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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 2
Mit einem Satz des Schriftstellers Michael Kumpfmüller, der in einem Interview des Deutschlandfunks am 4. 3. dieses Jahres geäußert wurde, möchte ich beginnen. Er sagte dort, ein Geschichtsraum sei vollgeschrieben. Zwar betraf dies eine andere Epoche, doch gilt dies sicherlich auch für Elisabeth von Thüringen, ihre Vita und ihr Nachleben. Dieser Geschichtsraum ist nicht nur vollgeschrieben – man bestaune nur die Fülle verschiedenster Literaturformen in einer aktuellen Ausstellung der Marburger Universitätsbibliothek –, er ist auch überreich bebildert, und es kommen ständig neue Bilder hinzu. Daran habe auch ich Anteil mit dem kleinen Bildband „Meine Elisabeth“.
Dieser Vortrag, in einer Galerie und vor Zeugnissen kontemporärer künstlerischer Auseinandersetzung mit Elisabeth von Thüringen, gibt Freiräume, und ich will sie nutzen. Ich werde Ihnen keinen Historikervortrag halten, wie man ja bei meiner Profession befürchten müsste. Stattdessen will ich – auch in durchaus fragmentarischem Zustand – als Historiker über Elisabeth nachdenken, darüber, wie man sich ihr nähert und auf welche Weise man dies tun sollte, über Kritik an ihr, die ihr Ziel verfehlt, über das Verhältnis von Bildern und Texten sowie Texten und Bildern und über die Jubilarin als Vorbild. Es wird immer wieder um Bilder gehen, weniger um tatsächlich existierende Bilder, viel öfter um Bilder in unser aller Köpfe. Sie verstellen uns nicht nur Zugänge zu vermeintlich Tatsächlichem, wie man leicht bemerken könnte. Sie bieten zugleich auch Chancen und Risiken, indem sie uns immer wieder, manchmal schmerzhaft, die Grenze zwischem dem Wahren und dem Wirklichen erkennen lassen. Damit kann man spielerisch-virtuos umgehen oder anklagend, man kann das alles ignorieren oder zum eigentlichen Thema machen. Man sollte es nur nicht vergessen.
Im Rückgriff auf das Evangelische Philipps-Jahr, das die beiden evangelischen hessischen Landeskirchen 2004 gefeiert haben, und seinen Protagonisten möchte ich Ihnen plastisch vor Augen führen, wie schütter das Datengerüst ist, auf dem alle Geschichten und Bilder von Elisabeth beruhen. Landgraf Philipp der Großmütige von Hessen wurde 1504 geboren, dieses Jubiläum nahmen die evangelischen Kirchen seinerzeit zum Anlass, eine Wanderausstellung ähnlich der zu Elisabeth von Thüringen auf die Reise zu schicken.
Landgraf Philipp steht am Anfang der Neuzeit, viel von dem, was er tat, erscheint uns nachvollziehbar und leicht zugänglich, selbst wenn wir uns an manchem Punkt seiner Biografie anders verhalten hätten. Für die meisten Tage seines Lebens wissen wir, wo er war, was er tat, mit wem er sprach, was ihn beschäftigte, ja vielleicht sogar, was er aß und trank. Er selbst hat vieles geschrieben oder diktiert, das uns heute noch vorliegt und guten Zugang zu seinem Fühlen, Denken und Handeln erlaubt.
Bei Elisabeth ist das ganz anders: Es gibt genau ein zweifelsfrei bekanntes Datum in ihrem Leben – der Tag ihres Todes. Sie hat nichts selbst geschrieben, zumindest nichts, das wir heute noch hätten. Zu ihren Lebzeiten wurde über sie ebenfalls nichts niedergeschrieben. Genauso wenig liegen auch nur einigermaßen authentische zeitgenössische bildliche Darstellungen von ihr vor, allerdings sind wir zu ihren Lebzeiten auch noch in einer Epoche, der das realistische Porträt nichts bedeutete. Das Reden und Schreiben über Elisabeth – soweit es bis heute noch erhalten ist – setzt erst nach, oder besser: mit ihrem Tod ein. Erst zu diesem Zeitpunkt wurden Texte über sie verfasst, die samt und sonders im Hinblick auf die angestrebte Heiligsprechung entstanden. Ihnen ist mit großer Vorsicht zu begegnen, da es nicht ihre Aufgabe war, ein nach unseren Maßstäben „realistisches“ Bild dieser Frau zu schaffen. Zu diesem Zeitpunkt erst entstehen all die Bilder von der heiligen Frau, an deren Zentrum sich im Laufe der Jahrhunderte viele weitere anlagerten, die den realen Kern immer weiter überdeckten. Dieser Prozess ist bis heute nicht abgeschlossen.
Dass dem so ist, belegen etwa die Bilder hier in dieser Galerie, geschaffen von Künstlerinnen und Künstlern unserer Gegenwart. Sie unterscheiden sich in Vielem von den Bildern, die 1983 als Teil des mehrbändigen Werkes zum 700-jährigen Jubiläum der Elisabethkirche veröffentlicht wurden. Sie sind – und das meine ich keineswegs als Vorwurf – zeitgebunden. Sie sind dies so, wie alle Äußerungen menschlichen Ursprungs zu einem jeden Thema, so wie etwa die Bilder von vor einem Vierteljahrhundert. Sie sind infolgedessen mindestens auch in ihrem eigenen historischen Rahmen zu interpretieren. Das sind Binsenweisheiten, die oft genug von klugen Ideologen zur Denunziation anders Denkender benutzt worden sind, die aber dadurch nicht vollkommen diskreditiert werden konnten und können.
Eine ebensolche Binsenweisheit ist es, dass wir keinen unmittelbaren Zugang zur Vergangenheit haben; wenn man es provokant ausdrücken möchte, könnte man sagen, dass wir ebensowenig in die Vergangenheit wie in die Zukunft schauen können. Wir haben also bei unseren Bemühungen um das Erkennen und eventuell sogar Verstehen der Vergangenheit immer die Frage der Herkunft unserer Informationen zu beachten, als Historiker würde ich sagen: die Überlieferung. Ich will das nicht weiter vertiefen, da dieser Vortrag sonst in eine Art historisches Proseminar abgleiten würde.
Wir wissen also recht wenig über den Menschen Elisabeth von Thüringen. Wir erkennen sie im Rahmen des politischen Gefüges, das sie nach Thüringen bringt, wir sehen sie als Gemahlin des Landgrafen Ludwig auf einer Münze, der einzigen zeitgenössischen Abbildung mit der Detailgenauigkeit eines Strichmännchens. Nahezu alles, was wir über Elisabeth wissen und zu wissen glauben beruht auf Texten und Bildern, die nach ihrem Tod entstanden und dazu dienten, ihre Heiligkeit unter Beweis zu stellen. Das betrifft aber nicht etwa nur Elisabeth, sondern auch beipielsweise Konrad von Marburg, den Vielgeschmähten, dessen Charakterbild in der Geschichte so gar nicht zu schwanken scheint, sieht man sich die einmütige Front seiner Gegner, ja Feinde an, die er bis heute hat. Dazu weiter unten mehr.
Wir sollten uns hüten zu glauben, wir könnten aus der Summa Vitae oder dem Libellus oder den anderen Texten dieser Periode den so genannten „wahren Kern“ herausschälen. Das ist biederer Wissenschaftsglaube des 19. Jahrhunderts, in dem man eben noch davon überzeugt war, in Erfahrung bringen zu können, wie es eigentlich gewesen. Konrad von Marburg, den man als Autor hinter der ersten dieser beiden Quellen annehmen darf, war ein zu kluger Kopf, als dass er uns nur ein simples Puzzle hinterlassen hätte. Ähnliches gilt für die Redaktoren der folgenden Texte. In sie dringt auf eine sehr subtile Weise enorm viel davon ein, was Konrad und andere bei ihren Studien, eventuell in Paris, kennen gelernt hatten. Die theologischen Vorstellungen und Fragen der Zeit etwa zwei Jahrzehnte vor den Ereignissen in Marburg schimmern an vielen Stellen deutlich durch das Geflecht der Texte, an manchen weniger klar, an anderen vermutlich auch gänzlich unerkennbar für uns. Darauf hat im vergangenen Jahr auf der Wartburg in einem Vortrag die Schweizer Historikerin Martina Wehrli-Johns klar hinweisen können.
Immerhin lassen die zeitnah anlässlich Elisabeths Tod entstandenen Texte eines erkennen: Sie bemühen sich um eine möglichst authentisch erscheinende Darstellung. Die Protagonistin wirkt hier zu Lebzeiten noch keine Wunder, sie hat gleichsam auch Ecken und Kanten, was ihr eine gewisse Lebensechtheit verleiht. Wie weit davon entfernt ist die vollkommene Heilige der Legenda Aurea, des Dietrich von Apolda und späterer Legenden und Romane! Und was hat die Rezeption der Jahrhunderte aus ihr so alles gemacht: Vor allem das 19. Jahrhundert, als die Romantik wirkmächtige Bilder und Vorstellungen schuf, die bis heute das Verständnis zumindest des breiten Publikums dominieren. Hinter all diesen Bildern geht die historische Elisabeth nahezu verloren, aber wir gestehen uns kaum ein, dass wir eben häufig über diese Bilder sprechen, und nur selten über den Menschen.
Und trotzdem reden wir über Elisabeth von Thüringen, als sei sie unsere vertraute Nachbarin! Wir führen öffentlich Gespräche mit ihr vor einem großen Publikum an der Stätte ihres leeren Grabes, wir machen ihr Vorhaltungen wegen ihrer vermeintlich abweichenden sexuellen Orientierungen – Stichwort Sado-Masochismus – und wir nehmen es so gerne hin, dass wir das große, beinahe leere und weiße Blatt, das Elisabeth ist, mit den Projektionen unserer Sehnsüchte, Ängste, Fragen, Antworten, Vorlieben und Interessen füllen. Elisabeth von Thüringen, und wieviel mehr die Heilige Elisabeth, bietet sich eben, weil wir so wenig über sie wissen, als Projektionsfläche an. Ich will das nicht als verwerflich brandmarken, ich will lediglich darauf hinweisen, dass all dies im Gesamtdiskurs „Elisabeth“ kunterbunt durcheinander geht und viel zu selten sortiert wird.
Noch etwas deutlicher: Wenn wir über Elisabeth von Thüringen nachdenken und dabei nicht historische Forschung einer vermeintlich reinen Lehre betreiben wollen, dann ist es geradezu unumgänglich, eben über diese Rezeption nachzudenken, die mit dem Tod der lokalen Wohltäterin einsetzt. Die Texte Konrads von Marburg und seiner unmittelbaren Nachfolger sind sehr genau abgewogen und konstruiert. Damit sei nicht gesagt, dass die heilige Elisabeth eine Erfindung Konrads von Marburg ist, aber Konrad schuf ein Bild von ihr. Der Ursprung dieses Bildes ist im Leben einer realen Persönlichkeit zu suchen, und Etliches mag in das Bild eingeflossen sein, das sich tatsächlich ereignet hat. Aber die „wahre Elisabeth“ gibt es nicht, wenigstens ist sie im öffentlichen Diskurs der vergangenen Jahrhunderte und auch des Jubiläumsjahres mit den immer weiter anschwellenden Text- und Bilderströmen kaum präsent.
Präsent ist das religiös-kulturelle Konstrukt „Heilige Elisabeth“. Und wir sind dazu aufgerufen – sofern es uns interessiert –, an seiner Weiterführung teilzunehmen. Wir können und sollen uns unser eigenes Bild der ungarischen Prinzessin, der Fürstin, der Dienerin und der Heiligen machen. Wir sollten dies aber nicht mit Forschung oder Ähnlichem zum Leben des realen Menschen Elisabeth von Thüringen verwechseln. Die Erforschung des Lebens dieser Frau kommt nur in mühseligen Trippelschrittchen voran, das ist eben so in einem vollgeschriebenen Geschichtsraum. Sie ist in den Händen der Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftler gut aufgehoben und separiert. Das öffentliche Gespräch über Elisabeth, an dem sich in diesem Jahr ein gewaltiger Chor unterschiedlichster Stimmen in – was man in den deutschen Elisabethhochburgen gelegentlich vergisst – verschiedenen Sprachen beteiligt, nimmt ganz andere Bahnen. Dort interessieren ganz andere Fragen, da herrscht die Suche nach dem persönlichen Zugang zu Elisabeth vor. Daneben wird kritisiert, für Produkte geworben, für politische Überzeugungen.
Mit dem Wort „Kritik“ bin ich an einem Punkt angelangt, der einen kleinen Einschub erlaubt. Diese wohlfeile Vokabel spielt eine nicht unerhebliche Rolle in der Beschäftigung mit der Heiligen. Spätestens mit Elisabeth Busse-Wilsons Biographie von 1931 war die Kritik an Elisabeth und vor allem ihrem Beichtvater Konrad von Marburg formuliert und publiziert. Liest man heute, mit 76 Jahren Abstand, Busse-Wilsons Buch, so erscheint es in etlichen Passagen durchaus frisch. Seinerzeit wurde es verteufelt und bejubelt, differenzierte Stellungnahmen haben damals wie heute die Ausnahme gebildet. Von psychoanalytischer Seite wird mir versichert, das Buch sei hinsichtlich methodischer Fragen durchaus sehr ansprechend gearbeitet. Man könne allerdings nicht überprüfen, ob die von Busse-Wilson gezogenen Schlüsse Bestand haben könnten; dies falle doch eher in das Metier der Historiker. Als solcher muss ich das Buch ablehnen, denn es fehlten Frau Busse-Wilson die nötigen Erfahrungen im Umgang mit mittelalterlichen Quellen. Sie hätte sonst erkennen müssen, dass die von ihr an diese Texte gestellten Fragen – die, nebenbei bemerkt, durchaus interessant und nachvollziehbar sind – sich aus diesen Texten nicht beantworten lassen. Auf der Basis von Hagiographie zu gültigen Eindrücken von der Psyche eines Menschen gelangen zu wollen, ist schlechterdings unmöglich. Verantwortungsbewusste moderne Psychoanalytiker würden sich wohl weigern, ein „Charakterbild“ überhaupt allein aus schriftlichem Material aufzubauen, dieses spielt neben dem Gespräch allenfalls eine sekundäre Rolle. Um wieviel mehr muss dies aber gelten, wenn diese Texte – wie gesagt – eben nicht die Aufgabe hatten, ein in unserem Sinne realistisches Bild eines Menschen zu schaffen. Elisabeth Busse-Wilson warf den älteren Historikern wie etwa Wenck vor, den hagiographischen Schilderungen zu sehr zu trauen, und geht ihnen doch selbst genauso auf den Leim. Zudem begeht sie den von manchen zu Unrecht nicht historisch arbeitenden Disziplinen gelegentlich gemachten Fehler, Verhaltensweisen weit entfernt liegender Epochen von heute aus beurteilen zu wollen. Dies geschieht auch heute noch, und vollkommen anachronistische und daher abwegige Spekulationen über die Persönlichkeit Elisabeths von Thüringen schießen ins Kraut, ohne dass es ein Ende gäbe. Ich wiederhole: Wir kennen diesen Menschen nicht! Wir kennen ein religiös-kulturelles Konstrukt, das wir zwar kritisieren können, das aber selbstverständlich zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Umständen sehr verschieden ausfällt. Daher muss diese Kritik, wenn sie einen Menschen treffen will, ins Leere gehen. Sie trifft allenfalls kollektive Vorstellungen, religiöse Dogmen oder Volksglauben unterschiedlichster Epochen. Das ändert an der Bedeutung einer „Heiligen Elisabeth“ sehr wenig. Wir können den Glauben an die Werkheiligkeit kritisieren, wir können uns über die verstörende Körperlichkeit mittelalterlichen religiösen Erlebens echauffieren, wir können Institutionen und Phänomene wie die Inquisition, die Kreuzzüge oder übertriebene Askese und Sexualfeindlichkeit brandmarken. Aber wir können aus bald 800 Jahren Abstand Menschen, die unter diesen Umständen lebten, keinen Vorwurf für ihr Verhalten in diesen Umständen machen. Wir können Elisabeth von Thüringen ebensowenig zur ersten Protestantin machen, wie wir ihr vorwerfen können, sich diesen Umständen gebeugt zu haben. Sie ist keine Revolutionärin, sie ist aber auch nicht das willenlose Opfer eines sadistischen Psychopathen. Elisabeth von Thüringen gehört in ihre Zeit, in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts mit allem Guten und Bösen, das diese Zeit zu bieten hatte. Ihr Verhalten wich von der Norm ab, sonst hätte sie nicht von Konrad von Marburg zur Heiligen gemacht werden können. Aber sie ist auch nicht vom Mond auf die Erde gefallen: sie ist ein Kind ihrer Zeit. All das, was ihr gerne vorgeworfen wird: Ihre Unterwürfigkeit, ihre übertriebene Askese, die Verachtung ihres eigenen Körpers, dass sie sich schlagen ließ – übrigens schon vor Konrad! –, dass sie ihre Kinder verließ, dass sie selbst Gewalt anwandte, all das sind Dinge, die in ihrer Zeit und in ihrer sozialen Schicht gang und gäbe waren. Diese Dinge sind Erscheinungen einer Gesellschaft, die von Gewaltenteilung und staatlichem Gewaltmonopol nichts weiß, die keine Vorstellung von einer Aufklärung im Sinne des 18. Jahrhunderts hat und in der religiöse Vorstellungen und Glaubensmuster vorherrschen, die weit von unseren entfernt sind. Das kann und sollte man vielleicht sogar kritisieren, aber man sollte nicht Elisabeth von Thüringen vorwerfen, dass sie 1207 und nicht 1907 geboren wurde!
Es kommt noch etwas hinzu: Von interessierter Seite wird in diesem Jahr die Behauptung aufgestellt, die Heilige Elisabeth werde vollkommen unreflektiert und unkritisch als Vorbild für die gesamte Lebensführung vorgestellt und einfach nur bejubelt. Ich habe mit vielen Hundert verschiedenen Menschen über Elisabeth gesprochen und diskutiert, sehr viele davon mit einem ausgeprägten christlichen Hintergrund und Glauben. Ich habe nicht einen getroffen, der nicht wenigstens auf Nachfrage zugegeben hätte, dass diese Frau auch Schattenseiten hat. Selbstverständlich eignet sich Elisabeth von Thüringen nicht 1:1 als Vorbild für Menschen des 21. Jahrhunderts in allen Fragen der Lebensgestaltung. Ich zitiere Bischof Martin Hein von der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, der dazu sagte, es könne nicht Sinn eines vom Evangelium geprägten Lebens sein, mit 24 Jahren an Auszehrung und Entkräftung zu sterben. Dem ist nichts hinzuzufügen an dieser Stelle. Ob Elisabeth von Thüringen oder die Heilige Elisabeth aber nicht vielleicht auch doch Vorbildcharakter haben könnten, möchte ich am Ende meines Vortrags noch einmal ansprechen.
Nur ein paar Sätze zu Konrad von Marburg: Er hat seit langem eine schlechte Presse, salopp gesprochen. Woher kommt das? Ihren Ursprung hat diese kollektive Aversion sicher in den ältesten Texten zu Elisabeths Leben, doch schon das müsste eigentlich nach den Erkenntnissen zu deren Zustandekommen zur Vorsicht mahnen. Hat dieser Mann sich mit den von ihm geschriebenen oder doch mindestens mittelbar beeinflussten Texten selbst an den Pranger gestellt? Er schreibt sehr offen in seiner Summa Vitae. Er spricht mit Respekt von Elisabeth, deren Beschützer er in päpstlichem Auftrag war. Er schildert frank und frei das Verhältnis zwischen sich und seinem Schützling, ohne jedes schlechte Gewissen. Wieso hätte er es auch haben sollen? All die modernen Vorwürfe gegen ihn sind anachronistisch, er handelt in seinem Zeithorizont. Ich zitiere hier einmal kurz einen Text der ebenfalls 1207 geborenen Mystikerin Mechthild von Magdeburg. In ihrem Werk „Vom fließenden Licht der Gottheit“ heißt es über den Weg zu Vollkommenheit, zur „wahren Wüstenei“, wie sie dort genannt wird:
Die Wüste hat zwölf Eigenschaften (I, 35)
Du sollst lieben das Nicht(s),
du sollst fliehen das Etwas.
Du sollst alleine stehen
und sollst zu niemandem gehen.
Du sollst unausgesetzt tätig sein
und von allen Dingen frei bleiben.
Du sollst die Gefangenen lösen
und die Freien bändigen.
Du sollst die Kranken laben
und sollst dennoch selbst keine Labung haben.
Du sollst das Wasser der Pein trinken
und das Feuer der Liebe mit dem Holze
der Werke entzünden
so wohnst Du in der wahren Wüstenei.
Das liest sich geradezu wie ein Programm Elisabeths für ihre Arbeit hier in Marburg in ihrem Hospital. Konrad und Elisabeth gehören einer Zeit an, die solche Vorstellungen hat. Wenn wir die Schläge Konrads, oder die Schläge der Dienerinnen schon vorher, zum Teil auf Wunsch Elisabeths ausgeführt, mit modernen Kriterien betrachten, so werden wir sie nicht oder falsch verstehen. Sie gehören in den Diskurs ihrer Zeit und nicht in unsere empathischen Gefühlsaufwallungen für die arme, arme Elisabeth.
Die Romantik hat Konrad verteufelt, indem sie sich im Glauben, das Mittelalter nachfühlen zu können, dazu hinreißen ließ, ihn zu einem Zerrbild zu verfremden. Für die seinerzeit in Texten und Bildern neu entstehende Biedermeier-Elisabeth musste ein böser Widerpart gefunden werden. Zudem ist ein nicht unwesentlicher Anteil der seinerzeitigen Elisabeth-Renaissance evangelischen Ursprungs und stark von romantisch-völkischem Denken beeinflusst. Da lag es doch nahe, Konrad zum Übeltäter zu erheben und ihn zum katholischen Unterdrücker der „evangelisch“ erträumten Elisabeth zu machen. Das antikatholische, nationale und romantische Ressentiment erhielt hier freien Lauf. Die dabei erzeugten Bilder sind von einer so großen Reichweite und Macht, dass noch in der Gegenwart feministische Theologinnen sich ihrer bedienen, um die Rolle von Elisabeth als Opfer Konrads zu belegen. Die Quellen lassen Konrad viel eher als den Organisator hinter der starken und mutigen, aber eben auch etwas überdrehten und sehr temperamentvollen jungen Fürstin erscheinen, der ihre Tatkraft in vernünftige Bahnen lenkt. Zumindest spricht vieles in diesen Texten dafür. Und wer diese Texte eliminieren will, weil Konrad und die Redaktoren des Libellus die Geschichte in ihrem Sinne verdreht hätten: Der muss als Konsequenz in Kauf nehmen, dass dann alle anderen Aussagen dieser Texte auch hinfällig werden und wir vollkommen im Dunkeln tappen. Davon abgesehen: Würde man den klugen und gebildeten Klerikern wirklich zutrauen, die zwei Stellen mit den im Text stehengebliebenen Schlägen beim Redigieren einfach vergessen zu haben? Ich fordere zu einer umfassenden Neuinterpretation Konrads von Marburg auf!
Eine Erscheinung, die zur Geschichtswissenschaft gehört wie kaum ein anderes Phänomen, ist die Textfixiertheit dieser Disziplin. Dem Text kommt als Quelle für das Verständnis vergangener Zeiten in einem so hohem Maß der Primat zu, dass man die Nachbarwissenschaften, die traditionell mit anderen Quellen arbeiten, allenfalls dann ernstzunehmen pflegt, wenn sie entweder selbst mit Texten argumentieren oder aber sich auf die von Historikern zur Verfügung gestellten und entschlüsselten Texte beziehen. Unter dem Vorzeichen der immer wieder eingeforderten Interdisziplinarität hat sich dies in den letzten Jahrzehnten ein wenig abgemildert, im Kern ist dieses Phänomen aber stabil geblieben.
Seinen Ausdruck findet dies zum Beispiel darin, dass Bücher, die in hohem Maß auch mit dem Medium Bild in grafisch ansprechender Gestaltung arbeiten, um Elisabeth zu popularisieren, geringer geschätzt werden als die herkömmlichen Bleiwüsten. Oder wenn der Leiter einer wissenschaftlichen Tagung zu Elisabeth von Thüringen lediglich die Rezeptionsgeschichte den Philologien und Kunstwissenschaften überlässt, so, als sei eine solche Trennung bei diesem Gegenstand sinnvoll. Seine eigene Disziplin hatte zur Rezeption nichts beizutragen außer einer Auszählung von Patrozinien mit sehr bescheidenem Aussagewert. Den Vorrang der Geschichtswissenschaft vor anderen Disziplinen betonte er im abschließenden Statement nochmals. Die Liste dieser Beispiele ließe sich verlängern.
Dahinter steht unter anderem die Vorstellung, das Verhältnis Text – Bild sei eine Einbahnstraße. Primär sei stets der Text, sekundär das Bild. Der Text generiere die Vorstellung, die künstlerische Umsetzung sei nichts als eine Verbildlichung des gesprochenen, gehörten oder gelesenen Wortes. Nicht nur in der Beschäftigung mit Elisabeth von Thüringen lässt sich sehr schnell erkennen, dass dem nicht so ist. Es wäre bei einem Augentier wie dem Menschen auch sehr verblüffend.
Auch dafür ein Beispiel: Natürlich liegt es nahe, bei Elisabeth von Thüringen an die Werke der Barmherzigkeit in Matthäus 25 zu denken. Und selbstverständlich wurde in der Interpretation von Elisabeths Handeln immer wieder darauf hingewiesen. Die mittelalterlichen Textzeugnisse sagen darüber aber nichts. Es sind die Bilder, die uns dies zeigen. Es gibt eine ganze Reihe spätmittelalterlicher Darstellungen der Heiligen Elisabeth, die den von ihr Gepflegten, Gefütterten, Beherbergten als Christus darstellen, ganz so wie es bei Matthäus heißt: „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Die Verbindung zwischen Elisabeth und diesem Zitat wird eben nicht durch einen Text, sondern durch Bilder hergestellt.
Wenn wir die bald 800jährige Rezeptionsgeschichte Elisabeths von Thüringen, der Heiligen Elisabeth, noch wirklich fruchtbar weitertreiben wollen, dann sollten wir Bilder malen, Skulpturen formen, Fotos machen und natürlich auch weiter Texte verfassen. Wir sollen uns unser eigenes Bild machen und nachprüfen im Austausch mit anderen, ob es neue Gesichtspunkte einbringen kann, altes Wissen neu zu ordnen vermag, ob es neue Interpretationen erlaubt, neues Erkennen ermöglicht.
Nun komme ich zu meinem letzten Punkt: Eignet sich Elisabeth von Thüringen zu einem Vorbild für unser Leben, unsere Arbeit, unseren Glauben? An dieser heiklen Stelle treffen sich katholische, evangelische und auch andere Anfragen an die heilige Frau, und ich möchte über diesen Punkt nicht mehr als Historiker reden, sehr wohl aber als evangelischer Christ, der im ökumenischen Gespräch steht mit vielen katholischen Christinnen und Christen und der seine Argumente vielfältig auch mit Menschen tauscht, die an den Atheismus glauben.
Als ich über die Vorbildfrage einmal mit dem Leiter einer großen diakonischen Einrichtung in Nordhessen sprach, antwortete er mir: „Wenn ich zu unseren Pflegekräften gehe und denen erzähle, ihr müsst euch Elisabeth von Thüringen zum Vorbild nehmen, dann lachen die mich aus und fragen mich, ob ich nicht wisse, dass es einen Tarifvertrag gibt. Und das ist gut und richtig so.“ Natürlich kann das Leben Elisabeths nicht 1:1 zum Vorbild diakonischen und karitativen Arbeitens dienen. Es mag aber das Erkennen Christi im hilfsbedürftigen Nächsten sehr wohl etwas mit Fragen des Warum, der Motivation und der Intensität von Pflege zu tun haben. Elisabeth von Thüringen ging es, wie Prof. Martin Ohst aus Wuppertal auf einer Diakonietagung in Hofgeismar vor einiger Zeit klar zeigen konnte, in ihrem Handeln in einem hohen Maße um Werkgerechtigkeit und Buße, das ist der Horizont, vor dem sich dies alles abspielt, nicht nur das, sondern auch die übertriebene und fatale Askese, der sie sich hingab. Es geht dem mittelalterlichen Menschen beim Helfen nicht primär um den Nächsten, sondern um das eigene Konto guter Taten im Himmel. Das sei hier zunächst einmal so flapsig festgehalten. Elisabeth von Thüringen, und das scheint mir dann doch eine Besonderheit zu sein, rückt aber den Mitmenschen in eine herausgehobene Rolle, verglichen mit den Usancen ihrer Zeit. Dass sie beim Wort „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ das Selbst vergessen und außer Acht gelassen hat, hat ebenfalls viel mit konkreten Erwartungen für das eigene Schicksal im Jenseits zu tun, ich erinnere noch einmal an das Zitat von Mechthild von Magdeburg. Wenn man daraus heute ein persönliches Phänomen Elisabeths im Sinne einer psychischen Erkrankung machen will – man hört ja öfter hinter vorgehaltener Hand das Wort „Magersucht“ geflüstert –, dann frönt man in meinen Augen einem Wahrheits- und Wissenschaftsfundamentalismus, dem jedes Maß abhanden gekommen ist, in Tateinheit mit einem anmaßenden und anachronistischen Denken, das sich selbst disqualifiziert. Davon unbeschadet sei eine kleine Frage gestattet: Und wenn Elisabeth tatsächlich magersüchtig gewesen sein sollte – ich kann das Gegenteil nicht beweisen –: Ist das ein Grund, ihre Handlungen zu pathologisieren und zu diskreditieren? Das mögen die Betreffenden einmal einer zwanzigjährigen jungen Frau erklären, die nur noch 35 Kilogramm wiegt. Sind nicht auch magersüchtige Menschen im Stande, Gutes und Gelungenes zu leisten?
Elisabeth von Thüringen kann darüber hinaus für unser Leben durchaus Impulse geben, und das religiös-kulturelle Konstrukt darf sicher auch gezielt benutzt werden: Wenn der Marburger Weltladen fair gehandelten Kaffee unter dem Namen „Elisabeth-Kaffee“ verkauft, dann ist dies durch eine der Schilderungen aus den Lebensbeschreibungen gedeckt, wo es heißt, dass die junge Fürstin an ihrer Tafel nur noch solche Speisen und Getränke zu sich nehmen wollte, die gerecht erworben worden waren. Unrecht abgepresstes oder zu schlechten Preisen eingehandeltes Gut wollte und konnte sie nicht genießen – übrigens dürfte Konrad von Marburg hinter dieser Idee stecken. Da kann Elisabeth sehr wohl ein Vorbild sein, von dem wir uns inspirieren lassen können für eigenes, gerechteres Handeln.
Auch für das Thema „Gerechtigkeit“ und die Schlagworte „Arm“ und „Reich“ können aus der Lektüre der Lebensbeschreibungen Elisabeths Anregungen noch für uns erwachsen. Das scheinen mir – im Gegensatz zu manchen pseudopsychologischen Mutmaßungen – wirklich überzeitlich aktuelle Fragen und Sachverhalte zu sein, bei denen es sich lohnt, einmal bei Elisabeth nachzuschauen. Man wird dort keine ökonomischen oder gesellschaftspolitischen Handlungsanweisungen finden, sicher aber Beispiele dafür, was jeder Einzelne tun kann, um die Welt, in der wir leben, ein wenig erträglicher zu machen für die, denen sie unerträglich ist. Sie will zu keinem Zeitpunkt die Grundlagen der Gesellschaftsordnung ihrer Zeit umstürzen, sie will helfen, deren schlimmste Auswirkungen zu bessern. Das allein ist aber schon eine große Tat im hohen Mittelalter, vor allem durch ihre Umgehung der herrschenden Standesschranken.
Elisabeth zeigt uns, dass wir in Trauer und in persönlichem Leid unsere Zuversicht nicht verlieren müssen. Sie lachte und weinte gleichzeitig, sie riss die Menschen mit ihrer Fröhlichkeit mit und konnte doch oft Stunden lang ihren Tränen freien Lauf lassen. Sie ertrug ohne zu dulden, sie war demütig ohne klein zu sein. Es heißt über sie: „Sie war auf eine einfältige Art weise und auf eine weise Art einfältig. Darum setzt sie die Welt in Erstaunen.“ Darin liegen Tugenden, die meines Erachtens in der bisherigen Beschäftigung mit Elisabeth noch nicht genügend gewürdigt und fruchtbar gemacht worden sind. Elisabeth als geistliche Anregung, als Impulsgeberin für seelische und persönliche Nöte: da tut sich vielleicht ein weites Feld auf, auf dem noch wenig geackert ist bisher.
Diese wenigen Beispiele erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Durch neue Texte, neue Bilder und neues Reden entstehen neue Wahrnehmungen und Interpretationen Elisabeths von Thüringen, der Heiligen Elisabeth. Daran sollten wir weiterarbeiten, aber unter dem Maßstab der Redlichkeit. Nur dann kann etwas Positives dabei herauskommen. Und wenn wir uns die von Elisabeth so geschätzte Demut – richtig verstanden – zu Herzen nehmen, sind die Chancen dafür umso größer!