Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 1


 

Timo Kölling

"JAHRHUNDERT-DICHTER"
      (hiob 17,12)

ihr jahrhundert
eingeklemmt
zwischen zwei
sekunden aus stein
hollywood oder heiligreich
weltnacht in
der messingstadt

zurvan-zungen
decken wo nichts
sich reimt den schlaf
mit reimen zu

bernstein-regen ist schön
aber falsch die
steinernen stehlen
artisten-sigel
aus den nebeln
haben umgang
mit gespenstern
die urgrossmutter
an die wand die
teufelsflammen
malend hatte
recht das haus
steht in flammen

Hölderlin! Celan! George! rettetet
ihr das wort nicht
aus den räuschen
der steinernen?

auf unsichtbarer erde, auf
sommers höhe, hoch über dem traum,
weite uns, Ewiger, die stirn,
wende uns, Rettender, den blick,
schenke uns, Zeugender, die zeit,
dass, befreit aus messingglänzender nacht,
das salz, die träne, Avalokiteshvara,
in das Unvergängliche Herz sich senke.

 

Wer sind die "Jahrhundert - Dichter"? Nach Auskunft Köllings bezieht sich der Ausdruck auf Stefan George, nach dessen Ansicht "jedes Jahrhundert, jede "Ewe", nur einen einzigen großen, repräsentativen Dichter habe". Aber diese hier, und es sind viele, "stehlen / artisten-sigel", ihre Epoche ist "eingeklemmt / zwischen zwei / sekunden aus stein / hollywood oder heiligreich" - man kann vermuten, dass die Konfigurationen solcher archetypischen Momente etwas Vergleichbares haben: Hollywood und das Dritte Reich sind die realen Metaphern der absoluten Verdinglichung des Lebens. Aber es fällt auf, dass das historisch bereits Untergegangene an zweiter Stelle genannt wird.

Zurvan, eine alt-iranische Gottheit, frisst die Zeit, die sie hervorbringt. Die "zurvan-zungen" des Gedichts sind für Kölling "die blinden Werkzeuge einer Weltnacht" oder "steinernen Zeit". Jedes dichterische Wort bezieht sich in seinem innersten Kern auf etwas Unvergängliches, das doch nur in vergänglicher Gestalt erscheinen kann - hier jedoch ist es umgekehrt: Die falschen Reime trachten danach, die Substanz des Poetischen in der dichterischen Produktion selber, durch sie, zu vernichten.

Es besteht die Gefahr, dass die in solcher Gegenwart Lebenden nicht mehr wahrnehmen können, was mit ihnen und dadurch auch mit jener Substanz geschieht. Die dritte Strophe konstruiert, um zumindest diese Gefahr sichtbar zu machen, einen Gegensatz - dem Wahnsinn des Alters zeigt sich das brennende Haus. Auf manchen Bildern van Goghs sind Bäume mit kahlen Ästen zu sehen, um die die Luft wie eine Lohe wabert. Der Weltbrand ist nicht wahrnehmbar, denn eigentlich verbrennt sein Feuer nichts mehr, sondern erfüllt nur, wie aus sich selber lebend, den Äther. Der Auftrag der Malerei lautet mithin, den unsichtbaren Brand darzustellen. Sein lautloses Tosen, das Paradoxe schlechthin, ist, in ihrem Untergang, der Paroxysmus der Existenz. Was so stirbt, schaut sich plötzlich selber an und erfährt den Gipfelpunkt seines Daseins. Wenn das sich Ausschließende sich aufeinander bezieht, wird es zum Bild der abwesenden Wahrheit.

Die wirklichen Jahrhundert - Dichter sind Hölderlin, Celan und George. Die vorletzte Strophe wiederholt, aber in pointierter Form, die Umkehrung oder Verschränkung der ersten. Dem Werk Celans wird damit eine Achsenfunktion zugewiesen. Aus der geschichtlichen Zeitabfolge tritt der Holocaust als unabweisliche Bedingung jeder poetischen Produktion heraus: Ohne Auschwitz, so das dem Adornoschen entgegenstehende Diktum, ohne den radikalen, sich selbst infragestellenden Bezug auf diesen ortlosen Ort, können keine Gedichte mehr geschrieben werden. - Aber weil dem so ist, hat sich jetzt die Wahrheitskonstellation selber verändert. Wahrheit erscheint nicht mehr als in einem Moment der höchsten Gefahr (Rilke) erfolgende Umschmelzung des Falschen, das sich somit in jene verwandelte, sondern beides, Gutes und Böses, existieren in paralleler Spiegelung, die gerade kein utopisches Ideal der Rettung mehr erzeugt. Gelingt es, die Parallelität beider uneingeschränkt in den Blick zu nehmen, entsteht vermutlich die Möglichkeit einer neuen, nachmodernen, inspirativen Situation. Köllings Gedicht geht diesen Weg nicht, sondern versucht, auf ernsthafteste Weise, die Rekonstruktion des versunkenen Inspirationsgefüges der Moderne und setzt sich damit dem Risiko des Scheiterns aus. Gegenüber der heutigen Lyrik behält es deswegen die Intransigenz, ohne die es keine Dichtung gibt. Durch sie versäumt es, den Impuls jener paradoxen Parallelität in sich aufzunehmen und scheint sich doch eben darauf vorzubereiten.

Max Lorenzen

[Zurück zur Startseite]