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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 1
Günter Eich (1.2.1907 – 20.12.1972)
Inventur
Dies ist meine Mütze,
dies ist mein Mantel,
hier mein Rasierzeug
im Beutel aus Leinen.
Konservenbüchse:
Mein Teller, mein Becher,
ich hab in das Weißblech
den Namen geritzt.
Geritzt hier mit diesem
kostbaren Nagel,
den vor begehrlichen
Augen ich berge.
Im Brotbeutel sind
ein Paar wollene Socken
und einiges, was ich
niemand verrate,
so dient es als Kissen
nachts meinem Kopf.
Die Pappe hier liegt
zwischen mir und der Erde.
Die Bleistiftmine
lieb ich am meisten:
Tags schreibt sie mir Verse,
die nachts ich erdacht.
Dies ist mein Notizbuch,
dies meine Zeltbahn,
dies ist mein Handtuch,
dies ist mein Zwirn.
[1]
Eine nüchterne Bestandsaufnahme des materiell Überlebensnotwendigen und ein unbedingtes sich Überlassen dem Überflüssigen, dem Gedichte-Schreiben; ein schnodderig und erhaben sprechendes Ich; ein Ich, das sich wegduckt im Verhör und das mit souveräner Geste seinen Besitz vorzeigt; das den Leser – im deiktischen Sprechen – in die Sprech-Situation unmittelbar einbezieht und ihn zunehmend ausschließt.
Nüchtern, schnodderig: So eben mal, mit wegwerfender, lakonischer Geste, werden die zur Inventur anstehenden Dinge hingehalten.
Erhaben, unbedingt: Die rhythmische Gestaltung [2] des Gedichtes (in der Spannung zwischen natürlicher Sprechbetonung und metrischer Ordnung) enthält eine Musikalität, deren Kraft den prosaischen Inventur-Ton auflöst, wegspült. Man stelle versuchsweise in Vers 3 und 4 der dritten Strophe (hier beginnt das ´Bergen´) die Wortfolge um: ´den ich ......berge´: Die begehrlichen Augen würden ihre Begehrlich-, ihre Bedrohlichkeit verlieren, das Bergen bliebe eine blasse, unverbindliche Geste. Die zentrale vierte Strophe enthält als einzige einen doppelt unbetonten Auftakt (2. Vers), der betonte Auftakt im letzten (4.) Vers betont (fast verzweifelt) die Entschlossenheit des Festhaltens am Geheimnis, an dem das Geheimnis schützenden Menschen.
Wegduckend: Günter Eich war in einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager. Vorstellbar ist, dass er die einschüchternde Überwältigungs-Situation des Verhörs, das kein Geheimnis duldet, kannte. ´Was ist das? ... Und das da?´ Auf solche Verhörfragen erfolgt die schüchterne, gehorsame Antwort: ´Dies ist ... Hier ist ...´
Souverän: ´Dies ist ... hier ist´ kann auch gesehen, gelesen werden als eine selbstbewusste Gebärde des sich Öffnens, mit der das Ich seine Würde bewahrt [3]. Dem ist das deiktische Sprechen [4] angemessen, das den Verhörer, Zuhörer, Zuschauer, Leser teilnehmen lässt an der Entfaltung und Gestaltung der Situation. In deren Verlauf gewinnen die Inventur-Gegenstände einen für das und vom Ich selbst bestimmten Wert. Ab der zweiten Strophe übernimmt das Ich die Deutungshoheit
Damit beginnt zugleich die Ausschließung der Verhörer, Zuhörer, Zuschauer, Leser, gesteigert zum ´Bergen´ (Strophe 3) und ´nicht Verraten´ (Strophe 4). Damit ist in doppelter Hinsicht das Zentrum des Gedichtes erreicht, aus dem es zugleich hervorgeht. Und mit seinem Entstehen gewinnen die Inventar-´Dinge´ eine neue, überhaupt erst eine ´Wirklichkeit´ [5]
Widersprüchliches enthält, widersprüchlich gebärdet sich dieses Gedicht. Widerspricht, widersteht, entzieht sich der vereinnahmenden Deutung - wie sein Verfasser [6]. Hat sein Zentrum in und entsteht aus dem ´Geborgenen´, ´niemand Verratenen´, dem Verschwiegenen, dem Geheimnis.
Es musste immer wieder herhalten als das Beispiel für ´Kahlschlagliteratur´. Nach einem Kahlschlag bleibt nichts mehr übrig. Viel übrig zum Nachhorchen, Nachspüren, Nachdenken bleibt beim wiederholten Lesen dieses Gedichtes.
Manfred Jobst
Anmerkungen:
[1] Das Gedicht erschien erstmals in: Günter Eich:
Abgelegene Gehöfte. Mit vier Holzschnitten von Karl
Rössing. Bei: Georg, Kurt Schauer, Verlagsbuchhandlung,
Frankfurt a.M. Printed in Germany, 1948, S. 42 f.
Günter Eich hat es auch aufgenommen in die von ihm
zusammengestellte Werkauswahl: „Ein Lesebuch“, die 1972 im
Suhrkamp-Verlag erschien. Im Nachwort zur
Taschenbuchausgabe (1981) schreibt die Mitherausgeberin
Susanne Müller-Hanpft: „Geradezu unerbittlich und
energisch war Eich nur in der Ablehnung der von ihm
verworfenen, der vielzitierten, leicht verwertbaren,
eingängigen Arbeiten.“ (S. 315) `Inventur´ gehört zu den
´vielzitierten´ Gedichten!
[2] Stil- und Formfragen waren für Günter Eich keine
Nebensächlichkeit: „Literatur, wenn sie nicht Reportage
und Unterhaltungsroman bleiben will, wird erst wesentlich
und wirksam, wenn sie Form gewinnt, d.h. über das
Dargestellte hinaus gültig ist ... Stil ist kein
Schlafpulver, sondern ein Explosivstoff.“ „Die
Korrespondenz eines Doppelkonsonanten in der ersten Zeile
mit einem in der zweiten kann entscheidender sein als der
Gefühls- oder Gedankeninhalt“. Aussagen Günter Eichs.
Zitiert nach: Jürgen Zehnke: Poetische Ordnung als Ortung
des Poeten. Günter Eichs Inventur. In: Gedichte und
Interpretationen. Bd. 6. Gegenwart. Hrsg. von Walter
Hinck. Stuttgart (Reclam)1982, S. 78f. Zehnke steckt das
Gedicht nicht in die Schublade Kahlschlag.
„Metrum und Rhythmus haben eine paradoxe
Doppeleigenschaft: sie prägen maßgeblich die (imaginäre)
Sinnlichkeit von Dichtung“. Winfried Menninghaus: Hälfte
des Lebens. Versuch über Hölderlins Poetik. Frankfurt
(Suhrkamp), 2005, S. 10. Menninghaus schreibt über
Hölderlin, den Eich in dem der „Inventur“ folgenden
Gedicht „Latrine“ zitiert und auf „Urin“ reimt.
[3] „Wenn unsere Arbeit nicht als Kritik verstanden werden
kann, als Gegnerschaft und Widerstand, als unbequeme Frage
und Herausforderung der Macht, dann schreiben wir umsonst,
dann sind wir positiv und schmücken das Schlachthaus mit
Geranien. Die Chance, in das Nichts der gelenkten Sprache
ein Wort zu setzen, wäre vertan.“ Aus Günter Eichs
Büchnerpreisrede 1959.
[4] Jetzt kommt der nüchterne (auch sensible) Grammatiker
zu Wort: „Die Positions-Adverbien (i.e. da, hier,
dort) dienen dazu, die Gesprächssituation nach ihren
räumlichen Bedingungen zu charakterisieren. Dabei geht es
grundsätzlich nicht, wenigstens primär, um den
abstrakt-geometrischen Raum, sondern um den
konkret-anschaulichen (>deiktischen<)
Kommunikationsraum, wie er durch die leibliche
Konfiguration der miteinander sprechenden Personen
gebildet ist.“ Harald Weinrich: Textgrammatik der
deutschen Sprache. 3. Aufl. Darmstadt (Wiss.
Buchgesellschaft), 2005, S. 557.
[5] „Erst durch das Schreiben erlangen für mich die Dinge
Wirklichkeit. Sie ist nicht meine Voraussetzung, sondern
mein Ziel. Ich muss sie erst herstellen.“ Günter Eich,
zitiert nach dem ´Lesebuch´, S. 311.
[6] „Maulwürfe“ nennt Günter Eich eine 1968 erscheinende
Sammlung von Prosatexten.