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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 7
(2006), Heft 6
Timo Kölling
DER WEG
Innenmögliches Räumen
gerne gelebter
Stunden:
Bild einer Weltzeit; Versuch
eines Winters; Verfolg
flüchtig ausgetretener Spuren, nicht
begriffene Zeichen.
Mehr
als stierendes Wissen sei Angst: das Tor
morgender Schatten. Kein Lied
reiche vorerst zu uns hinan.
Weisse Begegnungen fluten,
was sie erbaut; es löschen
zauberhaft die apollinischen Träume
uns aus; uns liessen
bereits die Namen. Flocken
decken schreckliches Gesend.
Böse
lachen die kargen Weltminuten uns aus, da wir
einander kannten und doch
Gemeinsamkeit logen. Kein Jetzt
ersetzt mehr den fallenden Schnee, kein
Einst mehr wartet auf unser Gebet aus Stein.
Timo Kölling ist ein noch junger Autor, der gerade ein philosophisches Werk mit dem Titel: "Tradition und Transzendenz. Ideen zu einer europäischen Philosophie" veröffentlicht hat (s. die Auszüge im Marburger Forum) Das Gedicht "Der Weg" stammt aus dem in Kürze erscheinenden dritten Gedichtband Köllings "Gebete aus Stein". Wer auf solche Weise Philosophie und Lyrik verbindet, teilt auch nicht die heute üblich gewordene, selber schon standardisierte Scheu der Dichter, über ihre Produktionen zu sprechen. Die Auskünfte, die Timo Kölling auf meine Fragen zu "Der Weg" gegeben hat, liegen der folgenden kurzen Einführung zu Grunde.
Das Gedicht denkt auf poetische, nicht abstrakt-begriffliche Weise, über sich selber, die Bedingungen der eigenen Existenz, nach – und stellt sich so erst her. Es erinnert sich - "Innenmögliches Räumen / gerne gelebter / Stunden" - auch an den bereits zurückgelegten Weg, der zu ihm hin führte. Die eigenen Voraussetzungen sind gerade keine nun ein für alle Mal zur Hand liegenden "Ergebnisse", sondern müssen selber wieder infrage gestellt werden. Der "Weg" konstituiert sich, indem er sie aufhebt - aber doch nicht einfach negiert. So entsteht sein innerer Raum als Prozess: "Der Innen-, d.h. der Erlebnisraum des Ich "raumt" erst,.... Das läuft natürlich auf den spezifischen "Wahrheits"anspruch des poetischen Bewußtseins hinaus" (Kölling).
Dessen Reminiszenzen werden in der zweiten und dritten Strophe genannt. "Weltzeit" ruft unweigerlich eine andere Metapher hervor, die Hölderlinsche "Weltnacht"; der "Versuch eines Winters" (auch der Titel von Köllings zweitem Gedichtbuch) lässt an "Hälfte des Lebens", aber ebenfalls an den Vers: "Herrscht im schiefesten Orkus / Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?" ("Lebenslauf") denken, oder an: "Doch, wie immer das Jahr kalt und gesanglos ist / Zur beschiedenen Zeit, aber aus weißem Feld / Grüne Halme doch sprossen, / Oft ein einsamer Vogel singt" ("Die Liebe"). Diese Hoffnung kann in paradoxer Wendung nur noch festgehalten werden, indem man sie aufgibt. Es gibt keine "beschiedene Zeit" mehr und die "Gebete aus Stein" konfrontieren sich mit dem Bewusstsein einer radikalen Ausweglosigkeit. - Kann sich, wenn es auf die Formulierung seiner Zukunft verzichtet, dennoch ein "Tor" öffnen?
Niemand, auch nicht das Gedicht, weiß das. Es gibt kein "Jetzt", keinen Kairos, in dem die Inspiration eines Ichs und ein geschichtsträchtiger Moment verschmelzen, mehr, also auch kein "Einst", das auf uns wartete. Trotzdem auf sich selber radikalisierende Weise nach ihm zu fragen, heißt, die Weglosigkeit als Weg zu akzeptieren.
Das "schreckliche Gesend" (Kölling selber verweist hier auf den Bezug zu Stefan George und Heidegger) der "apollinischen Träume", die wie magisch-mythische Bilder, eigentlich Verführungen, die "gerne gelebten Stunden" überfluteten, werden nun von den "Flocken" des fallenden Schnees zugedeckt. Woher kommen sie? Ihr Ursprung ist "noch rätselhafter" (Kölling) als derjenige der "Träume": "Vielleicht kommen auch sie aus uns selbst, sind irgendwie noch Reste der "apollinischen Träume". Paradox: dann gehörten sie irgendwie dem rätselhaften "Gesend" zu. Das lässt sich nicht aufhellen, ich möchte geradezu sagen: das Gedicht selbst weiß es nicht - vielleicht hellt der Band im ganzen diese Bezüge etwas auf."
Hier ist die Stelle, wo auch die Vorstellung von "Weglosigkeit", denn das ist sie, aufgegeben und überschritten wird. Weder die ästhetischen Konzepte der Moderne (Heidegger, Adorno), noch diejenigen der Postmoderne (Lyotard), tragen noch. Die vorletzte und letzte Strophe des Gedichts lässt eine innere Auseinandersetzung erkennen: Die mythisch-magische Sphäre, scheinbar überwunden, taucht gerade deswegen wieder auf, weil sie von den Schneeflocken bedeckt wird - eben so ist sie sprachlich präsent. Die Richtung des letzten Satzes der vierten Strophe ist uneindeutig. Man glaubt zunächst, der Flockenfall setze die in den "apollinischen Träumen" geschehende Auslöschung des Ichs fort und erspürt erst beim wiederholten Lesen die Kluft zwischen diesem und dem vorhergehenden, durch mehrere Apostrophe unterteilten Satz: Der kürzere würde so zum gleichrangigen Gegengewicht des längeren.
Rätselhaft ist das Gedicht, weil es die eigene Negation negiert. Dadurch verlässt es seinen gerade konstituierten Raum auch wieder und wendet sich der verlassenen Vergangenheit erneut zu: "das "Gesend" überkam uns als "Fremdes", und kam doch aus uns selbst, als wir selbst…" (Kölling) - vielleicht ist es etwas, das sich mit den Kategorien von Hoffnung und Hoffnungslosigkeit gar nicht erfassen lässt. "Der Weg" führt einerseits in die überkommene ästhetische Aporie der Moderne, andererseits zurück zu den eigenen Voraussetzungen, die sich auf verstärkte Weise zur Geltung bringen und so ein "Fremdes" und Unheimliches ahnen lassen, das möglicherweise: eben jetzt, zur Bedingung einer nachmodernen lyrischen Produktion wird.
Max Lorenzen