Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 2


 

Gerhard Preyer, Georg Peter (Hg.): ProtoSociology. An International Journal of Inter-disciplinary Research [Vol. 23 (2006): “Facts, Slingshots and Anti-Representationalism. On Stephen Neale’s Facing Facts”]. Frankfurt a. M., 186 Seiten, ISSN 1611-1281, 12 €

Die Zeitschrift „Protosociology“ ist die Publikation des gleichnamigen Forschungsprojekts von Gerhard Preyer und Georg Peter an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt a. M. Sie erscheint seit 1992, zuletzt jährlich, und widmet sich Problemen der Soziologie sowie der analytischen Philosophie und spiegelt damit die Arbeitsschwerpunkte der Herausgeber wieder. Mit dem Titel soll die grenzüberschreitende Deutung von Gegenwartsproblemen durch Inter- bzw. Transdisziplinarität angedeutet werden, von Problemen also, die ihrerseits auf Veränderungen der Erkenntnisgegenstände durch signifikante Grenzverschiebungen oder vollständige Entgrenzung basieren. Das Projekt trägt damit dem Rechnung, was als „Globalisierung“ bezeichnet wird und was für die Wissenschaft die Notwendigkeit bedeutet, nicht nur über die Grenzen des Landes, sondern auch über die Grenzen des Fachs zu schauen (was mittlerweile auch von Seiten der politischen Wissenschaftsorganisation erkannt wurde, wie die neu entstehenden „Exzellenz-Cluster“ zeigen). Dass das Projekt bereits Anfang der 1990er initiiert wurde, zeigt den Weitblick und das – methodisch wie inhaltlich – gute Forschungsfundament, auf dem die „Ur-Soziologie“ mit ihrem Transdisziplinaritätsanspruch aufsetzt. Hier hat die Soziologie ihre Erkenntnisse über den gesellschaftlichen Wandel in gelungener Autoapplikation dienstbar gemacht. Beachtlich auch die Resonanz – zahlreiche prominente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, z. B. Donald Davidson, loben das Magazin als bahnbrechend und bedeutend für die zeitgenössischen Diskurse.

In der 23. Ausgabe des Magazins mit dem Untertitel Facts, Slingshots and Anti-Representationalism. On Stephen Neale’s Facing Facts geht es um Beiträge zu einer Kritik der epistemologischen Repräsentationstheorie, also der Annahme, dass unsere Vorstellungen (Ideen) die Wirklichkeit wiedergeben. Die Ideen sind – so die Repräsentationstheorie – überhaupt das einzige, was direkt Gegenstand unserer Erkenntnis sein kann. Sie sind das Material der Erkenntnis und repräsentieren zeichenhaft das, wovon sie Vorstellungen sind. Die Ideen werden so als Verbindungsglieder zwischen dem erkennenden Bewusstsein und der erkannten Wirklichkeit gedacht. Wahrheit liegt demnach in der Übereinstimmung von Aussagen mit der Realität (Korrespondenztheorie). Diese Erkenntnis- und Wahrheitstheorie wird in der analytischen Philosophie des 20. Jahrhunderts mit unterschiedlichen Argumenten aus verschiedenen Richtungen (Wittgenstein, Ryle, Quine) zurückgewiesen.

Eine neuere Kritik stammt von Stephen Neale, Philosophieprofessor an der Rutgers University (New Jersey, USA), der im Jahr 2001 mit Facing Facts (zu deutsch etwa „Den Tatsachen zugewandt“, „Im Angesicht der Tatsachen“, „Sich den Tatsachen stellen“) eine Fundamentalkritik der Repräsentationstheorie vorlegte, die sich mit dem Slingshot-Argument („Steinschleuderargument“) auseinandersetzt, die Gruppe der Slingshots formal systematisiert sowie Folgen für Erkenntnistheorie und Ontologie analysiert. Ein Slingshot ist ein Argument für die These, dass Sätze auf Wahrheitswerte referenzieren. Durch diese Fokussierung auf die logische Struktur der Sprache besteht die Gefahr, dass die repräsentierten Tatsachen – und damit die Wirklichkeit – unterlaufen werden. Es geht zurück auf Gottlob Freges Aufsatz Der Gedanke und wurde populär durch Alonzo Churchs An Introduction to Mathematical Logic (1956). Der Wahrheitswert der Aussage hängt dabei von der Extension, also der Bedeutung ab; die Begriffe „Extension“ und „Wahrheitswert“ werden synonym gebraucht. Damit haben Sätze nur zwei „Bedeutungen“: 1. wahr oder 2. falsch. Es wird behauptet, der Wahrheitswert einer Aussage ändere sich nicht (1) bei extensionsgleicher Substitution, wenn also ein Ausdruck durch einen bedeutungsgleichen ausgetauscht wird (1. Herr Müller ist der Autor dieses Textes. und 2. Herr Müller ist der Verfasser dieses Textes.) oder (2) durch syntaktische Umformung (1. Peter ist groß. und 2. Groß ist Peter.). Man kann zeigen, dass durch entsprechende Umformungen wahre Aussagen entstehen, die mit der Wirklichkeit unmittelbar nichts zu tun haben, also keine erkenntnisgenerierende Repräsentationsleistung anbieten. Hält man am Primat der Aussagenlogik für die Wahrheitsfindung fest, trotz der problematischen Implikationen der „Steinschleuder“, so ist die Folge: Die „Intension“ von Aussagen (also z. B. ein Fakt) verliert ihre epistemologische Bedeutung durch ihre nur ungenaue sprachliche Darstellbarkeit bzw. (in der Folge) durch ihre Irrelevanz für die „Wahrheit“ der Aussage. Gödel, Davidson und Quine schlossen daraus auf die Unmöglichkeit einer sprachlichen Theorie der Tatsachen (die Substitution führt zu nicht-eindeutigen Repräsentationen, d. h. semantische Theorien und Tatsachen-Theorien sind inkommensurabel). Neale geht nicht ganz so weit: Die Slingshots verhindern keine solche Theorie, sie erschweren nur ihre Aufstellung. Damit entzieht Neale nicht nur der Repräsentations- und Korrespondenztheorie den Boden. Besonderen Wert erhält Facing Facts dadurch, dass die Arbeit zugleich gegen Relativismus und Skeptizismus gerichtet ist. Dieser Umstand wird mit dem vorliegenden Heft gewürdigt, das in drei Sektionen das Werk Neales analysiert: Geht es im ersten Teil genau um diese Slingshots, so wird im zweiten Teil speziell das Substitutionsprinzip untersucht, um im dritten Teil den Anti-Repräsentionalismus allgemeiner zu betrachten.

In ihrem Essay Slingshot Arguments and the Rejections of Facts. The Bigger Picture erforscht Anita Avramides die Debatte zwischen Neale und Davidson um den Status von „Fakten“ (Neale verteidigt ihre Theoriefähigkeit, Davidson lehnt sie ab). Die Philosophical Significance of Stephen Neale’s Facing Facts untersucht Richard N. Manning, indem er die Beziehung zwischen einerseits den Substitutionsprinzipien und -regeln, welche die Slingshot-Argumentation benutzt, und andererseits den allgemeinen semantischen Regeln, die diese Prinzipien und Regeln plausibel zu machen scheinen, erörtet. Als ein Freund der Fakten bestreitet er diese Plausibilität vehement. Neale selbst geht – wie schon angedeutet – von einer beschränkten Möglichkeit der Tatsachenerfassung durch Sprache aus. Zwei solche einschränkenden Bedingungen betreffen die Art, wie in einer semantischen Theorie die Darstellung von Fakten geschehen muss. Stephen Schiffer (Facing Facts’ Consequences) nennt diese Bedingungen „fact expressibility“ (FE) und „object representation“ (OR) und führt u. a. pragmatische Gründe dafür an, dass wir ihre Geltung in semantischen Theorien akzeptieren: „[...] we certainly want our languages to be able to express the facts we know, and when a fact contains an object such as a person or a mountain, it would seem that the most effective way of expressing that fact is by uttering a sentence that contains a singular term which refers, in that utterance, to that person or mountain. I want to tell you that I live in Manhattan. What better way of doing that than by uttering ‘I live in Manhattan’?“ (S. 52). Schiffer gibt allerdings zu bedenken, dass Neale durch eine neuere Arbeit zu Demonstrativpronomen (This, That, and the Other, 2004) Stoff dafür geliefert hat, zu zeigen, „that no natural language contains any singular terms, and that a semantic theory which makes that claim can’t satisfy either the FE or the OR constraint.“ (S. 65). In Understanding ‘Because’ geht Helen Steward der Frage nach, was man von den Fakten ontologisch wissen muss, um Kausalitäten verstehen zu können. Schließlich widmet sich Marga Reimer in The Metaphor of Correspondence dem Umstand, dass der Ausdruck correspondence to the facts („entsprechend den Fakten“) eine ganze „Galaxie“ von Bezugsmetaphern der Alltagssprache einschließt (die Bezeichnung des Metaphernraums als „galaxy“ stammt von Austin, auf den sie sich bezieht). Sie nennt 25 Beispielsätze aus der Lebenswelt, in denen Begriffe wie fit, match up with, conform to, congruent with, precise, exactly, close enough, approximation, alignment, convergence etc. die Beziehung ausdrücken (S. 97 f.), um daraus vier wichtige Aspekte zu folgern: „1. Ordinary folk routinely think of truth (correctness, rightness) in terms of correspondence and related notions of fitting and measuring. 2. The ordinary expression ‘correspondence to the facts’ is a metaphor, as are similar fitting / measuring locutions used in the ordinary everyday assessment of statements and beliefs. 3. Such expressions are not only metaphors, they are conventional metaphors. 4. Truth as correspondence is arguably an instance of what cognitive linguists call ‘conceptual’ metaphor.“ (S. 98). Also, doch zurück zur Korrespondenztheorie? Die Autorin macht deutlich, dass sie das für falsch hält. Correspondence to the facts müsse metaphorisch verstanden werden, nicht isomorph. Man dürfe mithin nicht fragen: „In what sense of ‘correspondence’ is truth ‘correspondence’ to the facts?“ (S. 106), wie dies die Korrespondenztheoretiker Russell und Moore taten: „They want to know in what sense of ‘correspondence’ a true statement ‘corresponds’ to reality. In attempting to answer this question, they are led (mistakenly in my view) to construe the correspondence relation as one of isomorphism between statement and fact.“ (S. 107) Und das davon nicht die Rede sein kann, zeigen einfache Beispiele mit metaphorischen Bezugnahmen („Liebe ist eine Reise.“ – hier kann nicht sinnvoller Weise gefragt werden, in welcher Bedeutung des Begriffs „Reise“ Liebe eine „Reise“ ist.). Also: „There is no suggestion, judging from how we talk (and thus from how we think) that the relation between beliefs/statements and the facts is one of isomorphism.“ und daher gilt lediglich: „truth [...] is analogous to correspondence insofar as it is conceived of as a relational phenomenon that admits of degrees of success and failure.“ (ebd.)

Den zweiten Teil eröffnet Jennifer Hornsby mit On the Principle of Substitutivity for Singular Terms and Compositional Semantics. Neale, Russell and Frege on Fact, einem sorgfältigen Überblicksartikel über die Behandlung des Tatsachenbegriffs von Frege bis Neale, der die Lücken in dessen Facing Facts zu schließen versucht. Facts and Free Logic von R. M. Sainsbury beschreibt die Position der „negative free logic“-Theorie (NFL) als eine, die der Neale’schen Position sehr ähnlich ist. Durch geringfügige formale Anpassungen lassen sich die Ansätze ineinander überführen. Zur Bedeutung der Kompositionalität der Semantik für die Wahrheit von Aussagen über Tatsachen legt Gabriel Sandu inNeale and the Principle of Compositionality eine Analyse vor, die insoweit gegen eine Fehlinterpretation der Slingshot-Skepsis gegenüber der Repräsentation von Tatsachen durch Aussagen gerichtet ist, als sie die Möglichkeit einer semantischen Beschreibung von Tatsachen offen lässt, auch wenn der Kompositionsspielraum bei der Erzeugung von Extension groß ist. Entscheidend ist, „that a compositional procedure, especially one which is supposed to do justice to a semantical notion of binding requires syntactical variables in the extensions“ (S. 141).

Bleiben schließlich noch die etwas breiter angelegten Texte Anti-Representationalism and Relativism von Carole Rovane und Facing Facts and Motivations von Olav Gjelsvik. Während Gjelsvik die philosophische Bedeutung von Neales Facing Facts untersucht, widmet sichRovane der grundlegenden Frage nach dem Unterschied von Relativismus und Absolutismus in der Epistemologie, den sie an der Frage festmacht, ob ein abgeschlossener, allumfassender und logisch konsistenter „body of truths“ („Wahrheitenraum“) angenommen wird – ja (Absolutismus) oder nein (Relativismus). Ihre These, die an diese Systematik anknüpft, lautet: Der metaphysische Realismus gibt uns keine Gründe dafür, den epistemologischen Absolutismus gegenüber dem Relativismus zu favorisieren.

Heft 23 der ProtoSociology ist der gelungene Versuch einer fundierten Analyse der Neale’schen Argumentation und der Bedeutung von Facing Facts als erste Monographie, die sich ausschließlich den Slingshots von Gödel und Davidson widmet und die Folgen für die Sprachtheorie markiert. Das durchgehend englischsprachige Magazin eignet sich als dezidierte Fachpublikation ausschließlich für den akademischen Kontext. Für alle, die eine Seminararbeit o. ä. im Horizont der jüngsten epistemologischen Forschung, insbesondere aber zu Stephen Neales Facing Facts, anzufertigen haben, sei die Zeitschrift empfohlen. Der eher allgemein philosophie-interessierte Leser wird sich ohne erkenntnistheoretisches und sprachanalytisches Grundlagenwissen sowie profunde Kenntnis des Neale-Buchs nicht zurechtfinden.

Josef Bordat

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