Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 3


 

Fünfzehn. Lehrende des Fachgebiets Grafik und Malerei an der Philipps-Universität Marburg stellen im Kunstverein aus (25. Mai - 19. Juli 2007)

Beinahe ist man versucht zu sagen, es sei ein Glücksfall, dass eine geplante andere Ausstellung nicht zu Stande gekommen ist, so dass fünfzehn an der Marburger Universität unterrichtende Lehrerinnen und Lehrer für Grafik und Malerei kurzfristig einsprangen und eine Auswahl ihrer Arbeiten zusammenstellten: denn was nun im Kunstverein zu sehen ist, ist ebenso vielfältig wie hochrangig. Erstaunlicherweise entsteht beim Gang durch die Räume, trotzdem doch so viele Künstler vertreten sind, niemals der Eindruck von Beliebigkeit oder Diskrepanz. In einer gewissen, schwer zu definierenden Weise passen die gezeigten Bilder zueinander und ordnen sich zu einem Gesamteindruck, der sich als Spektrum einer ernsthaften, aber doch auch irgendwie maßvollen Spätmoderne darstellt. Der Grundansatz zeugt von einer Radikalität, die dennoch nicht alle Grenzen sprengt. So vereinzelt sich kein Werk, und es fließt zwischen ihnen ein Kommunikationsstrom, der eine unaufgeregte Spannung aufbaut. Sie teilt sich dem Besucher mit, weckt unmittelbar sein Interesse und stellt ihn emotional zufrieden.

Markus Lörwald zeigt Druckgrafik und Ölbilder. Im unteren Saal rechts hängen drei wunderschöne Grafiken. Auf der einen ist die Zeichnung einer jungen Frau zu sehen, deren Körper, wie dreiviertel des Blatts, von einem Ockerton überzogen ist, der ihn ganz präsent werden lässt - man glaubt deswegen zunächst, er sei nackt, bis man die doch deutlichen Umrisse eines Bikinis wahrnimmt. Erst bei genauerem Hinsehen erkennt man, wie seltsam perspektivisch verzerrt die Gestalt ist: Die Oberarme sind ungeheuer verkürzt, die Hände beinahe grotesk verlängert. Und trotzdem wirkt die Frau wie gelöst in einer selbstverständlichen, ganz emanzipierten Leiblichkeit.

Die drei "Incarnatus"-Arbeiten von Konrad Hummel lassen dissoziierte Raumelemente erahnen, auf dem einen sieht man deutlicher, wie in einem Atelier oder einer Galerie, das Bild und die Plastik eines Kopfes. Wer oder was ist hier "menschgeworden"? Man kann nur vermuten, dass solchermaßen die künstlerische Tätigkeit gleichsam über sich selber reflektiert.

Jonas Karnagels "schlafend" beeindruckt, weil der doch aufrechte Kopf der Frau mit den geschlossenen Lidern zugleich eine Totenmaske oder Mumie ist; dieser Schlaf hat etwas Archetypisches, es ist, als dauere er Epochen. Blickt man mit diesem Gedanken wiederum auf die verfremdete Fotografie, zeigen sich in dem sowohl jungen als alten Gesicht embryonale Züge. So erfährt man, wie in einer mythischen Schicht des Daseins Leben und Tod einander bedingen und auseinander hervorgehen.

 

Eckhard Kremers' Serie "Purgatorium / Tagebücher" montiert Gegensätzliches, das aufeinander verweist: Ein nackter Frauenkörper wird von den stilisierten, auf bloßes Zeichenhaftes reduzierten Formen eines Menschen, wie sie in Straßenampeln verwendet werden, überlagert - eine Bodybuilding-Szene mit dem in seiner unteren Hälfte schon skelettierten Kopf wiederum einer Frau, hinter der sich eine wahrscheinlich radioaktive Wolke erhebt, konfrontiert. In solchem Parallelismus mag etwas davon aufscheinen, wie scheinbar weit voneinander entfernte Bereiche der heutigen Gesellschaft, ihre Normalität und der Abgrund ihrer Selbstgefährdung, doch zusammengehören.

Auch Paul Kunofskis "Bürstenfrau und Nasenaffe" lebt von der Konfrontation. Das wilde, wirklich undomestizierte, aber doch irgendwie klug dreinblickende Tier - sein Gesicht wirkt beinahe, schon wegen der dicken Lippen, wie eine Maske, die sich ein "Primitiver", wie man früher sagte, aufgesetzt hätte - teilt sich das Bild mit einer Badenden, die sich, paradox genug, mit einer Bürste gewissermaßen ein Abziehbild, das eines muskulösen Mannes, auf den Rücken aufbringt und dem Betrachter so zu verstehen gibt, wovon sie träumt. Unsere Triebe sprechen eine deutliche Sprache. Tierische und menschliche Sphäre sind nicht so verschieden, wie wir glauben.

   

Das Motiv eines Körpers, dessen Kopf von einem drastischen Farbauftrag verdeckt wird, taucht mehrfach in der Ausstellung auf. In Eckhard Kremers' "Tarn oder die Vertreibung" versucht eine nackte Frau (unbekleidete Männer, muss vermerkt werden, sind auf den Bildern gar nicht zu sehen, gänzliche Nacktheit scheint zumindest hier eine weibliche Domäne zu bleiben), die dunkle Fläche, die ihren Kopf verbirgt, wegzuschieben. Links auf dem zweiteiligen Werk löst sich ein Mann quasi in seine Umgebung auf. Einzig seine Stiefel bleiben vom Zersetzungsprozess verschont. Welch eine Tarnung, wenn sich eine gemalte Figur ihrem Bildhintergrund assimiliert. "Vertreibung" lässt unweigerlich immer noch an die aus dem Paradies denken. Was geschieht mit solchen Vertriebenen? Sie "tarnen" sich, werden mithin unkenntlich, entfremdete Existenzen ohne Kopf oder Individualität.

Markus Fuchs malt "Fleisch": aufgehängte Schweinsköpfe, dem mehr im Bild befindlichen läuft ein Strom von Blut aus Maul und Nase. Geschundener kann eine Kreatur nicht sein. Erstaunlicherweise bekommt die Arbeit jedoch durch die Unmenge des herabrinnenden Blutes etwas Irreales: Dies ist keine Schlachthausszene, sondern ein Symbol - für Leiden, Tod, das Ausgesetztsein überhaupt, des Menschen, sowie jeglicher Existenz. Aber gerade das Symbolhafte vermindert die gezeigte Grausamkeit; irgendwie versetzt "Fleisch" keinen wirklichen Schock. Seine Aussage ist drastisch und doch auch wieder, vielleicht weil ein kompositorischer Kontrapunkt fehlt und fehlen soll, abgebremst.

Auf solche Weise verdeutlicht Markus Fuchs' Bild noch einmal, was auch die anderen auszeichnet. Sie wissen sozusagen - und dieses Wissen ist ihrer Struktur immanent - , dass sie sich in einem künstlichen Raum, eben dem der Kunst, aufhalten. Das gibt ihnen eine Sicherheit, die für ihre Qualität spricht. Weil sie jedoch nicht aus ihrem Zuhause ausbrechen wollen, fehlt ihnen ein Quäntchen Risikobereitschaft und Gefährdetheit, die anderen Werken eine Unruhe gibt, die sich auch dem Betrachter mitteilt. Hier verspürt er sie nicht, und das macht ihm den Gang durch die Ausstellung leichter: Er kann es genießen, sich auf Kunst einzulassen, ihren Spannungsgehalt zu spüren, in ihm auch die Problembehaftetheit unseres Daseins wahrnehmen und zugleich, dass sie ihm gerade jetzt ein wenig ferner gerückt ist. Und ein solches partielles, zeitlich begrenztes Glück ist jedem Besucher zu gönnen. Der Marburger Kunstverein bringt es in Reichweite.

Auch die Arbeiten der anderen Künstlerinnen und Künstler, die hier nicht eigens besprochen wurden, sind sehenswert. Man schaue sich also gleichfalls die Bilder von Doris Conrads, Tillmann Damrau, André Kramm, Jennifer Linder, Georg Mertin, Susanne Neuner, Helmi Ohlhagen und Günther Schäfer an. Insgesamt dokumentieren die gezeigten Werke die Spannbreite und -kraft gegenwärtiger Kunst und helfen uns zu verstehen, dass produktive und rezeptive Kreativität im eigentlichen das ist, was das Dasein erträglicher macht.

Max Lorenzen

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