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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 1
Buch des Monats Februar 2007
Thorsten Albrecht / Rainer Atzbach: „Elisabeth von Thüringen. Leben und Wirkung in Kunst und Kunstgeschichte“,. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2006, 120 S., ISBN 3-86568-123-9, 9,95 €
Das reich illustrierte Buch bietet eine gelungene Einführung sowohl in das Leben Elisabeths, als auch in ihre Darstellungen in der Kunst, wobei beide Teile sich ausgezeichnet ergänzen. Zuerst schildert Rainer Atzbach „Das Leben – erzählt nach archäologischen und historischen Quellen“, es folgen von Thorsten Albrecht „Darstellungen in der Kunst“, wobei den „Lebenszyklen“, der „Elisabethkirche in Marburg“ und „Einzeldarstellungen“ eigene Kapitel gewidmet sind.

Atzbach verdeutlicht zunächst die problematische Überlieferungsgeschichte und zeigt, wie sehr Elisabeths Leben von frommen Legenden und Mißverständnissen fast bis zur Unkenntlichkeit überwuchert wurde (5). Er stützt sich daher in seiner Nacherzählung auf „die neuesten archäologischen und schrifthistorischen Forschungsergebnisse“ – darin ist sein Text anderen Arbeiten zum Elisabeth-Jubiläum überlegen. Er beginnt mit der Darstellung der historisch-politischen Situation, die dazu führte, dass die vierjährige ungarische Königstochter nach Thüringen gebracht wurde, um die Ludowinger in die staufische Partei einzubinden: durch ihre zukünftige Heirat mit dem ältesten Sohn des Landgrafen.
In einem „Exkurs“ stellt der Autor uns das Königreich Ungarn, die Grafen von Andechs-Meranien – das mächtige Geschlecht von Elisabeths Mutter – und die Landgrafen von Thüringen vor, mit sehr hilfreichen Stammtafeln und einer Karte, die die jeweiligen Einflußgebiete zeigt. Dadurch wird die dem Kind zugedachte Rolle in der Machtkonstellation um 1210 einsichtig.
Von Elisabeths Kindheit am thüringischen Hof wissen wir aus dem Bericht ihrer Dienerin Gunda, der freilich im Zusammenhang mit den Bemühungen um ihre Heiligsprechung entstand und deshalb besonderes Gewicht auf ihre frühe Frömmigkeit legt. Als sie vierzehn ist, heiratet sie den sieben Jahre älteren Landgraf Ludwig – eine politische Ehe zwar, aber offenbar auch eine durch innige Zuneigung bestimmte, in der der selbst jugendliche Gatte die junge Gemahlin in ihrer Eigenart nicht nur gewähren ließ, sondern sie auch unterstützte, etwa in ihrer Mildtätigkeit den Armen gegenüber. Ihre religiösen Anschauungen entsprachen sich und spiegeln den Einfluß, den zu Beginn des 13. Jahrhunderts die neue Bewegung in der Christenheit mit ihrem wichtigsten Exponenten Franz von Assisi gewonnen hatte. Auch nach Eisenach gelangte ein Franziskaner.
Als geistlichen Berater gewann Ludwig den hochgebildeten Magister Konrad von Marburg, seit 1212 als Prediger zum Kreuzzug unterwegs, der in Eisenach auf Grund „seiner vorbildlichen Verbindung persönlicher Armut, theologischer Bildung und leuchtender Beredsamkeit“ (12) überzeugte. Im Einverständnis mit ihrem Ehemann leistete Elisabeth ihm ein doppeltes Gelübde: sie versprach Konrad Gehorsam und für den Fall, dass sie Ludwig überlebte, ewige Keuschheit. Beides, dazu Armut, galt im Mittelalter als Voraussetzung für eine Nachfolge Christi auf Erden.
Vorerst führte das Paar mit den beiden Kindern Hermann und Sophie eine offenbar glückliche Ehe – das Leben auf der Wartburg schildert der Verfasser eingehend, verdeutlicht aber auch, wie sehr sich Elisabeth in stiller Opposition zu der prunkvollen Umgebung befand – so verzehrte sie nichts, was nicht rechtmäßig, also nicht von den Untertanen erpresst, sondern aus eigenem Anbau auf die glänzende Tafel gelangte und stand oft hungrig auf! Dass ihr das nicht gerade die Zuneigung der Hofgesellschaft eintrug, ist verständlich – aber Ludwig unterstützte sie gegen „Unverständnis, Ablehnung und Anfeindung“ (20).
Die Wende in Elisabeths Leben wurde herbeigeführt, als Ludwig zum Kreuzzug Kaiser Friedrich II. aufbrach und 1227 in Otranto einem Fieber erlag. Die jüngste Tochter des Paares, Gertrud, die sie einem geistlichen Leben bestimmt hatten, kam erst nach seinem Tod zur Welt. „Jetzt wurde offenkundig, wie wichtig Ludwigs Rolle in Elisabeths Leben war, sie verlor nicht nur ihren Ehemann, sondern auch ihren Beschützet bei Hof. Die lange zurückgestaute Missstimmung schlug nun um in offene Ablehnung. Heinrich Raspe, der Regent und Vormund von Ludwigs minderjährigem Sohn Hermann (nicht wie versehentlich im Text ‚Heinrich’), entzog Elisabeth widerrechtlich die ihr eigentlich unveräußerlich zustehenden Güter“. (30)
Es war Konrad von Marburg, dem es gelang, für Elisabeth einen päpstlichen Schutzbrief zu erlangen, der ihn zu ihrem Vormund machte. Er erstritt für sie – gegen ihren Willen – eine große Abfindungssumme von 2000 Mark und als Witwensitz Marburg. Elisabeth, die nach dem Willen ihres Onkels, des mächtigen Bischofs von Bamberg, die Gemahlin des Kaisers hätte werden sollen, hatte bereits 1228 in der Eisenacher Franziskanerkirche ein weiteres Gelübde abgelegt, in dem sie „in Gegenwarte einiger Brüder auf Eltern und Kinder und auf den eigenen Willen, auf allen Glanz der Welt und auf alles, was zu verlassen der Heiland im Evangelium rät“, verzichtete (zitiert 33).
In den letzten Kapiteln seiner Lebensbeschreibung: „Das Marburger Hospital“, „Elisabeths Leben in Marburg“ und „Konrad und die Heiligsprechung“ schildert Atzbach, gestützt auf neue archäologische Funde, zunächst den Bereich um die spätere Kirche, in dem Elisabeth ihr Holzhäuschen und die Franziskuskapelle errichtete. Dabei erklärt er, warum diese nicht wie die Elisabethkirche genau nach Osten gerichtet war, sondern in der traditionellen „Marburger Ostrichtung“ wie die Kilianskirche und die erste Pfarrkirche der Stadt: was dazu führte, dass das Elisabethgrab nicht im Mittelchor der Elisabethkirche liegt, sondern versetzt und schräg in der seitlichen Konche.
Die letzten Lebensjahre Elisabeths, die völlig der Sorge für Arme und Kranke gewidmet waren, werden an Hand der Erzählungen ihrer Dienerinnen nachgezeichnet. Atzbach informiert dabei auch über die vielen kleinen Züge der Ungeschicklichkeit, mit der Elisabeth niedere Dienste zu versehen trachtete, und die uns rühren. Auch wenn Konrad sie hinderte, Nonne zu werden, lebte sie doch nach den Regeln der franziskanischen Frömmigkeit. Ihr Vater sandte einen Boten, um sie nach Ungarn zurück zu rufen „Er hatte nämlich gehört, sie führe ein trostloses Leben wie eine Bettlerin“(46), doch dazu war sie nicht zu bewegen – sie führte ja ein selbstbestimmtes Leben, wenn auch in den Grenzen, die ihr Konrad oft sogar mit körperlicher Gewalt zog.
Ganz aus der Welt war Elisabeth nicht – sie empfing Besucher und reiste selbst nach Eisenach und sogar zu ihrer Tante, der Äbtissin von Kitzingen. Die allerdings war schockiert von ihrem Aussehen und verordnete ihr als erstes ein Bad, aber „daraus entwich diese nach kurzem Fußplätschern, um ihrem Leib diese Wohlthat vorzuenthalten“ (47).
In Marburg opferte sie sich auf in der Krankenpflege und Armenfürsorge bei karger Kost und Bußübungen – so verbrauchte sie schnell ihre Kräfte. Nach ihrem Tod in der Nacht vom 16. zum 17. November 1231 – sie war nur 24 Jahre alt geworden – begann sogleich eine extreme Form der Heiligenverehrung: „in einer für die Moderne unfaßbaren Art und Weise: mit christlicher Leichenfledderei“: (50).
Sogleich nach der Beisetzung in ihrer Franziskuskapelle fing Konrad an, ihre Heiligsprechung zu betreiben – er hat sie nicht erlebt, aber inzwischen war auch das Haus Thüringen daran interessiert, eine eigene Heilige zu besitzen: Elisabeths Schwager Konrad von Thüringen nahm sich als Hochmeister des deutschen Ordens der Angelegenheit an und wurde zum Bauherrn der Elisabethkirche, die eigentlich, wie alle Kirchen des Deutschen Ordens, eine Marienkirche ist. Das Verfahren der Heiligsprechung wird im Buch ausführlich dargestellt, ebenso das Ende Konrads als Ketzerverfolger unter dem Schwert empörter Ritter (1233). Papst Gregor IX. sprach Elisabeth bereits 1235 heilig, als ihr Tag wurde der 19. November bestimmt.
Schon die Lebensgeschichte ist reich illustriert, im zweiten Teil des Bandes finden sich dann nach einer Einleitung zunächst die Zeugnisse der Elisabeth-Verehrung kurz nach ihrem Tod – besonders wichtig die Erhebung der Gebeine am 1.5.1236 in Gegenwart des Kaisers, der für den Schädel eine Achatschale spendete und eine Krone: dies Kopfreliquiar befindet sich heute in Stockholm. Es folgen Abschnitte über die „Elisabeth-Viten“ und weitere „Motive der Elisabeth-Darstellungen.“
In der Kunstgeschichte sind besonders hervorzuheben die großen „Lebenszyklen“, so der Lübecker Elisabeth-Zyklus im Heiligen-Geist-Hospital von 1440, der eingeleitet wird durch die Weissagung Klingsors von Elisabeths Geburt und insgesamt 23 Szenen aus dem Leben der Heiligen umfaßt, (alle Abbildungen mit den Beschreibungen 68-87).
Zwei Teppiche stellen das Leben Elisabeths dar, der Wienhausener (um 1480) und der aus dem Kloster St. Marienberg in Helmstedt (um 1450).
Zwei weitere Zyklen finden sich in Marburg in der Elisabethkirche: Das Elisabethfenster von 1235 im Chor und der Elisabethschrein (um 1235/36-1249). Beide stellen die entscheidenden Stationen von Elisabeths Leben und die Taten ihrer Barmherzigkeit dar. Ergänzt werden diese Bildkreise durch die übrigen der Heiligen gewidmeten Bildwerke in ihrer Kirche.
Schließlich verweist Albrecht auf Einzeldarstellungen der am häufigsten auftauchenden Motive: Elisabeth mit Bettler, mit Brotlaib und Kanne, sowie die Mantelspende und Elisabeth mit einem Kirchenmodell. In den Niederlanden und am Niederrhein wurde Elisabeth mit drei Kronen dargestellt – und als letztes Bild: der Philippstein von Haina mit Elisabeth als Stammmutter Hessens.
Völlig und mit Recht verzichtet der Verfasser auf die späteren Legendenbilder und vor allem auf die romantischen Darstellungen einer lieblichen Heiligen: lieblich war Elisabeth gewiß nicht.
Zum Elisabethjahr ist das Buch in allen seinen Teilen nur zu empfehlen, zumal es der historischen Gestalt verpflichtet ist und nicht in erster Linie ihrer religiösen Verklärung (zu diesem Betracht gab und gibt es ausreichend Literatur).
Elisabeth Freytag