Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 4


 

Vergessene Bücher IV: Philosophie der Natur von Nicolai Hartmann

Teil I

von Frank-Peter Hansen

Paul Nicolai Hartmann wurde am 20. Februar 1882 in Riga geboren. Er studierte zunächst Medizin im estländischen Dorpat, anschließend Philosophie in St. Petersburg, bevor er an die Marburger Universität wechselte. Dort promovierte er 1907 bei Paul Natorp und Hermann Cohen. 1909 folgte seine Habilitation. Bis 1920 war er Privatdozent, danach Professor in Marburg. 1925 erfolgte seine Berufung nach Köln, 1931 nach Berlin. Seit 1946 lehrte er in Göttingen. Er ist am 9. Oktober 1950 in Göttingen gestorben.

Die Philosophie der Natur. Abriss der speziellen Kategorienlehre von 1950 (zitiert nach der zweiten, unveränderten Auflage, Walter der Gruyter, Berlin, New York 1980) ist der vierte und letzte Band von Nicolai Hartmanns ontologischer Kategorienlehre. Vorausgegangen sind Zur Grundlegung der Ontologie, Möglichkeit und Wirklichkeit und Der Aufbau der realen Welt, der den Grundriss der allgemeinen Kategorienlehre enthält.

Das Tragische dieses Gelehrtenlebens besteht darin, daß dieser Begründer einer neuen, kritisch gefaßten Ontologie, der der Meinung war, am Anfang einer sachhaltigen, wissenschaftlich fundierten Grundlagenforschung zu stehen, keine nennenswerten Nachfolger gefunden hat. Das hat mehrerlei Gründe, entscheidend aber dürfte sein, daß der von Hartmann stets gesuchte Kontakt zu den Spezialwissenschaften von diesen unbeantwortet geblieben ist.

Zwei Beispiele mögen das vorläufig verdeutlichen helfen. Wenn der Physiker von Dimensionen spricht, dann meint er ausnahmslos meßbare Größenarten. Jede zweckmäßig beschriebene Dimension enthält eine zusammengefaßte Meßvorschrift für die betreffende physikalische Größe. Er kennt deren vorerst sieben, die sogenannten Grundgrößen: Länge, Zeit, träge und schwere Masse, Temperatur, elektrische Ladung und magnetischen Fluß.

Nach Hartmann dagegen ist dies ein zu eng mit der Meßbarkeit verquickter Dimensionsbegriff. Dimensionen, wie beispielsweise der Raum oder die Zeit, sind vielmehr Substrate möglicher Messung, selbst jedoch, weil größenlos, nicht ausmeßbar und folglich auch nicht mathematisch berechenbar. Daß der physikalische Begriff der Dimension sich in einer Meßvorschrift zusammenfasse, sei zwar verständlich, da es dem Physiker letztlich um aus Meßreihen abstrahierte Funktionsgleichungen, also um einen an der Mathematik orientierten Gesetzesbegriff geht. Dieser innigen Verbindung mit der reinen Mathematik verdanke sie ja schließlich ihre ungeheuren Fortschritte im Laufe der letzten 400 Jahre. Nichtsdestotrotz gelte, daß ihr Dimensionsbegriff zu eng gefaßt sei. Nicht Dimensionen sind ausmeßbar, sie sind weder endlich noch unendlich, da sie vielmehr überhaupt keine Größe haben noch solche sind, sondern sie liegen jeglicher Größenbestimmung, allen Prozeßabläufen, Verhältnisbestimmungen etc. zugrunde.

Und hier liegt die zweite unüberbrückbare Differenz zum Vorgehen des Physikers. Er fragt nicht nach dem Wesen von was auch immer, sondern er experimentiert, indem er die Natur methodisch befragt, Meßreihen erstellt und nach Möglichkeit Funktionsgleichungen konstruiert, in denen eindeutige Abhängigkeiten zwischen variablen Größen erkennbar, bestimmbar und voraussagbar sind. Der Physiker will also beispielsweise nicht in die substantielle, dinghafte Natur der Verbindung von Atom und Atom eindringen, sondern lediglich die Tatsachen dieser Verbindung nach allgemeingültigen, quantitativen Ordnungsprinzipien in einem mathematisch faßbaren Gesetzesbegriff darstellen.

Nicht bloß in Hartmanns Philosophie der anorganischen und organischen Natur dagegen wird nach den grundlegenden Prinzipien oder Kategorien, dem die konkreten Phänomene Bestimmenden im Aufbau der realen Welt gefragt. So etwas werden Physiker und Biologen allenfalls als haltlos spekulative Metaphysik belächeln. Ob zu recht? Man wird sehen. Denn, um dem Leser auf das Kommende Lust zu machen: Hartmann wartet mit einer Kritik an Einsteins Raum- und Zeitlehre auf, die in ihrer Wohldurchdachtheit etwas Bestechendes hat. Sie aber ist das Ergebnis seiner Überlegungen zu den beiden Dimensionen des Realraumes und der Realzeit.

Es ist immerhin wünschenswert, daß Physiker vom Fach Hartmanns Argumentation jedenfalls zur Kenntnis nehmen, um sie gegebenenfalls als fehlerhaft zu widerlegen. Das ist, bis heute, nicht geschehen, aus dem einfachen Grund, weil Hartmann nicht mehr wirklich gründlich und vorurteilslos gelesen wird, wie übrigens schon zu Lebzeiten nicht, wogegen er sich, wiederum folgenlos, an verschiedenen Orten argumentativ zur Wehr gesetzt hat.

An dieser, man muß es so deutlich sagen, nimmermüden Ignoranz nach Möglichkeit etwas zu ändern, ist die Absicht dieser Artikelfolge. Sie soll neugierig machen auf das Original, aus dem ich hier einiges von dem, was mir wichtig erscheint, darbiete. Denn Hartmann kritisiert mit, wie ich finde, guten Argumenten unreflektiert gemachte Voraussetzungen der exakten Wissenschaften, die einer kritischen Überprüfung nicht standhalten und deshalb der Revision bedürftig sind. Überaus schade übrigens ist es, daß Einstein dieses Werk nicht gekannt, sich jedenfalls nicht öffentlich über Hartmanns Einwände geäußert hat. Vielleicht lassen sich Berufene herbei, hier in die Bresche zu springen. Dafür, klüger zu werden, ist es nie zu spät.

Andere Vertreter ihres Fachs hatten, nebenbei, mehr Erfolg mit ihren Bemühungen, heißt, fanden Anschluß an den Zeitgeist. Ernst Cassirer, der gerade wieder so etwas wie eine Renaissance erlebt, suchte gleichfalls den Kontakt zu den Wissenschaften. Als Beispiele seien hier bloß seine von Einstein mit Beifall bedachte Arbeit Zur Einsteinschen Relativitätstheorie von 1921 und sein vierbändiges Werk Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (1906-1920/1950) genannt.

Bereits der Titel der letztgenannten Arbeit allerdings verrät, daß Cassirers Interesse vorwiegend der gnoseologischen Problematik gegolten hat. Will heißen, er forschte den Wandlungen in der Herangehensweise des menschlichen Intellekts bei seiner Auseinandersetzung mit der ihn umgebenden Welt nach. Kurz gesagt: Jeweils anderen Arten der Schau entsprechen jeweils andere (symbolische) Welten. Grob gesagt gibt es im Umfeld der Naturwissenschaften die alte, an Dingbegriffen orientierte substantialistische und die neue, an der Konstruktion von Relationen arbeitende funktionalistische Methode. Mathematisch verflüssigtes Beziehungsdenken kontrastiert dinghaft verfestigter Metaphysik. An die Stelle zu negierender selbständiger, für sich bestehender Eigenschaften ist die Relation eines dynamischen Beisammen getreten. Dies ist, in summa, die Position der Erkenntnistheorie, der Cassirer, wie seine Lehrer Natorp und Cohen, stets, im Unterschied zu Hartmann, verpflichtet geblieben ist.

Denn Hartmann unterscheidet ausdrücklich zwischen der wissenschaftlichen Formel eines Naturgesetzes und dem wirklich in der Natur bestehenden Gesetz. Jene kann also ihr Allgemeines treffen, verfehlen oder zum Teil mit den realen Prozeßabläufen übereinstimmen. Aber auch wenn sich im Fortschritt der Erkenntnis die Anpassung durch das Auffinden einer modifizierten oder erweiterten Formel vorantreiben läßt, „ist die verbesserte Formel noch nicht das Naturgesetz selbst“. In der Wissenschaftstheorie hingegen spricht man „dauernd vom ‚Naturgesetz‘ und bemerkt gar nicht, daß man das wirklich in den Naturvorgängen waltende Gesetz nicht einmal meint, geschweige denn es hat. Und hält man dem verbohrten Theoretiker seine Denkunsauberkeit vor, so bekommt man darauf womöglich zu hören: ‚Von der Natur selbst können wir gar nichts wissen, wir haben nur die Begriffe, Urteile und Formeln der Wissenschaft ...‘ Auf diese Weise wird natürlich alles in die skeptische Zweideutigkeit hineingezogen. Dann nämlich ist die“ derart pur methodisch gewordene Naturwissenschaft „streng genommen gar nicht mehr Wissenschaft von der Natur selbst“, sondern eine einzige Frage des so oder so, d.h. beliebig einzunehmenden Standpunktes, „ein bloßes Spiel mit Begriffen und Formeln. Sie steht ihrem Gegenstande entfremdet da, kennt ihn zuletzt gar nicht mehr“ oder nur noch als konstruktiv zugerichteten.

Aber Hartmann ist sich selbstredend darüber im Klaren, daß „die wirklich arbeitende Wissenschaft“ sich „natürlich keineswegs“ so verhält. „Sie kümmert sich auch – in gesunder Abwehr – nicht nennenswert um solche Auswüchse positivistischer Theorie (es sollte eigentlich heißen ‚negativistischer‘ Theorie). Aber sie rührt auch keinen Finger, das Knäuel erkenntnistheoretischer Mißverständnisse zu entwirren“ (421 f.).

Genau in diesem sich sachhaltig gebenden Methodenpluralismus aber – der formalen Begleitmusik zum seriösen Forschen – besteht die ungebrochene Aktualität moderner Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Inhaltlich belang- und bedeutungslos haben sich ihre Vertreter eine Nische geschaffen, in der sie sich mit Verfahrensfragen der Wissenschaften herumschlagen, nach denen sich wahrscheinlich kein einziger Wissenschaftler richtet, es sei denn, daß er sich in seinen weltanschaulichen Mußestunden oder anläßlich von Preisverleihungen auf sie besinnt, in denen er sich irgendeiner der reichlich und zehn wissenschaftstheoretischen Lehrmeinungen meint anschließen zu müssen. Das hat übrigens selbst der doch sonst so abgeklärte Jahrhundertphysiker Einstein nicht anders gehalten. Und so gesehen gehören auch die mit Benimm- und Anstandsregeln befaßten Ethikkommissionen, das gute Gewissen der Wissenschaften und – notabene – der Politik, in diese Tradition: Hier werden ungestört nichts und niemanden interessierende Richtlinien ausgeheckt, die, weil ohne jegliche Richtlinienkompetenz und also praktisch folgenlos, folgerichtig gar keinen und schon gleich nicht die, die wirklich etwas zu sagen haben, bei ihren souveränen Entscheidungen zu stören brauchen.

An Heidegger, der eigentlich zentralen Figur der deutschsprachigen Philosophie des 20. Jahrhunderts fällt auf, daß er sich, genau genommen, mit gar nichts mehr beschäftigt hat. Vielleicht besteht exakt hierin der Reiz dieses Existentialontologen bis auf den heutigen Tag, daß er mit dem Gestus des eingeweihten Sehers daherkommt, der, bis in die Sprache hinein, wie einer auftritt, der das Welträtsel gelöst hat, indem er das menschliche Da-Sein auf sein Sein überhaupt und als solches hin hinter- und also nach einer puren, schlechterdings nichts bedeutenden Abstraktion fragt. Sein Alles ist das Nichts, oder umgekehrt: Dieser Meister und Schamane aus Deutschland, dessen Gehabe schon Thomas Bernhard in Alte Meister, ich kürze entschärfend ab, „zum K...“ fand – er apostrophierte ihn als einen „verheerend größenwahnsinnig(en) ... Voralpenschwachdenker“ und als eine „totale Geistesniete“ –, beherrscht die Zauberkunst der creatio ex nihilo, der er fragend standhält. Denn daß es am Sein nichts zu wissen und zu begreifen gibt, weiß Heidegger selbst am besten, weshalb er es letztlich beim fragenden Aushalten als der entscheidenden philosophischen Haltung belassen hat.

Diese sprachlich aufgemotzte geistige Askese kam und kommt bei vielen bis heute gut an, wohl nicht zuletzt deswegen, weil man sich, ohne sich mit irgendetwas auskennen zu müssen, als Mensch mit unergründlichem Tiefgang ausgeben kann. Mit Heidegger und seinen Adepten ist der Irrationalismus zum Lebensprinzip in selbstdarstellerischer Absicht geworden.

Vor dieser Art billiger Effekthascherei nimmt sich Nicolai Hartmanns kritische, und das meint auch nicht weltanschaulich festgelegte, allen Ismen skeptisch begegnende Ontologie in der Tat einigermaßen unspektakulär aus. Kurz: Hartmann ist weder Wissenschaftstheoretiker im herkömmlichen Sinne noch befriedigt er das weltanschaulich-religiöse Bedürfnis nach Sinnsuche. Das und daß er, eine entschuldbare Inkonsequenz, bekennender Atheist war, ist ihm wohl zum Verhängnis geworden.

Hartmann versteht sich als Phänomenologe in der Nachfolge Husserls, ohne freilich, wie dieser, auf die rein logisch-formale Thematik beschränkt zu sein. Sein Begriff der Phänomenologie ist bei weitem umfassender und dem Alltagsverstand angepaßter. Vorbehalt- und vorurteilslos werden nach Möglichkeit sämtliche sich darbietenden Sachverhalte zur Kenntnis, auf- und zunächst einmal unkommentiert hingenommen. Dabei macht es keinen Unterschied, ob es sich um solche der anorganischen oder organischen Natur handelt – Hartmann war ausgebildeter Humanmediziner –, um solche des seelischen Lebens oder des Bewußtseins, oder schließlich auch des geistigen, politischen, gesellschaftlichen, historischen Seins in all seinen Varianten.

Darüber hinaus ist Hartmann, in der Nachfolge des Aristoteles, dezidierter Problemdenker und Aporetiker. Es geht ihm nicht um, an vorgefaßten Meinungen und weltanschaulichen Sinngebungsanliegen Maß nehmende, vorschnelle, einer bestimmten, kritik- und gedankenlos eingenommenen Einstellung geschuldete Lösungen. Sondern den bei der Kenntnisnahme der Phänomene sich aufdrängenden Fragen und Schwierigkeiten gilt seine ganze Aufmerksamkeit. Sie sucht er, ohne ein ungeduldiges und kurzatmiges Systematisierungsbedürfnis, Schritt für Schritt, aufmerksam, bedächtig und gemächlich, einer sukzessiven Beantwortung zuzuführen, allenthalben irrationaler Problemreste gewärtig. So gesehen ist er ein extrem besonnener, an tragfähigen Problemlösungen interessierter Forscher, der sich, so weit das menschenmöglich ist, in den diversen Wissensgebieten als Fachmann ausweisen kann.

Und das gilt selbst für die Fundamentaldisziplin der reinen Mathematik, die, ihres Apriorismus‘ und ihrer Allgemeinheit halber, strukturbildend in den Bereich der anorganischen Physik hineinragt, beziehungsweise ihn mit ihren funktionalen Formbeziehungen trägt. Denn weit gefehlt wäre es, wollte man nach dem oben Mitgeteilten annehmen, Hartmann stünde der reinen Mathematik ausnahmslos skeptisch gegenüber. Er weiß um ihre, auch historisch gesehen, ungeheure Bedeutung für den Erkenntnisfortschritt der klassischen mechanischen Physik, indem sie, als Infinitesimalrechnung, kontinuierliche Bewegungsabläufe und Beschleunigungsvorgänge überhaupt erst berechen- und bestimmbar machte. Das Unendliche als Spezialfall des Endlichen. Newtons Fluxations- und Leibniz‘ Differentialkalkül gehören hierher, in denen das Größenverhältnis verflüssigt wurde. Das geschah in der das Kontinuum erfassenden mathematischen Funktion, ausgedrückt in dem allgemeinen Schema ihrer Formel: y = f (x). „In diesem fließenden Verhältnis nimmt y verschiedene Werte an, und zwar in strenger Abhängigkeit von den Werten, die x durchläuft. Ein solches fluentes Verhältnis faßt sehr wohl etwas vom Wesen des Prozesses selbst, nämlich seine quantitative Seite, und zwar auch gerade sofern der Übergang der Werte von x und y ein stetiger ist“ (407 f.).

Zu bedenken allerdings ist, daß die „eigentliche Rechnung ... das Reale des Vorganges selbst nicht“ erreicht, da alle Größen in ihm aus „Inkrementen“ hervorwachsen, „die selbst keine eigentlichen Größen mehr sind. Das bestimmte Quantum baut sich“, in annähernder Entsprechung zu dem Überbauungsverhältnis zwischen meßbaren makrophysikalischen und unmeßbaren mikrophysikalischen Prozeßformen, „aus dem ‚non quantum‘ auf“. Also zielt die Rechnung nur „im Prinzip“ auf den realen Vorgang ab, „aber das Rechnen bleibt am Endlichen hängen. Es substituiert ein Endliches und wählt es ‚genügend klein‘ für ihre Zwecke. Die Rechnung nimmt den Fehler mit hinein in ihr Resultat, kann ihn aber beliebig klein machen. Auch sie faßt das Continuum nicht streng, sondern nur genähert. Die Näherung selbst aber ist durchaus ‚reell‘“ (409).

Dennoch, die Mathematik wird zu einer hybriden Wissenschaft, wenn sie mit ihren der Größenbestimmung angepaßten Mitteln auf andere, nicht mehr der Meßbarkeit unterliegende Bereiche überzugreifen sich anschickt. Das Seelenleben und Bewußtseinsvorgänge sind genauso wenig ausmeß- und berechenbar wie zum Exempel politische Abläufe. Wieso nicht? Weil hier Zweck- und Zielsetzungen, praktische Bedürfnisse, Interessen, zu realisierende Absichten und dergleichen eine entscheidende Rolle spielen, und die unterstehen eben nicht mehr der räumlichen Ausmeßbar- oder der algebraischen Berechenbarkeit, selbst wenn, mit eindeutig hierarchisierender Absicht, ganze Generationen von Lehrern den schulischen Nachwuchs und seine Lernleistungen in ein System von Noten zu zwängen sich befleißigen. Daß das geht ist keine Frage, aber genauso sicher ist auch, daß das alles mit den intellektuellen Leistungen der Kleinen schlechterdings nichts zu schaffen hat. Die bewähren sich mit ihren grauen Zellen an eventuell in naturkundlichen Fächern dargebotenen Wissensfragmenten und nicht an einer Notenskala, an die sie, im Sinne des (staatlichen) Erfinders, erst nachträglich angepaßt und einsortiert werden. Ich schweife ab ...

Bei Hartmann ebenso wie bereits bei Aristoteles, und nicht allein in diesem Sinne ist Hartmann folglich ein bekennender Aristoteliker, kann man zunächst einmal lernen, was es heißt, mit Prinzipien der Wissenschaften besonnen umzugehen. Sie haben ihr jeweils spezifisches Gebiet des legitimen Gebrauchs, den sie aber, sobald sie sich auf andere Bereiche erstrecken sollen, gegebenenfalls sehr schnell verlieren. So kommt es zu „anthropomorphe(n) Vereinfachungen“, „teleologische(n) Populärvorstellung(en) oder mystisch geheimnisvoll(em) Phantasieren. Im Leben ist alles voll von solchem Unfug. Je nachdem, ob die eigene Intelligenz die Dinge zu verwerten weiß oder nicht, unterscheidet man sie in ‚gute und schlechte‘, glaubt an den ‚Eigensinn‘ der Dinge, an die ‚Tücke des Objekts‘, dichtet den kosmischen Erscheinungen“, damit nicht alles gar so sinn- und hoffnungslos erscheint in der Erbärmlichkeit eines Lebens, das solcher verlogener und der Anpassungsbereitschaft förderlicher Palliative bedarf, „erhabene Einflüsse an und erklärt wohl gar ‚die Sterne lügen nicht‘. Sie lügen freilich nicht, lügen kann nur der Mensch, ebenso wie Eigensinn und Tücke zeigen. Aber auch das Talent abgründigen Mißverstehens ist ausschließlich sein Teil“ (500).

Die Dimension des Realraumes zum Beispiel, über die einleitend in der Fortsetzung dieses hinführenden Teils gehandelt werden soll, liegt den Vorgängen der anorganischen und organischen Natur zugrunde. Danach bricht sie ab. Seelische Vorgänge sind genausowenig wie Vorgänge des Bewußtseins räumlich dimensioniert. Anders verhält es sich mit der Realzeit. Diese Dimension ist wirklich fundamental, da sie nicht allein anorganischen und organischen Prozeßabläufen zugrundeliegt, sondern da sich auch noch das Seelenleben und Bewußtseinsvorgänge in der Zeit ereignen. Dasselbe gilt für Vorkommnisse der Geschichte, der Kultur, der Politik etc. Sie alle laufen in der Realzeit ab, sind auf sie als ihre Bedingung angewiesen. Aber das sind, wie gesagt, schon Fragen der speziellen Kategorienlehre.

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