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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 3
Der Tod raubt die Flügel, aber nur, wenn dort keine sind.
Dass die Erde flach sei – könnte der Traum eines ins Rotieren geborenen Klumpens sein.
Der See verliert einiges an Klarheit, wenn man in ihn eintaucht.
Wer auftaucht, den umfasst noch immer das Meer.
Der Mensch ist auch eine Funktion seines Wissens, selbst wenn dieses nicht funktioniert.
Genauigkeit in der Idee taugt zur Annäherung an die Realität; Genauigkeit in der Realität zur Annäherung an die Idee.
Schattenlos hätte sich das Licht nicht zu Wort gemeldet.
Wir gehen am besten von uns aus, wenn wir durch uns hindurchgehen.
Die Welt ist nicht gerade genug, dass wir zum Wohlklang nicht einen Bogen schlagen müssten.
Schon mancher wuchs im Bewusstsein der Unsterblichkeit auf und starb ab in dem der Sterblichkeit.
Der Mensch hat einen Stern, der mit der Erde nicht kollidiert?
Fehlt das Vermögen, sich im Zweck um des Zweckes willen zu verlieren, hält man sich an den Zweck.
Beste Kritik wäre, sich selbst - besser: Selbst - im Gegenüber zu kritisieren.
Widerstände sind ja nun mal ständig.
Wir verscharren in die Jahre eine Gegenwart, die am Auferstehen doch nicht zu hindern ist.
Im Grund, den's dummerweise nicht geben mag, sind alle Menschen gleich.
Wir nur annähernd so viel besäßen, wie wir stets zu verlieren glauben.
Ein Schimmer des Lichts ja oft heller strahlt.
Auffallen könnte Wundersames meinen - als Synthese von Auf und Fallen.
Von zwei Nebeneinander-Spuren, die sich endlich treffen, deren dritte ins Unendliche weist?
Wenn zwei sich beobachten, sollte es ein Drittes doch geben.
Was wäre der Geist ohne sein Sterben, ja: und umgekehrt...
Zu früh, zu spät können wir sein, doch zu - gegenwärtig?
Von der Größe des All-tags.
Der Alltag zieht uns in einen Moloch der Geschäftigkeit; der All-tag in eine Geschäftigkeit der Ruhe.
Die stete Prüfung ist der All-tag im Alltag.
Das Böse dreht sich einmal um sich Selbst und kommt sich schon ganz gut vor.
Der Himmel unterscheidet nicht nach 'Gut' und 'Böse', sondern nach 'Gut und Böse' und '...'.
Die Harmonie ist leer, weil sie das Böse nicht kennt, das doch auch nur harmonisch sein will.
Dass wir nicht recht sehen..., weil wir an die Nebelgrenze eines Augenblicksuniversums stoßen?
Sie könnte eine der dunkelsten Illusionen sein - die uns vorgaukelt, am Tageslicht zu sein.
Schönste Poesie wärmt kalt.
Die Form entsteht dem Augenblick, der um den Inhalt weiß.
Die Musik will etwas sagen, das Wort etwas musizieren - und beides gelingt nicht recht.
Kaum Äußerlicheres, als die In-formation.
Wir winden uns tagtäglich ins Leben, das sich als - Leben - doch entwinden will.
Wenn das Leben sucht, sucht es ja nicht nach dem, was es ihm vorenthält.
Fast alles lässt sich bezaubern, wenn... - man das Wenn einmal weglässt.
Wir leben uns auseinander: das Leben und das - Leben.
Wo Anfang und Ende aneinander vorbeischrammen, dort haust das Leben; wo nicht, das - Leben?
Wie unser Leben ohne Hilfsmittel schwerlich auskommt, es Hilfsmittel sein sollte zum - Leben?
Die Stille, die wir suchen, an das Fruchtwasser des tiefsten Ozeans erinnert?
Etwas sein wollen, will das Sein eben nicht.
Die Liebe ruft nach Sein, das Sein nach Liebe...
Kern des Nichts - Ich?
Wir haben eigentlich nichts zu bieten als uns Selbst, und sei's in einem Kunstwerk namens Ich.
In ein Grab schauen wir und nichts - besser: Nichts - schaut zurück.
Aus nichts etwas machen, ist ein Kunststück; aus Nichts - ist es Kunst.
Nur aus dem Nichts lässt sich etwas bewirken, und sei's ins - Nichts.
Bleibt 'Alles' erhalten, vergeht 'nichts'; bleibt 'Nichts' erhalten, vergeht 'alles'...
Das Farbigste am Menschen ist das Auge.
Was schwebt, das kriecht und fliegt zugleich.
Blätter, die sich ins Goldene wandeln - lösen sich.
Tiefste Erinnerung der Hand die Erde sein mag.
Die Erfahrung, etwas so zu machen, wie es normalerweise nicht funktioniert, ist auch Erfahrung.
Erfahrung sieht die Patina am Neuen.
Auch die Idee lässt sich am besten erfassen, wenn sie es am wenigsten erwartet.
Porös wird Denken fest; fest wird es porös.
Die Kunst des Gedankens ist sein Passivecho.
Wir Denken nach, nichts passiert, wir Denken vor: passiert Nichts?
Der Laut wirkt leise.
Wo der Verstand auf-hört, fängt er meist erst an.
Das Vermögen zur Wirklichkeit ist die Illusion von dieser?
Der Schwerpunkt ist dort, wo es leicht - ist.
Von der Zweierwelt: eine des Haltens, eine des Lassens; eine dritte dort, wo's zu halten, zu lassen Nichts - gibt...
Ist's denn verwunderlich, dass die Wirklichkeit sich nicht den Haken geschaffen hat, an dem sie uns hängen bleibt?
Die Mitte ist das einzige Wesen, das sich dort nicht aufhalten muss.
Wenn die Ernsthaftigkeit überhaupt an etwas haftet, so am Spaß.
Die Natur der Erde ist eben auch, zu bedecken.
Es ist nicht chic, Zeit zu haben, noch weniger allerdings, keine mehr zu haben.
Wie sollte erschüttern, was - Selbst - nicht in Bewegung ist?
Die Vorstufe zum Unglück ist das gedachte Glück.
Glück birgt Unglück, Unglück Glück; dazwischen liegt das - Glück?
Sich auf, statt in etwas zu freuen, könnte das Problem sein.
So geistig, wie immer es sein mag - Wissen, das wir er-langen, ist letztlich technologisches.
Die skeptische Grundhaltung sollte sich zunächst einmal am Grund versuchen.
Wir suchen das, was wir letztlich nie finden werden..., sollten wir daher das Finden sein?
Gegenstände, die an völlig unerwartetem Ort auftauchen, vergegenwärtigen uns den Ort.
Dass wir Menschen sind, hat außer uns ja bislang noch kaum einer behauptet.
Das Fragment ist als Ganzes Fragment; das Ganze als Fragment Ganzes.
Ja, wenn das Verhängnis einmal hochgezogen werden könnte.
Warum erscheint uns schwierig, was wir ja gar nicht können?
Gedanken sind ja auch nur Köder, ein Stückchen Wirklichkeit wieder in den Fluss zu werfen...
Die Auszüge stammen aus: Einen Erdwurf weit. Aphorismen, edition ungrad, Mannheim, ISBN 3-8311-1927-9.