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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 3
Man kann sich fragen, wovon hier die Rede sein soll – Peking ist schließlich eine Stadt, deren erste Spuren dreitausend Jahre alt sind. Dennoch kann man auch vom „alten Peking“ sprechen, wenn man auf die 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts zurückblickt, die Jahre eben meiner Kindheit, denn seither gibt es dieses „alte Peking“ nicht mehr und deshalb möchte ich es in Bildern vor Ihnen erstehen lassen.
Zuerst ein Blick auf die Lage der Stadt im Norden Chinas. Wenn man auf die Karte sieht, so erkennt man, dass sich nach Südosten eine fruchtbare Ebene öffnet, die im Halbkreis von Westen nach Nordosten von Gebirgsketten umschlossen ist, über die die große Mauer läuft. Von dort kommen die beiden Flüsse, zwischen denen Peking liegt
Älteste Funde stammen aus den Jahren um 1100 vor unserer Zeitrechnung: es gab damals schon eine Residenz in Chi im Fürstentum Yen, am Nordrand der späteren Stadt. Chi zählte zu den großen Städten des Nordens. 221 v.Chr. wurde diese Stadt zerstört, 400 Jahre später entstand die neue Stadt Yen und 915 machte die Liao-Dynastie der Tataren das heutige Peking zu ihrer Hauptstadt. 1215 wird sie von den Mongolen erobert und dann endlich nach 1409 wird Bei-jing = nördliche Hauptstadt, Residenz der Ming-Dynastie. 1644 ziehen die Mandschu ein und begründen die Ching-Dynastie, die bis 1911/12 besteht.
Stadtplan
Hier sieht man die Anlage der Stadt in ihrem Mauerviereck mit den Toren, in der Mitte die Verbotene Stadt: den Kaiserpalast mit den künstlichen Seen und den aus ihrem Aushub gewonnenen Kohlenhügeln. Im Süden schließt sich an die Tatarenmauer die Chinesenstadt an. Außen um die Stadtmauer sieht man um drei Seiten einen Kanal. Um 1920 hatte Peking fast eine Million Einwohner. Es handelte sich zu fast 75 Prozent um Chinesen, um 20 Prozent waren Mandschus, der Rest Mongolen und auch Europäer, deren Gesandtschaften einen eigenen Komplex, das Legationsviertel, innehatten.
Es wurde während des Boxeraufstandes belagert und von den Alliierten befreit: weil es der deutsche Gesandte von Ketteler gewesen war, der im Aufstand ermordet wurde, waren deutsche Soldaten beteiligt – auch an der Kriegsbeute, die freilich nur das Deutsche Reich nach dem 1. Weltkrieg zurückgeben musste. Teile davon sind heute noch zu sehen. Um 1920 hatten bis auf die deutsche Gesandtschaft noch alle Nationen eigene Truppen in Peking stationiert.
Das Areal zwischen den Stadtmauern war überaus dicht besiedelt: ganz in die Horizontale ausgedehnt – die Menschen lebten dort, wo sie arbeiteten in ihren meist einstöckigen Häusern mit jeweils mehreren Innenhöfen. Die Dächer, mit grauen Ziegeln gedeckt, wirkten von oben gesehen (von der Mauer) wie ein Meer, in dessen Mitte die goldenen Dächer der Verbotenen Stadt glänzten.

Die Tatarenmauer von außen: Dung-bien-men
Die mächtige Anlage gibt es nicht mehr, sie musste, wie die Festungsanlagen in Wien oder Paris inzwischen breiten Boulevards weichen …
Die Tore wurden oft am Abend verschlossen, zu unserer Zeit trieben sich nämlich immer wieder rivalsierende Warlords, Kriegsherren, in der Gegend um Peking herum – wenn diese eine Niederlage erlitten hatten oder kein Geld mehr besaßen, so entließen sie ihre Soldaten ohne Sold und diese bildeten dann so etwas wie Räuberbanden, vor denen man sich schützte.

Hata-men
Der lebhafteste Verkehr ging durch das Ha-ta-men. Man sieht deutlich, dass es vor allem Rikschas waren, die hier fuhren, kaum Autos oder Fahrräder, nur Karren, von Menschen oder Eseln gezogen, auch Lastträger. Es herrschte Linksverkehr. Die Hata-men-street gehörte zu den wichtigsten Geschäftsstraßen. Rechts von dieser Straße lag das Gesandtschaftsviertel und zwar am nächsten daran die Deutsche Schule in den ehemaligen deutschen Militärbaracken. Etwas weiter im Innern war das deutsche Hospital, das einen hervorragenden Ruf hatte. Von der Mauer konnte man hineinsehen: und das Stück der Mauer, das sich rechts anschloss, war unser liebster Spielplatz: Gleich hinter dem Gesandtschaftspark führte eine Rampe hinauf, die Mauerkrone war so breit, dass zwei Wagen hätten aneinander vorbeifahren können. Von hier oben konnte man auch in den Park der deutschen Gesandtschaft sehen.

Blick auf unser Elternhaus
Wir wohnten in der unteren Etage mit einer breiten Veranda, die das Haus im Sommer kühl hielt. Und hier gab es den beinahe wichtigsten Menschen in meiner Kinderzeit, meine geliebte Amah.

Amah
Auf dem Bild ist hinten das Jahr 1927 vermerkt, selbst hätte ich es nicht datieren können. Von meiner Amah lernte ich nicht nur chinesisch, sie konnte auch wunderbar Märchen erzählen, wodurch es ihr gelang, meinen Bruder und mich vom Abendbrottisch über die Badewanne klaglos bis ins Bett zu erzählen, wir hatten nie genug davon. Außerdem hat sie mich natürlich unendlich liebevoll verwöhnt: Eni, die kleine Scha-gu-niang, Tochter des Scha-lau-jeh, wie mein Vater mit seinem chinesischen Namen hieß, und der Scha-tai-tai, meiner Mutter. Mein Vater war mit dem Expeditionscorps im Boxeraufstand nach China gekommen, dann Kanzler zuerst am Generalkonsulat in Tientsin geworden und nach dem Krieg in dieser Funktion an die Pekinger Gesandtschaft versetzt worden. Meine Mutter ging 1912 als Hauslehrerin nach China, übernahm 1914 die Deutsche Schule in Tientsin (die Lehrer wurden nach Tsingtau einberufen), wo sich die Eltern kennen lernten und vor der Repatriierung nach der chinesischen Kriegserklärung an das Deutsche Reich 1916 heirateten.

Blick in die Stadt
Hier sieht man, wie dicht die einzelnen Stadtviertel besiedelt waren. An den kleinen Nebenstraßen, den Hutungs, auf denen kaum zwei Rikschas aneinander vorbeikamen, öffneten sich die Mauern zu den einzelnen Anwesen. Hinter diesen Toren war meist eine Quermauer eingezogen, um bösen Geistern den Eingang zu verwehren – sie können nämlich nur geradeaus gehen! Auf Hutungs und Straßen spielte sich viel vom Leben der Menschen ab.
Viel vom Leben in den Straßen habe ich in meinem letzten Jahr in der Stadt gesehen, als ich oft weite Fahrten mit dem Fahrrad machte – sollte ich mich verfahren haben, wurde mir von den kinderlieben Chinesen auf das Freundlichste der Weg gewiesen. Ich konnte darauf vertrauen, dass mir nichts Böses geschehen würde, auch wenn meine Eltern nicht immer wussten, wie weit ich unterwegs war.
Da konnte man sehen, wie sich zwei Herren zum Neuen Jahr sich „Zehntausendfaches Glück“ wünschen, Gung-che-fa-zei, wenn ich es richtig erinnere. Da sie noch ihre langen Zöpfe tragen, muss es sich um sehr konservative Chinesen handeln, denn eigentlich waren die Zöpfe in der Revolution von 1912 abgeschnitten worden. Auch unser Koch hatte noch seinen langen Zopf – meine Mutter bestand darauf, dass er ihn hinten mit den Schürzenbändern zusammen band.
Aber auch gegessen wurde einst wie heute am Straßenrand: und die wohlriechenden Speisen, die an der Straße angeboten wurden, trugen das Ihre bei zu den vielfältigen Gerüchen in der Stadt. Der Barbier verrichtete seine Arbeit im Freien, ebenso die Flickschusterin: die Schuhsohlen waren nicht aus Leder, sondern wurden aus mehreren Schichten Baumwollstoffs zusammengenäht. Und auch die blinde Bettlerin wartete auf milde Gaben – zu unserer Zeit war das Betteln in Peking streng organisiert, ein Teil der Einnahmen musste an den Chef der Bettlergilde abgegeben werden, der die Plätze zuteilte. Er soll zu den reichsten Männern in der Stadt gehört haben.
Das Herz der Stadt aber waren und sind zum Glück auch heute noch die weiträumigen Anlagen der verbotenen Stadt, des Kaiserpalastes und der antiken Regierungsgebäude.
Blick auf die Verbotene Stadt (Farbpostkarte)
Sonntags machten wir oft unsere Spaziergänge in den Anlagen neben dem eigentlichen Kaiserpalast, aus dem der letzte Kaiser erst 1924 ausgewiesen wurde und der nicht immer zugänglich war – ich bin sicher nicht sehr oft durch die prächtigen Höfe und Hallen gekommen. Aber auf den Seen um die Pagode im Be-hai sind wir Schlittschuh gelaufen. Die Seen und Hügel ließ ein Kaiser – so erzählt man – für seine Konkubine aus dem Süden anlegen, die sich in der Ebene nicht wohl fühlte.
Weiße Pagode im Seenpalast mit der Brücke
Der Kern unserer Stadt, die auch „das kaiserliche Dorf“ genannt wurde, war uns jedoch immer gegenwärtig: schon die goldenen Majolikaziegel, die allein ihren Gebäuden vorbehalten waren, erfüllten uns mit Staunen und entzündeten unsere Phantasie.

Die Halle der höchsten Harmonie
1284 beschrieb Marco Polo bewundernd in seinen Reiseberichten die Kaiserstadt: „An dieser Mauer steht der Palast des Großkhans, der an Größe so ungeheuer ist, dass er seinesgleichen nie gehabt hat. Er reicht vom nördlichen bis zum südlichen Ende der Mauer und lässt einen Hof frei, der nur von Personen von Rang und der Wache betreten werden darf. Der Palast hat kein Obergeschoß, aber das Dach ist außerordentlich hoch. Die Plattform, auf der er steht, erhebt sich zehn Spannen über dem äußeren Boden und ist von einer zwei Schritt breiten Marmormauer umgeben. Um den äußeren Rand der Mauer ist ein schönes Geländer mit Säulen, dem das Volk sich nahen darf. Die Wände der großen Hallen und der Zimmer sind mit Drachen in vergoldetem Schnitzwerk, Figuren von Kriegern, Vögeln, vierfüßigen Tieren wie auch mit Darstellungen von Schlachten verziert. Die untere Seite des weit vorspringenden Daches zeigt dem Auge nichts als Gold und Malerei. Auf jeder der vier Seiten des Palastes ist eine große Treppe mit Marmorstufen, auf welchen man zu der den Palast umgebenden Marmormauer aufsteigt … Diesem großen Palast gegenüber steht ein anderer Palast, der jenem in jeder Beziehung ähnlich ist und dem ältesten Sohn des Kaisers als Residenz dient.“ Auch von den Parkanlagen und dem künstlichen Hügel berichtet schon Marco Polo – aus der Zeit der Mongolen-Herrschaft, als Kublai Khan seine Hauptstadt von Karakorum nach Peking verlegt hatte. Im Kern ist die Anlage seitdem zwar ausgebaut, aber nicht wirklich verändert worden. Die Farbtafeln stammen aus dem Peking-Buch von Martin Hürlimann – ich wollte Ihnen nicht vorenthalten, wie diese Dächer über den roten Säulen leuchten. Da seine Farben ein wenig zu sehr ins Rote schimmern, habe ich eine andere Aufnahme der goldenen Dächer ausgewählt.

Goldene Dächer
Die mittlere Treppe des Aufgangs war dem Kaiser vorbehalten: über das Drachenrelief trugen ihn die Sänftenträger, niemand durfte es betreten. Ich erinnere mich gut, wie wir zurückbeordert wurden, als wir es doch versuchen wollten.

Verbotene Stadt
So, nämlich ganz menschenleer, boten sich die Höfe und Hallen zu unserer Zeit dar. Die Löwen bewachten sie, wie auch die Deutsche Gesandtschaft vor ihrem Tor. Später standen sie vor der Gesandtschaft der DDR, die alten Standorte waren verlassen.
Die bräunlichen Bilder stammen wie die meisten, die ich Ihnen zeige, aus dem Band „Peking“ von Heinz von Perkhammer (1895-1965), der während seines Peking-Aufenthaltes in den 20er Jahren bei meinen Eltern ein und aus ging. 1928 erschien sein Bildband, der dem alten Peking das Gesicht bewahrt. Der österreichische Schriftsteller Arthur Holitscher (1869-1941) schrieb ein etwas melancholisches Geleitwort zu dem Bildband: „Herrn von Perkhammer gebührt Dank dafür, dass er, sozusagen in zwölfter Stunde, ehe die Herrlichkeit der versinkenden Stadt von der Erdoberfläche verschwindet, von ihr festhielt, was festzuhalten war. Sogar die Silhouette der Stadt verändert sich ja unaufhaltsam…“, als ob er es damals schon geahnt hätte…
Es ist mir jetzt erst wieder eingefallen, dass ich schon einmal einen Vortrag mit diesen Bildern gehalten habe: das war in der Quarta eines Landerziehungsheims, wo wir alle „dran waren“, den anderen etwas vorzustellen. Das war 1936, als ich nicht, wie eigentlich geplant, nach einer Kur in Deutschland wieder „nach Hause“ gefahren war, weil mein Vater nach Nanking versetzt wurde und die Japaner vor der Tür standen. Ich habe niemals wirklich von Peking Abschied nehmen können.
Auch in der Umgebung Pekings gab es viel zu sehen: auf Ausflügen besuchten wir etwa die Fünfturmpagode, eines der vielen Denkmäler, die sich im Laufe der Zeit berühmte und weniger berühmte Mandarine haben setzen lassen. Für die Bauern war es Brauch, sich auf den eigenen Feldern begraben zu lassen, jedes Jahr im Frühling wurden die Grabmäler weiß gekalkt: unter Mao wurden sie eingeebnet, sie beanspruchten zuviel des fruchtbaren Landes dieser Ebene.

Gräber
Hier draußen begegneten einem die Kamelkarawanen aus der Mongolei und aus dem Norden, die schwere Lasten, auch Kohle, herbeiführten.

Kamelkarawane
Diese Karawane durchschreitet gerade einige der Pei-lus, Marmor- oder Holzbögen, die zum Andenken an wichtige Ereignisse oder Persönlichkeiten errichtet wurden. Von den Lasttieren erhielt auch eine bestimmte Brückenform den Namen. Kamelrückenbrücke nennt man diese Brückenbauten mit ihrem schönen Bogen der sich im Wasser zum Kreis spiegelt.
Ein anderer Ausflugsort, den ich in klarer Erinnerung habe, ist der kaiserliche Sommerpalast am Rand der Westberge, der auf das Jahr 1153 zurückgeht, an dem aber immer weiter eine einzigartige Parklandschaft gestaltet wurde. Trotzdem die Anlage zweimal von Europäern geplündert wurde (1860 im Opiumkrieg und 1900 bei Niederschlagung der Boxer) wurde sie immer wieder hergestellt, zuletzt von der letzten Kaiserin. Seit 1914 erst ist dieser Park allgemein zugänglich und bis heute ein beliebtes Ziel.

Pavillons im Sommerpalast
Außer den vielen Pavillons und Lusthäusern ist es besonders die Wasserkunst, die fasziniert: um den großen See herum ziehen sich viele kleinere und größere Kanäle, die von Brücken aller Art überspannt werden, am schönsten von der Großen Brücke zur Dracheninsel.

Große Brücke
Und von der Dracheninsel blickt man zurück auf die zentrale Anlage – der Hügel ist, wie auch die Wasserläufe, künstlich angelegt. Die letzte Kaiserin ließ dann das berühmte Marmorschiff bauen, einem Raddampfer nachempfunden, der nicht ohne Komik ist – darin ein Restaurant.

Porzellanpagode
Von 1751 stammt die Porzellanpagode – die „Pagode der vier Schätze“ – in einem verfallenen Teil des Parks, ein mit bunter Keramik geschmückter Backsteinturm.
Um 1930 hatten wir ein Auto, was damals in Peking, der Stadt der vielen, vielen Rikschas keineswegs selbstverständlich war und einen chinesischen Chauffeur. Auch meine Eltern versuchten sich am Steuer. Nach einem ausgedehnten Urlaub in Deutschland blieb es aufgegeben. An vielen Sonntagen brachte es uns zum Himmelstempel in der Chinesenstadt, wo dann der Mafu, der Stallknecht, mit den Pferden wartete. Es gehörte zum alten Peking, dass sich die Gesandtschaftsangehörigen wie andere Europäer auch, Pferde halten konnten – es waren die so genannten Ponies aus der Mongolei, die wohl nicht teuer waren. Mit den Mafus im Stall der Gesandtschaft waren wir gut befreundet, von ihnen erhielten wir die Chung-lobe, dicke Möhren, die wir an unsere Pferde verfütterten. Mein Vater ritt täglich am Glacis, dem freien Feld um das Legationsviertel, und sonntags eben in der Umgebung. Bis 1932 begleitete ihn mein Bruder, erst in meinen letzten Jahren 1933 bis 1935 dann auch ich.

Himmelstempel
Der Himmelstempel war dem Kaiser als Sohn des Himmels vorbehalten, hier opferte er: „das Himmelsopfer am kürzesten Tag des Jahres war ein Fest der Danksagung“ auf dem Himmelsaltar, einer kreisrunden Marmorplattform unter freiem Himmel, zu der ebenso wie zu dem gegenüberliegenden Himmelstempel dreistufige Treppenaufgänge führen. Im Tempel selbst verbrachte der Kaiser die vorangehende Nacht zur Reinigung und Vorbereitung.
Bei Holitscher heißt es: „Im verwahrlosten Park um den Himmelsaltar, auf dem der Kaiser, Sohn des Himmels, diesem, das heißt seinem nächsten Verwandten, dreimal jährlich zu opfern gewohnt war, zerbröckeln die Marmorterrassen, die Marmortreppen und Geländer, werden die Ziegel vom Tempeldach gestohlen, heimlich oder offen verkauft … Der Himmelsaltar, der Tempel des Himmels erhebt sich am südlichen Ausgang der Äußeren, der so genannten Chinesen-Stadt. Zu ihm führt ein schnurgerader Weg, eine breite Straße aus der ehemaligen Verbotenen Stadt, die das innerste Quadrat, den Kern der breiter angelegten, ebenfalls quadratischen Kaiser-Stadt bildet. Diese wieder liegt in der Mitte eines noch größeren Quadrates, der Inneren oder Tataren-Stadt. Die schnurgerade Straße, durch den Mittelpunkt aller dieser Quadrate bis hinunter zum Himmelstempel gezogen, war an jenen geheiligten Tagen des Jahres, an denen der Kaiser, gefolgt von den prunkvollen Scharen der höchsten Würdenträger des Reiches zum Opfergang wallfahrte, den Blicken des profanen Volkes verschlossen …“
Heute ist der Himmel nur noch an wenigen Tagen so blau zu sehen wegen des schlimmen Smogs über der Stadt. Für mich ist der Himmelstempel mit seinen blauen Dächern das schönste Bauwerk überhaupt.
Ich erinnere mich gut an einen Ausflug zu den Minggräbern im Norden Pekings. Man gelangte dahin durch die Geisterallee mit den – für mich damals riesigen - Skulpturen am Weg, paarweise einander gegenüber.

Reni auf dem Fabeltier
Auf dem Elefanten konnte ich nicht reiten, aber auf einem der Fabeltiere! – viele Jahre später, 1986, reiste mein Bruder nach China, inzwischen ist die Geisterallee „gezähmt“, die Tiere sind säuberlich eingezäunt, damit die zahlreichen Touristen nicht auf sie draufklettern können.

Geisterallee 1986
Schließlich gelangt man dann an den Eingang zum Turm Yung Lo, in dem die über drei Meter hohe Stele mit der Inschrift „Ta Ming“, großer Ming steht. Die Ming Dynastie dauerte von 1368 bis 1644. Aber die Nachfolger pflegten auch diese Kaisergräber.
Heutzutage geht der Strom der Besucher weiter zu dem am nächsten gelegenen Aufgang der Großen Mauer – aber die kenne ich nur von Bildern, wie Sie vermutlich auch, und so kehren wir nach Peking zurück.
Unvergesslich ist mir ein Besuch im großen Lamatempel in der Stadt – ein Freund unserer Familie, Hermann Consten, der viele Jahre in der Mongolei gelebt hatte und dessen Buch „Weideplätze in der Mongolei“ zum Standardwerk geworden ist, nahm meine Mutter und mich mit zum ihm befreundeten Abt des Tempels, einer Ehrfurcht gebietenden Erscheinung – und wir tranken Tee, ganz ungewohnt salzig und gebuttert (nicht dass es mir geschmeckt hätte).
Das war schon im letzten meiner Pekingjahre, in der Fahrradzeit. Eine Freundschaft verband mich damals mit den US-Marines, die die amerikanische Botschaft am Rand des Glacis bewachten. Bei Perkhammer findet sich ein Bild, das mich lebhaft daran erinnert:

Legationsmauer
Man sieht deutlich das freie Schussfeld vor den Gesandtschaften, das Glacis, Erbe des Boxerkrieges, und im Hintergrund das hohe Ha-ta-men. Hier an der Mauer stellte ich mein Rad unten ab, der Wachhabende zog mich rauf und ich bekam Kaugummi oder ein Eis – chinesisches Eis, so verlockend es war, durften wir nicht essen, die Gefahr, Typhus zu bekommen, war zu groß. Ebenso war es mit rohem Obst – Erdbeeren kannte ich als Kind nur in Form von Erdbeersaft.
Um diese Zeit hatten wir, wie gesagt, kein eigenes Auto mehr, aber für meine Mutter stand immer eine Rikscha bereit. Rikschas sind ein wunderbar leises Beförderungsmittel – damals wurden sie noch von Rikschakulis gezogen, heute gibt es nur noch Fahrradrikschas. Dabei waren diese leichtgängigen Fahrzeuge nicht schwer und wer in den langen Stangen lief, dem trugen sie das Körpergewicht. Damals war Nurmi in China, der finnische Weltrekordläufer – er konnte den Kuli mit seiner Rikscha nicht schlagen, ohne sie wäre dieser weit zurück geblieben.
Von Peking im Winter wäre noch zu erzählen: an den wenigen Tagen, an denen die klirrende Kälte durch Schneefall gemildert wurde, war die Stadt vollends verzaubert. Zum Schluss deshalb eins der seltenen Schneebilder:

Winter in einem Tempel

Und nun der Kontrast: Peking heute