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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 2
Die Literatur über Stefan George und seinen Kreis steckt, soweit sie nicht allein erinnern und dokumentieren, sondern auch deuten und verstehen möchte, in der Sackgasse äußerster Schablonenhaftigkeit. Daran hat auch über siebzig Jahre nach dem Tod des Dichters wenig sich geändert. Zwischen der gerade unter Germanisten verbreiteten - falschen - Annahme, daß George uns heute eigentlich nichts mehr zu sagen habe, und einer oftmals pathetischen Wertschätzung, die ihre Maßstäbe einzig der Literatur des George-Kreises selbst entnimmt, ohne zu fragen, was aus ihr theoretisch und kritisch zu gewinnen ist, existiert wenig bis nichts. Die Voraussetzungen dafür, daß dieser erstaunliche Sachverhalt in absehbarer Zeit sich ändert, werden allerdings immer besser, was wir nicht zuletzt der Castrum Peregrini Press in Amsterdam zu verdanken haben, die in den fünfundfünfzig Jahren ihres Bestehens eine ungeheure, kaum überschaubare Fülle von Material zugänglich gemacht hat. Die »verehrende Haltung«, die der Amsterdamer Freundeskreis von Anfang an eingenommen hat, mag man, im Namen wessen immer (der Zeit, der Wissenschaft, des Guten) beschmunzeln oder beargwöhnen. Die in der Verehrung gründende Praxis des Sichtens, Sammelns und Publizierens trägt aber zweifelsohne an ihr selbst das kritische, wissenschaftliche Moment einer Perspektivenverschiebung auf die Historizität dessen hin, was dem Dichter und seinem Kreis als »Ewiges« vorschwebte und, vielleicht, vorschweben mußte. Diese Historizität ist kein oberflächliches Phänomen. Sie ist auch nicht der »Gegenstand« einer »Literaturgeschichte«. Sie ist eine der Wissenschaft selbst anhaftende Struktur. Ob es dialektisches Unvermögen oder schlichter Unwille ist, der die Einsicht in diesen dem Verstehen doch keineswegs äußerlichen Sachverhalt zumeist verhindert, ist nicht so leicht zu entscheiden. Ihn zu erfassen, ist kaum eine geeignetere Schule denkbar als die Beschäftigung mit dem George-Kreis, der mit einer Radikalität, die ihresgleichen sucht, auf den Standpunkt des von allen historischen Bedingungen befreiten Schöpferischen sich stellt. Die Historizität, die daraus sich ergibt, daß das Schöpferische nicht anders sich kundgeben kann als in der Zeit, ist in der neueren Literatur nirgendwo deutlicher ablesbar als hier. Die damit ihr anhaftende Paradoxie, die der, selber paradox, um die Einheit seines Gegenstandes bemühte Historiker zu verschweigen beflissen ist, trägt gerade als solche die Würde eines Wahrheitserweises.
Mit dem Buch, für das ich hier eine unbedingte Empfehlung aussprechen möchte, hat das alles einiges zu tun. Und zwar ist als zweiter Band der neu begründeten Reihe »Figuren um Stefan George« im Herbst 2006 ein Buch erschienen, das, herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von dem Aachener Literaturwissenschaftler Jürgen Egyptien, erstmals vollständig die wenigen, aber bedeutenden Schriften Ernst Gundolfs versammelt. Ernst Gundolf (eigentlich Gundelfinger; 1881-1945) entstammte einer angesehenen jüdischen Familie in Darmstadt und war der jüngere Bruder des Literaturhistorikers Friedrich Gundolf (1880-1931). Er galt innerhalb des George-Kreises, wie dieser Band dokumentiert, als »Weisheitsrat« bzw. »Weisheitsbeirat« (vgl. ein Briefentwurf Stefan Georges auf S.250ff.), war aber so schreibfaul, daß George über ihn bemerkte: »Wenn man ihm nicht ganz plausibel macht, dass etwas nötig ist, dann macht er´s nicht.« Wichtiger als das Schreiben, das er in seinen letzten Lebensjahren gänzlich unterließ, weil er glaubte, daß es sich für ihn nicht mehr lohne, war ihm das Malen und Zeichnen. Bis zu seinem krankheitsbedingten Tod im Londoner Exil verging kaum ein Tag, an dem er nicht mindestens eine Federzeichnung anfertigte. Er entwickelte allerdings keinerlei Ehrgeiz, als bildender Künstler an die Öffentlichkeit zu treten, sondern verstand das Zeichnen als Teil einer meditativen und asketischen Lebensführung, von der Jürgen Egyptien in seiner hervorragenden Einleitung zu diesem Band ein detailreiches und liebevolles Portrait gibt. Egyptien nennt sein einleitendes Essay »Versuch über Ernst Gundolf. Beobachtungen zur Kunst des Verschwindens« und nimmt dem Rezensenten insofern viel Arbeit ab, als er in umfassender Weise nicht nur das Leben und die Persönlichkeit Gundolfs nachzeichnet, sondern auch in das hier versammelte Werk einführt. Der Ausdruck »Kunst des Verschwindens« dürfte bewußt doppeldeutig gehalten sein, denn er trifft auf Ernst Gundolfs künstlerische Arbeit ebenso zu wie auf seinen Lebensstil und seinen an kuriosen Zügen nicht armen Charakter.
Die ganz eigenartigen Landschaftszeichnungen, die als »karg« und »herb« bezeichnet worden sind, und die Ernst Gundolf in seinen letzten Jahren perfektionierte, hat am schönsten Karl Wolfskehl beschrieben, in einem Brief, den er nach Gundolfs Tod verfaßte. »Wer Gundolfs Schaffensweise seit derem so ausgesprochen und fast hartem Schwarzweiss (repräsentiert z.B. durch jene als Mappe erschienene Zwölferreihe von, glaub ich, 1905) bis zu dem letzten, nur noch im Hauchartigen verebbenden Wellenspiel oszillierenden und summenden Zwischentanz von Schatten und Licht verständnisvoll verfolgt, wird über den von aussen oft kaum merklichen Reichtum in Ausdruck und Verlauf seltsam erstaunt sein. Und in diesem Sinne stimme ich auch nicht ganz Ihnen bei, wenn Sie in dem freilich sehr notizenhaft Wenigen der beiden Blätter von ´45 eine Ermattung zu spüren glauben. Im Gegenteil sehe ich im Zusammenhang mit ein paar Blättern von ´43, die mir damals der Ernst überreicht hat, und die schon eine ähnliche Kargheit, ja Leere des Vordergrunds und den Beginn des sparsamsten Liniengewelles auf weisen, eine innere Entwicklung ins stets Zärtere hinein. Eine gewollte Resignation auf der einen Seite. Dann aber, wesentlicher, ein fast metaphysisches Erleben, Einbeziehen eben jener Leere in die Komposition, ein Lebendigwerden der Fläche durch sich selbst, wie wir sie, einzige mir bekannte Analogie, an den chinesischen Zeichnungen und besonders bei den Aquarellen auf Seide aus der Blütezeit jener östlichen Malerei, etwa von 900 bis 1200, schwer verständlich für uns derbere Westler, zu bewundern lernen müssen. Auch bei den Chinesen ist die Fläche, der innerlich über den Rahmen hinausschwingende ewige Raum, das eigentliche Schaffenserlebnis. Und alles was auf der Fläche, für den Laien einzig bemerkbar, wirklich ›vorkommt‹, jene Wasservögel, Lilien, Baumgruppen oder Höhenzüge, erscheinen nur wie die ausdeutenden Akzente, die scheinhaften Bestätigungen jener unendlichen ›Ausdehnung‹ im Sinne Spinozas, die immer aufs Neue darzutun der Chinese nie müde wird, und die ja als ›Tao‹ auch im Denkerischen der letzte Ausdruck seiner übers Wort hinaus gewachsenen Erkenntnis ist. (Hier trifft sich der Nahe mit dem Fernen Osten, denn das En-Sof der Kabbala und der Sohar spiegeln die gleiche Innenschau, die man auch Innenschauer nennen dürfte.)«
Gundolf war ein selbstbewußter, aber stiller Mensch, der von sich selbst nicht viel Aufhebens machte. Er übte nie einen Beruf aus, blieb gerne für sich, wahrte auch dort, wo er sich ganz in den Dienst Georges stellte, stets sein außergewöhnliches Eigenes, für das George, wie Äußerungen und Briefe zeigen, große Achtung hatte. Die Resignation, die Freunde später an ihm feststellten, setzte mit dem Bruch zwischen George und Gundolfs Bruder Friedrich ein. Jürgen Egyptien schreibt dazu in der Einleitung: »Die Entfremdung zwischen Friedrich Gundolf und Stefan George, der Tod beider 1931 und 1933, der Zerfall des George-Kreises nach der Machtergreifung, Ernst Gundolfs wachsende gesellschaftliche Isolation als Jude, schliesslich die Flucht nach England unter Zurücklassung der Lebensgefährtin Else Kühner und des geliebten Elternhauses: all das machte die Luft um ihn immer dünner, sein Leben immer einsamer. Kein Wunder, dass seine Existenz auch Züge des Kauzigen und Verschrobenen annahm.« Der »Wunsch zu verschwinden«, zunächst der Wunsch nach der größtmöglichen Stille, Unauffälligkeit, Ereignislosigkeit, Verborgenheit, schlug, als Gundolf von der Zerstörung des Elternhauses erfuhr, wohin zurückzukehren er während seines Londoner Exils immer gehofft hatte, in den Wunsch zu sterben um, der sich ihm bald erfüllen sollte. Gleichwohl ist Gundolfs Resignation, wie Egyptien betont, »kein ausschliesslicher Reflex auf die geschichtliche Notsituation, sondern eher das von ihr forcierte reine Hervortreten einer ohnedies vorhandenen Disposition.« Einer von den »Nebendraußenstehern« also - vielleicht ein wenig wie Hermann Lenz´ alter ego Eugen Rapp -, die sich des selbstzufriedenen und hämischen Grinsens jener sicher sein können, die die Deutungshoheit über das beanspruchen, womit sie es leicht haben: das sogenannte »Leben«. Dieses quietschlebendige »Leben« (Lach oder stirb!) wurde von Ernst Gundolf denn auch einmal mit dem saftigen Kommentar versehen: »Mir war´s g´nua«. Immerhin war es dieses »Leben« gewesen, in Gestalt seiner deutsch-vitalen Verfechter, das ihn, bevor ihm durch das Eingreifen von Freunden die Flucht nach London gelang, ins KZ Buchenwald verbracht hatte. Eine Freundin Gundolfs berichtet: »Gern zeigte Ernst seine Zeichnungen und dann durfte man sich einige aussuchen. War er mit der Wahl zufrieden, gabs ein Lob. Einmal legte er zwei Zeichnungen nebeneinander, fragte, ob ein Unterschied merkbar sei. Auf mein Verneinen hin, sagte er kurz: ›Die letzte vor dem KZ, die erste danach.‹ Dann tat er die Zeichnungen fort, aber es lag in der Luft, dass er selbst auch keinen Unterschied sah.«
Jürgen Egyptien kommentiert: »Für Ernst Gundolf ging es also offenbar darum, sich in seiner Kunst vollständig von der Geschichte zu befreien. Der gewaltsame Einbruch der Geschichte in seine private Existenz sollte gerade keine Spuren in seinem künstlerischen Ausdruck zurücklassen. Es war gewissermaassen Ernst Gundolfs persönliche Variante des Widerstands, die objektive Macht der geschichtlichen Situation über sein Leben schlichtweg zu ignorieren. Dennoch, das wäre meine These, zeigt die weitere Entwicklung von Ernst Gundolfs künstlerischem Schaffen einen unverkennbaren historischen Index.« Dem stimme ich zu und glaube, daß diese These sich in dem Sinne meiner einleitenden Bemerkungen auf das gesamte, vor allem auch das schriftstellerische Schaffen Ernst Gundolfs erweitern läßt. Egyptien selbst betont, daß es im Kreis um Stefan George vor allem Ernst Gundolf ist, der sich nicht scheut, Kritik zu üben, und bei Durchsicht der theoretischen Schriften aus dem Kreis der Blätter für die Kunst nicht nur innere Schlüssigkeit, sondern auch eine möglicherweise negative Wirkung auf die Außenwelt stets in sein Urteil einbezieht. Das läßt in diesem Band, der auch Äußerungen und Briefe von, an und über Ernst Gundolf enthält, vor allem anhand der Korrespondenz mit Edith Landmann über ihr Buch »Die Transcendenz des Erkennens« sich nachvollziehen. Insofern ist es bezeichnend, daß es Max Kommerells Buch »Der Dichter als Führer in der deutschen Klassik« - von Walter Benjamin unter der keineswegs ironisch gemeinten Überschrift »Wider ein Meisterwerk« rezensiert - gewesen ist, anläßlich dessen einige Jahre nach dem Bruch Georges mit Ernst Gundolfs Bruder Friedrich Entfremdung auch zwischen George und Ernst sich einschlich. Inwiefern die von Kommerell konstruierten Dichter-Gestalten Klopstock, Goethe, Schiller, Jean Paul und Hölderlin, die, wie Benjamin sagt, »so bereit sind, in den Posen ihrer Denkmäler zu erstarren«, Ernst Gundolfs Befremden erregen mußten, zeigt sich am besten auf dem Weg einer aufmerksamen Lektüre der in diesem Band versammelten sämtlichen Essays (nur zwei kleinere Artikel wurden weggelassen).
Es sind nur vier: »Die Philosophie Henri Bergsons«, »Nietzsche als Richter: Sein Amt«, »George und die Alten« sowie »Zur Beurteilung der Darmstädter Shakespeare-Maske«. In letzterem, 1928 im Jahrbuch der Shakespeare-Gesellschaft erschienenen Aufsatz tritt Ernst Gundolf für die Echtheit der sogenannten Beckermaske ein, die in Gundolfs Heimatstadt Darmstadt aufbewahrte Totenmaske des Dichters, die in dem 1927 erschienenen Buch »Das ewige Antlitz. Eine Sammlung von Totenmasken« von Ernst Benkard zu den unechten Stücken gezählt wurde. Der schöne Aufsatz »George und die Alten« von 1936 ordnet bewußt der Reihe kreistypischer Deutungen sich ein und rekonstruiert die Selbstentfaltung der »Gestalt« des Dichters in ihren verschiedenen Phasen. Im Mittelpunkt von Gundolfs Deutung steht Georges Verhältnis zu vergangenen Epochen, wobei die Rolle Petrarcas als »Träger der Überlieferung nach rückwärts und vorwärts« hervorgehoben wird - eine Rolle, die derjenigen Georges gleicht, wenn dieser, gegen sein Zeitalter sich wendend, das »Allgemein-Menschliche« wieder zur Geltung bringt. Von zentraler Bedeutung sind die beiden Aufsätze »Die Philosophie Henri Bergsons« und »Nietzsche als Richter: Sein Amt«, die beide für das im Verlag der Blätter für die Kunst erscheinende »Jahrbuch für geistige Bewegung« verfaßt wurden. Der Bergson-Aufsatz, eine der ersten Gesamtdarstellungen der Philosophie Henri Bergsons in deutscher Sprache, erschien 1912 im dritten Jahrbuch. Der Nietzsche-Aufsatz stattdessen wurde, da ein viertes Jahrbuch nach dem ersten Weltkrieg nicht mehr zustande kam, in einem 1923 gemeinsam mit Kurt Hildebrandt veröffentlichten Band »Nietzsche als Richter unserer Zeit« veröffentlicht. Im Zentrum beider Aufsätze steht jene Idee des »Allgemein-Menschlichen«, in der die Dichtung Georges ihre »theoretische Mitte« findet, und die in der Antike in maßgeblichem Sinne verwirklicht gewesen sei.
1905 war das Jahr des sogenannten »Maximin«-Erlebnisses gewesen, das bei etlichen George-Kritikern noch heute auf Befremden stößt. Georges Freundschaft mit dem jungen und früh verstorbenen Maximilian Kronberger wurde ihm zum »Urerlebnis«, in dem ihm die antike Idee der Vergöttlichung des Menschlichen, der Vermenschlichung des Göttlichen in reiner Verwirklichung entgegentrat. Dieses Erlebnis und die mit ihm verbundenen Einsichten galt es jetzt, anknüpfend an Hölderlins Idee der Einheit von »Deutschtum« und »Griechentum«, in der Zeit - und in Opposition zum Zeitalter, zum »hohlen Prunk« des Wilhelminismus - zu gestalten und fruchtbar zu machen. Der Kreis um Stefan George verstand sich fortan, mit dem vermutlich von Karl Wolfskehl eingeführten Begriff, als »Geheimes Deutschland«. Das sollte auch auf Georges Dichtung zurückwirken: in vielen Versen des 1907 veröffentlichten Buches »Der siebente Ring« äußert George explizit Kritik an einzelnen Erscheinungen des Zeitalters und am Zeitalter insgesamt. Von hier führt eine gerade Linie zu den von 1910 bis 1912 erschienenen drei Folgen des »Jahrbuch für geistige Bewegung«. 1892, als der junge Stefan George mit der ersten Folge der »Blätter für die Kunst« erstmals an die Öffentlichkeit trat, hatte er noch geschrieben, Ziel sei eine »kunst für die kunst, eine kunst frei von jedem dienst«, die »alles staatliche und gesellschaftliche« auszuscheiden habe. Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt heißt es aber, all jene widerlegend, die sich darin gefallen, Georges »Ästhetizismus« zu monieren: »In der kunst glauben wir an eine glänzende widergeburt«; und: »Wir suchten die umkehr in der kunst einzuleiten und überlassen es anderen zu entwickeln, wie sie aufs leben fortgesetzt werden müsse.« Das setzt freilich einen dialektischen Standpunkt der Einheit von Kunst und Leben voraus, den Stefan George und sein Kreis denn auch immer konsequenter einnehmen. Wir kehren zu unseren einleitenden Bemerkungen zurück: indem die Kunst ein »Ewiges« gestaltet, das als solches in den »Zeitläuften« nicht zum Ausdruck kommt, tritt von selbst in dem vermeintlich »Zeitlosen«, ohne daß es dadurch aufgehoben würde, eine ihm wesentliche Historizität hervor. Es ist merkwürdig und bedürfte einer ausführlicheren Darstellung, wie wenig der George-Kreis, entgegen allen Vorurteilen, dieser Tatsache sich verschließt. Das »Jahrbuch für geistige Bewegung« dient der lebendigen Auseinandersetzung mit den verschiedenen Tendenzen der Zeit und versucht ihnen - oft freilich mit den Mitteln der Polemik - zu begegnen. Daß es dabei zu bedeutenden philosophischen Analysen und Stellungnahmen gekommen ist, die auch heute noch Beachtung verdienen - dafür sind gerade die Essays Ernst Gundolfs eines von mehreren leuchtenden Beispielen.
Ob es sich bei dem Bergson-Essay, wie ein Verleger einmal bemerkt, um ein »Meisterstück philosophischer Analyse« handelt, sei offen gelassen. Gundolf verfährt, wie ich meine, in seiner Darstellung von Bergsons Philosophie zu isolierend und repetiert seine Grundthese in recht dogmatischer Weise, anstatt sie in philosophischer Analyse zu entwickeln. Bergson und mehr noch Nietzsche werden von vorneherein im Lichte einer Intention gelesen, anstatt diese Intention aus dem Material der philosophischen Analyse selbst zu gewinnen. Das hätte Ernst Gundolf selbst aber auch vermutlich nicht in Abrede gestellt. Seine Essays verfolgen von vorneherein einen fest umrissenen Zweck, den er in einem Brief von 1920 an Friedrich Wolters als »Kampf gegen die nicht-anschauende Wissenschaft« beschreibt. Im selben Jahr erscheint die George-Deutung seines Bruders Friedrich, in der es heißt: »Der Mensch - das Maß, nicht das Geschöpf der Zeit«. Es bedarf nicht der näheren Erläuterung, inwiefern hier ein noch heute aktuelles philosophisches Programm formuliert ist. Denn es geht, im Kern, um eine Kritik der Verdinglichung, der »instrumentellen Vernunft«, die, so die Forderung, zurückzunehmen ist in ein Dasein, das nur insofern als ein menschliches sich ereignen kann, als das Wirkliche, von dem es horizontal umfaßt wird, dialektisch vom Menschen selbst her seine Bestimmung findet. Im Lichte dieser Forderung formuliert Gundolf seine Kritik. Bergsons Lehre »birgt äusserlich aufgefasst die gefahr eines neuen skeptizismus in sich, weil sie eine unmögliche raumlose anschauung fordert und die wahre erkenntnis zu einer undenkbaren, unsichtbaren, nicht nur unberechenbaren und unnennbaren macht.« Und »Nietzsche, der Sucher des neuen Gottes und Gesetzes, ward der Zerstörer des entseelten Glaubens, aber noch nicht der Erwecker des lebendigen, weil er nur die Kräfte verehren lehrte, aber nicht die Bilder, weil er nur Dämonen anzubeten wusste, aber keine Götter. Er hat die Axt an den abgestorbenen Stamm gelegt und mit der Pflugschar das verhärtete Erdreich gelockert, aber er selbst hat nicht mehr den Samen künftiger Frucht in den Boden gelegt.« Bergson und Nietzsche kommt in der Sicht Ernst Gundolfs zweifelsohne das Verdienst zu, das ursprüngliche, schöpferische »Leben« wieder freigelegt zu haben gegenüber seinen verdinglichten Formen, die Bergson vor allem in Gestalt der empirischen Naturwissenschaften, Nietzsche vor allem in Gestalt des Historismus der Geisteswissenschaften bekämpft. Beide taten dies aber um den Preis der Verdinglichung des Ursprünglichen, des Schöpferischen, des Lebens selbst. Dieses letztliche Versagen vor dem eigenen Anspruch scharf fokussierend, formuliert Ernst Gundolf - wenngleich das im Falle Nietzsches zweifelsohne einer ausführlicheren Erörterung, mit ungewissem Ausgang, bedürfte - als einer der ersten eine bis heute aktuelle, und bis heute in ihren Konsequenzen noch nicht eingeholte Kritik der Lebensphilosophie, die auch Heideggers identisch strukturierte Metaphysikkritik vorwegnimmt.
Der junge George hatte gedichtet:
Im rasen rastend sollst du dich betäuben
An starkem urduft · ohne denkerstörung ...
Damit ist aber gerade nicht, wie das so oft gedankenlos reproduzierte Mißverständnis lautet, einem »Irrationalismus« das Wort geredet. Dieser selbst ist »Denkerstörung«, während Philosophie in der Sicht Georges ebenso wie Dichtung es vermag, zum »Denkbild«, zur platonischen Idee sich zu erheben. Zu dokumentieren, wie in Ernst Gundolfs Essays der Dichtung Georges entnommene Maximen mit philosophischer Analyse eine Einheit eingehen - vor dem Hintergrund einer geschichtsphilosophischen Theorie der Dichtung und der Philosophie selbst -, ist inhaltlich sicherlich das Charakteristikum, das dieses Buch am reizvollsten erscheinen läßt. Nicht das geringste Verdienst ist, davon abgesehen, wie Herausgeber und Mitarbeiter in, wie man schnell bemerkt, akribischer Arbeit es geschafft haben, hier nicht nur einen Band »von« und »über« Ernst Gundolf vorzulegen, sondern den ganzen, lebendigen Menschen vor dem geistigen Auge wach werden zu lassen. Wenn darauf ein Schatten fällt, dann indirekt, aber wesentlich. Es ist schmerzhaft, daß hier überall eine Ahnung dessen sich aufdrängt, was dem Dichter verlorenging, als er an die Stelle von Menschen wie Ernst und Friedrich Gundolf den eloquenten Friedrich Wolters und den jungen, aufstrebenden Max Kommerell treten ließ, deren in ihrer Radikalität zweifelsohne bewundernswerten »Heiligenlegenden« nun die offizielle Linie des Kreises repräsentieren sollten. Auch Friedrich Gundolfs »George«-Buch war ja, wie der Autor versicherte, nicht als wissenschaftliche Leistung, sondern als »Glaubensbekenntnis« zu verstehen. Aber selbst dort, wo er, wie in der Bewertung Heinrich Heines, zugunsten der Auffassungen des Meisters das gerechte Urteil zu verfehlen drohte, handelte es sich doch um historisch brillante Analysen, denen ein unbezweifelbares objektives Moment anhaftet. Die Gültigkeit des Anspruchs auf Zeitlosigkeit und historisches Verstehen beleuchten und stützen sich gegenseitig; keine verfehltere »Geschichte der Literatur« ist denkbar als jene, deren »Geschichtlichkeit« als Kategorie an das Schöpferische heranträgt, was nur die Methode seines Erfassens und als solche der Spiegel seiner inneren Verfaßtheit ist. So ist das Beste dieses Bandes auch gerade sein Trauriges: daß er über sechzig Jahre nach Ernst Gundolfs und über siebzig Jahre nach Stefan Georges Tod diese tiefe Dialektik der Historizität nachträglich wieder in ihre Rechte einsetzt. Keine Kritik hat das bislang vermocht.
Timo Kölling