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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 3
Der »Messias zeugt davon, daß die Welt mit ihren Hierarchien der Macht und der Ausbeutung nicht das letzte geschichtliche Wort behält« (S. 324), schreibt Joachim Perels in einem Aufsatz zu Rabbiner Robert Raphael Geis (»Prophetische Tradition nach der Shoah – Robert Raphael Geis«; in Buckmiller, Heimann, Perels [Hrsg.], Judentum und politische Existenz, Hannover: Offizin 2000). Dieses Zitat macht die Parallele zwischen anarchistischem, libertärem Denken und Judentum sehr gut deutlich. Das Judentum hat mit seiner Vorstellung einer gerechten Welt mit dem Kommen des Messias einen klar utopischen Zug – Utopie verstanden als ein Wissen und eine Idee von einer gerechteren Welt, der es jeweils in der Gegenwart zuzuarbeiten gilt; hier treffen sich offenbar Judentum und libertäres Denken.

In ihren sechs »Biographien radikaler Jüdinnen und Juden«, die die Portraitierten dem Vergessen entreißen wollen (Einleitung, S. 11), gehen die Autoren der Frage nach, »welchen Anteil jüdische AnarchistInnen an der sozialistischen ArbeiterInnenbewegung hatten« (S. 16), und versuchen, »Judentum und Anarchismus im deutschsprachigen Raum gemeinsam zu beschreiben« (ebd.).
Die eben angedeutete Verbindung von Ideal/Utopie und Handeln in der Gegenwart wird sehr schön im Beitrag zu Milly Witkop-Rocker deutlich, der eigentlich eine Doppelbiographie von Milly Witkop und ihrem Lebensgefährten (und späteren Ehemann) Rudolf Rocker ist (»›Die Tore der Freiheit öffnen‹ – Milly Witkop-Rocker [1877–1955], Anarchistin und Feministin«; S. 249–313). Witkop kämpfte für die Sache der Arbeiter und des Anarchismus und bemühte sich im Alltag um andere Menschen. Beschrieben werden u. a. die Herkunft Milly Witkops aus dem Ostjudentum (geb. in Slotopol, damals Russland, heute Ukraine), die Emigration der Familie nach England, Milly Witkops Engagement in der dortigen Arbeiterbewegung, die »gelebte Solidarität« (S. 262) in der jüdischen Arbeiterbewegung, der Antimilitarismus des Paares Witkop/Rocker zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Ab 1918 lebte die Familie Witkop/Rocker in Berlin, wo sich Witkop und Rocker in der 1919 gegründeten Freien Arbeiter-Union Deutschlands (Syndikalisten) (FAUD[S]) engagierten; dabei setzte sich Witkop speziell für die Gründung anarchosyndikalistischer Frauenbünde ein. Sie kämpfte – in England wie später in Deutschland – für eine »Welt ohne Herrschaft, Hierarchien. Patriarchat, Rassismus und Antisemitismus« (S. 249), für die »Befreiung der Frau« (S. 277). Nach dem Reichstagsbrand flohen Witkop und Rocker in die Schweiz und über Paris und London schließlich in die USA, wo sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieben.
Milly Witkop bezog sich, so der Autor im Schlusswort des Aufsatzes (»Ausklang«, S. 296 f.), immer auf die öffentliche und die private Sphäre, es ging ihr um die »›Befreiung‹ des öffentlichen und des privaten Lebens zugleich« (S. 297). »Milly Witkops Verständnis von Anarchie als einer alltäglich zu praktizierenden Lebenseinstellung begründet sich damit, dass sie als Jüdin von Kindheit an daran gewöhnt war, religiöse oder weltanschauliche Auffassungen als etwas zu begreifen, was das gesamte Leben prägt. Judentum ist im Diesseits, im Hier und Jetzt, angesiedelt und auf die konkrete Umsetzung sozialer Ziele orientiert – auch dies verdeutlicht die enge Verbindung von Judentum und Anarchismus.« (Ebd.)
Neben der Geschichte von Milly Witkop haben mich vor allem die Aufsätze zu Jack Bilbo (»Gegen die Starken und für die Schwachen – Jack Bilbo [1907–1967], Rebell und Kunst-Gangster«; S. 71–102) und zu Robert Bodanzky [1879–1923] – Librettist der Freiheit«; S. 103–129) angesprochen. Jack Bilbo (eigtl. Hugo Baruch), geboren als Sohn einer großbürgerlichen jüdischen Familie in Berlin-Charlottenburg, ist eine hochinteressante Gestalt: Er war Schriftsteller und Maler, Galerist, Theaterregisseur. Er war bekennender Anarchist und Antifaschist; von den Nationalsozialisten gefoltert, konnte er flüchten und ging nach Spanien und später nach England ins Exil. Hier sah er die eigene Kunst als Widerstand gegen den Nationalsozialismus und gab als Galerist vor dem Nationalsozialismus geflüchteten Künstlern die Möglichkeit, ihre Werke auszustellen. Mitte der 50er Jahre mit seiner Lebensgefährtin nach Berlin zurückgekehrt, betrieb er zeitweilig eine Kneipe und ein Antiquitätengeschäft. Als »Gefühlsanarchist« (S. 89) verweigerte er sich jeder Ideologie. »Ich habe so gut gelebt, wie ich es konnte, Wenigen geschadet und Einigen geholfen«, schrieb er in seiner Autobiographie (vgl. S. 89).
Robert Bodanzky (eigtl. Isidor Bodanskie) stammte aus einem assimilierten jüdischen Elternhaus in Wien. Er war ein sehr erfolgreicher Schreiber von Operettenlibretti, allerdings nicht damit zufrieden, daß er damit der Kulturindustrie zuarbeitete (vgl. S. 105). Mit dem Ersten Weltkrieg wurde er zum Antimilitaristen, Kriegsdienstgegner und Anarchisten und schrieb nun revolutionäre Lyrik, politische Essays und sozialkritische Theaterstücke (vgl. ebd). Bodanzky war mit dem österreichischen Anarchisten Pierre Ramus befreundet und fühlte sich Kropotkin, Leo N. Tolstoj und Gustav Landauer verbunden.
Die jüdische Herkunft und Familie wird, dem Ansatz der Autoren entsprechend, in allen Biographien ausführlich dargestellt. Was Anarchismus bedeutet, welche Ziele er hat, wird im Beitrag zu Witkop/Rocker am deutlichsten herausgearbeitet. Die biographischen Daten sind in die Zeitgeschichte eingebettet, in die betreffenden Auseinandersetzungen der Arbeiterbewegung bzw. in die Geschehnisse im Zusammenhang mit dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Immer wieder geht es um die Bedrohung durch den Nationalsozialismus, den Kampf gegen diesen, das Leben im Exil. Der spanische Bürgerkrieg ist Thema in den Aufsätzen zu Carl Einstein (»Carl Einstein [1885–1949], dunkler Aufklärer zwischen Gott und Nichts. Eine Spurensuche«; S. 130–194) und Isak Aufseher (»Isak Aufseher [1905–1977]. Der Luftmensch«; S. 27–70).); dabei ist es im Beitrag zu Aufseher nicht immer ganz einfach, bei all den genannten Organisationen (CNT, FAI, DAS, CIDEA, ZAM, CNT-FAI, FAUD, POUM u. a.) und ihren Verbindungen zueinander den Überblick zu behalten, auch wenn die Abkürzungen erklärt werden auch noch einmal am Schluss des Buches aufgeführt sind. Der Beitrag zu Cilla Itschner-Stamm und ihrem Ehemann, dem Anarchisten Hans Itschner (»Cilla Itschner-Stamm [1887–1957]. ›Ich flehe um die Freiheit‹«; S. 195–248), hätte für meinen Begriff gestrafft werden können; nicht jede Reise nach Zürich oder Paris oder Wien und jeder Aufenthalt dort mit den immer gleichen Geldproblemen hätte für sich beschrieben werden müssen.
Alle Aufsätze haben umfangreiche Anmerkungsteile, die die Leserin bzw. der Leser nicht mitlesen muss, durch die sie oder er aber wertvolle zusätzliche Informationen bekommen kann. Und allen Beiträgen kommt das Verdienst zu, die Bedeutung der anarchistischen Gruppierungen, speziell der jüdischen Anarchistinnen und Anarchisten, im Rahmen der Arbeiterbewegung zu zeigen. Wenn die hier behandelten Personen – bis auf vielleicht Carl Einstein –, weitgehend vergessen sind, so zu Unrecht, wie dieses Buch deutlich zeigt.
Thomas Reichert