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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 3
Véronique Houillé: Uta Eisold
Michel Houillé: Thomas Streibig
Annette Reille: Franziska Knetsch
Alain Reille: Peter Meyer
Inszenierung und
Ausstattung: Ekkehard Dennewitz
Dramaturgie: Annelene Scherbaum
"Der Gott des Gemetzels" wurde 2006 in Zürich uraufgeführt. Das Stück ist der dritte große Erfolg Yasmina Rezas, nach "Kunst" (1994) und "Drei Mal Leben" (2000). Die in Paris lebende Schriftstellerin und Schauspielerin ist die zur Zeit meistgespielte zeitgenössische Theaterautorin überhaupt. Wer die gestrige Aufführung gesehen hat, kann sich vorstellen, warum das so ist: Dialoge und Handlungsführung haben etwas Schwebend-Spielerisches, das niemals von allzu direkten Ausbrüchen, sei es in Tragik oder Klamauk, aufgehoben wird. Der Sprachwitz, der auch in der Übersetzung zur Geltung kommt, verbindet sich mit Ausblicken in die Abgründe des Lebens, und beides geht eine Synthese ein, in der Komik und Ernst auf parallele Weise existieren. Solche Parallelität aber gefällt uns heute. Wir können es nicht mehr schätzen, wenn das eine nur zum Mittel des anderen wird - daraus resultierten die eingleisigen theatralen Weltentwürfe einer gerade vergangenen Epoche, deren Drastik und Dramatik (man mag das bedauern) uns fremd geworden sind.

Thomas Streibig / Uta Eisold / Peter Meyer / Franziska Knetsch
Reza setzt durchaus auf Bewährtes. Zwei Ehepaare treffen sich, um, in zivilisierter Form, über einen kindlichen Gewaltakt zu sprechen; der Sohn des einen hat dem des anderen mit einem Stock zwei Schneidezähne lädiert. Im Grunde ist der Verlauf der Unterhaltung programmiert. Es wird sich nur zu schnell herausstellen, dass die anfängliche Toleranz und das gegenseitige Verständnis bloß Fassade sind. Die Aggressionen, des einen Paares gegen das andere, aber auch der Paare untereinander, brechen schnell genug auf, und es wird deutlich, dass die Gewalt der Kinder die Fortsetzung derjenigen der Erwachsenenwelt ist. Man kennt solche Entlarvungsstücke, die allesamt vom Gesetz des ausbrechenden und sich steigernden Chaos regiert werden, das schließlich in eine Endphase der Erschöpfung einmündet - Beispiele sind etwa "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" oder neuerdings auch noch "Das Fest". Die Handlung spiegelt, was den jeweiligen Autoren keineswegs bewusst sein muss, die Riten archaischer Kulte wider, die noch lange untergründig in Kraft waren und die psychischen und sozialen Kommunikationsformen lenkten. In der Gegenwart jedoch gelten ihre Regeln: die Spannungssteigerung bis zu einem Höhepunkt und die dadurch mögliche Umwendung, das Erlahmen der destruktiven Kräfte, nicht mehr. Deswegen ermüden uns Stücke, die ihnen noch ungebrochen folgen. Yasmina Reza aber variiert das überkommene Schema.

Franziska Knetsch / Peter Meyer
Ihre Protagonisten deuten Extreme nur an, spielen aber den drohenden Exzess nicht wirklich aus. Eine Inszenierung, die das nicht beachtet, sondern, um des vorgeblichen Effekts willen, auf Realismus setzt, schlüge fehl. Dennewitz begeht diesen Fehler nicht. Er schafft eine Spielatmosphäre, die nichts unterschlägt oder verharmlost, aber dennoch den Reiz des Scheins, der Bühne, wahrt. Der Gewaltausbruch wird, durch den Einsatz des Lichts und die Verlangsamung der Schauspielerbewegungen, ins Irreale verschoben - und gerade so bleibt er latent bis zur Schlussszene gegenwärtig. Die Kläglichkeit der dargestellten Charaktere, der untergründige Hass der Ehepartner aufeinander, die Verachtung, die sie dem Lebensentwurf des jeweils anderen entgegenbringen, treten offen zutage; trotzdem jedoch brechen diese vier Menschen nicht auseinander. Sie umschiffen die schlimmsten Gefahrenzonen. Natürlich will uns Reza damit auch sagen, was die Oberfläche der gesellschaftlichen Konvention, die wiederherzustellen man sich bemüht, eigentlich verbirgt. Aber dramaturgisch bedeutet das, das Gesetz der Maximierung und, nach einem Stau, schließlichen Explosion der energetischen Kräfte sei aufgehoben. Yasmina Reza stiftet keine neuen dramatischen Formen, aber sie zeigt uns, wie die alten uns noch gerade dann unterhalten können, wenn ihre Geltung eingeschränkt wird.

Uta Eisold / Thomas Streibig
Der gestrige Abend war ein Erfolg, wie auch der Schlussapplaus des Publikums zeigte, weil Regie und Schauspieler offensichtlich hervorragende Teamarbeit leisteten. Uta Eisold gab die alkoholgefährdete, in Illusionen von Weltverbesserung lebende Véronique ohne jede Überzeichnung und brachte eben deswegen die Fragilität dieser Figur großartig zum Ausdruck. Franziska Knetsch spielte nicht nur die Übelkeit, sondern, schwierig genug, auch den leichten bis mittleren Rausch Annette Reille's völlig überzeugend und ohne vulgären Anklang. Peter Meyer stellte den rücksichtslosen, ewig telefonierenden Anwalt, der sich für das gesundheitsgefährdende Medikament eines Pharmakonzerns einsetzt, mit seinem immer wieder durchbrechenden Machogehabe genauso gekonnt dar, wie Thomas Streibig den scheinbar weichen, tatsächlich jedoch krud egoistischen, nicht einmal desillusionierten, sondern geradezu jenseits aller - positiven - Wertungen lebenden zynischen Menschen, der eigentlich sehenden Auges mitten im Abgrund einer konventionell-erbarmungslosen Welt existiert.
Woraus denn nur, schaut man auf das doch eher erbarmungswürdige Charakterbild solcher Typen, resultiert der unleugbare Witz der Aufführung? Das sich immer wieder einstellende Lachen der Zuschauer hat weder etwas Befreiendes, noch gar Hämisches, es wird nicht von den tradierten Entlarvungsstrategien produziert, wohl aber von der Situationskomik: Es ist merkwürdig genug, dass sich Witz und Abgründigkeit so verbinden können, dass aus ihrer Parallelität Bilder unseres nachmodernen Daseins entspringen. Wer einen leichten und doch interessanten Theaterabend erleben möchte, mit der großen Chance, sich gleichsam ohne böse Hintergedanken über sich selbst zu amüsieren, sollte sich Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels" in der Inszenierung von Ekkehard Dennewitz ansehen.
Max Lorenzen