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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7
(2006), Heft 6
Wolfgang Koeppen: Jugend. Gelesen vom Autor. Produktion: Suhrkamp Verlag 1987. München, Hörverlag 2006, 4 CD, Gesamtlaufzeit ca. 252 Minuten, ISBN 3-89940-919-1, 27,95 €
Wolfgang Koeppen. Jugend. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag 1976 (=Bibliothek Suhrkamp; Bd. 500), 146 S., ISBN 3-518-01500-1, 12,80 €
Die alt-warme Stimme setzt ein: »Meine Mutter fürchtete die Schlangen« (S. 9). Fiebrig klingt sie, durchfeuchtet von etwas, – von der Geschichte. Über das erste Satzende will man nicht so schnell hinweghören. Doch der Moment des Verweilens ist zu kurz. Einmal noch einatmen. Kaum einer weiß zu diesem Zeitpunkt schon, wie gut das tut. Einmal noch einatmen, bevor der Atem nicht mehr stocken darf, man hineingetrieben wird ins Unaufhörliche, in die dringend drängende Zeit. »Meine Mutter fürchtete die Schlangen«. Auf einem seiner unzähligen Papiere fragte der Autor: »Was bindet ihn an diesen Satz, warum taucht er auf, aus welchen Tiefen, welchen Verschüttungen, welchen Ängsten? Was sieht er? Adam und Eva im Paradies?« Irgendwie ist man versucht, hierauf zu antworten, aber schon trägt Koeppens Alphabet einen fort.

Wohin nur, wohin? Die »berühmte Silhouette des romantischen Malers« mit den »spielenden Fohlen auf der Weide« (S. 11) ist die Greifswalds aus der Perspektive Caspar David Friedrichs, soviel ist sicher. Vor des Hörers Ohr türmen sich die weithin sichtbaren Kirchen St. Nikolai, St. Jakobi und St. Maria, »Kirchen wie brütende Hennen« (S. 20).
Wolfgang Koeppen, geboren in Greifswald, unglücklich in »Pommerland«, erfindet einen, der ihm ähnlich ist, einen, der wie er aus Greifswald stammt und ebenso heimatverdrossen ist. Seinem Protagonisten legt er die Abscheu in den Mund, die anders vielleicht nicht auszusprechen wäre: »Ich haßte die Stadt hinter den Wiesen, die berühmte Silhouette, die der Maler gemalt hatte« (S. 142). Die »Stadt hinter den Wiesen« mit der Universität, mit der Langen Straße, der Hunnenstraße, mit der Nähe zum Fischerdörfchen Wieck und zur Ostsee, ist Greifswald und doch bei aller Deutlichkeit lediglich ein Synonym für die arge Provinz, der es zu entkommen gilt: »ich dachte an Flucht aus dieser Stadt, aus diesem Land, Flucht, Flucht, und ich folgte dem Schauspiel« (S. 127).
Der eine ist in diese Stadt hineingeboren, Sohn eines Ballonfahrers (eigentlich Privatdozent für Augenheilkunde), unehelich, »von Anbeginn verurteilt« (S. 68). Seine Mutter Maria ist jung. Sie ist arm und verlassen. Sie arbeitet als Weißnäherin für die umliegenden Güter, später als Souffleuse im Theater. Maria liebt die Stadt. Sie kennt keine andere. Von ihr wird er das Fahrgeld für ein Nimmerwiedersehen nicht bekommen. Er muss bleiben, als längst Ausgestoßener. Ein nur vermeintlicher Ausweg ist das »Militär-Knaben-Erziehungs-Institut« (S. 44), wo er, zwölfjährig, der nichts ist außer ein »Klotz« (S. 42) – oder schwerer – ein »Stein« am Bein der Mutter (S. 45), plötzlich »Deutschlands Zukunft« (S. 51) wird. Von einer Grippe übermannt, träumt er den »Heldentod«, doch im letzten Moment – wie es scheint – kommt wieder sie, Maria, ihn zu holen, zurück in die Stadt wo seine Jugend spielt und doch nicht spielt: »In meiner Stadt war ich allein. Ich war jung, aber ich war mir meiner Jugend nicht bewusst. Ich spielte sie nicht aus. Sie hatte keinen Wert. Es fragte auch niemand danach. Die Zeit stand still. Es war eher ein Leiden. Doch gab es keinen, der mir glich« (S. 127). Vielleicht glich ihm tatsächlich keiner, in der Zeit, die drängte, doch still stand, zur Zeit des Kaiserreichs bzw. der Weimarer Republik, den beiden Epochen der Jugend. Dennoch gibt es weitere Ausgestoßene, Randfiguren, auf die Koeppen es in seinem Buch abgesehen hat: Käthe Kasch zum Beispiel, Freundin der Mutter, blinde Pianistin, die der Sohn zur Polizeistunde nach Hause begleitet. Sie spielt in der Fledermausdiele bei Rotlicht und »geschwärzten Fenstern« (S. 77) und bezahlt ihn mit Millionen, die doch wertlos sind. Oder Tante Martha, Amtsgerichtsrat, Vormundschaftsrichter, schwul in seiner Art, deshalb verpönt, eben nicht wie die braven Bürger, sondern »gutherzig und angesprochen von Jugend und nicht ohne Zweifel am Gesetz und der allgemeinen Sitte«, vielmehr durchsetzt von »Freundlichkeit« sowie »Einsicht und Trauer gegen die ihm aufgepreßte Strenge« (S. 99). »Tante Martha war eine stadtbekannte Persönlichkeit und gehörte schon längst zu den Menschen, die mich beschäftigten, denen ich heimlich folgte, in die ich mich verwandelte, um sie zu erkennen und wie sie zu träumen« (S. 97). Alles Einbildung, will der Autor uns sagen und schreibt es seinem Verleger: »Es ist mehr Dichtung als Wahrheit. Erinnerungen an eine fremde Jugend, eigentlich Kindheit, Alpträume von einem anderen. Ich habe diese Wohnung nicht bewohnt, war auch nie in einer Militärerziehungsanstalt, verbrachte meine Schuljahre in Ostpreußen und nicht in Pommern, wuchs nicht in einem Milieu extremer Armut auf, aber ich hatte diese Empfindungen, oder sie kamen mir beim Schreiben« (Wolfgang Koeppen an Siegfried Unseld, München, 2. April 1976). Jugend als Autobiographie Koeppens missverstehen, würde demnach bedeuten, den Sinn des Buches vorschnell zu verwischen. Jugend ist kein autobiographisches, es ist ein in höchstem Maße persönliches Buch. Der Text endet, wie er begonnen wurde, mit der Mutter: »Ich schrieb, meine Mutter fürchtete die Schlangen« (S. 142). Die Mutter endet mit dem Ende des Textes, sie stirbt. Jugend ist ein Epitaph: auf die Mutter, auf die Jugend, auf die Literatur. Nur so lässt sich die Enge allen Geschehens lösen, mithilfe der Literatur gelingt die ewige Flucht in die erträglichen Zwischenräume der Phantasie.
»Fragment einer Fiktion«, schrieb Koeppen selbst einmal und meinte damit das hier besprochene Werk. Es blieb Fragment eines weit größeren Projekts, eines Romans, den Koeppen über die Zeitalter seines Lebens schreiben wollte und doch nie vollendete. Aber auch das Fragment selbst ist noch immer teilbar und bruchstückhaft. Große Abschnitte daraus erschienen schon Ende der 1960er Jahre im Merkur (Nr. 239, 3/1968: Anamnese; Nr. 257, 9/1969: Von Anbeginn verurteilt; Nr. 273, 1/1971: Jugend. Eine Erinnerung) oder in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Nr. 236, 11. Oktober 1969: Als ich Gammler war). Auch werden bereits vor Erstveröffentlichung des Buches im Herbst 1976 Partien daraus im Rundfunk gesendet: am 14. November 1969 beginnt unter dem Titel Jugend. Prosa von Wolfgang Koeppen eine Lesung im Süddeutschen Rundfunk mit den Worten: »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und Maria, die sich Mary nannte, glaubte, dass er auch ihre Stadt geschaffen habe und in ihr sich sonnte…« (S. 13). Anlässlich seines 70. Geburtstages (am 23. Juni) wird der Autor 1976 vom Bayerischen Rundfunk selbst ans Mikrofon gebeten. In München liest er am 14. Juni Eine Jugend I. Im Untertitel eine Erzählung von Wolfgang Koeppen. »Pommerland ist abgebrannt, noch nicht, noch lange nicht oder bald…« (S. 19), beginnt sein Vortrag. Jugend wird, als es wenig später als Band 500 der Bibliothek Suhrkamp in Buchform erscheint, schnell zu einem Bestseller.
Siegfried Unseld, Koeppens Frankfurter Verleger, ist, wie bei so vielem, auch für die Lesung des Gesamttextes von Jugend der Initiator. Am 2. Juli 1987 schreibt er seinem Autor: »Du erinnerst Dich, wir sprachen über eine Tonbandaufnahme der ›Jugend‹ in der Lesung von Dir. Du wolltest das auf drei Tage verteilt haben. Ich habe jetzt in München mit Herrn Christian Döring Verbindung aufgenommen, der seinerseits nun schon drei Studios herausgesucht hat. Herr Döring ist ein junger, intelligenter, sympathischer Mann. Er wird Dich in meinem Auftrag zu den Lesungen begleiten. Darf ich Herrn Döring bitten, daß er Dich einmal in der Sache anruft?« Die Editoren-Anmerkung an dieser Stelle im Briefwechsel Koeppen/Unseld besagt noch, es habe »vier Aufnahmetermine, bei denen als Test 18 Buchseiten eingesprochen wurden«, gegeben. Und weiter: »Das Vorhaben wurde nicht verwirklicht« (»Ich bitte um ein Wort…«. Der Briefwechsel Wolfgang Koeppen/Siegfried Unseld, S. 457). Ein Irrtum, – zum Glück. Christian Döring selbst bestätigt Koeppen auf einem Suhrkamp-Briefbogen das Gelingen der Aufnahme: »Ihre Lesung, die ich in den Tagen bevor ich nach Frankfurt gegangen bin noch abgehört habe, ist wirklich beispielhaft gut geworden; und das, obwohl ich ein so gestrenger ›Tonmeister‹ gewesen bin« (Christian Döring an Wolfgang Koeppen, Frankfurt am Main, 16. September 1987, zitiert nach dem Original im WKA Greifswald).
Suhrkamp produzierte also tatsächlich 1987– wie auf der CD-Box des Hörverlages angegeben –, erstmals komplett. Wolfgang Koeppen wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden. Würdiger und eindringlicher kann man ihn kaum zu Wort kommen lassen.
Arne Grafe, Greifswald
Anmerkung:
Die Veröffentlichung des Zitats aus dem Brief Christian Dörings an Wolfgang Koeppen erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlages, Frankfurt am Main. Für die Abdruckerlaubnis sei Herrn Raimund Fellinger ausdrücklich gedankt.
Die Zitate aus Briefen der Korrespondenz Koeppen/Unseld entstammen dem Band »Ich bitte um ein Wort…«. Der Briefwechsel Wolfgang Koeppen/Siegfried Unseld. Hg. von Alfred Estermann und Wolfgang Schopf. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag 2006. Die Zitate mit Seitenzahlangaben beziehen sich jeweils – sofern nicht anders angegeben – auf die o.a. Ausgabe von Jugend in der Bibliothek Suhrkamp. Alle weiteren Zitate entstammen dem Katalog-Band von Hiltrud und Günter Häntzschel »Ich wurde eine Romanfigur«. Wolfgang Koeppen 1906-1996. Frankfurt am Main, Suhrkamp Verlag 2006.
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