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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 1
Daß der rechte Rückgang zur Naivität des Lebens, aber
in einer über sie sich erhebenden Reflexion, der einzig
mögliche Weg ist, um die in der „Wissenschaftlichkeit” der
traditionellen objektivistischen Philosophie liegende
philosophische Naivität zu überwinden, wird sich
allmählich und schließlich vollkommen erhellen […]
(Husserl, Krisis)
Zur Philosophie gehört, dass es verschiedene Verständnisse von Philosophie gibt. Diese widersprechen sich zum Teil darin, welche Methoden als die ausgezeichneten Weisen des Philosophierens angesehen werden. Eine Methode zu philosophieren muss allerdings nicht mit einem Alleinvertretungsanspruch auftreten. Selbst wenn es für bestimmte philosophische Anliegen eine Auszeichnung bestimmter Methoden gibt, heißt dies nicht, dass es nicht in anderen Bereichen ganz andere Methoden geben kann; es muss noch nicht einmal ausgeschlossen werden, dass in demselben Bereich auch andere Methoden angewendet werden könnten, selbst wenn diese nicht die Validität der bevorzugten Methoden besitzen. In diesem Sinne lässt selbst eine Bevorzugung einer theoretischen Philosophie, die sich an der analytischen Tradition orientiert und dem Naturalismus offen gegenüber steht, Raum für andere Weisen des Philosophierens. Diese Offenheit der Philosophie ist eine ihrer Stärken: Es mag sein, dass die mutmaßlich valideren Methoden nicht in der Lage sind, bestimmte Themen anzusprechen bzw. es interessante mutmaßliche Themen der Philosophie gibt, bei denen zumindest zu einer gegebenen Zeit unklar ist, ob sie überhaupt mit den mutmaßlich valideren Methoden behandelt werden können. Dass sich ein Thema nicht mit den Methoden einer bevorzugten Weise von theoretischer Philosophie behandeln lässt, muss nicht dagegen sprechen, dass sich in irgendeiner interessanten philosophischen Weise etwas dazu sagen lässt.
Die Philosophie war zunächst die Wissenschaft im Allgemeinen und lagerte immer wieder Wissensgebiete in neue eigenständige Wissenschaften aus. Diese hießen teils zunächst noch „Philosophie der Natur“ oder ähnlich, änderten indessen mit ihrer eigenen Methodik auch ihre Selbstbeschreibung. Mit der Psychologie und der Linguistik verabschiedeten sich in der jüngeren Zeit Bestände der Philosophie des Geistes, der Bewusstseinsphilosophie sowie der Sprachphilosophie. Heute treten die Kognitionswissenschaften oft mit dem Anspruch auf, traditionelle philosophische Fragen zu beantworten.
Einige Fragen bleiben genuin philosophische Fragen, da keine empirische Wissenschaft uns darüber belehren kann, was Wahrheit ist. Und Fragen der Ethik sind nicht durch Feststellungen beantwortbar.
Sobald man jedoch zu gehaltvolleren Theorien übergehen will (z.B. „Welche Komplexität vom Informationen können wir verarbeiten?“, „Was wäre bezüglich dieses konkreten Verteilungsproblems gerecht?“) stellen sich Fragen, die z.T. kognitionswissenschaftliche Ergebnisse berücksichtigen müssen (in der theoretischen Philosophie) oder aber einer Einbettung in die Sozialwissenschaften bedürfen (in der praktischen Philosophie). Philosophie als Wissenschaft weist also auf ganze Forschungsprogramme mit Anbindungen an die empirischen Wissenschaften und entsprechendem Lern- und Forschungsaufwand.
Trotzdem bleibt ein Interesse an einer übergeordneten Perspektive. Eine solche Interpretation des Forschungsstandes bzw. der ethischen Auseinandersetzung liefert lebensweltliche Philosophie als Weltanschauung – in einem neutralen Sinne.
Philosophie ist nur eine Weise sich mit den mutmaßlich „großen menschlichen Fragen“ auseinander zu setzen. Insbesondere die Literatur spricht durch den Entwurf entsprechender (Konflikt-)Situationen und Lebensentwürfe Themen an, die „klassisch“ sind oder zu einer Zeit „auf den Nägeln brennen“. Die Literatur tut dies – zumindest dann, wenn sie nicht einfach eine didaktisch/populäre Verkleidung mehr oder weniger ausgearbeiteter philosophische Ansichten ist (wie im Falle der existenzialistischen Literatur) – jedoch in einer auf Offenheit der Interpretation angelegten Weise.
Eine andere Form nicht direkt philosophischer Selbstverständigung sind autobiographische Darstellungen und Selbstinterpretationen, in denen vom eigenen Fall aus auf allgemeine menschliche Erfahrungen geschlossen wird. Auch mag eine Weise zu leben oder mit Erfahrungen umzugehen als die beste vorgestellt und im Ansatz als derart bevorzugt begründet werden. Ähnlich wie bei der Literatur – nun aber mit einer noch engeren Anbindung an die nicht-fiktionale Geschichte – geschieht dies aber mit eingeschränktem Eindeutigkeitsanspruch und mit manchen offenbleibenden Fragen.
Lebensweltliche Philosophie ist eine Sorte von philosophischer Literatur, die sich sowohl literarischer, autobiographischer als auch philosophischer Methoden und theoretischer Versatzstücke bedient. Sie ist lebensweltlich im Sinne eines Aufgreifens von Fragen, die sich auch ohne vorherige methodische Aufarbeitung vielen oder mutmaßlichen allen Menschen (einer Region oder Epoche) stellen und zu denen etwas gesagt werden soll oder gesagt werden muss, bevor eine ausufernde und abgesicherte Methodik in Stellung gebracht wurde. Durch ihren „Sitz im Leben“ kann sie darauf vertrauen, auf Verständnis und Interesse bei anderen (zumindest den Zeitgenossen) zu stoßen. „lebensweltlich“ meint hier nicht mehr, als dass diese Autoren an ihrer (biographischen) Erfahrung anknüpfen im Bewusstsein, dass sie von ihren Lesern – mehr oder weniger – verstanden werden. (Schon als ein Faktum des philosophischen Literaturbetriebes muss attestiert werden, dass es nicht nur ein entsprechendes Bedürfnis nach lebensweltlicher Philosophie gibt, sondern dass es einer Reihe entsprechender Autoren auch gelingt, eine Leserschaft zu finden und zu behalten. (Autoren namhaft zu machen kann sich hier schnell dem Vorwurf der (methodischen) Arroganz aussetzen. Nichtsdestotrotz wird wohl kaum jemand das Vorliegen oder den Erfolg lebensweltlicher Philosophie leugnen (wollen). Cioran und Nietzsche beispielsweise sind naheliegende Kandidaten. Im Übrigen geht es hier ja gerade darum, den Wert und Nutzen dieser Weise des Philosophierens zu betonen.)
Lebensweltliche Philosophie arbeitet oft mittels Beschreibungen und Interpretationen (statt eines begründeten Entwickelns von Theorien oder von Hypothesen). Sie bietet eine Sichtweise an. Ihr philosophisches Moment liegt darin, dass sie in einer Weise beschreibt, die zusammenhängend sein soll, so dass sich die jeweiligen Teilbeschreibungen oder –interpretationen ergänzen und stützen. Der Leser kann sich fragen, ob dies eine Beschreibung/Interpretation ist, der er zustimmt oder der er jedenfalls etwas abgewinnen kann. In dem Maße, wie dies gelingt, führt der Autor etwas vor, bringt etwas zu Bewusstsein oder sogar zu größerer Klarheit, insofern eine neue Beschreibungs-/Interpretationsweise gesehen wird. In einem vagen (d.h. von der wissenschaftstheoretischen Explikation abweichenden) Sinne strebt lebensweltliche Philosophie eine kohärente Präsentation an. An diesem Anspruch kann sie auch – selbst wenn nur in Maßen – anders als die Literatur gemessen werden. Wenn die Leserschaft eine Interpretation nicht nachvollziehen kann, dann ist dieses Stück Text nicht einfach avantgardistisch, wie man es vielleicht literarischen Texten zugestehen mag, sondern unter Umständen gescheitert.
Der Erfolg/die Qualität eines Beitrages zur lebensweltlichen Philosophie zeigt sich nicht nur in seiner Verständlichkeit (als einer Vorbedingung weiterer Bewertung), sondern darin, inwiefern er:
- Perspektiven eröffnet (d.h. für die Rezipienten
nachvollziehbar eine einseitige Betrachtung relativiert),
- eine Integration disperater Erfahrungen in eine
Gsamtperspektive leistet, die mehr Kohärenz bietet als
solche einzelnen Versatzstücke,
- Fragen aufwirft, die vorher gar nicht gesehen
wurden,
- eine Sichtweise artikuliert, in der sich der
Rezipient wiederfindet (d.h. die seine Erfahrungen erfasst
und als weitere Belege für sich gelten lassen müsste).
Lebensweltliche Philosophie wird also nicht dadurch „beliebig“ oder jedem, der schreiben kann, in die Hand gegeben, dass die Bedingungen ihres Gelingens weicher sind als die der strengen Philosophie oder der empirischen Wissenschaften.
Es mag so sein, dass einige in dieser lebensweltlichen Weise philosophieren, weil sie ohnehin zu strengerem methodischen Arbeiten nicht in der Lage sind. Solche Autoren mögen diese Weise zu schreiben sogar mit der Philosophie insgesamt verwechseln. Es mag des Weiteren so sein, dass in dieser Weise Themen angesprochen werden, für die es schon bessere Weisen der Behandlung gibt. All das wird nicht das Auftreten dieser Sorte der Philosophie verhindern. Und zumindest das Erstere muss nicht verhindern, dass diese Sorte von Philosophie uns anspricht und uns etwas zu sagen hat, das über bloß subjektive Befindlichkeiten hinaus geht.
Lebensweltliche Philosophie ist – von der Warte einer wissenschaftlichen Philosophie aus gesprochen – unausrottbar, weil es immer wieder das Bedürfnis geben wird, zu aktuell anstehenden Fragen und immer wieder erlebten Grundsituationen etwas zu sagen, ohne sich erst auf den Weg eines langen Studiums wissenschaftlicher Auseinandersetzung zu begeben. Lebensweltliche Philosophie ist darüber hinaus auch insofern unausrottbar, als scheinbar immer wieder neue oder wiederkehrende Fragen auftreten, bei denen es einen Bedarf der auseinandersetzenden Behandlung gibt, der über den gerade entwickelten methodischen Kanon hinausgeht. Insofern ist es für die Philosophie insgesamt geradezu wichtig, diese Weise der Auseinandersetzung zu erhalten und Ernst zu nehmen, da nur sie sich mit diesem Residuum mehr als bloß literarisch befassen kann.
In der Schule und der nicht-wissenschaftlichen Öffentlichkeit besteht ein – wenn auch oft nicht klar formuliertes – Interesse an der Behandlung allgemein menschlicher Fragen und Erfahrungen in einer Weise, die über die Literatur hinausgeht, und insbesondere ein Interesse an Orientierung und Orientierungsoptionen.
Lebensweltliche Philosophie bietet eine Form der Behandlung, die nicht die Schwierigkeit und den Aufwand der Wissenschaften mit sich bringt, aber doch eine Verbindlichkeit anstrebt, die – zumindest in einer jeweiligen Epoche – über das Mitteilen persönlicher Ansichten hinausgeht.
Lebensweltliche Philosophie kann eine Hinführung zur „strengeren“ Philosophie sein, mag allerdings auch allein ein Beitrag zur Selbstverständigung ihrer Rezipienten sein, neben dem es noch anderen Form der Selbstverständigung gibt. Das macht sie weder wertlos, noch verhindert es ihren Erfolg, im Sinne der ihr offenstehenden Möglichkeiten. Lebensweltliche Philosophie kann hier eine Rolle in der Weiterentwicklung eines kohärenten Selbstverständnisses spielen.
Es wäre falsch, diese Aufgabe an die wissenschaftliche Philosophie zu delegieren bzw. an die Stelle einer nicht-wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Philosophie sofort eine Wissenschaft zu setzen.
Lebensweltlich philosophischer Gebrauch kann auch von (philosophischen) Theorien gemacht werden, die selbst – zu ihrer Zeit – als strenge Theorien gedacht oder sogar z.T. anerkannt waren.
Die Entwicklung der Wissenschaften in ihrer methodischen Differenziertheit und Genauigkeit der Theoriebildung schritt über vieles aus der philosophischen Tradition hinweg. Solche traditionellen philosophischen Bestände können daher oft nur noch kultur- und/oder theoriegeschichtlich eingebettet betrachtet werden – oder man macht einen Gebrauch von ihnen im Sinne eines nicht strengen Philosophierens, das mehr auf prononcierte Sichtweisen denn auf deren wissenschaftliche Absicherung achtet.
Das Interesse an den Klassikern, da wo sie nicht einfach in ihren bleibenden Qualität im Vergleich mit der Gegenwartswissenschaft überschätzt werden, basiert mutmaßlich auf dieser Verwendbarkeit. Auch nicht-lebensweltliche Philosophie lässt sich also lebensweltlich-philosophisch lesen und gebrauchen.
Lebensweltliche Philosophie kann auch eine (nahezu) therapeutische Funktion besitzen. Lebenshilfeliteratur und die Institution der „Philosophischen Praxis“ bedienen sich auch in Versatzstücken an der philosophischen Tradition bzw. deren Fragestellungen. Die Texte dienen dabei wieder als Stichwortgeber, allerdings auch – insbesondere bei „großen Namen“ – als Bestätigung der Wichtigkeit der eigenen Fragen und/oder Gedanken. Ein Unterschied zur Selbstverständigung im oben angesprochenen Sinne liegt dann vor, wenn es kaum noch um die Rückbindung dieser Beschäftigung an die Erfolgskriterien dieser Art von Philosophie geht (s.o.), sondern mehr um die Bestätigung eigener Meinungen durch Autoritäten. Eine rationale Selbstverständigung als Therapieform hat dieselbe Berechtigung wie sie eine solche Selbstverständigung immer besitzt.
Die Vielfalt der Philosophie bringt mit sich, dass es keine allgemein geteilten Qualitätsstandards in der Philosophie gibt. Das macht es insbesondere von Außen schwierig, „die Meinung“ der Philosophen zu eruieren oder einen Fortschritt in „der philosophischen Forschung“ zu entdecken. Das führt indirekt zu einer Abwertung der Philosophie als einer minderwertigen universitären Disziplin, wie es scheint. Uneinigkeit, Nichteindeutigkeit und mangelnde Inwertsetzbarkeit lassen das Fach, sofern es Bildungspolitikern und den Entscheidungsfindern fachfremder Gremien ausgesetzt ist, an den Universitäten schrumpfen.
Einige Philosophen in der analytischen Tradition betonen dagegen nicht nur die Wissenschaftlichkeit der (analytischen) Philosophie, sondern auch deren produktive Beteiligung in der interdisziplinären Forschung (insbesondere den Kognitionswissenschaften im Allgemeinen oder der Logik und Sprachtheorie). So weit so gut. Doch der vermeintliche Mangel sollte eigentlich als eine weitere Stärke der Philosophie angesehen und als solcher verteidigt werden.
Lebensweltliche Philosophie kann auch an ihren Erfolgskriterien gemessen werden, und insofern lässt sich brauchbare lebensweltliche Philosophie vom Verkünden bloß eigener Positionen unterscheiden. Damit hat die lebensweltliche Philosophie und ihre Weitergabe als Teil verschiedener Studiengänge ihren Platz an der Universität.
Und selbst die Varianten von Philosophie, welche sich den weichen Erfolgsbedingungen lebensweltlicher Philosophie widersetzen oder entziehen, haben gerade deshalb einen Platz in der Pluralität der Philosophie, die sich Optionen zukünftigen Verstehens und zukünftige Arten der Theoriebildung offen hält.
Die Reduktion der Philosophie an der Universitäten spiegelt ansonsten nur die Verdummung einer beschränkten Offenheit menschlicher Selbstverständigung wieder.
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