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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 2
Buch des Monats März 2007
Hildegard von Bingen: Über die Liebe. Hörbuch, Lesung: Grischa Huber, Regie: Wolfgang Stockmann, C. H. Beck Verlag, München 2007, 1 CD mit Booklet, Laufzeit 59 Minuten, ISBN 978-3-406-55866-5, €
Die Basis der von Grischa Huber gelesenen Auswahl ist das bei Beck und dtv erschienene Buch gleichen Titels, das Stellen aus den vier grundlegenden Werken, den Briefen, sowie den Gedichten und Gesängen enthält. Der Herausgeber Peter Dinzelbacher weist in seinem Booklet-Text, der über das Leben und die Schriften Hildegards von Bingen informiert, darauf hin, dass die getroffene Auswahl "nur einen, und einen relativ kleinen Aspekt der Vorstellungs- und Denkwelt der Seherin vom Rupertsberg" dokumentiere. So nimmt etwa der Teil: "Die Liebe zwischen den Geschlechtern" relativ breiten Raum ein, wodurch die Gefahr droht, dass die Passagen über "Sexualität und Gattenliebe", die wohlgemerkt hochinteressant sind, zu sehr dominieren. Aber die Lesung endet mit dem Vortrag zweier Briefe, an Richardis von Stade und den Erzbischof Hartwig von Bremen, und führt so noch ein anderes Thema ein, die persönliche liebevolle Beziehung Hildegards zu Richardis, einer Nonne ihres Konvents. Grischa Huber trägt die Briefe mit einer so offenen, leicht gesteigerten Stimme vor, dass man an die zuvor gelesenen Abschnitte aus den Gedichten und Gesängen erinnert wird – auf diese Weise entsteht doch der Eindruck einer Rundung, ja, einer Wiederanknüpfung an den Anfang, dem "Gebet um Liebe" (aus Symphonia 3).

Die Rezitation der Gesänge findet gleichsam in einer Kirche statt: Die Stimme scheint in einem hohen Gewölbe zu erklingen und nimmt eine leicht hymnische Färbung an, bleibt aber doch, in seltsamem Kontrast, zugleich ganz intim. Diese Verbindung schafft eine Eindringlichkeit, die man zunächst mit einer leichten Verblüffung registriert; Grischa Huber intoniert die Strophen, deren Inhalt doch von unserem Weltverständnis unglaublich weit entfernt ist, mit solch künstlerischer Unmittelbarkeit, dass sie eine den Hörer anrührende Präsenz bekommen. Die anderen Abschnitte, aus den Hauptwerken: Scivias (Wisse die Wege), Das Buch der Lebensverdienste (Liber vitae meritorum), Das Buch von dem Grund und Wesen und der Heilung der Krankheiten (Causae et curae), Das Buch vom Wirken Gottes (Liber divinorum operum), werden etwas verhaltener und doch auch mit innerer Lebendigkeit vorgetragen. Es ist diese Stimme, die einem plötzlich den Eindruck vermittelt, man gewinne beinahe einen Zugang zu einer Weise des Empfindens und Glaubens, die einem sonst verschlossen ist. Der Wunsch entsteht, die Texte noch einmal und vielleicht auch ein drittes Mal zu hören, um mit den Impulsen, die sie tragen, in Berührung zu kommen. Man begreift in solchen Augenblicken zumindest die Fremdheit und Ferne mittelalterlichen Denkens – und dadurch im Ansatz auch die sonst unhinterfragten Bedingungen des eigenen Daseins.
Hildegard von Bingen wurde 1098 geboren und starb 1179 im Kloster Rupertsberg. Schon als Kind prägte sich ihre visionäre Gabe aus. In ihrem dreiundvierzigsten Lebensjahr "kam ein feuriges Licht mit Blitzesleuchten vom offenen Himmel hernieder. Es durchströmte mein Gehirn und durchglühte mir Herz und Brust gleich einer Flamme, die jedoch nicht brannte, sondern wärmte, wie die Sonne den Gegenstand erwärmt, auf denen sie ihre Strahlen legt. Nun erschloss sich mir plötzlich der Sinn der Schriften, des Psalters, des Evangeliums und der übrigen katholischen Bücher des Alten und Neuen Testamentes" (Scivias, Übersetzung: Maura Böckeler, 8.Auflage, Salzburg 1987, S. 89). Aus dem Licht erschallt eine Stimme, die sie auffordert, niederzuschreiben, was sie sieht. Zwischen 1141 und 1151 entsteht die Aufzeichnung dieser Visionen (Wisse die Wege), gleich danach folgen die medizinischen Werke, Physica und Causae et curae (abgeschlossen wahrscheinlich 1158), 1158 – 1163 der Liber vitae meritorum, der die Sittenlehre behandelt, und schließlich das letzte Werk De operatione Dei oder Liber divinorum operum, redigiert in den Jahren 1163 – 1174.
Hildegard ist keine Philosophin oder Theologin, abstrakte Erörterungen sind nicht ihre Sache. Sie sieht Bilder, allerdings nicht in Ekstase, worauf sie, wiederum am Beginn von Scivias, ausdrücklich hinweist: "Die Gesichte, die ich schaue, empfange ich nicht in traumhaften Zuständen, nicht im Schlafe oder in Geistesgestörtheit, nicht mit den Augen des Körpers oder den Ohren des äußeren Menschen und nicht an abgelegenen Orten, sondern wachend, besonnen und mit klarem Geiste, mit den Augen und Ohren des inneren Menschen, an allgemein zugänglichen Orten, so wie Gott es will" (ebda.). Die Folge dieser Bilder jedoch beinhaltet eine hierarchische Gliederung der gesamten Schöpfung: Die Welt hängt zusammen und wird regiert vom göttlichen Geist, der sich in allen ihren Teilen äußert, die somit aufeinander verweisen. Dieser Geist erzeugt oder ist das Urbild des Seienden, wie die folgenden Verse, mit deren Lesung das Hörbuch beginnt, aus Symphonia 3 sagen: "O Gott – Du – von Ewigkeit: / Neige Dich uns zu, / blühe auf in jener Liebe zu uns, / auf dass wir lebendige Glieder werden, / gebildet in gleicher Liebesglut, / aus der Du gezeugt Deinen Sohn / in des Morgenrots Frühe / vor Weltenbeginn."
Bereits vor jenem Beginn, in der in Gott präexistenten Idee des Kosmos, sind die Bereiche oder Glieder der Schöpfung aufeinander bezogen. Eins spiegelt sich im anderen, und selbst die Sphären des Materiellen kommunizieren mit denen des Geistigen. In einer Passage des Liber vitae meritorum (6, 22) wird diese gegenseitige Hinordnung augenfällig. Da sie die Anschauungsweise Hildegards, wie überhaupt diejenige des Denkens in bildhaften Analogien besonders gut verdeutlicht, sei sie zur Gänze zitiert:
"Die Luft mit ihren scharfen Kräften bezeichnet den Glauben, der ein Banner des Sieges ist. Und wie sie als Feuerflamme leuchtet, so zeigt der Glaube den rechten Weg wie auch den Tau der Hoffnung, mit dem sie den Geist der Gläubigen benetzt. Da diese zu himmlischen Dingen aufseufzen, tragen sie die grünende Lebensfrische vollkommener Liebe in sich und beeilen sich, allen zu Hilfe zu kommen. Daher bringen sie gleichsam durch den Lufthauch der Reue unter Tränen die Klage im Gebete vor, sowie ein milder Lufthauch die Blüten heraustreibt. Und so wirken sie in der Glut himmlischer Sehnsucht reichste Frucht, die Speise des Lebens gleichsam, die ihrem eigenen Nutzen wie auch dem vieler anderer dient" (Der Mensch in der Verantwortung. Das Buch der Lebensverdienste, übersetzt von Heinrich Schipperges, 3. Auflage, Salzburg 1972, S. 273).
Wie die Luft, so sind natürlich auch alle anderen Elemente Spiegel der geistigen, die Welt zusammenbindenden Kraft. Nichts ist isoliert, jedes hat seine Stelle im Bau des Ganzen, den es in seiner Art ausdrückt. Ein Hauch durchwaltet die materiellen, wie die spirituellen Bereiche, er ist das Movens der Reue, wie auch, in anderer Form, dasjenige, was die Blüten hervortreibt. Eine unendliche Sympathie durchwaltet das Universum, in dem der Mensch seine ausgezeichnete, ja eine Mittelpunktsstellung einnimmt. Liest, und vor allem: hört man die zitierte Stelle mehrfach, so wächst nach und nach ein Gefühl für einen solchen Zusammenhang des Verschiedenen heran. Wir könnten in einem solchen Kosmos nicht mehr leben, er ist uns zu eng geworden. Aber wenn einen Moment lang der längst vergessene Eindruck einer realen Harmonie, einer unendlichen Ordnung in einem wiederentsteht, verbindet er sich zwangsläufig mit der Sehnsucht nach einem solcherart greifbaren Sinn des Daseins.
Es ist zweifellos ein Verdienst Grischa Hubers, uns durch ihre Lesung Texte nahegebracht zu haben, die sich der Lektüre vielleicht zunächst entziehen – nun wird man wohl auch zu den Büchern greifen. Und man ist neugierig geworden auf die anderen Hörbücher der Reihe "Kleine Bibliothek der Weltweisheit", die Autoren wie Epiktet, Konfuzius, Montaigne, Schopenhauer oder Seneca präsentiert.
Johannes U. Lechner