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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 2
In bisher drei Büchern hat Paul Raabe – Deutschlands bekanntester Bibliothekar – Rechenschaft abgelegt über sein Wirken: als Leiter der Bibliothek des deutschen Literaturarchivs in Marbach von 1958 bis 1968 in „Mein expressionistisches Jahrzehnt. Anfänge in Marbach am Neckar“ (2004), als Direktor der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel von 1968 bis 1992 in „Bibliosibirsk oder mitten in Deutschland. Jahre in Wolfenbüttel“ (1992) und schließlich als Direktor der Franckeschen Stiftungen von 1992 bis 2000 in „In Franckes Fußstapfen. Aufbaujahre in Halle an der Saale“ (2002).

Nun sind persönlicher gefärbte Erinnerungen erschienen, an seine frühen Jahre in Oldenburg bis hin zur Promotion in Hamburg. Und natürlich waren das nicht nur „Bücherjahre“. Der Verfasser zeichnet zunächst ein Bild seiner „Kinderjahre“ im Kreis der Familie, zu der ganz selbstverständlich die Großeltern gehören. Stolz ist er, als er als Zehnjähriger aus einer alten Zeitung erfährt, dass der 21. Februar 1927 nicht nur sein Geburtstag, sondern auch der 250. Todestag des Philosophen Baruch Spinoza ist. „So steht am Anfang die Erinnerung an eine große Persönlichkeit der Geschichte. Die Bewahrung, Pflege und Vermittlung einer Erinnerungskultur habe ich bis heute als eine meiner Lebensaufgaben gesehen.“(13)
Raabes Großvater war Tischler, sein Vater selbständiger Holzbildhauer, ein Beruf zwischen Kunst und Handwerk, abhängig vom Zeitgeschmack: er arbeitete Zierrat für Möbel und war von Auftrag gebenden Tischlereien abhängig – gegen Ende der 20er Jahre traf ihn die Wirtschaftskrise mit aller Härte. So musste die Mutter als Änderungsschneiderin arbeiten. Erst um 1935 änderte sich die Lage: die Landwirtschaftskammer übergab an die alten Höfe der Umgebung Urkunden, und diese schnitzte dann Wilhelm Raabe in Form von opulenten Eichentafeln mit Namen und Daten der ‚Erbhofbauern’: „So wurde mein Vater ungewollt zum Nutznießer des neuen Regimes.“ (22) Andere Aufträge folgten.
Vom Oldenburg dieser Jahre entwirft der Verfasser das Bild überschaubarer Lebensverhältnisse. Schon als Junge hatte er eine „Chronik der Rankenstraße“ begonnen, in der die Familie wohnte. Mit seinem drei Jahren älteren Bruder Wilhelm teilte sich der kleine Paul die Schlafkammer und eiferte ihm in allem nach. Später kam noch eine kleine Schwester dazu.
Schulerinnerungen folgen im Kapitel „Kindliche Bücherlust“. Nach der Grundschule, wo ihn besonders die Heimatkunde gefesselt hatte, kam der Zehnjährige auf die Knabenmittelschule – das war 1937 - und inzwischen begann jede Woche mit dem Flaggenappell auf dem Schulhof. Eine Plage waren nur die „Leibesübungen“, die so ungemein wichtig genommen wurden. Dabei kam es zu einem Unfall, der den Jungen zum Leser machte: es waren Schillers Prosawerke, die er in der Genesungszeit verschlang: „Zum ersten Mal in meinem Leben … war ich von der Lektüre eines Buches so hingerissen, dass ich alles um mich vergaß. Doch meine Schillerbegeisterung hatte, als ich wieder laufen konnte, unangenehme Folgen…“ (45), es wurde eine Kurzsichtigkeit festgestellt, die dem Verfasser späterhin vielleicht das Leben rettete: 1945 wurde er nicht mehr zur Wehrmacht eingezogen, weil er nur als „arbeitsverwendungsfähig“ eingestuft wurde.
Neben den Heften der „Deutschen Jugendbibliothek“ bot dann die auf dem großelterlichen Dachboden gefundene „Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie für die gebildeten Stände“, der Brockhaus von 1864, seinen wichtigsten Lesestoff – denn nun sammelte er nicht nur Lesehefte, Steine und Vogelbeobachtungen, sondern „Wissen“, das sich mit der Zeit immer mehr auf Sprachen ausweitete. Raabe machte regelrechte Sprachstudien und besaß bald Sprachführer für Niederländisch, Portugiesisch, Russisch, Griechisch und andere mehr. Er sagt aber: „Da ich mich bei der Beschäftigung mit einer Fremdsprache bereits von der nächsten angezogen fühlte, bin ich in jeder über einige Sprachbrocken und höchst zweifelhafte Wortvergleiche nicht hinausgekommen.“ (58)
Die folgenden Abschnitte sind mit „Zeitgeschichte“ überschrieben, ehe es dann in der zweiten Hälfte der Erinnerungen in erster Linie um Bücher geht, um ganze Bibliotheken. Da der Verfasser Jahrgang 1927 ist, also der Luftwaffenhelfer-Generation angehört, erwartet den Leser jetzt die Schilderung von dessen Ergehen unmittelbar vor und im Krieg. Es geht um Unternehmungen im ‚Jungvolk’, dabei um den Besuch in Bookholzberg, wo eine „nationalsozialistische Weihestätte“ entstehen sollte, mit dem Versuch, die ‚nordische’ Vergangenheit der ‚Nordwestmark’ wie Oldenburg jetzt hieß, neu zu beleben – zugleich brannte auch in Oldenburg die Synagoge: „In der Ferne sah man Rauch aufsteigen. Mein Vater stand ganz still und sagte kein Wort, während Marschmusik und Reden aus den Lautsprechern zu hören waren.“ (71). Gleich zu Beginn des Krieges wurde Wilhelm Raabe, der im ersten Weltkrieg mehrfach verwundet worden war, erneut zum Militär eingezogen, 42 Jahre alt: „Am Abend des 8. September standen wir winkend auf dem Bahnsteig: meine untröstliche Mutter, ihre Söhne und im Kinderwagen die kleine Elisabeth, die knapp acht Wochen alt war … Ich erinnere mich, wie ich an diesem Morgen auf dem Wege zum Kaufmann eine Frau zu einer anderen sagen hörte: ‚Es wird ernst’.“ (74).
Ernst wurde es dann am 15. Februar 1943 auch für die Schüler der letzten Mittelschulklasse, die als Luftwaffenhelfer eingezogen wurden: ein letztes Aufgebot. Paul Raabe schaffte im März noch den Übergang in die Oberschule, wo er eine Klasse überspringen konnte – der Unterricht fand in den Baracken neben den Flakgeschützen statt. Die Monate bis zum September 1944 wurden trotz einer voreiligen Alarmmeldung und einem Wachvergehen (er hatte sich im „Werther“ festgelesen) dann doch unversehrt überstanden. Ein Zeugnis mit dem Reifevermerk schloss die Berechtigung zum Studium ein. Es folgten aber zuvor noch der Arbeitsdienst nicht weit von Posen im „Warthegau“ und schließlich die Flucht.
Im folgenden Jahr war der Autor beim Roten Kreuz als Fahrer eingesetzt – auf einer der Fahrten sah er einen Soldaten heimkehren, es war sein Bruder! Doch der Vater war damals schon ein Opfer des Krieges geworden. Im Oktober 1945 begann ein halbjähriger Übergangskursus zum Abitur – Anfang 1946 erhielt Raabe das Reifezeugnis mit dem Vermerk: „Paul will Philologie studieren“.
Es war damals nicht leicht, eine Zulassung zu erhalten: „Unter fremden Büchern“ begann daher die Lehrzeit, die schließlich zum Beruf des Diplom-Bibliothekars und zur Promotion führen sollte. „Nur durch Zufall wurde ich Bibliothekar und ergriff einen Beruf, der mir, ohne es damals zu wissen, geradezu in die Wiege gelegt worden war.“(105) Zunächst war es nur ein Arbeitsplatz, den der junge Mann dringend brauchte und den seine tatkräftige Mutter für ihn in der Landesbibliothek Oldenburg fand: zum 1. Juni 1946 konnte er dort als freiwillige Hilfskraft eintreten. Aber er bekam gleich das Grundgesetz des Bibliothekspersonals, die „Instruktion für die alphabetischen Kataloge der preußischen Bibliotheken vom 10. Mai 1899“ in die Hand, zunächst ein Buch mit sieben Siegeln, später das wichtigste Instrument zum Katalogisieren – ein wahres Wunderwerk der grammatischen Genauigkeit. Raabe hat später „Instruktionsbriefe“ darüber geschrieben, die aber nicht veröffentlicht wurden.
Eingehend schildert der Verfasser die Situation der Bibliothek – das Gebäude kriegszerstört, die Bestände zum Teil ausgelagert – beginnend mit dem Umzug ins leer stehende Zeughaus, ein Provisorium, das bis 1987 dauern sollte. Hier konnte er nach vier Monaten als Hilfskraft seine reguläre Ausbildung beginnen, die er an der Hamburger Bibliotheksschule abschloss. In seiner Bewerbung schrieb Raabe: „Ich erkannte, dass die Bibliothek die geistigen Schätze nicht nur sammeln, katalogisieren und aufstellen soll, sondern jenseits davon eine hohe kulturelle Aufgabe … zu erfüllen hat. Hier kann man den Pulsschlag des geistigen Lebens nicht nur messen, sondern auch, durch den Dienst am Buch, wirkend mit beeinflussen. An einer solchen Idee mitzuarbeiten gestaltete sich mir zu einer inhaltsvollen und verantwortlichen Lebensaufgabe.“ (127) In diesem Sinne hat sich seine spätere Tätigkeit verwirklicht. Als der Verfasser im Oktober 1948 das Examen bestand, hatte er einen weiteren Bereich für sich erschlossen: die Bibliographie. Seine Examensarbeit war der Entwicklung von Literaturverzeichnissen in der Zeit zwischen 1750 und 1830 gewidmet, den „Bücherbüchern“. Auch auf diesem Feld arbeitete er ein Leben lang weiter.
„Lehrjahre eines Bibliothekars“ folgten. Zurück an der Landesbibliothek Oldenburg durchlief Raabe als Diplom-Bibliothekar alle Stationen: es gab genug zu tun, um die Bestände neu zu ordnen und auch nach Möglichkeit Verlorenes zu ergänzen. Nebenher begann er mit dem Apotheker Dr. Otte an dessen Sammelleidenschaft für das Werk Alfred Kubins teilzunehmen, indem er den Auftrag übernahm, einen Œuvre-Katalog vorzubereiten. Der Schriftsteller und Graphiker Kubin, Freund Hans Carossas und der Moderne zugehörig, eröffnete dem jungen Bibliothekar eine neue Welt. In dem Abschnitt „Lektüre“ (153-161) geht er auf seine Lese-Erfahrungen dieser Jahre näher ein.
Aber dann wendete sich noch einmal der Weg: Raabe erzählt, wie eine junge Praktikantin, Mechthild Holthusen, die Schwester von Hans Egon Holthusen, mit deren Ausbildung er betraut war, eines Tages zu ihm sagte: „Herr Raabe, Sie müssen studieren.“ (179) Das gab den Ausschlag dazu, sich um einen Studienplatz in Hamburg zu bewerben – Jahre später wurde sie dann seine Frau.
Das letzte Kapitel dieser Erinnerungen heißt „Studienjahre unter Büchern“. Das Problem war, wie Raabe die häuslichen Verpflichtungen – die Sorge für Mutter und Schwester – mit dem Studium in Hamburg vereinbaren könnte. An vier Tagen blieb er im Dienst an der Landesbibliothek, jeweils 12 Stunden, die übrige Zeit gehörte dem Studium in Hamburg. Und erst als es ihm gelang, dort als Hilfskraft von seinen akademischen Lehrern beschäftigt zu werden, konnte er 1954 aus dem niedersächsischen Landesdienst ausscheiden und ganz nach Hamburg ziehen. Seine Erzählungen aus dem Studienalltag rufen die Zeit mit ihrer Wohnungsnot, den schmalen Einkommen und der geistigen Aufgeschlossenheit in vielen einzelnen Zügen herauf – sogar heiraten konnte man auf „fast nichts“. Allerdings ist auch das Maß, in dem etwa der Ordinarius Hans Pyritz seinen Adlatus ausbeutete, heute ganz unvorstellbar. Die Arbeit an dessen kritischer Goethe-Bibliographie bestimmte seine Tage und, wenn es dem Professor notwendig erschien, die Abende weit in die Nacht hinein. Daneben schrieb Raabe an seiner Dissertation über Hölderlins Briefe und veröffentlichte gemeinsam mit Dr. Otte „Alfred Kubin. Leben – Werk – Wirkung“; der Band wurde 1957 als eins der „schönsten Bücher des Jahres“ ausgezeichnet. Im selben Jahr wurde auch die Tochter Katharina geboren und das Rigorosum bestanden: Raabe erhielt den Ruf nach Marbach, die frühen Bücherjahre fanden ihr Ende.
In einer „Nachbemerkung“ heißt es: „Meine Jugend liegt weit zurück, sie war von Krieg und Not überschattet. Die NS-Diktatur hat jeder aus meiner Generation anders erlebt. Die Kenntnis oder Unkenntnis, das Wissen oder Nichtwissen hing mit den örtlichen Verhältnissen, vor allem mit dem familiären Leben und dem Verhalten der Eltern, auch mit dem schulischen und sozialen Umfeld zusammen. Daher kann man diese Zeit nur so schildern, wie sie dem Schreibenden im Gedächtnis geblieben ist. Aber die Erinnerung hat, was menschlich ist, viele Lücken.“ (226) Raabe ist es gelungen, seine frühen Jahre so darzustellen, dass man den Eindruck gewinnt, Zeuge zu sein. Das liegt daran, dass er so viele einzelne Begebenheiten prägnant und lebendig erzählt – eben hierin liegt der besondere Reiz des Buches, der im dem hier versuchten Überblick nur ansatzweise zur Geltung kommt.
Renate Scharffenberg