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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 1
Wladimir
Roman Kurtz
Estragon
Johannes Lang
Pozzo
Christian Fries
Lucky
Isaak Dentler
Junge
Kirstof Münstedt
Inszenierung Astrid Jacob
Ausstattung Lukas Noll
Dramaturgie Dirk Olaf Hanke
Vielleicht sind für Becketts Warten auf Godot die Gleichförmigkeit allen Geschehens und Tuns und die Gleichrangigkeit alles dessen, worüber Wladimir und Estragon sprechen, die charakteristischsten Merkmale. Ob Estragon einen Schuh anzuziehen versucht oder Wladimir eine Möhre isst, ob sie nach einer Kordel suchen, um sich aufzuhängen, oder tapsig oder erregt auf der Bühne hin- und herlaufen, ob sie über ihre Schlafstätten der verflossenen Nacht reden oder über die Schächer am Kreuz, über ferne Gegenden ihrer Vergangenheit oder über Gott, darüber, was sie tun können, um sich die Zeit zu vertreiben, oder darüber, dass die Füße des anderen stinken, – das Stück macht keine Unterschiede, kennt keine wichtigen oder weniger wichtigen Vorgänge oder Gesprächsthemen, gibt dem einen nicht mehr Bedeutung und Sinn als dem anderen, macht alles gleich, gleich bedeutend und gleich unbedeutend, sinnvoll und sinnlos, kennt keine über dem Stück liegende Wahrheit und keine über das, was konkret auf der Bühne getan und gesprochen wird, hinausgehende Bedeutung. Wladimir und Estragon schaffen sich ihre eigene Welt und werden, indem sie ihre Einsamkeit, wenn denn das überhaupt das richtige Wort ist, spielerisch und ganz selbstverständlich bis zum Schluss durchhalten, wahre „Helden“.

Die Gießener Godot-Aufführung unter der Regie von Astrid Jacob zeigt in aller Eindringlichkeit die Diesseitigkeit und Eindimensionalität der Estragon- und Wladimir-Welt und damit ihre Unerlösbarkeit und die Unmöglichkeit, ihr durch irgendetwas von außen eine Bedeutung zu geben oder sie gar zu „erretten“ – Wladimir spricht ja von Godot als ihrem „Retter“. Wladimir und Estragon sind auf der Gießener Bühne Clowns, schon wegen ihrer sprachlichen Spielereien und Clownerien, aber in ihren leger-locker-losen, verknitterten und etwas nachlässigen beigen Freizeitanzügen und mit ihren Käppi-Mützen auch Alltagsmenschen von nebenan, ernst und unernst zugleich, spielerisch-leichtfüßige und melancholisch-nachdenkliche „Warter“, wie geschaffen für Becketts Sprache, die keine Bedeutung oder gar Botschaft über das hinaus, was ein Wort oder ein Satz sagt, transportieren will. Sie führen einen Tanz um Becketts Worte aus, sprechen sie einmal schnell und eher sachlich, dann wieder mit Pausen und langsam, stehen dabei, sitzen, agieren vorne am Bühnenrand, drehen sich, wie die Sätze auch, immer wieder um sich selbst. Sie wundern sich, aber wundern sich nicht zu viel; sprechen über alte, andere Zeiten und Orte, aber ohne ganz großen Enthusiasmus oder gar Sehnsucht, klagen, aber ohne dabei weinerlich zu werden, und wollen sich aufhängen, ohne bei dem Gedanken auch nur den Anflug innerer Erregung zu zeigen. Alles ist nur Zeitvertreib, nicht mehr. Die berühmten Sätze „Komm, wir gehen. / Wir können nicht. / Warum nicht? / Wir warten auf Godot. / Ach ja.“ werden, je länger das Spiel dauert, selbst zu einem großen, komischen, absurden Worte-Spiel, wie beiläufig hingesprochen einmal, pathetisch überbetont das andere Mal oder in Hitler-Ausdruckspose rezitiert oder gelangweilt „aufgesagt“. An irgendeinen Sinn der Sätze oder gar daran, dass Godot je kommen könnte, glauben beide schon längst nicht mehr. Und wenn am Ende des ersten und des zweiten Akts der Knabe auftaucht, um anzukündigen, dass Herr Godot an diesem Abend nicht mehr, am nächsten Tag aber wohl kommen werde, dann erscheint er als Schattenbild an den Wänden der Bühne und die Stimme kommt von oben aus dem Off: ironische Spielerei auch das, als könne ein Kind ihnen von oben – vom Himmel etwa? – das Heil künden.
Die Bühne übrigens, eingerichtet von Lukas Noll, unterstreicht die Jenseitslosigkeit von Wladimirs und Estragons Welt: Sie besteht aus einer weißen Riesenröhre, deren vier Wände sich nach hinten verjüngen und in einer schwarz gähnenden rechteckigen Öffnung enden. Eine Röhre mit einem Schlupfloch. Aber für Wladimir und Estragon gibt es kein Entrinnen, wenn sie denn überhaupt fliehen wollten; ihre helle Welt ist vorn an der Bühnenrampe, hinten ist nichts – im wahren Sinn des Wortes.

Zweimal allerdings dringt aus der dunklen Öffnung etwas Schwarzes in die weiße Welt von Wladimir und Estragon hinein: Es sind Pozzo und Lucky¸ Herr und Knecht, der Mann mit der Peitsche und der Kofferträger mit dem Seil um den Hals im ersten, der blinde, hilflose Herr und der stumme, hilflose Knecht im zweiten Akt. Sie kommen durch das schwarze Loch am hinteren Bühnenrand gekrochen und beherrschen in ihren schwarzen Anzügen und mit Pozzos herrischem Gehabe und seinem Befehlston – der militärische „Look“ Pozzos ist dabei störend-überflüssig – die Bühne.
Aber – die Gießener Inszenierung ist erstaunlich schlüssig und überzeugend – Pozzo und Lucky beweisen nicht, dass es jenseits von Wladimir und Estragon noch eine andere Wirklichkeit gibt, gab oder geben könnte. In Gießen erscheint deren Einbruch wie ein Traum, als Vorstellung und Einbildung der beiden Wartenden, nicht als etwas, das Teil ihrer Welt wäre oder zu einer Außenwirklichkeit gehörte. Im Gegenteil, sie machen sich – und so endet das Stück –über Pozzo und Lucky lustig: den Strick, eigentlich zum Erhängen vorgesehen, legt sich der eine um seinen Hals und lässt sich vom anderen – auch das ein Spiel wie alles andere – in Pozzo-Lucky-Manier über die Bühne ziehen. Wladimir und Estragon „sind“ auch Pozzo und Lucky, außer ihnen gibt es niemanden, außer ihnen existiert nichts.

Den vier guten Schauspielern gelingen eindrucksvolle Beckett-Figuren. Sie setzen Becketts Text in poetisch-hintergründiges, absurdes wie gespenstisch-realistisches Spiel um. – Der übertrieben symbolischen Lichtkugel – Weltkugel? –, die zweimal von hinten über die Bühne rollt und von Wladimir und Estragon, als könnten sie die Welt aus den Angeln heben, triumphierend getragen wird, hätte es nicht bedurft. Der Zuschauer hat längst begriffen, dass, indem alles zu einem Spiel wird, Wladimir und Estragon jeder Sinn genommen, ihnen gleichzeitig aber ein neuer Sinn gegeben wird: nichts zu wissen oder zu kennen nämlich als sich selbst, den Ort, an dem sie gerade leben, die Zeit, in der sie sich gerade befinden, und nicht nach mehr zu fragen. „Das Ende ist abzuwarten“, schreibt Beckett in Der Namenlose, „das Ende muss kommen, und am Ende wird es endlich vielleicht das gleiche sein wie vorher, wie während der langen Zeit, während man sich ihm nähern oder sich davon entfernen, oder es zitternd erwarten musste, oder fröhlich, gefasst, ergeben, da man genug getan hat, genug gewesen ist.“
Während der gesamten Gießener Aufführung liegt ganz vorn am Bühnenrand ein Klavier auf seiner Rückwand, die Tasten nach oben gerichtet, schäbig und strapaziert und alt aussehend, so als sei es umgefallen, achtlos weggeworfen worden, als seien seine guten Tage längst vorbei. Es gibt Becketts fünfzig Jahre altem Klassiker die Aura von etwas Schönem, aber Vergangenem, romantisiert den Text ein wenig und ironisiert ihn gleichzeitig. Dass Warten auf Godot keinesfalls angestaubt ist oder gar zu altem Klavier-Gerümpel gehört, sondern im Gegenteil aktuell und packend sein kann, das zeigt die Gießener Aufführung in vielerlei Hinsicht.
Herbert Fuchs