Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 3


 

german stage service

Stilleben mit Hochzeitskleid & seltenen Orchideen
von Graciela Gonzáles de la Fuente und Henriette Dushe
nach Motiven des Romans Die Selbstmordschwestern von Jeffrey Eugenides

Premiere: 1. Juni 2007

 

Die neueste Produktion der german stage service – Bühne im g-werk im Afföller, die am 1. 6. 2007 Premiere hatte, hat einen eigenartig-faszinierenden Titel mit Assoziationen eher an eine Kunstinstallation als an eine Theaterproduktion. Und in der Tat: Der Anfang des Stücks könnte nicht „kunstwerkhafter“ sein. Das Licht im Theaterraum erlischt kurz, und gleich darauf wirft ein Scheinwerfer einen weißen Lichtkegel auf zehn, zwölf weiße Kleider – Hochzeitskleider vielleicht –, die hoch oben rechts dicht zusammengedrängt von der Decke hängen. Eine Hochzeitsatmosphäre irgendwelcher Art wird damit aber nicht auf der Bühne verbreitet. Sie erstrahlen in einem eher fahlen Weiß, baumeln wie vergessen, weggehängt, überflüssig jedenfalls von oben herab, ergeben in der Tat ein Stilleben, aber eines, das auf Unwirkliches verweist, als würde etwas aus der Vergangenheit, verstaubt längst und unbenutzt, in eine Kunstform eingefroren, um an alte Wünsche und Sehnsüchte zu erinnern, aber eben unwirklich oder, gerade weil es zu einem kunstvollen Stilleben geworden ist, wirklicher und intensiver, als es jemals in der Realität hätte sein können.

Dieser kurze Anfang, das Lichtkegel-Stilleben scheint nur für einige Augenblicke auf, ist ein eindrucksvoller Beginn des Stücks, aber nur ein Teil des kunstvollen Anfangs. Denn aus dem leblosen Hochzeitskleid-Bild wird Augenblicke später der weiße Hintergrund, auf dem ein Film abläuft. Man sieht junge Mädchen in weißen Kleidern über eine grüne Wiese laufen, sich einen Weg durch grünes Buschwerk bahnen, im Garten spielen und tanzen.

Der Film bricht ab, und jetzt endlich wird der Blick der Zuschauer auf die Bühne gelenkt, auf drei Mädchengestalten in – ein effektvoller Kontrast zu Hochszeitskleid-Stilleben und Film – feuerroten langen Kleidern und mit auffällig und übertrieben geschminkten Mündern. Sie reden über den Tod ihrer Schwester Cecilia. Sie wurde mit aufgeschnittenen Pulsadern in der Badewanne gefunden, ins Krankenhaus transportiert und schließlich gerettet. Und dann – einige Tage später während einer Art Familienfeier – verabschiedet sie sich, geht auf ihr Zimmer, springt aus dem Fenster und zerschmettert vor dem Haus. – Die Schauspielerinnen werden danach die roten Kleider ablegen und in weißen Röcken, auch in Schulmädchenkleidern und allen möglich anderen Kostümierungen spielen. Aber einmal noch im Stück werden die drei Akteurinnen (Mosa Anna Essel, Meri Koivisto, Stefanie Tauber) ihre roten Kleider tragen: ganz am Schluss. Sie legen sich dann leicht zusammengekrümmt auf den Boden und die die tiefe Off-Stimme aus dem Lautsprecher aus dem hinteren Bühnenraum, die immer wieder die Handlung auf der Bühne unterbricht und begleitet, berichtet abschließend, dass sich alle vier Schwestern von Cecelia kurz darauf umgebracht hätten. Aus den fünf Töchtern der Lisbon-Familie sind „Selbstmordschwestern“ geworden.

Der effektvolle Beginn und Schluss des Stücks sind charakteristisch für die dichte, höchst kunstvolle, spannungsreiche, auch unterhaltsame, mitunter sogar komische Inszenierung des Stücks Stilleben mit Hochzeitskleid & Orchideen, das die Regisseurin Graciela Gonzáles de la Fuente zusammen mit der Dramaturgin Hernriette Dushe nach Motiven des Romans Die Selbstmordschwestern von Jeffrey Eugenides (2004) zusammengestellt hat. Es sind Bruchstücke aus dem Leben der fünf Töchter der Lisbon-Familie in irgendeiner amerikanischen Kleinstadt. Und erst nach und nach wird aus den Bruchstücken eine Geschichte, die Geschichte der „Selbstmordschwestern“.

Aber die Geschichte Cecilias und ihrer Schwestern Lux, Bonnie, Mary und Therese, alle zwischen dreizehn und siebzehn Jahren alt, die in der Schule isoliert sind, zu Hause ständig unter der Aufsicht von mit ihrer Erziehung überforderten Eltern leben, frustrierende Erlebnisse mit Jungen auf Schulbällen haben, zum Teil in sexuelle Ausschweifungen flüchten, sind nicht der wesentliche Teil dieser Aufführung. Packend wird der Theaterabend durch die choreografische Inszenierung der Regisseurin, das intensive Spiel der drei Akteurinnen und – das vor allem auch – durch die Gestaltung der Bühne. Aus Spiel und Bühnenraum entsteht eine Atmosphäre morbid-adoleszenter Träume, halb-lüsterner Wünsche, aber auch unterdrückter und frustrierender Jugenderlebnisse, großer Einsamkeit und schließlich grotesker Todessehnsucht. Wenn die drei Mädchen tanzen, dann ist es kein befreiender Tanz, wenn sie grell geschminkt auftreten, dann wirkt das eher unheimlich als lustig-komisch, wenn sie sprechen, dann sprechen sie über den Selbstmord ihrer Schwester Cecilia und wenn sie agieren, dann steckt auch darin oft eine Anspielung auf Sterben und Tod. Ihre Bewegungen sind wie die von Tänzerinnen inszeniert, eigentlich führen sie während der anderthalb Spielstunden einen gespenstischen „Sterbtanz“ vor.

Das alles geschieht in einem Bühnenraum, der während des Spiels selbst zu einem unheimlichen Raum der Isolation und des Todes wird. Er ist vollgepackt mit alten Möbeln, Tischen und Regalen, auf denen Blumentöpfe – immer wieder geht es ja auch um Orchideen, ein Einfall, der vielleicht eher etwas zu viel in die Inszenierung hineinpackt, – herumstehen, mit Lampenschirmen und allen möglichen Kästchen und Schatullen. Nach hinten zu wird der Raum durch trübe Fenster abgeschlossen. In der Mitte stehen zwei Sessel, um die herum und auf denen die Akteurinnen spielen. Die Erdhaufen der Schlammfliegen sind ein Symbol der Muffigkeit, die in dem Raum existiert und die alles Leben langsam erstickt. Es ist kein Raum, in dem junge Mädchen leben können, es ist ihr Raum, in dem sie „sterben“.

german stage service hat mit dieser Produktion einen eindrucksvollen Theaterabend im g-werk geschaffen. Man darf jetzt schon auf die weiteren Vorhaben der Gruppe um Rolf Michenfelder und Manuela Weichenrieder gespannt sein. Für den Herbst sind zwei Bühnenproduktionen geplant: das Stück kopf oder zahl, das sich mit den Entscheidungsmöglichkeiten des Menschen auseinandersetzt, und Oooh, I need your love, babe, in dem es um den Verlust von Erinnerung und von Liebe geht.

Herbert Fuchs

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