rilkes Bemühungen, Maljutin im Westen bekannt zu machen, führten jedoch zu nichts.
Der bewährte Überblick über die Rilke-Literatur der letzten Zeit durch August Stahl wurde musikalisch eingeleitet durch die Vertonung von Rilkes „Herbst. Die Blätter fallen…“ im Klang eines Kirchenlieds. Die vollständige Zusammenstellung sei den Rilke-Blättern überlassen, nur auf einen Aspekt sei verwiesen, der denn doch überraschend ist: die Art und Weise nämlich, in der amerikanische Autoren bereits ganz unbefangen Rilke zitieren, so in „Riding with Rilke. Reflections on Motorcycles and Books“ von Ted Bishop, Toronto 2005. Auch Jane Fonda verwendet in ihrer Autobiographie „My life so far“, New York 2005, vielfach Rilkesche Verse.
Zu der dann folgenden Mitgliederversammlung ist zu sagen, dass sie in voller Harmonie verlief, hier aber die Traktandenliste nicht abgearbeitet werden soll. Soviel nur ist von allgemeinerem Interesse: die Gesellschaft hat zur Zeit 309 Mitglieder und geordnete Finanzen. Das Rilke-Treffen im nächsten Jahr soll in Bad Boll stattfinden und „Das Buch der Bilder“ behandeln. Die Nr. 27 der Blätter der Rilke-Gesellschaft wird im Februar 2007 erscheinen, sich auf die Tagung in Antwerpen und das Treffen in Freiburg, also Flandern und „Das Stunden-Buch“ beziehen und wieder eine Reihe von Dokumentationen enthalten, dazu wie immer Rezensionen. Höhepunkt der Mitgliederversammlung war die Ernennung zweier neuer Ehrenmitglieder der Rilke-Gesellschaft: Ulrich Fülleborn wurde von August Stahl in einer anrührenden Laudatio gewürdigt, Joachim W. Storck durch Rätus Luck mit sehr persönlichen Erinnerungen angesprochen. Mit diesen Ehrungen lobt sich die Rilke-Gesellschaft selbst – sind doch beide aus der Geschichte dieser Vereinigung gar nicht fortzudenken und nicht genug zu preisen. Man stelle sich nur einen Augenblick vor, sie hätten gefehlt. Beide waren offensichtlich bewegt und erfreut, der Beifall stürmisch.
Am Samstagmorgen traf man sich dann auf dem Weißen Hirsch, d.h. in einer Kunsthandlung, die in Rilkes Zeiten als Café berühmt war - den Kurstätten gegenüber. Wegen der großen Zahl der Teilnehmer wurden zwei Gruppen gebildet, deren eine zuerst die Vorträge anhören, die andere die Lahmannsche Kuranstalt besichtigen sollte - nach neunzig Minuten wurde dann gewechselt. Die Moderation übernahm Tina Simon selbst, die die Führung durch „igeltour“ Dresden vermittelt hatte.
Die Medizinhistorikerin Dr. Marina Lienert (Dresden) bot mit ihrem Vortrag „Dr. Lahmanns Kurbetrieb um die Jahrhundertwende“ einen genauen und sehr übersichtlichen Einblick in die Entwicklung der Naturheilkunde seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, die in die Lebensreformbewegung um die Jahrhundertwende mündete und an der Lahmann (1860-1905) durch sein Bemühen, eine wissenschaftliche Grundlage zu schaffen, entscheidenden Anteil hatte. Mit vielen instruktiven zeitgenössischen Abbildungen konkretisierte sie, was in den Gebäuden der Kuranstalt vor sich ging. Die Kurgäste, die in so großer Zahl zu Lahmann kamen, auch nach seinem frühen Tod wurde sein Werk weitergeführt, waren nicht eigentlich krank, sie sollten jedoch ihre Selbstheilungskräfte entwickeln und auch für ihre Unterhaltung war gesorgt, zumal sie anspruchsvoll waren, 10-15 % gehörten zum Adel, darunter waren auch Hohenzollern, die zur gesellschaftlichen Anerkennung des Weißen Hirsch beitrugen. Daneben waren es Industrielle und Künstler, vor allem Schauspieler, die sich hier erholten.
Ergänzt wurden diese Ausführungen durch Dr. Peter F. Kopp (St. Ursen) mit seinem Beitrag: „Rilke und die Lebensreform“. Er begann mit einem Lob Dresdens, wo die Befreiung von starren Zwängen (nicht nur in der Kleidung) früh Anklang gefunden hat. Mit der Natur, nicht gegen sie, lautete die Losung der Lebensreformer. Rilke ist durchaus in diesem Zusammenhang zu sehen: er war für eine fleischarme Küche noch in Muzot, als dies nicht mehr von der Not diktiert war wie in den ersten Pariser Jahren. Mit vielen Beispielen zeichnete der Vortragende ein Bild Rilkes, das manchen erstaunt haben mag, so mit seinem Lob des Nacktbadens, der Luftbäder überhaupt und des Barfussgehens, das übrigens nicht Lou, sondern ihr Mann, der Assyriologe Friedrich Carl Andreas propagiert habe.
Die Führung durch das verwilderte Gelände zeugte noch im Verfall vom ehemaligen Glanz der Lahmannschen Bauten - betreten konnte man nur den ehemaligen großen Speisesaal für 500 Gäste an langen Tischen, an dessen Seitenwänden einst angeschrieben war: „Es zieht nicht!“, was am Ende der Kur auch der Letzte eingesehen haben mag. Pläne bestehen durchaus für eine angemessene Nutzung des Weißen Hirsch, man kann nur hoffen. Der erste Käufer jedenfalls hat sich gründlich verschätzt: für eine teure Senioren-Residenz fehlt in Dresden die betuchte Klientel - er gibt auf.
Für den Nachmittag hatte Dr. Tina Simon die Besichtigung Dresdens mit „igeltour“ arrangiert - ein Weg von anderthalb Stunden führte durch die Altstadt und wichtige Ausstellungen; auch die Frauenkirche konnte besucht werden, wenn auch nicht das neu gestaltete Grüne Gewölbe mit den Schätzen August des Starken – die goldene Reiterstatue des Königs leuchtet ja aber wie eh und je am Eingang der Neustadt. Wer sich dem langdauernden Unternehmen nicht gewachsen fühlte, konnte einen vollgültigen Ersatz bei den „Alten Meistern“ im Zwinger finden: „Wieder einmal Dresden-Galerie…“
Und nun der Abend mit dem traditionellen gemeinsamen Abendessen. Gewählt worden war der Luisenhof, in dessen unterem Saal die Gesellschaft gut untergebracht war. Zur Begrüßung gab es die Dankesrede des Präsidenten, der nochmals die neuen Ehrenmitglieder begrüßte und ihnen Bildbände vom Grünen Gewölbe überreichte, dann Blumen (unverwelkliche ) für Tina Simon und Rosemarie Salchli, die „Schatzmeisterin“ herbeizauberte und schließlich die schier unglaubliche Planungsarbeit von Erich Unglaub mit Wein honorierte. Und sodann ein neuer Höhepunkt: Rätus Luck stellte der Rilke-Forschung ganz neue Aufgaben und verdeutlichte dies in vielen Variationen an der Frage: „Hat Rilke im Luisenhof gespeist?“ - wobei er in der Hitze des Gefechts zunächst vergaß, dass er eigentlich das Buffet eröffnen sollte. Wann immer die Frage „Hat Rilke…?“ wird ausgesprochen werden, kommt gewiss die Erinnerung an das homerische Gelächter mit herauf, das diesem Fest den heiteren Charakter verlieh.
Nicht alle konnten am Sonntag mit hinausfahren nach Hellerau zum Festspielhaus, am Grünen Zipfel vorbei, wo Rilke Anna von Münchhausen besuchte, die hier eine Schule gegründet hatte und durch die Gartenstadt, die offenbar ihren Charakter bewahren konnte. (Man darf freilich nicht daran denken, dass ganz in der Nähe das Lager der größten europäischen Logistik-Gesellschaft errichten werden soll… oh, dieser Fluglärm!)
Das Festspielhaus - inzwischen schon weitgehend restauriert - vermittelt durchaus etwas von den Jahren, in denen durch Dalcroze, gerufen von Wolf Dohrn, und Dalcrozes Freund, den Bühnenbildner Adolphe Appia, ein neues Zeitalter des Theaters im Gegensatz zu Bayreuth anheben sollte. Cynthia Schwab, langjährige Sprecherin des Dresdner Theaters, gab eine fundierte und lebendige Einführung in diese Jahre, sparte auch die Gegensätze und Probleme nicht aus, die dazu geführt haben, dass das Festspielhaus von Heinrich Tessenow draußen vor der Gartenstadt errichtet werden mußte und nicht etwa in ihrem Zentrum. Es war eine kurze Blütezeit - der schönste Moment die Aufführung von Glucks „Orpheus und Eurydike“ mit allen Mitteln der Appia’schen Lichtregie und den Dalcroze’schen rhythmischen Gruppen. Rilke hat dies leider nicht gesehen, sondern eben im Oktober 1913 die Aufführung von Claudels „Verkündigung“- und aus diesem Werk rezitierte als Abschluß der gelungenen Tagung Wilhelm Hemecker im großen Saal die entscheidenden Passagen.
Renate Scharffenberg