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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7
(2006), Heft 6
Buch des Monats Dezember
Alice Munro: Tricks. Acht Erzählungen. Aus dem Englischen von Heidi Zerning, S. Fischer Verlag, Frankfurt: 2006; ISBN 3-10-048826-1; 19,90 €
„Alice Munro has a strong claim to being the best fiction writer now working in North America, but outside of Canada, where her books are No. 1 bestsellers, she has never had a large readership.” So urteilt Jonathan Franzen, selbst einer der großen Prosaschriftsteller des heutigen Amerika, über Alice Munro, von der jetzt auf Deutsch ein Erzählband mit dem Titel Tricks erschienen ist, mit Geschichten, die Franzens Einschätzung, Munro sei im Ausland noch weitgehend unbekannt, bald ändern könnten. Runaway, so heißt der Erzählband in der englischsprachigen Ausgabe, ist das zwölfte Buch mit Erzählungen und Kurzgeschichten der kanadischen Autorin. Es erschien 2004.

Alice Munro wurde 1931 in Wingham, einer ländlichen Kleinstadt in Ontario, geboren. Bereits ihre erste Veröffentlichung im Jahr 1968, eine Sammlung von Geschichten mit dem Titel Dance of the Happy Shades, wurde mit dem angesehenen kanadischen Literaturpreis, dem Governor General´s Award, ausgezeichnet. Zahlreiche weitere nationale und internationale Literaturpreise hat die Autorin seit dieser Zeit für ihr Prosawerk erhalten. Jedes ihrer Bücher wurde und wird in Besprechungen in hohen Tönen gelobt. Manche Kritiker meinen, dass Munro längst nobelpreiswürdig sei.
Die Erzählung Leidenschaft, der fünfte der acht Texte in Tricks, wie die meisten um die vierzig Seiten lang, beginnt undramatisch mit einem wie beiläufig hingeschriebenen Satz, der erzähl-altmodisch weit ausholt und eine eher behäbige Erzählgangart vorgibt: „Vor nicht allzu langer Zeit begab Grace sich auf die Suche nach dem Sommerhaus der Travers im Ottawa Valley. Sie war seit vielen Jahren nicht mehr in diesem Teil des Landes gewesen, und natürlich hatte sich einiges verändert.“ Zwei Wörter eigentlich nur, „Suche“ und „verändert“, erwecken die Aufmerksamkeit des Lesers. Er wird, ohne dass er sich dessen bewusst ist, in die Geschichte hineingezogen, begibt sich mit Grace auf eine Reise zurück in deren Vergangenheit.
Mehrere der in diesem Band versammelten Texte beginnen mit solchen unspektakulären, aber spannungsvollen Sätzen. Eine junge Frau, Carla, hört – im Text Ausreißer – „das Auto kommen, bevor es die Kuppe der kleinen Anhöhe erreichte“, vermutet, dass ihre Nachbarin Sylvia vom Urlaub in Griechenland zurückgekehrt sei, und hofft gleichzeitig, dass das nicht der Fall sein möge. – Eine andere, Juliet in der Geschichte Entscheidung, fährt am Ende des Schuljahres zurück in ihren Heimatort und beschließt mit dem Auto einen Umweg zu machen, um einen Freund zu besuchen, den sie sechs Monate vorher durch Zufall kennengelernt, seitdem aber nicht getroffen hat, da seine Frau gehirntot und ein schwerer Pflegefall ist, und von dem sie jetzt überraschend in einem Brief zu einem Besuch eingeladen wurde. – Oder eine Familie fährt – in Verfehlungen – „gegen Mitternacht aus der Stadt hinaus“, um an einer Brücke anzuhalten: „`Geht`s hier?`, fragte Eileen. / Harry sagte: `Es ist nicht weit weg von der Straße.` / `Weit genug.`“ – Und die Geschichte Tricks beginnt mit dem Satz: „`Ich sterbe`, sagte Robin, an einem Abend vor Jahren. `Ich sterbe, wenn das Kleid nicht fertig ist.`“ – Immer entwickelt sich aus alltäglichen Situationen, die unverfänglich und naiv daherkommen, ein Konflikt mit nicht überschaubaren Folgen, vielleicht kein „großes“ Drama, aber etwas, das die Personen, in der Regel sind es Frauen, trifft, aus der vorgezeichneten Lebensbahn wirft und sie für immer, einmal mehr, einmal weniger, prägt. Oft benötigen sie Jahrzehnte, um die Ereignisse von einst zu verarbeiten. Die Zeit hinterlässt in ihnen im wahren Sinn des Wortes ihre Spuren. Und erst im Alter sind sie bereit zurückzukehren in die Zeit und an den Ort, die ihr Leben verändert haben, um sich ihrer Vergangenheit in einer sentimental-melancholischen und gleichzeitig nüchtern-sachlichen Erinnerungshaltung zu stellen, der Vergangenheit endlich Herr zu werden.
So löst die Rückkehr von Carlas Nachbarin, der erfahrenen und emanzipierten Sylvia, einen Ehekonflikt zwischen Carla und ihrem Mann Clark aus. Sylvia ermuntert Carla, sich endlich von Clark, von dem sie sich schon längst entfremdet hat, zu trennen. Carla packt ihre Sachen und will mit dem Bus in die Stadt abreisen, kehrt aber in letzter Minute um und bleibt bei Clark. Der tötet, um seine Frau für immer an sich zu binden und jeden weiteren Ausreißversuch – daher der Titel Ausreißer – zu vereiteln, heimlich Carlas Lieblingsziege und lügt ihr vor, das Tier sei davongelaufen. Carla aber ahnt die Wahrheit: „Es war, als steckte irgendwo in ihrer Lunge eine tödliche Nadel“, heißt es gegen Ende der Erzählung, „und wenn sie vorsichtig atmete, gelang es ihr, sie nicht zu spüren. Aber hin und wieder musste sie tief Luft holen, und dann war die Nadel wieder da.“
Der Text Entscheidung verschränkt wie so oft in Munros Erzählungen zwei Handlungen, die zeitlich auseinanderliegen, aber inhaltlich eng miteinander verknüpft sind: Juliets Fahrt nach Whale Bay, einem kleinen Ort nördlich von Vancouver, in dem Eric vom Krabbenfang lebt, und – sechs Monate vorher – Juliets Zugfahrt durch das winterliche Kanada von der Ostküste nach Vancouver, um dort an einer privaten Mädchenschule vorübergehend Latein zu unterrichten. Während dieser Zugfahrt wird Juliet in einen Vorfall verwickelt, der ihr Leben verändern sollte. Ihr Abteil betritt ein „Mann Mitte Fünfzig“, der höflich fragt, ob er den Platz ihr gegenüber einnehmen dürfe. Juliet möchte lieber allein sein, antwortet nur sehr knapp, als der Mann ein Gespräch beginnen will, und steht schließlich auf, um in den Aussichtswagen zu gehen und dort in Ruhe in ihrem Buch weiterzulesen. Als der Zug nach einem Aufenthalt in einem kleinen Ort anfährt und dann wieder mitten auf der Strecke abrupt hält, stellt sich heraus, dass sich der Mann aus ihrem Abteil vor den Zug geworfen und Selbstmord begangen hat. Juliet macht sich schwere Vorwürfe wegen ihres abweisenden Verhaltens. Sie glaubt am Tode des Mannes irgendwie mitschuldig zu sein. Zufällig lernt sie einen weiteren Mitreisenden kennen, dem sie schon nach kurzer Zeit ihre inneren Gedanken offenbart. Es ist Eric, jener Mann, den sie jetzt zu besuchen vorhat. Der zweite Teil der Erzählung beschreibt Juliets Besuch bei Eric in Whale Bay und das Ende des Textes deutet an, dass aus der kurzen Begegnung eine dauerhafte Beziehung entstehen könnte.
Juliets Welt ist die Welt, die der Leser kennt, die er sich vorstellen kann. Ihr Leben könnte sein Leben sein. Darin steckt die Kompliziertheit dessen, was Alice Munro dem Leser zumutet. Denn indem sich der allzu leicht mit Juliets Lebenssituation identifiziert, setzt er sich auch deren Gefährdung durch die Ereignisse aus, die ihr Leben und ihre berufliche Karriere – sie wird ihr erfolgreiches Altphilologiestudium aufgeben, später ihren Mann verlieren, ihre Tochter nicht mehr wiedersehen – verwirren, „erlebt“ das Fremde und Bedrohliche, die in Juliets Alltagswelt hineinbrechen und sie aus der normalen Lebensbahn herausdrängen, erfährt Munros nicht fatalistisch-pessimistische, aber leicht düstere Erzählwelt voller schicksalhafter Unwägbarkeiten und Zufälle als Abbild seiner Wirklichkeit.
Die vergehende Zeit ist ein wichtiges Motiv in Munros Geschichten. Rahmenhandlungen verknüpfen verschiedene Zeitebenen miteinander, machen aus Vergangenheit und Gegenwart eine Zeit. Die Gegenwart, so banal sie zunächst erscheint, steckt voller Ungereimtheiten, Geheimnisse, Vorkommnisse, die die Figuren belasten, deren sie sich schämen, weil für sie damit schuldhaftes Versagen mit lebenslangen Lügen und Selbstanklagen verbunden ist. Die Erzählung Verfehlungen ist dafür ein Beispiel.
Die merkwürdige, rätselhafte Autofahrt von Eileen und Harry, den Eltern, mit ihrer Tochter Lauren, einem elfjährigen Mädchen, und der Mitfahrerin Delphine in einer Winternacht zum Fluss wird im Schlussteil der Erzählung aufgelöst. Die vier tragen eine Urne, deren Asche sie verstreuen: „`Und wir verabschieden uns von ihr und übergeben sie dem Schnee…´ / […] `Vergib uns unsere Sünden. Unsere Verfehlungen. Vergib uns unsere Verfehlungen.`“. – Der große Mittelteil erzählt in Rückblenden die Vorgeschichte, in deren Mittelpunkt das Mädchen Lauren und Delphine, eine Kellnerin im Coffee Shop der Kleinstadt, stehen. Delphine, so wird langsam enthüllt, hat vor elf Jahren ihre neugeborene Tochter Lauren zur Adoption freigegeben. Sie glaubt in der elfjährigen Lauren, die mit anderen Schulfreundinnen häufig den Coffee-Shop besucht, ihre Tochter wiederzuerkennen, macht ihr Geschenke, umsorgt sie, spielt, ohne dass Lauren etwas davon ahnt, ihre Mutter. Lauren erfährt schließlich die wahren Zusammenhänge. Ihre Eltern hatten in der Tat ein kleines Mädchen, das Kind von Delphine, adoptiert. Danach wurde Eileen schwanger und Harry und Eileen fühlten sich durch das adoptierte Kind und die Schwangerschaft überfordert. Als Eileen eines Tags mit dem Baby zu Freunden fährt, wird ihr Auto in einen Unfall verwickelt, bei dem das Baby, die adoptierte Lauren, stirbt. Eileen bringt kurz darauf ihr eigenes Kind zur Welt, das beide Eltern ebenfalls Lauren nennen. Die Asche des toten Kindes haben sie aus Gründen, die ihnen selbst nicht ganz klar sind, aufgehoben.
Der Titel „Verfehlungen“ erweckt die Assoziation von Schuld und Versagen. Und in der Tat verbindet sich für alle Personen mit dem Namen Lauren ein Gefühl schuldhafter Verstrickung: Harry und Eileen machen sich immer wieder, jetzt schon seit elf Jahren, Vorwürfe wegen des Unfalls, bei dem ihre Adoptivtochter getötet wurde. Delphine plagen Gewissensbisse, dass sie seinerzeit ihr Kind weggegeben hat. Lauren, die Elfjährige, glaubt, da Eileen mit ihr schwanger war, als der Unfall passierte, dass sie die eigentliche Ursache für das Unglück war.
Die gemeinsame gespenstische Urnenbestattung nachts unter der Brücke am Fluss löst die Probleme der vier nicht wirklich. Harry und Eileen werden weiterhin miteinander ihren Alkoholkampf mit gegenseitigen Schuldzuweisungen führen. Delphine hat ihre Illusion, sie sei ihrer Tochter begegnet, verloren und weiß, dass sie ab jetzt einsamer sein wird als jemals zuvor. Lauren wird zwar eine andere Schule besuchen; aber das wird nur scheinbar ein Neuanfang für sie sein. Der Schlusssatz deutet an, dass sie sich so schnell nicht von ihrer Vergangenheit freimachen kann. Sie bemerkt, dass sie voller Kletten ist, dass ganze „Klettenklumpen“ an ihren Hosenbeinen hängen: „Lauren zerrte sich wütend die Kletten vom Schlafanzug. Doch sobald die Kletten von ihrer Hose abgingen, blieben sie an ihren Fingern kleben. Sie versuchte, sie mit der anderen Hand abzumachen, und in kürzester Zeit hafteten sie auch an allen anderen Fingern. Die Kletten waren ihr so lästig, dass sie am liebsten um sich geschlagen und laut geschrieen hätte, aber sie wusste, dass ihr nichts weiter übrig blieb als stillzusitzen und zu warten.“
Alice Munro versteht es, ihre Figuren in Alltagssituationen lebendig werden zu lassen. Sie sind meist in ländlichen, kleinstädtischen Milieus zu Hause und werden mit den Gefährdungen des Lebens dort konfrontiert, wo man es nicht ohne weiteres erwarten würde. Idyllisch jedenfalls sind Munros Kleinstadtskizzen nicht. Der Alltag drängt die Menschen in Situationen, die sie überfordern, konfrontiert sie mit einer Wirklichkeit, der sie nicht gewachsen sind. Sie haben Entscheidungen zu treffen, die sich viel später erst, wenn es zu spät ist, als falsche Entscheidungen herausstellen. Was ihnen allein bleibt, ist ihre Wirklichkeit „auszuhalten“, die Entscheidungen der Vergangenheit zu ertragen, ihr Leben, so wie es ist, anzunehmen. Rebellion gegen das „Schicksal“ kennen Munros Figuren nicht und nirgendwo in ihren Erzählungen ergeben sich Möglichkeiten, die Entscheidungen von einst zu revidieren. Es sind ja auch nicht die ganz großen Katastrophen, von denen die Frauen heimgesucht werden. Eher sind es kleinere und größere emotionale Erschütterungen und Enttäuschungen, von denen sie „getroffen“ werden. Aber gerade deren Gewöhnlichkeit macht Munros Figuren zu Heldinnen. Sie rackern sich redlich ab, mit dem Leben halbwegs fertig zu werden. Glücklich wird dabei keine.
Und Liebe gibt es für Munros Heldinnen schon gar nicht, höchstens für kurze Momente, wie in der beeindruckenden Erzählung Leidenschaft. Grace kehrt nach vierzig Jahren an den Ort an einem See zurück, wo sie einst – für Stunden nur – verliebt und glücklich war. Und während sie das Haus der Travers sucht und findet, erinnert sie sich an Maury Travers und dessen alkoholabhängigen Bruder Neil. Maury, der Sohn wohlhabender Eltern mit einem großen Haus am See, verliebt sich in die „kleine“ Hotelangestellte Grace und führt sie als seine Verlobte in die Familie ein. Als Grace sich eines Tages an einer Seemuschel verletzt, wird Neil, ein Arzt, gerufen, um sie zu versorgen. Wie selbstverständlich, so, als sei genau das ihr vorgezeichneter Lebensweg, folgt sie dessen Einladung zu einer Autofahrt, verbringt mit ihm eine Nacht in einem Hotel und verabschiedet sich am folgenden Morgen von ihm, wie sich Liebende verabschieden, die wissen, dass ihr Abschied endgültig ist. Grace kehrt nicht zu Maury zurück. Später hört sie, dass Neil auf der Rückfahrt vom Hotel einen tödlichen Unfall hatte. Von Neils Mutter erhält sie 1000 Dollar als „ausreichende Starthilfe ins Leben“. Der Text schließt mit typischen Munro-Sätzen, lapidar-sachlich, einfach-selbstverständlich, nüchtern-unromantisch: „Ihr erster Gedanke war, [den Scheck über eintausend Doller] zurückzuschicken oder zu zerreißen, und manchmal denkt sie selbst heute noch, das wäre das Richtige gewesen. Aber sie brachte es natürlich nicht fertig. In jener Zeit war das eine ausreichende Starthilfe ins Leben.“ Und erst jetzt, am Schluss der Erzählung, wird ihr Beginn ganz verständlich. Dass die alt gewordene Grace an den See zurückkehrt, an den Ort ihrer Jugendliebe, zeigt, dass der Scheck für sie gerade kein Start ins Leben gewesen ist. Grace hat nie gefunden, was sie erhofft, ein Leben lang gesucht hat.
Die Figuren in Munros Geschichten erfahren, dass ihr Leben nur aus kurzen Glücksmomenten besteht, eher aus Hoffnungen, die sich nicht erfüllen, aus vergeblichen Ausbruchsversuchen aus einem täglichen Einerlei, aus Tatsachen, mit denen sie sich abfinden müssen, aus falschen Erwartungen, aus Missverständnissen und Versäumnissen, und immer wieder aus Zufällen, die sie aus der Bahn werfen. – Ein Zufall, wie er nicht shakespearehafter erdacht werden könnte, verändert Robins Leben in der Titelgeschichte Tricks für immer. Die sechsundzwanzigjährige Robin ist – anders alle ihre Altersgenossen in ihrer Kleinstadt – begeisterte Theatergängerin. Jedes Jahr „leistet“ sie sich einen Shakespeareabend im benachbarten Stratford. Der diesjährige Besuch allerdings steht unter keinem guten Stern; denn ihr grünes Kleid ist nicht rechtzeitig in der Reinigung fertig geworden. Genau mit diesem Kleid aber wollte sie nach Stratford fahren, nicht nur, um das Stück von Shakespeare zu sehen, auch um den Mann aus Montenegro wiederzutreffen, dem sie vor einem Jahr zufällig in einem Park begegnete und der ihr, da sie ihre Handtasche verloren hatte, Geld für die Heimfahrt lieh, in den sie sich – zum ersten Mal in ihrem Leben passierte ihr das – verliebt hat und dem sie versprechen musste, ihn in diesem Jahr im selben Kleid wieder nach der Vorstellung zu besuchen. – Der Stratford-Abend verläuft allerdings anders, als Robin es sich erträumt hat. Denn als sie nach der Vorstellung zum Haus des Bekannten geht und eintreten will, schlägt der vor ihr die Türe abweisend zu, so als habe er sie noch nie in seinem Leben gesehen. „Entsetzt verstand sie, was er tat. Er spielte ihr dieses Theater vor, weil es die leichtere Art war, sie loszuwerden …“
Die Geschichte macht dann einen Sprung in eine Zeit fünfunddreißig und mehr Jahre später. Robin, eine ältere Frau mittlerweile, arbeitet in einer psychiatrischen Klinik und findet dort in einem der Patienten den Mann wieder, der sie seinerzeit so lieblos aus dem Haus gewiesen hat. Als sie neugierig in seinen Krankenblättern liest, muss sie erkennen, dass es der Zwillingsbruder jenes Danilo war, in den sie sich verliebt hatte und den sie dann fälschlicherweise mit seinem Bruder verwechselte. „Alles an einem Tag zerstört, binnen weniger Minuten“ heißt es im Text, als sich Robin klar macht, welcher Zufall dazu geführt hat, dass sie glaubte, der, den sie liebte, habe sie verstoßen. Selbstmitleid und Larmoyanz haben aber in der emotionslosen Sprache Alice Munros keinen Platz. „Dennoch“, so heißt es dort über Robin, und die abgeklärte Weltsicht gilt für alle Figuren in Munros Erzählband und für das, was ihnen widerfährt, „Shakespeare hätte sie darauf vorbereiten können. Zwillinge geben bei Shakespeare oft Anlass zu Verwechslungen mit katastrophalen Folgen. Ein böses Mittel zum guten Zweck, das sollen diese Tricks sein. Und am Ende sind die Rätsel gelöst, die üblen Streiche vergeben, die wahre Liebe oder etwas Ähnliches flammt wieder auf, und jene, die zum Narren gehalten worden sind, besitzen den Anstand, sich nicht zu beklagen.“
Der Schlusssatz könnte als Motto über Munros Erzählungen stehen. So wie die Zeit den Figuren in den einzelnen Geschichten oft Schlimmes „bringt“, so hilft sie ihnen auch, das Schlimme und Schwere mit „Anstand“ zu ertragen. Denn irgendwann wird alles Erinnerung und Vergangenheit und dann sind „die Rätsel gelöst“.
Herbert Fuchs
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