Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 1


 

Selbstregulierung ohne Steuerung. Zu Helmut Willke: Symbolische Systeme. Grundriss einer soziologischen Theorie.

von Gerhard Preyer

Helmut Willke gehört zu den Soziologen, die sich der grundlegenden Veränderungen des Gesellschaftssystems nach dem zweiten Weltkrieg theoretisch gestellt haben. Er geht von dem mittlerweile weitgehend anerkannten sozialwissenschaftlichen Befund aus, dass sich die überlieferten Modelle der Ordnungspolitik des Nationalstaates gegenüber der neuen Qualität der Globalisierung des Wirtschaftssystems erschöpft haben. Globalisierung, Digitalisierung, Vernetzung und die Mobilisierung der Gesellschaft bringen die nationalstaatliche Steuerung immer mehr in die Defensive, und sie wird kontraproduktiv. Das ist der Befund, den wir seit spätestens der Mitte der 1990er Jahre erkennen können. Die grundlegende Veränderung besteht darin, dass Gemeinwohl nicht mehr durch das politische System definiert werden kann. Dadurch wurde die Neubewertung der Steuerungsfunktion des Staates eingeleitet, die Neufassung der Theorie sozialer Integration als auch die Reorganisation der Wissensgewinnung und seiner Anwendung eingeleitet.[1] Willke geht davon aus, dass ein globales Weltsystem atopisch ist. Atopie meint globale Ortlosigkeit. Die globalen Infrastrukturen, Telekommunikation, Verkehrstelematik, globale Massenmedien und Transaktionsnetze erzwingen transnationale Steuerungssysteme und sie bagatellisieren die Örtlichkeit. Dystopia ist die Gegenseite, die Krise von Atopia. Sie diagnostiziert: „Eine Gesellschaft, in der ... alles gleichzeitig passiert und auf den Bildschirmen erscheint, könnte schizophren werden“.[2] Es geht um die veränderten Anforderungen der Organisation und der Intelligenzausbildung einer Wissensgesellschaft, die bereits mit ihrer Evolution beginnt. Heterotopia beschreibt die Problemlage des Zerfalls sozialer Ordnung in der Weltgesellschaft jenseits nationalstaatlich organisierter sozialen Ordnungen. Das globale Weltsystem und seine Dynamik führt zu einer Schließung des Kapitels der Selbstverständlichkeiten der Moderne: Die Ordnung des Wissens, der Territorien und die Ordnung der Ordnung nationalstaatlicher Gesellschaften. Dadurch entsteht eine Grundsituation, in der sich die Sozialordnungen der Moderne mit Bestandteilen von Unordnung, Anarchie, Chaos ausstatten müssen, um als komplexe Ordnungen bestehen zu können. Das wird zu einer Neuorientierung der Theorie sozialer Integration und der Rechtssoziologie führen, die nicht mehr davon ausgehen wird, dass das Gesellschaftssystem durch eine normative Kultur, Werte oder Konsens integriert und geregelt sein wird.

Willke geht bereits in seinen früheren Untersuchungen davon aus, dass die Symbolsysteme der Gesellschaft gegenüber ihren Mitgliedern unabhängig geworden sind. In seiner neuen Untersuchung hat er sich die Aufgabe gestellt, im Rahmen der Systemtheorie N. Luhmanns die „Architektur“ und „Operationsformen“ der Kommunikationsmedien als Symbolsysteme einer theoretischen Analyse zu unterziehen.[3] Die Innovation in der Systemtheorie der letzten dreißig Jahre ist darin zu sehen, dass Systeme theoretisch von ihrer Umweltbeziehung her zu beschreiben sind . Somit der Dependenzunterbrechung von System und Umwelt. Daraus folgt zugleich eine Neuorientierung des Steuerungsverständnisses sozialer Systeme. Die Differenz System-Umwelt kann nicht als Steuerungsunterscheidung gefasst werden und auch kein Steuerungsprogramm sein. Steuerung kann deshalb nur als ein Differenzminimierungsprogramm funktionieren und nicht als Steuerung des Gesellschaftssystems. Daran sind die Planifikationen gescheitert, ohne dass man sagen könnte, dass das politische System von seinem fortlaufenden Scheitern seiner Steuerungsversuche etwas gelernt hat. Das scheint seiner Systemrationalität und Selbstreferenz geschuldet, die sich gegenüber seinen eigenen Möglichkeiten systematisch blind macht. Steuerung scheitert durch die formale Organisation des politischen Systems, die umweltblind operiert und mit ihrer medialen Legitimation beschäftigt ist. Zudem führt Steuerung und Reform zur Steuerung der Steuerung und der Reform der Reform. Die selbstreflexive Schleife erzwingt dadurch eine Selbstbeobachtung, die ihre Umweltblindheit noch verstärkt.

Willkes Untersuchung ist nicht als eine Revision der Medientheorie Luhmanns angelegt, sondern als eine Fortschreibung dieses Ansatzes. Die Frage, ob es sich dabei um eine Revision handelt, liegt deshalb nahe, da Luhmann Medien nicht als Systeme, sondern als Zusatzeinrichtungen beschreibt, durch die Annahmemotive von Kommunikationsofferten gesteuert werden. Willke geht davon aus, dass die Symbolordnungen, wie z.B. Macht, Recht, Geld, Wissen, Ideologien u.a.m., medientheoretisch zu untersuchen sind. Es handelt sich dabei aus seiner Sicht um Systeme mit einem eigenen Status. Seine Grundannahme besagt: Kommunikationsmedien und Symbolsysteme sind zwei Seiten einer Medaille, d.h. sie dienen dazu, die kommunikative Gestaltung von reduzierter Komplexität zur erreichen. Es handelt sich dabei um Symbole und symbolische Operationen, die zwangsläufig zu ihrer eigenen Systembildung führen.[4]

Im argumentativen Rahmen der Systemtheorie geht Willke davon aus, dass eine soziologische Theorie symbolischer Systeme die beiden Korrekturen an Luhmanns Ansatz vornimmt: Sie korrigiert den Kommunikationsbegriff dadurch, in dem sie davon ausgeht, dass Kommunikationen symbolisch fundiert sind, und sie situiert Kommunikation im Kontext postevolutionärer Expansion, die er als „Entäußerung des Denkens zu Imagination und Futurität“ charakterisiert.[5] Mit diesem Anschnitt der Verknüpfung von System- und Evolutionstheorie beansprucht er, eine theoretische Umstellung von Evolution auf Steuerung und der Kommunikationsmedien auf Steuerungsmedien einzuleiten. Willkes Anspruch geht dahin, den Ansatz Luhmanns durch E. Cassirers Logik der symbolischen Formen und von F. de Saussures Logik der Sprache als System (Langue) zu erweitern. Mit der Einfügung dieser beiden Ansätze in die Kommunikationstheorie soll Kommunikation enger an die sie vorausgesetzen Systeme des Bewusstseins und der Sprache gekoppelt werden. Willke spricht in diesem Fall etwas altertümlich von Fundierung.

Willke unterscheidet gesellschaftsgeschichtlich die symbolischen Steuerungsabsichten: 1. Den instrumentellen Modus der Beeinflussung von Realitäten durch die Verwendung von Symbolen, z.B. der Umgang der Symbolsysteme der Mythologien. Mythisches Denken unterscheidet nicht zwischen real und imaginär, tatsächlich und fiktiv. Seine ordnende Grundunterscheidung ist die zwischen Heiligem und Profanem. 2. Den reflexiven Modus des Naivitätsverlustes der Steuerung von Symbolsystemen. Durch ihn wird die Wirksamkeit des Symbolgebrauchs widerlegt. Sprache, Bewusstsein und Kommunikation werden entmengt und in eine symbolische Koppelung überführt. 3. Den kontextuellen Modus, der über die reflexive Steuerung hinausgeht. Durch ihn wird erkannt, dass der magische und instrumentelle Gebrauch die Realität nicht zu steuern vermag.[6] Diese Steuerung geht über den reflexiven Modus hinaus. Sie erkennt die Grenzen einer reflexiven Steuerung, da das ex ante vorliegende Wissen nicht ausreicht, um die Auswirkungen von Interventionen abzuschätzen. Die Umstellung auf kontextuelle Steuerung reagiert auf den Umbau der Industrie- zur Wissensgesellschaft und der Neubestimmung der Steuerungsaufgaben des Nationalstaates in globalen Kontexten. Nach Willke handelt es sich dabei um vergleichbare dramatische Veränderungen, wie sie mit dem Umbruch von der Agrar- zur Industriegesellschaft eingetreten sind.[7]

Die Steuerung der Symbolsysteme ist nach diesem Ansatz Selbststeuerung als ein Vorgang der Selbstorganisation eines komplexen, operativ geschlossenen Systems. Die Steuerungstheorie ist aus dieser Sicht auf die Analyse der Steuerungsproblematik symbolischer Systeme angewiesen. Willke geht davon aus, dass Bewusstsein, Sprache und Sozialsystem nur in ihrem Zusammenspiel möglich sind. Daraus entsteht eine emergente Qualität, die darin besteht, das die drei Bestandteile in dem postevolutionären Kontext, nicht als einzelne operieren. Der Anspruch der Erweiterung von Luhmanns Systemtheorie geht dahin, dass die strukturellen Koppelungen zwischen den Funktionssystemen durch entsprechende Symbolsysteme zustandegebracht werden.[8] Dabei handelt es sich um eine Koppelung, somit Interpenetration, die nicht auf Übersteuerung, noch auf Isolierung hinauszulaufen hat. Steuerung hat sich nach diesem Ansatz über sich selbst derart aufzuklären, dass sie in einer ironischen Einstellung mit der erforderlichen Selbstbeschränkung umgeht. Sie wird bei einer Intervention in fremde Symbolsystemen erfolglos bleiben und sollte sich auf „bessere Optionen der Beobachtung“ einrichten.[9] Willke geht von dem Befund aus, dass die bereits erkennbaren globalen Kontexte nicht durch eine Gemeinschaftsordnung integrierbar sind. Allgemeingültige Moral, Interessen, Normen, Werte und einen Hegemon wird es in diesen Kontexten nicht geben. Auf der globalen Ebene gibt es für den Nationalstaat kein funktionales Äquivalent. In einem lateralen Weltsystem werden Regelungen, die an die Stelle der Regelungshoheit des Nationalstaates treten, nur durch Selbstbindungen gewährleistet werden können, z.B. in dem globalen Finanzsystem die Basler Akkords (Basel II), die Standards zur Bewertung von Risiken, die Regeln des Dopingmissbrauchs im Sport u.a. Aus Willkes Sicht betrifft die Zivilisierung der Zukunft eine neue Grundlage der Legitimität sinnkonstitutiver Systeme.

Willke schließt sich Luhmann dahingehend an, dass sich die intransparente Komplexität des modernen Gesellschaftssystems und die Gleichzeitigkeit aller Ereignisse jeder Steuerung entziehen. Gleichzeitig möchte er die Steuerungstheorie nicht aufgeben. Luhmann fasst Steuerung als Verringerung einer Differenz.[10] Steuerung heißt dabei immer Selbststeuerung eines Systems. Um das Steuerungsproblem angemessen in den Griff zu bekommen, ist nach diesem Ansatz nach der Einheit zu fragen, die sich selbst steuert. Diese Einheit ist aber nicht etwas ontisches, kein Individuum oder Atom, sondern die Operation sozialer Systeme. Sie ist eine Einheit, die, sofern hergestellt, sofort wieder verschwindet. Mit dieser Einsicht wird die Sozialontologie neu gefasst. „Differenzminderungsprogramme werden steuerungspraktisch nicht als Programme des Schrumpfens zur Mitte hin verstanden (etwa im Sinne der alteuropäischen Vorstellung von Maß, Mitte, Gerechtigkeit), sondern als Angleichung in eine Richtung. Steuerung setzt also Asymmetrisierung der Differenz und dann trotzdem noch Verringerung, wenn nicht Beseitigung der Differenz voraus.“[11] Aus diesem Ansatz ist ersichtlich, dass Steuerung nicht auf die Gesellschaft anwendbar ist. Jede Reduktion von Komplexität und Ausschaltung von Kontingenz kann die System-Umwelt Differenz nicht negieren, sondern setzt sie voraus. Unter der Voraussetzung von funktionaler Differenzierung ist kein Funktionsprimat gesamtgesellschaftlich institutionalisierbar. Das erklärt auch die hilflosen und gescheiterten Steuerungsversuche des politische Systems, sei es in der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, der Kriminalität, des Drogenkonsums, der Befriedung von Krisenregionen und auch der Gesundheitsvorsorge. Warum sollte sich z.B. durch die bedrohliche Aufschrift „Rauchen kann tödlich sein“ ein Raucher von seiner Sucht abhalten lassen, da er doch weiß, dass er sterben muss.

Willke würde der Nichtsteuerbarkeit des Gesellschaftssystems zustimmen, da die Analyse des Versagens der politischer Steuerung sozialer Systeme eines seiner leitenden Themen ist. Luhmann hat vor allem hervorgehoben, dass das Gleichheitspostulat bei seiner Absehung von allen Besonderheiten die weitgehenden Steuerungsambitionen des politischen Systems erklärt. Die Umstellung auf eine Differenzordnung sozialer Integration verschärft mittlerweile unser soziologisches Problembewusstsein im Hinblick auf Steuerungsambitionen und eröffnet andere Beobachtungen. Willkes Ansatz neigt in der Gesamtbetrachtung des Steuerungsproblems aus meiner Sicht zu einer gewissen Unausgewogenheit, da er die Herbeiführung eines gesellschaftlichen Konstitutionalismus und einer Vernunftordnung für evolutionär möglich hält. Hat man aber Steuerung als ein zu lösendes Problem erklärt, so ist sein Ansatz der Kontextsteuerung vergleichweise zurückhaltend. Insgesamt geht es ihm nicht um eine bessere Steuerung sozialer Systeme, nachdem die uns vertrauten Steuerungsabsichten gescheitert sind, sondern er möchte dazu anregen, „die Mythen der Symbolsysteme besser zu verstehen“.[12] Das Steuerungsproblem exemplifiziert Willke am Beispiel des Denkens (Wissens), der Moral, der Wirtschaft (Geld), der Politik und des Rechts.[13]

Willke schließt sich an die weitgehend anerkannten Funktionsbestimmung des politischen Systems unter der Voraussetzung von funktionaler Differenzierung an, kollektive verbindliche Entscheidungen bereitzustellen. In der Symbolik der Macht wirkt aus seiner Sicht ihre Herkunft aus Mythos und Magie fort. Auch das politische System der modernen Gesellschaft inszeniert seine magischen Feste. Die Riesenprojektionswand auf der politische Ereignisse öffentlich dargestellt werden, ist eine Art der Verzauberung von Trivialitäten gegenüber einem mehr oder weniger informierten und verständigen Publikum. Die immer mehr eintretende Entfernung der symbolischen Inszenierung der Medien von ihren symbiotischen Grundlagen führt zu einen Anschlussproblem der Kopplung an das Bewusstseinssystem. Das wurde als kognitives Defizit der Wähler, die z.B. den parteipolitischen Streit nicht nachvollziehen können, und als Politikverdrossenheit notiert. Dennoch hat sich das politische Funktionssystem, die Institutionalsierung von Regierung und Opposition und die Politik gesellschaftsgeschichtlich als stabil erwiesen.

Recht charakterisiert Willke als eine Zweitcodierung der Macht, die dadurch als „rohe Symbolisierung der Macht“ zivilisiert wird.[14] Er beschreibt die Rechtsentwicklung der Moderne dahingehend, dass das klassische Recht als Steuerungsmedium in die Sackgasse der „rigiden Normativität“ abgedriftet ist. Dadurch wird sein Regelungsspielraum gegenüber veränderten Problemlagen begrenzt. Die normative Orientierung des Rechts und das formale Recht als Konditionalprogramm hat sich demnach auf eine kognitive Orientierung und ein Relationierungsprogramm umzustellen. Das regulative Recht der Zweckprogramme ist somit in ein hybrides Recht der Steuerungsprogramme zu überführen.[15] Die Umstellungen sollen zu einer Erklärung der Globalisierung beitragen, da sie als ein regionale Grenzen übergreifender und zugleich als eine polyzentrischer Prozess zu beschreiben ist. Dieser Vorgang soll zu einer verfassungstheoretischen Ausrichtung einer Binnenkonstitutionalisierung der Weltgesellschaft führen. Das laterale Weltsystem ist demnach auf das Anspruchsniveau eines gesellschaftlichen Konstitutionalismus (societal constitutionalism) zu heben. Damit ist aus Willkes Sicht die Metacodierung der Macht angesprochen, die als Ressourcen und Bestandteile internationale Organisationen, Nichtregierungsorganisationen, Medien, multinationale Unternehmen, globalen Funds, globale Schiedsrichter u.a.m. hat. Das bedeutet eine Schrumpfung an formaldemokratischer Rechtsschöpfung. Es sind aber nach dieser Darstellung auch „Gewinne“ hervorzuheben, da dadurch staatsfreie Bereiche (gobaler Gouvernanz) und wiedergewonnene selbstorganisierte Regelungskompetenzen und Entscheidungsfindungen der Mitglieder sozialer Systeme entstehen. Gleichzeitig sind diese Bereiche auch mit den nationalen Politiksystemen vernetzt.[16]

Man kann Zweifel daran haben, ob das Problem der sozialen Integration mit dieser Charakterisierung wirklich richtig gestellt ist. Wir befinden uns mittlerweile in einer Situation, in der die Theorie sozialer Integration umgebaut wird.[17] Es geht dabei nicht nur um eine Bewältigung der ökologischen, sozialen und kulturellen Probleme und um institutionelle Innovationen. Es geht auch nicht mehr darum, dem feindseligen Gruppenpartikularismus entgegenzuwirken. Die Frage nach der Integration der Weltgesellschaft kann somit nicht mehr die leitende Problemorientierung der Theorie sozialer Integration sein. Das Verständnis sollte sich dahingehend neu orientieren, dass Krisen, Konflikte, Kriege, somit begrenzte Negationen selbst eine integrative Funktion haben können. Es sind Situationen erhöhter sozialer Wahrnehmung und Bindung. Der komfortable Inklusionsbereich integriert über reflexive Schleifen und hat dadurch seine für ihn typische Stabilität, er erzeugt aber keine starken Bindungen und Fixierungen. Gerade im Konflikt wird die soziale Bindung verstärkt intensiviert. Die Mitglieder sozialer Systeme treten aus ihrem Alltag heraus in eine intensive gegenseitige Wahrnehmung und sie geraten unter einen dauerhaften Verhaltensdruck.[18] Durch destruktive Schöpfung und schöpferische Zerstörung, wie es Schumpeter genannt hat, vollzieht sich die Selbstregulierung von Gesellschaft, an der jede Steuerung scheitert und die auch keiner Steuerung bedarf. Das erklärt auch, warum es kein Weltethos und Weltrecht geben kann.

Das Steuerungsproblem von globaler Gouvernanz besteht nach Willke nicht darin, auf der globalen Ebene Organisationsformen der Macht zu institutionalisieren, sondern es geht um Organisationsformen von globaler Macht, die der demokratischen Legitimität und der Verrechtlichung der Macht entsprechen, aber nicht die Qualität des modernen Rechts haben. In einem globalen Weltsystem ist Steuerung auf kognitive Orientierung und im Anschluss an S. Krasner von Fairness, Angemessenheit, Gerechtigkeit u.a. auf Folgeorientierung umzustellen.[19] Willke schätzt die Evolution des Rechts derart ein, dass „reflexives Recht“ durch die Programmierung seines Codes immer beides hervorbringt: Recht und Unrecht. Das hat s.E. zur Folge, dass es als Symbolsystem eine Eigenkomplexität hervorruft, die nicht mehr als eine rechtliche Steuerung von Gesellschaft interpretierbar ist.[20] Ein daran anschließendes Problem der Einstufung der Funktion des Rechts besteht darin, dass es nicht nur „Gast“ in den Teilsystemen ist, wie es Willke genannt hat. Es hat eine ganz andere Funktion, es ist im Rahmen der Immunologie sozialer Systeme zu untersuchen.

Es drängt sich bei dieser Beschreibung die Frage auf, inwieweit das positive Recht durch reflexives Recht einfach obsolet geworden ist, da es immer zugleich ein dynamisches Recht ist, das sich durch Entscheidung selbstbindet und dadurch seine Funktionsadäquatheit erreicht. Man verkennt immer wieder, dass nur durch die Selbstbindung durch Entscheidung Recht funktionsadäquat ist. Recht kann es nur geben, wenn es autoritativ durchgesetzt wird. In einem nach unseren Maßstäben evolutionären Zustand des Unrechts, wäre dieses Unrecht eben Recht, wie es Hegel einmal formuliert hat. Es hat als motivationslos zu gelten. Gerechtigkeit kann nur eine Kontingenzformel sein, die im Rechtssystem eine Limitationalität derart einführt, dass es in ihm gerecht zugeht. Gerecht ist das Verfahren, da durch es eine gesellschaftliche Indifferenz institutionalisiert ist. Insofern kann es ohne Verfahren auch kein Recht und keine Gerechtigkeit geben. Das betrifft   auch die Verfassungsgerichtsbarkeit, da die Verfassungsrichter keine höheren Einsichten in die angebliche Werteordnung der Verfassung haben, sondern sich Verfassungsrecht auch nur durch Entscheidung binden kann. Es bedarf somit einer Entscheidungsautorität, die Recht setzt und anwendet. Recht gilt nur durch Entscheidung und kann sich nur dadurch selbstbinden. Die Rechtsgeltung, das Geltungssymbol, wie es Luhmann nennt, ist eine Geltung Kraft autoritativer Entscheidung, die Rechtsargumentation dagegen erzeugt dazu die erforderliche Redundanz im Rechtssystem. Durch Argumentationen werden Entscheidungen markiert und dadurch beobachtbar. Das heißt natürlich nicht, dass willkürlich entschieden würde. Die Entscheidung ist der Argumentation vorgeordnet, und sie betrifft auch die Rechtssetzung, da positives Recht nur durch Entscheidung Geltung haben kann. Damit ist die Funktion des Rechts angesprochen. Seine Funktion kann es für das Gesellschaftssystem nur ausüben, wenn es fortlaufend von Zweck- in Konditionalprogramme umgeformt wird. Recht ist somit ein konditionales Entscheidungsprogramm. Das erklärt den geschichtlichen Schritt und die Plausibilität zum positiven Recht und seiner Geltungsgrundlage. Die konditionalen Entscheidungsprogramme reinterpretieren gesetztes Recht und schreiben es durch die Rechtsprechung fort. Das Problem der Rechtsordnung stellt sich aus meiner Sicht ganz anders, da wir in einem globalen Weltsystem mit ganz unterschiedlichen Rechtordnungen zu rechnen haben, wie z.B. mit traditionalem, regionalem, religiösem Recht. Die Positivierung und die staatliche Durchsetzung von Recht, wie sie uns aus der Systemgeschichte des politischen Systems und des Rechtssystems und der Koppelung beider Systeme vertraut ist, wird sich, trotz seiner Effektivität, nicht auf die Weltgesellschaft übertragen lassen. In der Weltgesellschaft wird es Recht, aber kein Weltrecht geben, und es sind auch Zweifel gut begründet, ob ein Weltrecht wünschenswert ist. Das wird einem sofort klar, wenn man sich danach fragt, wie ein Weltrecht zu institutionalisieren und durchzusetzen ist.

Ich bin nicht so ganz überzeugt, ob die von Willke in den Blick genommene Fortbildung von Luhmanns Systemtheorie ein wirklicher Erkenntnisfortschritt ist. Damit möchte ich nicht die Einsichten verkennen, die in Willkes soziologischer Analyse der Gegenwartsgesellschaft vorliegen. Luhmann fasst die selbstreferentiellen Operationen von Sinn als symbolische Generalisierung. Symbol/symbolisch bezieht sich dabei auf das Medium der Einheitsbildung – man könnte auch sagen der Unifikation –, Generalisierung ist im Unterschied dazu die operative Behandlung einer Vielheit. Vereinfacht gesagt, wird eine Mehrheit einer Vielheit zugeordnet und so symbolisiert. Genau diese Fassung führt zu der Unterscheidung zwischen einer symbolischen von einer operativen Ebene und somit zu einem selbstreferentiellen Operieren. Eine Autonomie der Symbolsysteme würde Luhmann somit nicht in seiner Systemtheorie annehmen. Das gilt auch für die Erweiterung der Kommunikationstheorie durch das System symbolischer Steuerung und der Symbolsysteme. Dies ist von seinem Standpunkt aus auch nicht das Problem der Koppelung von Bewusstsein, Sprache und Kommunikation. Seine Zielsetzung geht eigentlich in eine ganz andere Richtung, da er den Begriff des Zeichens durch die Selbstreferenz von Sinn ersetzt. Sprache ist deshalb auch kein System, sie ist auch nicht nur Mittel der Kommunikation, sie hat keine Umwelt, sondern ihre Funktion wird von Luhmann als eine Generalisierung von Sinn durch Symbole beschrieben.[21] Das Problem der Symboltheorie ist ein ganz anderes. Erkennbar ist dieser angesprochene Zusammenhang erst dann, wenn man für die entsprechenden Klassifikationen symbolische Stellvertreter hat. Sofern wir keine Stellvertreter haben, sind keine Klassifikationen und Operationen durchführbar. Das kann in diesem Zusammenhang nicht weiter vertieft werden. Was Willke theoretisch ins Visier nimmt, wäre nach Luhmann die Generalisierung als „Kürzel mit hoher Unabhängigkeit gegen die Art und Weise ihres Zustandekommens ...“.[22] Das ist zugleich die Stelle an der die sozialen Erwartungen eingeführt werden.[23] Das Universum sozialer Systeme wird deshalb durch Verhaltenserwartungen seiner Mitglieder und somit durch Mitgliedschafts- und Teilnahmebedingungen festgelegt. Willke fasst als Ausblick das klassische soziologische Problem der sozialen Ordnung dahingehend, dass in der Metacodierung des Symbolsystems der Macht eine Vernunftordnung im Sinne Hegels emergiert, die als Metacodierung auf ein rekonstruktives Recht im Sinne einer Konstruktion globaler Zivilität hinausläuft. Das klingt für ihn zwar utopisch, sie bezeichnet s.E. die Emergenz eines Symbolsystems der Macht, bei dem ihre kognitive Stilisierung mit der Orientierung an den Folgen machtbasierter Eingriffe zusammenspielt. Das weicht von Luhmann dahingehend ab, da sich nach ihm das Problem nicht mehr so stellen lässt. Unter der Voraussetzung von funktionaler Differenzierung und des Abtriftens der Teilsysteme, lässt sich der Ordnungsbegriff nicht mehr vereinheitlichend für alle soziale Systeme behandeln. Gemeinsam ist ihnen die System-Umwelt Differenz. Die Gesamtheit dieser System-Umweltdifferenzen kann nur mehr oder weniger zusammenpassen. Nehmen wir die Beschreibung des Steuerungsproblems vom Gesellschaftssystems aus vor, dann bleibt nur der Fluchtpunkt der kognitiven Orientierung und der Indifferenz der Ausübung der Mitgliedschaftsrollen. Deshalb scheitert auch Moral bei der Gestaltung sozialer Systeme.

Soziale Ordnung ist durch unterschiedliche Theorien zu erklären, z.B. durch die Erklärung der Ordnungsbildung durch Sinn, die Bildung sozialer Systeme, durch Organisation und durch soziokulturelle Evolution.[24] Der Unterschied zwischen Luhmanns und Willkes Ansatz erklärt sich dadurch, dass Willke letztlich doch ein Problem der alteuropäischen Tradition verfolgt, da er nach der Einheit der Gesellschaft und sei es auch nur nach einer Imagination dieser Einheit fragt. Eine Einheit, die für die Gesellschaftsmitglieder nicht mehr kommunikativ zugänglich ist, da sich Gesellschaft nur durch Systembildung vollzieht und erlebbar ist. Dadurch ist Gesellschaft selbst nicht erreichbar, obwohl sich alle sozialen Ereignisse in und durch die Gesellschaft vollziehen. Gesellschaft reguliert sich selbst, in dem sie über Negationspotentiale verfügt. Dies Potentiale   sind durch die System-Umwelt Differenz emergiert. Durch die fortlaufende Entscheidung über Mitgliedschaft beobachten sich soziale Systeme selbst. In der Gesellschaftstheorie werden wir erst dann einen weiteren Erkenntnisfortschritt erreichen, wenn wir die theoretische Beobachtung (Beschreibung) sozialer Systeme auf die Beobachtung der sich selbst beobachtender sozialer Systeme umstellen. Sie beschreibt dann die Entscheidungen über Mitgliedschaft durch die sich soziale Systeme selbst beobachten. Die Entscheidung über Mitgliedschaft ist nicht steuerbar, sondern nur evolutionär variierbar. Das überführt die Theorie sozialer Systeme in die Evolutionstheorie. Von dort aus kann der soziologischen Konflikttheorie und Rechtssoziologie eine neue Ausrichtung gegeben werden. Für die Rechtssoziologie könnte man von einer Differenzordnung des Rechts sprechen, die sich zwangsläufig immer mehr einstellen wird. Das ist gerade dadurch begründet, dass es Gesellschaft ohne Recht nicht geben kann und es autoritativ durch Entscheidung durchzusetzen ist. Diesbezüglich ist es nicht als ein voluntatives Zweckprogramm zu interpretieren, obwohl es solche Ritualisierungen und Selbstbeschreibungen gibt, z.B. die Rede vom Willen des Volkes und des Gesetzgebers. Es kann als Zweckprogramm nicht operationalisiert werden und funktionsadäquat sein, da man nach diesem Programm nicht entscheiden kann. Damit ist das Rechtssystem als Immunsystem sozialer Systeme angesprochen, obwohl Recht auch andere Funktionen hat und die Immunologie sozialer Systeme noch anderes betrifft, z.B. Gewalt und Konflikt. Durch die Einbeziehung der Funktion des Immunsystems ist erklärbar, dass sich soziale Systeme selbstregulieren, ohne sich zu steuern. Es erklärt uns aber auch, warum Steuerung von Gesellschaft immer wieder scheitern wird. Das schließt nicht aus, dass man diese Illusion haben und nach ihr handeln kann. Sinnkonstitutive Systeme haben keine Legitimität. Die Rufe nach Legitimität und Steuerung verhallen im Grundrauschen der Systemkonsititution, der order from noice. Das ist keine ganz neue Einsicht, aber eine neue Begründung dafür, warum die Steuerung des Gesellschaftssystems nicht möglich ist. Es kann sich nur selbstregulieren.

Anmerkungen:

[1] H. Willke, Supervision des Staates, Frankfurt am Main 1997, Atopia. Studien zur atopischen Gesellschaft, Frankfurt am Main 2001, Dystopia. Studien zur Krisis des Wissens in der modernen Gesellschaft, Frankfurt am Main 2002, Heterotopia. Studien zur Krisis der Ordnung moderner Gesellschaften, Frankfurt am Main 2003.
[2] Willke, Dystopia, 7.
[3] Willke, Symbolische Systeme. Grundriss einer soziologischen Theorie, Weierswist 2005.
[4] Willke, Symbolische Systeme, 21.
[5] Willke, Symbolische Systeme, 23, zu Luhmanns Kommunikationsbegriff und seiner Reinterpretation 91-95.
[6] Willke, Symbolische Systeme, Kap. 8.
[7] Willke, Symbolische Systeme, 293.
[8] Zu einer Modifiktion des Komplexitätsbegriffs Willke, Symbolische Systeme, 158-65.
[9] Willke, Symbolische Systeme, 334-35.
[10] N. Luhmann, Die Wirtschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1988, 326. Zur Zusammenfassung 338.
[11] Luhmann, Die Wirtschaft der Gesellschaft, 338.
[12] Willke, Symbolische Systeme, 328.
[13] Willke, Symbolische Systeme, 111-13, 117-18; 278; 238-42, 278-82; 282-86, 290-92, 308-10; 312-18; 273-75, 318-28.
[14] Willke, Symbolische Systeme, 318.
[15] Zur Übersicht Willke, Symbolische Systeme, 323.
[16] Zu dem Begriff globale Gouvernanz vgl. Willke, Heterotopia, 10-75. Zu der Auseinandersetzung zwischen staatsorientierten und globalen Ansätzen vgl. D. Held und S. Krasner, vor allem Krasner 2001, Global izat ion, Power, and Authority, www.pro.harvard.edu/papers-ooo/ooooo8krasnerSte.pdf
[17] G. Preyer, Soziologische Theorie der Gegenwartsgesellschaft . Mitgliedschaftstheoretische Untersuchungen, Wiesbaden 2006, 217-60.
[18] Das hat K. O. Hondrich, Lehrmeister Krieg, Reinbek 1992, Hondrich, C. Arzberger, Frankfurt am Main 1994 im Anschluss an Simmel in seiner Analyse sozialer Integration und der kollektiven Identitäten profiliert.
[19] Krasner, siehe Fußnote 16.
[20] Willke, Symbolische Systeme, 273.
[21] Luhmann, Soziale Systeme Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main, 1984, 135ff.
[22] Luhmann, Soziale Systeme, 138.
[23] Luhmann, Soziale Systeme, 139.
[24] Luhmann, Wie ist soziale Ordnung möglich?, in: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft Band 2, Frankfurt am Main 1981: 195-284.

Der Text wurde zuerst publiziert in: Rechtstheorie 3 / 2005, erschienen im September 2006 im Verlag Duncker & Humblot. Wir veröffentlichen ihn mit freundlicher Genehmigung des Verlages.

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