Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 1


 

Bhagavadajjukam. Die Heiligen-Hetäre. Eine indische Yoga-Komödie. Übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Ulrike Roesler, Jayandra Soni, Luitgard Soni, Roland Steiner und Martin Straube. Sanskrit- und Prakrit-Text herausgegeben von Roland Steiner und Martin Straube. Mit einem Nachwort von Roland Steiner. München: Kirchheim Verlag 2006. ISBN-10: 3-87410-106-1. 24 € 

Als im Ausgang des 18. Jhds. mit der sogenannten »Sakuntala« das erste altindische Schauspiel hierzulande in deutscher Übersetzung erschien, erregte der Band enormes Aufsehen. Der Originaltext war noch nicht ediert, niemand in Deutschland hätte ihn lesen können und obwohl die philologisch geschulten Dichter und Gelehrten vermuteten, daß die Übersetzung – über Latein und Englisch mehrfach gebrochen und dann noch einer gewissen ästhetischen Zensur ausgesetzt – vielleicht einige Verzerrungen beinhalten könnte, sahen die Dichter hier eine Beschreibung »schöner Weiblichkeit oder schöner Liebe« (Schiller in einem Brief an Humboldt), die sie im griechischen Altertum vermißten. Auch Goethe drückte seine Begeisterung vielfach aus und adaptierte sogar den eigentümlichen Einleitungsdialog für sein Vorspiel auf dem Theater im Faust.

Doch das Stück enthielt ein Problem: man durfte es – wie Herder schrieb – nicht europäisch lesen, also mit Hinblick auf den Handlungsausgang, sondern eben »indisch«, mit   »fein aufmerkender Überlegung, Ruhe und Sorgfalt«. Als Schiller 1801 die Sakuntala erneut liest, schreibt er am 20. Januar an Goethe: „ . . . ja ich habe sie auch in der Idee gelesen, ob sich nicht ein Gebrauch fürs Theater davon machen ließe; aber es scheint, daß ihr das Theater direkt entgegensteht, daß es gleichsam der einzige von allen 32 Winden ist, mit dem dieses Schiff, bei uns, nicht segeln kann. Dies liegt wahrscheinlich in der Haupteigenschaft derselben, welche die Zartheit ist, und zugleich in einem Mangel der Bewegung, weil sich der Dichter gefallen hat, die Empfindungen mit einer gewissen bequemen Behaglichkeit auszuspinnen.“

Am 21. September 2004 wohnten die Teilnehmer des Deutschen Orientalistentages in Halle (Saale) einer ungewöhnlichen Lesung bei. Die Übersetzer einer indischen Komödie aus dem 7. Jhd., der »Heiligen-Hetäre«, lasen ihren Text mit verteilten Rollen – wie es in der Ankündigung hieß. Wohl in der Begeisterung geriet die Lesung zu einer Aufführung, nach dem Urteil zumindest einiger der mehreren hundert Zuschauer durchaus erfolgreich. Was war geschehen? Ist das Publikum durch progrediente Bollywood - Exposition nun auch reif für das altindische Schauspiel oder hatten die Übersetzer nachgeholfen?

Im vergangenen Jahr erschien nun die Textvorlage der »Heiligen-Hetäre« oder Bhagavadajjuka. Die Publikation ist in vieler Hinsicht sehr gelungen: Sie bietet für den allgemeinen Leser eine Übersetzung mit den notwendigsten Anmerkungen zum Verständnis sowie im Nachwort eine allgemeine Einleitung zum indischen Schauspiel, zum vorliegenden Stück und zu den Übersetzungszielen. Für das Fachpublikum steht auf der linken Seite jeweils der Original-Text, im Anhang finden sich Bemerkungen zur Textpräsentation sowie eine Liste der Lesarten. Farbabbildungen indischer Malereien, welche Motive enthalten, die ähnlich im Stück vorkommen, runden das Büchlein ab. Besonders zu erwähnen, da es leicht übersehen wird, ist ein Signet der heiligen Silbe »om«, welches um 180 Grad gedreht einen Elefantenkopf darstellt.

Bei der »Heiligen-Hetäre« handelt es sich um eine Art Verwechslungskomödie in einem Akt, der lediglich 30 Seiten umfaßt. Im »Vorspiel auf dem Theater« bespricht der Theaterdirektor mit einem der Schauspieler, der »lustigen Person«, das Stück, das zur Aufführung kommen soll. Es handelt, ohne hier zuviel verraten zu wollen, von einem Yogi, der mit einem Schüler in einen Park geht. Der Schüler, der die Religion nicht ernst nimmt und damit seinem Lehrer gehörig auf die Nerven geht, sieht im Park eine Kurtisane, die ihn fasziniert. Er nähert sich ihr, ohne daß sein Guru ihn abhalten kann. Plötzlich taucht, nur für das Publikum sichtbar, der Bote des Todesgottes auf, der seinen Auftrag die Seele der Kurtisane mitzunehmen, durchführt, indem er sich in eine Giftschlage verwandelt und ihr den tödlichen Biß zufügt. Der Schüler des Yogi ist untröstlich, der Lehrer kann ihn von dieser Verhaftung an das Irdische nicht abbringen und entschließt sich, ihm eine Lektion zu erteilen: er verläßt seinen eigenen Körper und tritt mit seiner Seele in den leblosen Körper der Hetäre ein, die nun erwacht, aber für die Umstehenden nicht sie selbst zu sein scheint, da sie unpassende Belehrungen erteilt, sogar den herbeigerufenen Giftdoktor als ungebildet entlarvt. Als ein Bote des Todesgottes auftaucht und sieht, daß der Körper bereits »besetzt« ist, steckt er kurzerhand die Seele der Kurtisane in den Körper des Asketen. Nach einigen amüsanten Szenen werden die Seelen wieder vertauscht und der Lehrer kehrt mit seinem Schüler mit der Bemerkung, er werde ihm die ganze Geschichte später erzählen, zurück.

Das Stück lebt von der Situationskomik, wie etwa vom Zusammenprall des »Heiligen« mit seinem ungleichen Schüler, aber auch den sprachspezifischen Wortspielen, etwa wenn der Asket im Körper der Hetäre dem dilettantischen Quacksalber grammatische Fehler korrigiert. Der Text, sicher schon in Hinblick auf eine mögliche Aufführung geplant, mußte an dieser Stelle von der rein philologischen Übertragung abrücken und die Wirkung im Deutschen analog imitieren. Andere Eigenheiten indischer Schauspiele bleiben jedoch unimitierbar, wie etwa die   Mehrsprachigkeit. Man könnte zwar auf Dialekte zurückgreifen, was insbesondere bei Komödien nicht ohne Reiz wäre – man stelle sich nur einen niederbairischen Vidusaka vor –, aber man würde sich so recht weit vom Vorbild entfernen, wo die Mehrsprachigkeit nicht mit unserer Wahrnehmung der Dialekte übereinstimmt, ganz abgesehen davon, daß man den Ort des Geschehens dann nicht mehr in Indien, sondern eher in Passau lokalisieren würde. Die Übersetzer haben sich einer weitergehenden Umsetzung indischer Vorstellungen in vermeintliche europäische »Äquivalente« daher versagt. Sehr konsequent umgesetzt ist dagegen der Wechsel zwischen Prosa und Vers, der für das indische Schauspiel typisch ist und daher zu den Invarianten einer literarischen Übersetzung gezählt werden sollte. Eine Nachbildung der Sanskritmetren im Deutschen wurde zu Recht nicht versucht, da so – ein Sanskritmetrum im Deutschen klingt oft nicht wie ein erkennbarer Vers – der Wechsel zwischen Vers und Prosa wieder verwischt worden wäre. Die »Heiligen-Hetäre« stellt also einen gelungenen Versuch einer literarischen Übersetzung unter weitestgehender Bewahrung philologischer Genauigkeit dar.

Jürgen Hanneder

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