Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 6


 

Michael Opielka: Gemeinschaft in Gesellschaft. Soziologie nach Hegel und Parsons
2. Auflage Oktober 2006

Buchauszug (S. 238 - 245)

 

4.7.2 Moral und Ethik als soziologisches Problem

Es ist bemerkenswert, dass nicht nur in der Alltagssprache, sondern auch in der oziologischen und philosophischen Literatur die Begriffe „Moral“ und „Ethik“ uneindeutig verwendet werden. Diese Tatsache ist für die Soziologie nur scheinbar unproblematisch.[172] Moral und Ethik als Untersuchungsgegenstand allein der Philosophie zu überlassen lässt sich für die Soziologie nicht rechtfertigen. Aus zumindest drei Gründen kann sich die Soziologie den mit diesen Begriffen verknüpften Sachverhalten nicht verschließen.

Zum einen lehrt der historische Blick auf die Konstitutionsphase der Disziplin, dass Soziologie zum Teil explizit als „Wissenschaft der Moral“ verstanden wurde. Der bekannteste Vertreter dieser Auffassung war Emile Durkheim (Müller 1991).[179] Andere Autoren sprechen von „social science as moral inquiry“ (Haan u.a. 1983) und beziehen sich dabei unter anderem auf das die Soziologie gleichfalls schon früh berührende Problem der „Werturteilsfreiheit“. In einer Arbeit über die „Soziologisierung des ethischen Diskurses in der Moderne“ kommt Firsching zu Ergebnissen, die meine Unterscheidung zwischen Moral und Ethik unterstützen können (Firsching 1994).

Der zweite Grund für eine Beschäftigung der Soziologie mit Fragen von Moral und Ethik ist systematischer Natur. Jede Disziplin muss zu ihren Nachbardisziplinen anschlussfähig sein, einerseits wegen der nur dadurch möglichen Behandlung interdisziplinärer Probleme, andererseits zur kontinuierlichen Vergewisserung von Standards. Selbst wenn die nach vorherrschender Meinung bestehende Zuständigkeit der Philosophie für Moral und Ethik vollständig geteilt würde, wäre es zweckmäßig, analog anderer soziologischer Subdisziplinen (Wirtschaftssoziologie, politische Soziologie oder Religionssoziologie) aus soziologischer Sicht analytisch Stellung zu nehmen.

Neben den historischen und systematischen Gründen soll ein dritter, (kultur)vergleichender Grund zu einem Engagement der Soziologie in Angelegenheit von Moral und Ethik angeführt werden. Dieser beginnt bei der Begriffsverwendung. „Moeurs“ bedeuten im Französischen die Sitten und Gebräuche einer spezifischen sozialen Gemeinschaft. „Moralité“ ist daher in der französischen soziologischen Tradition sozial-kulturell gefasst und entbehrt der Konnotationen einer bewusstseinsphilosophischen Tradition wie der deutschen. „Ethique“ wiederum meint in der französischen Denkweise eine Wertlehre, die religiös zurückgebunden ist. Der französischen ähnlich ist die Begriffsverwendung im anglophonen Sprachraum, wenngleich hier zumindest die Verwendung des Begriffs „moral“ ähnlich wie im Deutschen auch für die Bezeichnung sowohl im engeren Sinn sozialer Tatsachen (v.a. von Normen) wie zur Untersuchung von in geisteswissenschaftlichen Kategorien zu fassenden Wertfragen verwendet wird.

Alle drei Begründungen belegen die Notwendigkeit einer soziologischen Auseinandersetzung mit Fragen von Moral und Ethik. Sie deuten aber an, dass je nach Bezugssystem unter Moral und Ethik Unterschiedliches verstanden wird, sich jede Beschäftigung zur Vermeidung von Missverständnissen erklären muss. Gerade in der deutschen Literatur scheint die Begriffsklärung überfällig, da sich systematisch drei Verwendungsweisen unterscheiden lassen:

(1) Am meisten verbreitet ist es, zwischen Moral und Ethik kaum zu unterscheiden und beide Begriffe synonym zu verwenden. Diese Verwendung kann sich dabei insoweit auf die antike Philosophie berufen, als einerseits die jeweiligen Sprachwurzeln scheinbar Identisches meinen: „Der Begriff der Ethik geht auf Aristoteles zurück, sofern dieser erstmals das Adjektiv ethisch (..) verwendet, das dem aus dem Lateinischen entlehnten Adjektiv moralisch sprachgeschichtlich verwandt ist“ (Graeser 1993, S. 341, Fn. 959).[180]

(2) Eine zweite Verwendungsform versteht unter Moral die Wissenschaft wie – je nach Autor – auch die Lehre von allgemeinen Wertprinzipien menschlichen Handelns, während unter Ethik ein System konkreter Tugenden und sittlicher Verhaltensweisen gefasst wird. Freilich wird diese Unterscheidung nicht trennscharf durchgehalten. Eine Deutung, die der Moral unter abstrakten Gesichtspunkten eine höhere Stufe als der konkreten, auf das jeweilige „eingelebte“ sittliche Leben beschränkten Ethik zuspricht, findet sich in der philosophischen Klassik vor allem in der an Kant anschließenden, heute dominierenden deont(olog)ischen Tradition (beispielsweise in Habermas’ Moraltheorie, siehe Kapitel 6). Moralisch sind hier praktische Handlungen, insoweit sie an allgemeinen Vernunftprinzipien orientiert sind. Ethik ist eine eher partikulare Doktrin, die in konkreten sozialen Gemeinschaften bestimmte Verhaltensweisen positiv oder negativ diskriminiert. Vereinfachend könnte man sagen, dass die bei dieser Begriffsverwendung erfolgende Unterordnung der Ethik unter die Moral Resultat einer individualistischen Methodologie ist. Vernunft wird im Anschluss an Kant ausschließlich subjektbezogen konzipiert, als Repräsentanz des Göttlichen in der jeweiligen Vernunftkompetenz des Individuums. Eine praktische Vernunft bzw. Ethik ist vor diesem Hintergrund zwar „praktisch“ eine Handlungsbeschreibung bzw. -anleitung für soziale Situationen, ihr logischer Referenzpunkt ist jedoch ausschließlich das Individuum.

(3) Die dritte Verwendung der beiden Begriffe kehrt die Hierarchie um. Hier wird unter Moral die Wissenschaft (sowie praktische Anwendung) von sittlich-normativer Integration konkreter sozialer Gemeinschaften verstanden. Ethik wiederum ist die Metaebene der Moral, die Kommunikation über Werte. Für Norbert Hoerster beispielsweise ist Ethik „gleichbedeutend mit ,Moralphilosophie’ (...); sie versucht, die letzten Begründungsprinzipien des moralisch Richtigen und Guten zu ermitteln“ (Hoerster 1991, S. 9f.). Außerdem sei es Aufgabe der Ethik, „die Methoden, die unser Begründungs- und Problemlösungsverhalten im Bereich moralischer Reflexion und Argumentation kennzeichnen“ (ebd., S. 10) zu analysieren. Der Moral wiederum „geht es stets um Normen, Regeln, Prinzipien menschlichen Verhaltens. Schon aus diesem Grunde können viele jener Urteile, die man im weitesten Sinne als ‚Werturteile’ oder ‚normative Urteile’ zu bezeichnen pflegt, nicht als zum Bereich der Moral gehörig betrachtet werden“ (ebd., S. 15). Allerdings hält er die Unterscheidung nicht konsequent durch.[181] Ottfried Höffe scheint Moral und Ethik in ähnlichem Sinn zu unterscheiden. Moral ist „angewandte Ethik“ (Höffe 1991, S. 226), Ethik umgekehrt einer logisch höheren Stufe zuzuordnen (wobei der Stufenbegriff keine reflexionslogische Stufung meint, sondern das Verhältnis von Theorie und Praxis).[182] Eine vergleichbare Unterscheidung nimmt ein philosophisches Nachschlagewerk vor: „Die Prinzipien und Begründungen der Ethik sollen ohne Berufung auf äußere Autoritäten und Konventionen allgemein gültig und vernünftig einsehbar sein, weshalb sie gegenüber der geltenden Moral einen übergeordneten, kritischen Standpunkt einnehmen“ (Kunzmann u.a. 1991, S. 13). Ethik wird als „übergeordnete“, als Metareflexion der Moral definiert, das Verhältnis von Moral und Ethik (wie bei Luhmann) auf ein Theorie-Praxis-Problem reduziert, Ethik ist für Luhmann „Reflexionstheorie“ der Moral (Luhmann 1989; siehe Kapitel 7).

Aus den drei diskutierten Verwendungsweisen der Begriffe „Moral“ und „Ethik“ in der philosophischen und soziologischen Literatur lässt sich keine logische Begründung ablesen, allenfalls empirisch eine gewisse Konvention, die Begriffe eher synonym und eher so zu verwenden, dass unter „Ethik“ ein umfassenderer Zugang zur sozialen Wirklichkeit von Normen (Regeln) und Werten verstanden wird. Unter Moral versteht man tendenziell einerseits ein Set sozialer Sitten und Regeln, andererseits eine normative Einstellung des Individuums. Das Fehlen einer konsensualen Konvention erlaubt mithin, den Begriffen gegebenenfalls eine neue Schärfe zu verleihen. Die von mir verwendete logische Unterscheidung von Moral und Ethik knüpft zumindest ansatzweise an der dritten der aufgeführten Konventionen an: „Moral“ ist ein System von (konventionellen, gemeinschaftlichen, kommunikativ hergestellten) Normen; „Ethik“ ist ein System von (metakommunikativ begründeten, legitimatorischen) Werten.

Die in diesem Buch dargestellte und entwickelte reflexionstheoretische Perspektive der Viergliederung sozialer (und anderer) Systeme unterscheidet mit „Level 3“ (Gemeinschaft bzw. Kultur) und „Level 4“ (Legitimation bzw. Religion) zwei Stufen von   Handlungssystemen, die je eine Nähe zu „moralischen“ und „ethischen“ Problemen vermuten lassen. Aus sozialtheoretischer Sicht wäre deshalb zu prüfen, ob es sich auch hinsichtlich von Moral und Ethik um zwei logisch unterscheidbare Gegenstandsbereiche handelt. Auf Grundlage des Vorgesagten könnte so eine Definition von Moral und Ethik hilfreich sein, die Moral als System der Normen (als Resultat von L3-Kommunikation), Ethik als System der Werte (als Resultat von L4-Metakommunikation) versteht. Sie würde damit auch an die von Parsons getroffene Unterscheidung in „norms“ (IFunktion) und „values“ (L-Funktion) anknüpfen. Eine vergleichbare Unterscheidung wurde erstmals in der Philosophie des deutschen Idealismus thematisiert, in der Hegelschen Antwort der „Sittlichkeit“ auf Kants Konzeption der „Moralität“ (Kapitel 8).[183]

Worin liegt der Vorzug, mit Markt, Staat, Moral und Ethik vier Steuerungsprinzipien vorzuschlagen? Ich möchte dies an Beispielen demonstrieren. Nehmen wir die Familie als eine konkrete Institution des gemeinschaftlichen Subsystems. Was ist hier das typische Steuerungsprinzip? Offensichtlich ist es weder der Äquivalententausch (Markt) noch der Zwang (Staat), auch wenn beides eine (sekundäre bzw. deviante) Rolle spielen kann. Wertgesteuertes, ethisches Handeln ist für die Familie (bzw. für Verwandtschaftssysteme) gleichfalls nicht primär kennzeichnend. Moral – als normgesteuertes Handlungsmuster – dürfte aber die spezifischen, auf Langfristigkeit und Vertrauen basierenden  Austauschprinzipien treffend bezeichnen. Dies gilt auch für die anderen gemeinschaftlichen Handlungsbereiche, wie das Bildungssystem, das System der Öffentlichkeit oder das Kunstsystem. Alle diese Handlungsbereiche sind in besonderer Weise normativ gesteuert. Die Pointe des hier verwendeten Moral-Begriffs (als analytischer Begriff für ein Handlungsmuster) liegt jedoch darin, dass Moral als Ergebnis wie als Leitprinzip kommunikativen Handelns verstanden wird. Moral ist also Resultat von Kommunikation – eine Sichtweise, die sich auf Durkheim, Parsons und auch auf entwicklungspsychologische Moraltheorien berufen kann, wie sie beispielsweise von Piaget und Kohlberg vorgelegt wurden: hier entsteht Moral im Prozess (nicht nur der familialen) Sozialisation durch ein komplexes Geflecht moralischer Kommunikation (Piaget 1954, Kohlberg 1995).

In der Betonung der Differenz meines Vorschlages zur „konventionellen Trias“ sollen aber gerade hinsichtlich des gemeinschaftlichen Steuerungssystems die Gemeinsamkeit mit Offe, Heinze und anderen Autoren nicht aus dem Blick geraten. Offe und Heinze heben in ihrem programmatischen Vorschlag für die Etablierung von überhaushaltlichen  „Kooperationsringen“ als gemeinschaftliche und nicht-monetäre Organisationsformen sowie in ihrer Analyse von diesem Modell ansatzweise entsprechenden internationalen Erfahrungen ausdrücklich die „Bedeutung eines dichten Kommunikationsnetzes unter den Transaktionspartnern“ (Offe/Heinze 1990, S. 322) hervor, das sowohl informellen wie formellen (durch begleitende Medienarbeit, Informationsblätter etc.) Charakter hat. Ich vermute zudem, dass die Perspektive der Viergliederung auch die von Streeck und Schmitter als „Verbände“ bezeichneten Organisationsformen dem gemeinschaftlichen System (und damit dem Steuerungssystem Moral) zuordnen kann (Abbildung 8; auch Offe/Heinze 1986). Weitere Hinweise auf Übereinstimmung mit neueren Analysen zu gemeinschaftlichen Bedarfsausgleichssystemen, insbesondere zur „Sozialkapital“-Forschung, finden sich in Kapitel 8.

Für eine Plausibilisierung von Ethik als Steuerungssystem bzw. generalisierter Institution des legitimativen Handlungsbereichs möchte ich die beiden Subsysteme Wissenschaft und Religion erwähnen. Die in der „konventionellen“ Trias aufgeführten Steuerungsprinzipien sind für diese beiden Handlungsbereiche offensichtlich unterkomplex. Wenn auch Äquivalententausch (z.B. beim früheren Ablasshandel) oder Zwang (z.B. in der Amtskirche) eine Rolle spielen, so kennzeichnen sie das Typische von Wissenschaft und Religion nicht. Aber auch „spontane Solidarität“ oder die „Erfüllung sozialer Normen“ – beides zweifellos auch hier vorhanden – treffen das Typische der legitimatorischen Systeme kaum. Ethik und damit wertbezogene Orientierungen als soziales Handlungsmuster dürften eine weit höhere Plausibilität beanspruchen können: seien es Wahrheitswerte wie im System Wissenschaft, oder Letzt- oder Transzendenzwerte wie im System Religion.

 

Anmerkungen

[178] So findet sich in einigen soziologischen Wörterbüchern weder ein Stichwort noch ein Verweis auf beide Begriffe (Schäfers 1992, Endruweit/Trommsdorf 1989), in anderen beschränkt sich die Wahrnehmung auf Webers „protestantische Ethik“ und die keineswegs zentralen Begriffe „Moralorientierung“, „Moralschisma“ und „Moralstatistik“ (Fuchs u.a. 1988), was sich allerdings für Letzteres in der Neuauflage von 1994 änderte, wie man generell in den 1990er Jahren eine Art „Ethik-Boom“ auch in der Soziologie beobachten konnte.
[179] Ähnlich Georg Simmel, der in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts als Ergebnis langjähriger Beschäftigung mit der Kantianischen Moralphilosophie eine soziologische „Einleitung in die Moralwissenschaft“ mit dem Untertitel: „Eine Kritik der ethischen Grundbegriffe“ verfasste (Simmel 1989, 1991). Ethik ist für ihn „ein Theil der Sozialwissenschaft, indem sie die Formen und Inhalte des Gemeinschaftslebens darstellt, die mit dem sittlichen Sollen des Einzelnen im Verhältnis von Ursache und Wirkung stehen.“ (ders. 1989, S. 10). Simmel plädierte für einen soziologischen Blick auf die von der praktischen Philosophie bearbeiteten Themen normativen Sollens, von Egoismus, Altruismus etc.; seine mikrosoziologische, auf „Wechselwirkungsprozesse“, „mikroskopisch-molekulare Vorgänge“ gerichtete Perspektive rekonstruiert die moralische Qualität integrativer Handlungen. Er wendet sich zu Recht gegen den oft gegen seine Arbeit erhobenen Vorwurf des Psychologismus (und Ästhetizismus) (Nedelmann 1988, S. 20f.). In Simmels handlungstheoretischem Horizont erscheint die strukturtheoretische Frage nach dem Verhältnis von Moral und Ethik nicht relevant; Moral ist angewandte Ethik.
[180] Die synonyme Verwendung findet sich überwiegend in der gegenwärtig boomenden „Ethik“-Diskussion. Für die Soziologie besonders lehrreich ist dabei die „business ethics“-Bewegung, die in den USA seit den 1970er Jahren vielfältige Institutionalisierungsformen entwickelt hat und dabei zwischen „Moral“ und „Ethik“ pragmatisch keine Unterscheidungen trifft: es geht um ein weites Feld von „Werten“, von der „Marktführerschaft“ über „Ehrlichkeit“ bis zum „Umweltschutz“ (Wieland 1993, S. 30).
[181] So spricht er davon, „dass moralischer Natur nur Werturteile über menschliches Verhalten sind“ (ebd., S. 16), wobei offensichtlich „nicht alle Werturteile über menschliches Verhalten (...) moralischer Natur“ seien, beispielsweise Handlungen im Bereich Mode, Recht, Konvention, Spielregeln etc.. Hier werden „Werturteil“ – also Bewertungen im Sinne von (ästhetischen) Einschätzungen – und „Werte“ durcheinander gebracht. Dies wird noch deutlicher, wenn er drei Kriterien aufstellt, wonach sich „moralische Handlungsnormen und -urteile von außermoralischen Handlungsnormen und -urteilen unterscheiden: 1. Sie bewerten menschliches Verhalten entweder primär, als solches, oder mit Rücksicht auf seine Auswirkungen auf das außermoralisch gute Leben. 2. Sie sind kategorischer Natur. 3. Sie erheben Anspruch auf allgemeine Gültigkeit. Nur wenn diese drei Kriterien zusammen erfüllt sind, ist das betreffende Urteil moralischer Natur“ (ebd., S. 17). Dies würde gelten können, wenn es sich um Handlungsnormen in einer konkreten sozialen Gemeinschaft handelt. Das aber schließt Hoerster explizit aus: „Im Falle einer moralischen Norm sind wir nur unter einer ganz bestimmten Bedingung bereit, bei der Anwendung dieser Norm gesellschaftsvariant zu differenzieren“, wenn nämlich „auch die faktischen Umstände, auf die die betreffende Norm Bezug nimmt, in den betreffenden Gesellschaften variieren“ (ebd., S. 20). Damit aber wird die Unterscheidung zwischen Normen und Werten verwischt, somit die Unterscheidung zwischen Moral und Ethik.
[182] An anderer Stelle spricht Höffe vom „Gegenstand der Ethik, der Moral“ (Höffe 1993, S. 291), Ethik erscheint damit als Reflexion der Moral. Die logische Höherstufigkeit der Ethik käme dann nur unter der Perspektive des Betrachters in Betracht, vom Gegenstand her bestünde keine logische Differenz: der Gegenstand ist Moral, Ethik wäre nur eine „Reflexionstheorie“ (wie bei Luhmann).
[183] Eine Brücke zwischen deutschem Idealismus und Soziologie schlug Mead, worauf Müller in der Unterscheidung zwischen Normen und Werten hinweist: „Das hebt (...) die Werte konstitutiv von den Normen ab: Normen unterliegen den negativen feedbacks der sozialen Kontrolle, d.h. gesellschaftlichen Sanktionen; Motivationen (Wertungen) dagegen unterliegen dem positiven feedback der Befriedigung durch antizipierte oder tatsächlich vollzogene Handlungen. Rollen sind daher außengesteuert (otherdirected im Sinne David Riesmanns); Motivationen oder Wertungen dagegen entspringen dem reinen ,Ich’“ (Müller 1970, S. 398).

 

Michael Opielka: "Gemeinschaft in Gesellschaft. Soziologie nach Hegel und Parsons" ist im VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWF Fachverlage GmbH, Wiesbaden erschienen, 532 S., ISBN 3-531-15164-9, 59,90 €. Wir bedanken uns beim Verlag für die Abdruckgenehmigung.

Prof. Dr. Michael Opielka ist Professor für Sozialpolitik an der Fachhochschule Jena und Lehrbeauftragter an der Universität Bonn und Visiting Scholar an der University of California at Berkley. Er veröffentlichte zahlreiche Aufsätze und Bücher zur Sozialpolitik, zur soziologischen Theorie und zur Kultur- und Religionssoziologie.

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