Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 7 (2006), Heft 6


 

Anton Rauscher (Hg.): Nationale und kulturelle Identität im Zeitalter der Globalisierung. Duncker & Humblot, Berlin 2006, 374 S., ISBN 3-428-12051-5, 98 € - Reihe „Soziale Orientierung“, Veröffentlichung der Wissenschaftlichen Kommission bei der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle Mönchengladbach, Band 18

Das Buch enthält 23 Vorträge der Teilnehmer des 8. Deutsch-Amerikanischen Kolloquiums, das zwischen dem 12. und 18. August 2004 auf Initiative der School of  Philosophy der Catholic University in Washington DC und der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach in Detroit stattfand. Rund die Hälfte der Beiträge ist in englischer Sprache verfasst.

Wenn gerade zu Zeiten der Irakkriegsdiskussion und der Terrorbekämpfung deutsche und amerikanische Konferenzteilnehmer zusammenkommen, um sich über nationale und kulturelle Identität unter globalisierten Bedingungen auszutauschen, sollte man meinen, dass auf einer solchen Konferenz Gegensätze aufeinander treffen. Wie groß sind die Chancen, hier zu gemeinsamen und fruchtbaren Ergebnissen zu kommen? Ist hier mehr zu erwarten als das Aufeinandertreffen möglicherweise stereotyper Auffassungen?

Die Antwort ist Ja, denn die Konferenz verfügte über einen gemeinsamen und einigenden Hintergrund, die christliche Religion. Auf diesen Hintergrund gibt der Titel des Buches zunächst keinen Hinweis. Ein thematisch eingrenzender und konkretisierender Untertitel, der auf die nahezu durchgängig religiös geprägte Perspektive hinweist, fehlt. Doch kann aufgrund des Entstehungszusammenhangs nicht verwundern, dass die Brille, durch die der Blick auf Identitätsfragen in einer globalisierten Welt geworfen wird, in weiten Teilen des Buches eine katholische ist.

Aus dieser Perspektive heraus geht der Sammelband den Leitfragen nach, ob die Globalisierung Unterschiede und Ungleichheiten zwischen Nationen und Völkern mindert oder verstärkt, und welche Kompetenzen und Erkenntnisse erforderlich sind, um die Globalisierung sozial und wirtschaftlich möglichst gerecht zu gestalten.

Zur Annäherung an diese Leitfragen wählen die Autoren je nach beruflicher und wissenschaftlicher Herkunft verschiedene Zugänge: Von der wirtschaftswissenschaftlichen Perspektive über geistesgeschichtliche Annäherung und entwicklungspolitische Theorien bis hin zu historischen und soziologischen Zugängen zur amerikanischen und europäischen religiösen Identität sowie gesellschafts- und individualpsychologischen Ansätzen ist hier alles vertreten, was zu dem Thema fundiert Position beziehen kann. Herausgekommen ist dabei ein Buch, das die Konferenz in ihrer ganzen thematischen Breite dokumentiert und damit verdeutlicht, wie vielschichtig das Thema ist.

Dementsprechend ist, je nach Erkenntnisinteresse, die Herangehensweise der 23 Autoren sehr unterschiedlich. Beiträgen, die ein Thema durch analytische Breite in ihrer Ganzheit erfassen wollen, stehen andere Beiträge gegenüber, die sich auf sehr spezifische „Nischen“-Themen kaprizieren, beispielsweise auf das Leben und Wirken des Politikers Robert Schumann (Partick Quirk) oder auf die Frage, ob Kant für oder gegen den Weltstaat ist (Karl-Heinz Nusser).

Charakteristisch für die vorliegende Konferenzdokumentation ist die recht gelungene Mischung aus – im ersten Teil des Buches – vorwiegend analytischen und – im letzten Teil des Buches – vorwiegend normativen Vorträgen. Das Buch liefert nicht nur „ideologiefreie“ Gegenwartsbeschreibungen von bisweilen hoher analytischer Schärfe, sondern setzt auch einen Schwerpunkt auf orientierende ethische Maßstäbe, was sich nicht zuletzt in dem zielführenden Aufbau des Sammelbandes widerspiegelt. Der Sammelband ist in fünf Teile gegliedert: Teil I geht auf kulturelle, religiöse und ethische Herausforderungen der Globalisierung ein. Teil II behandelt Strukturprobleme der internationalen Ordnung, Teil III aktuelle Fragen zur Friedensethik. Teil IV thematisiert ökonomische Dimensionen der Globalisierung, abschließend wird in Teil V auf die christliche Verantwortung in Gesellschaft und Politik eingegangen.

Mit dieser in sich sehr zielstrebigen Gliederung lenkt das Buch den Leser hin zu einem Plädoyer für eine naturrechtliche Argumentation zur Wahrung der Menschenrechte und einer Begründung von Sozialstaatlichkeit, die sich u.a. in der kirchlichen Lehrmeinung widerspiegeln, aber für alle Menschen akzeptabel seien, auch für die nichtchristlichen Glaubens.

Es ist in der hier gebotenen Kürze nicht möglich, die vielen Ansätze, die zu diesem Ziel hinführen, darzustellen. Deshalb möchte ich anhand ausgewählter Beiträge nur auf einige grundlegende Charakteristika eingehen: In vielen Beiträgen fällt auf, dass erfreulich deutliche Positionen bezogen werden. Die Autoren sind bereit, Klartext zu sprechen und analytisch begründet auch andere wissenschaftliche Ansätze zu kritisieren. Die Beiträge von Kenneth D. Whitehead, Anton Rauscher und Jörg Althammer, die Fundamentalkritik an den Grundannahmen von Huntingtons Buch „Who are we?“ üben, vor den Gefahren ethischen Pluralismus oder einer Diskursethik für die pluralistische Gesellschaft warnen bzw. anhand empirischer Evidenzen prinzipiell ungleichheitsverschärfende Auswirkungen der Globalisierung in Frage stellen, sind hierfür Beispiele. Gerade in den normativ geprägten Beiträgen des Buches ist jedoch daran zu zweifeln, inwieweit den Autoren, die teilweise in Instituten mit so aussagefreudigen Namen wie der Catholic University of America, dem Sacred Heart Major Seminary, der Ave Maria School of Law oder dem Pope John Paul II Cultural Center lehren und arbeiten, Fähigkeit zu Kritik an der kirchlichen Lehrmeinung gegeben ist.

Die Betonung gemeinsamer Wurzeln, gemeinsamer Kultur, die Betrachtung Europas als „America´s parent“ (Michael Novak) aus amerikanischer Sicht bzw. die moralische Rechtfertigung des Irakkriegs durch Manfred Spieker („Die militärische Invasion im Irak war gegenüber einem Fortbestand der Herrschaft Saddam Husseins das kleinere Übel“, S. 232), sind wohl vor dem Hintergrund der damaligen Spannungen rund um den Irakkrieg zu betrachten. Sie erwecken den Eindruck, dass hier bewusst Gemeinsamkeiten betont werden wollten.

Multidisziplinäre Annäherungen an das Thema wirken sich positiv auf den Revuecharakter des Buches aus. Wer sich in die Thematik nationaler und kultureller Identitäten unter globalisierten Bedingungen, aber auch in ethische Zugänge zu einer möglichst gerechten Gestaltung einer sich globalisierenden Welt und in die Positionen der kirchlichen Soziallehre hierzu einlesen möchte, erhält hier viel Input und Übersicht. Eine Konferenzdokumentation, das liegt in der Natur der Sache und sollte bei der Lektüre beachtet werden, kann und muss keinen Aspekt abschließend behandeln. Gerade deshalb ist das Buch v.a. interessant für Studierende der Philosophie, der Politik- und Sozialwissenschaften, die sich mit diesem in Forschung und Lehre hochaktuellen Thema eingehender beschäftigen wollen. Die Lektüre bereitet Lust hierauf; sie vermittelt viele Ideen und ist damit eine gute Startbasis für eigene wissenschaftliche Arbeiten. Mit einem Kaufpreis von 98 Euro wird das Buch hauptsächlich in Bibliotheken seine Leser finden.

Jürgen Wierling

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