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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 4
Martin Dragosits
Wichtig
Wichtig ist das Anfangen
Dadurch wird das Fortsetzen möglich
Sind die Dinge im Laufen
Gehören sie betrieben
Damit Schwung erhalten bleibt
Wichtig ist das Beibehalten
Damit wird das Festhalten möglich
Ist Halt gefunden
Bleibt Gleichgewicht erhalten
Auf schwankendem Grund
Wichtig ist das Loslassen
Dadurch wird das Entwickeln möglich
Ein gewähltes Ende
Gibt den Dingen Freiheit
Für einen neuen Beginn
(Aus: Der Teufel hat den Blues verkauft)
Das Gedicht kommt, beim ersten Lesen, in einem leichten, etwas maliziösen und ironisch-spruchhaften Ton daher. Es hat selber "Schwung" - unversehens ist man schon am Ende angelangt und beginnt vorsichtshalber noch einmal von vorn, wobei man sich vornimmt, dieses Mal die Sache etwas ruhiger anzugehen. So bemerkt man, dass die fünf Zeilen der drei Strophen eine klare Abfolge haben: Die ersten beiden, sowie die dritte und vierte bilden jeweils eine kleine Einheit, die gewissermaßen in der letzten wie in eine Folge oder ein Resümee mündet. Man könnte die drei Schlusszeilen so zusammenstellen: "Damit Schwung erhalten bleibt / Auf schwankendem Grund / Für einen neuen Beginn" und bekäme auf solche Weise etwas wie eine Conklusio. Aber diese Sentenz, spürt man, träfe gar nicht das, was das Gedicht beinhaltet.
"Ein gewähltes Ende" ist zweideutig genug; natürlich ist einerseits gemeint, man müsse sich aus selbst konstruierten Zusammenhängen auch wieder lösen können, aber der Suizid-Beiklang lässt sich nicht überhören. Der neue Beginn, zu dem die "Dinge" frei geworden sind, fände also ohne das Ich statt, das all dies betreibt. - Und ein solches Ich, stellt man nun fest, kommt in den Strophen gar nicht vor. Das "Anfangen", "Betreiben" und "Loslassen" bleibt eigentümlich anonym oder subjektlos. Wer oder was betreibt da also etwas? Nun wird deutlich, dieses Tun, Machen und Lassen dreht sich im Kreis, seine Wichtigkeit ist scheinhaft. So aber ist womöglich das ganze Leben, nämlich "wichtig" - und leer. Eine solche Einsicht mag sehr wohl zum "gewählten Ende" der letzten Strophe führen.
"Etwas" nimmt sich "wichtig": "auf schwankendem Grund", getragen von einem Nihil. Die Inhalte, denen nachgejagt wird, sind austauschbar. Die Leichtigkeit des Gedichts bleibt auch beim dritten Lesen erhalten, und das ist sein inneres Gesetz: Es tänzelt über einem Abgrund, in den es hineinblickt und sich doch seine Freiheit bewahrt. Sie tut sich auf zwischen seinem Ton und der direkten Aussage, die einander stracks zuwiderlaufen.
Peter Rhonfeld
Biografische Daten zu Martin Dragosits:
Geboren am 25.2.1965 in Wien, lebt dort; HAK (kfm.
Matura); berufliche Erfahrung als
Software-Entwickler, Projektmanager und Teamleiter;
arbeitet als Projektleiter in der Informatik eines
Finanzdienstleisters; verheiratet; zwei Kinder.
Mit Anfang zwanzig erste Veröffentlichungen in
österreichischen Zeitschriften und der Anthologie „Unter
der Wärme des Schnees - Neue Lyrik aus Österreich, Edition
Umbruch, Mödling/Wien, 1987“
In den neunziger Jahren folgt eine Schreibpause, beginnt
Ende 2002 wieder zu schreiben, mit hoher Intensität, in
vier Jahren entstehen mehr als siebenhundert Gedichte.
Seit 2005 zahlreiche Veröffentlichungen in
Literaturzeitschriften, Online-Magazinen und Anthologien
in Österreich, Deutschland und der Schweiz.
2007 erscheint die Gedichtsammlung „Der Teufel hat den
Blues verkauft“ im Arovell Verlag, Oberösterreich.
Arbeitet dzt. an zwei weiteren Manuskripten, „Der Himmel
hat sich verspätet“ und „Gedichte 3.0“.