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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 4
Buch des Monats Juli 2007
Als zweiter Band der Werkausgabe erscheint nun das von vielen als philosophische Hauptschrift Brunos angesehene "Über die Ursache, das Prinzip und das Eine" in neuer Übersetzung von Thomas Leinkauf. Wiederum ist dem Band eine ausführliche, 153 Seiten umfassende, Einleitung vorangestellt, in der Leinkauf sich in ebenso detaillierter wie prägnanter Weise einem der großen Probleme der Bruno-Forschung zuwendet. Die alte, in der Philosophischen Bibliothek des Meiner Verlages vorliegende Übersetzung von Adolf Lasson wird ausdrücklich wegen ihrer Zuverlässigkeit gelobt, die Notwendigkeit einer neuen jedoch nicht eigens begründet. Wer aber Lassons und Leinkaufs Eindeutschung vergleicht, wird schnell auf spezifische Unterschiede stoßen: Die erste geht, zugunsten der Eindrücklichkeit von Formulierungen, etwas freier mit dem italienischen Original um, die zweite bemüht sich um größte Wortgenauigkeit.

Zwei Beispiele. "Weil sie [die Materie] also entfaltet, was sie unentfaltet enthält, darum muss man sie ein Göttliches, die gütigste Ahnfrau, die Gebärerin und Mutter der natürlichen Dinge, ja der Substanz nach die ganze Natur selber nennen" (Lasson, S. 92). - "Jene [Materie], die das, was sie in sich eingefaltet enthält, auch ausfaltet, sollte demnach als eine göttliche Sache ["cosa divina" steht im Italienischen] bezeichnet werden, als herausragende [vollkommene] Urverwandte, Erzeugerin und Mutter der natürlichen Dinge, ja sogar: als ihrer Substanz nach die ganze Natur seiend" (Leinkauf, S. 217). Der Sache nach gibt es keine gravierenden Unterschiede. An anderer Stelle allerdings spricht Lasson von "Ur-Intelligenz" (S. 108), wo Leinkauf richtiger "erste Intelligenz" [prima intelligenza] setzt. Umgekehrt erleichtert der Lassonsche Umgang mit dem Text manchmal das Verständnis, s. dieselbe Passage: "Daher giebt es eine Stufenleiter der Intelligenzen. Die niederen vermögen eine Vielheit von Dingen nur vermittelst vieler Vorstellungen, Gleichnisse und Formen aufzufassen..." - Leinkauf: "Daher gibt es also eine Abstufung der Intelligenzen: denn die unteren können eine Vielheit der Dinge nur mittels vieler Artgestalten [molte specie], der Ähnlichkeiten und Formen erfassen..." Aber man muss Leinkauf doch wieder Recht geben: "Gleichnisse" für "similitudini" ist zu ungenau.
Nun zu dem von Leinkauf behandelten Grundproblem der Bruno - Forschung. Es wird in der Einleitung zunächst anhand der Schriften Brunos zur Gedächtniskunst – ars memorativa - abgehandelt: "So stehen eben schon in der Pariser Zeit rekonstruierende und verbessernde Auslegungen der sogenannten "lullschen Kunst" (ars lulliana) wie sie in De compendiosa architectura vorliegen, neben einer Schrift wie De umbris idearum, deren Gehalt deutlich über diesen Hintergrund hinaus geht und in der Bruno, obgleich noch fest in der Tradition der durch den Ähnlichkeitsbegriff (similitudo, simile) bestimmten Ontologie stehend, in gewisser Weise Intentionen von Athanasius Kircher und vor allem Gottfried Wilhelm Leibniz vorgreifend, eine Art "semiotisches" kombinatorisches System entwickelt, in welchem ikonische Verweisungszusammenhänge immer konsequenter durch radikal zeichenhafte Beziehungen ersetzt werden: ein Bild soll nicht selbst für ein Bild, sondern für eine Kombination von Buchstaben oder Charakteren stehen. Ähnlichkeitsbilder werden durch (willkürliche) Zeichen, analoge Strukturen durch digitale ersetzt, wie letztlich in der ars characteristica von Leibniz. Dabei gilt: das, was im Zeichen gemeint ist oder worauf es verweist, seine Bedeutung, steht in keiner Ähnlichkeitsbeziehung mehr zu dem, was es bedeutet..." (S. XX ff)
Was aber bedeutet hier Ähnlichkeit? Leinkauf erläutert in einer Anmerkung zu Nicolaus Cusanus: "Man darf allerdings diesen - letztlich platonischen - Begriff von ›Ähnlichkeit‹ nicht mit einer nur formalen oder abbildhaften Ähnlichkeit gleichsetzen; vielmehr meint ›Ähnlichkeit‹ hier, wie man besonders am Denken des Cusaners (und an dem des Proklos, von dem er ausgeht) sehen kann, strukturelle und dynamische Ähnlichkeit oder Gleichförmigkeit, die durchaus ›hinter‹ einer äußerlichen Form- oder Gestaltunähnlichkeit anzusetzen ist" (S. XXI). Vermutlich ist das zu neuzeitlich gedacht. Die Ähnlichkeitsbeziehungen alles Seienden, die nach Bruno (vgl. die Rezension zu Bd. 4 der Ausgabe) Grundlage der Möglichkeit magischer Beeinflussung sind, können nicht nur strukturell oder dynamisch verankert sein, sie sind numinos fundiert: Das Unendliche, Unbewegliche ist "ganzer Akt im Ganzen und ganzer Akt in allen Teilen des Ganzen" (S. 241), deswegen partizipiert jedes einzelne Ding, "da es in sich das hat, was alles in allem ist", an der Weltseele (S. 237); dieser Gedanke wird zu einem überraschenden Schluss geführt: "Indessen weiß ich, dass Ihr vor Augen habt, wie jede dieser unzähligen Welten, die wir im Universum sehen, in letzterem nicht so sehr wie in einem sie enthaltenden Ort, wie in einem Zwischenraum oder Raum ist als vielmehr wie in einem umfassenden, bewahrenden, bewegenden, bewirkenden Ort: dieser wird in seiner Ganzheit von jeder dieser Welten wiederum so umfasst, wie auch die Seele in ihrer Ganzheit von jedem Teile dieser Welt umfasst wird" (S. 239).
Das unendliche Universum ist ein numinoser "Ort" und in jedem Raumteil ganz anwesend, wie es auch wieder von dessen Ausfaltung umfasst wird. Es gibt einen untrennbaren Zusammenhang zwischen den Prinzipien von Ein- und Ausfaltung, von Einheit und Gegensatz: "Der Substanz und der Wurzel nach sind also Liebe und Hass, Freundschaft und Streit eine identische Sache. [...] Aber weswegen glaubst Du denn wohl, dass dies sich so verhält, wenn nicht deswegen, weil das Prinzip des Seins dieser beiden Gegenstände ebenso [ein] Eines ist, wie das Prinzip des Begreifens der beiden, und weil daher die Gegensätze ebenso in Bezug auf ein einiges Substrat existieren, wie sie auch von einem identischen Sinne wahrgenommen werden? [...] Zum Schluss also: Wer die größten Geheimnisse der Natur erkennen will, der soll die kleinsten und größten Zustände von Gegensätzen und Gegenteilen untersuchen. Zur tiefen Magie gehört das Wissen darum, wie man, nachdem man den Punkt der Vereinigung gefunden hat, [aus diesem] den Gegensatz hervorgeholt" (S. 263).
Der genannte Zusammenhang impliziert folglich, dass in jedem besonderen - ausgefalteten - Ding sein in höchster Einfaltung existierendes Wesen enthalten ist (aber natürlich nicht wie ein Ding in seiner Schachtel); im Vielen dieses Eine sehen zu können, ist höchste Erkenntnis und Bedingung wahrer Glückseligkeit: "Das höchste Gute, das am meisten Erstrebenswerte, die höchste Vollkommenheit, die größte Glückseligkeit bestehen in der Einheit, die das Ganze einfaltet. Wir freuen uns an der Farbe, aber nicht an irgend einer entfalteten, sondern am meisten an einer [Farbe], die alle Farben in sich einfaltet" (S. 263).
Die Essenz des Universums ist und ist nicht gleichbedeutend mit dem Einen schlechthin, das noch einmal alles dem Menschen Zugängliche und Erkennbare überragt. Leinkauf differenziert völlig zu Recht: "Dabei muss, dies ist die These dieser Interpretation, unterschieden werden zwischen der [1] absoluten Einheit des ersten, höchsten Prinzips (das Bruno auch als ›das Eine‹ bezeichnet), der [2] ebenfalls "unteilbaren" Einheit, die den relativen Prinzipien Gott, (Welt)Seele und Materie zukommt, und der [3] Einheit, die, als Universum, die lebendige, dynamische Explikation der herausgehobenen Einheit ist" (S. LXXIV). So gilt: "Im Universum ist die Äquiponderanz der Grundfaktoren zwar realisiert, aber nur, sofern man das Ganze in Anschlag bringt; sie ist nicht in gleicher absoluter Weise auch in allen Teilen des Universums realisiert" (S. LXXXIX). Leinkaufs Resümee jedoch scheint problematisch: "Dass dieses Eine sich gleichsam nicht auf seinen eigenen Rücken schauen kann [gemeint ist "das hervorgegangene Eine"] und die andere Seite seiner eigenen dupliken Natur nicht erfassen kann - dies kann eigentlich nur eine gleichsam ›äußere‹ philosophische Reflexion tun - [...] rückt das Gewicht des unreflektierten Seins im hervorgegangenen Einen selbst vor das des Denkens und der (Selbst-)Reflexion..." (S. CIV).
Aber eine "äußere" philosophische Reflexion wäre nach Bruno eine gänzlich uninspirierte; sie hat in seinem System keinen Platz. Allerdings bleibt in seinen Schriften das Verhältnis des höchsten, unerkennbaren, Einen, des eingefalteten Universums, der Weltseele und der Materie, sowie der "dynamische[n] Explikation der herausgehobenen Einheit" im letzten undeutlich - Leinkauf weist mithin auf eine gewisse Unzulänglichkeit des philosophischen Ansatzes des Nolaners. Sie resultiert jedoch nicht aus einem Mangel an individueller Kompetenz, sondern eignet gerade dem philosophischen Denken erst, sofern es in seine eigene Tiefe vordringt: Eben hier ist keine Eindeutigkeit nach der Maßgabe von Sachaussagen zu finden. In welcher Beziehung das höchste, vom Weltall geschiedene Eine zu diesem steht, eine Frage, die jede mystisch-philosophische Spekulation, bis hin zu derjenigen Schellings, leitet, lässt sich gerade nicht schlüssig beantworten; dennoch ist sie zu stellen nicht müßig. Zunächst wäre schon viel gewonnen, ließe sich die von Bruno beschriebene Relation von Weltseele und Einzelding noch genauer fassen. Was für ihn Gedächtniskunst heißt, fußt auf ihr. Kein Gegenstand und auch kein Zeichen ist nur, was es ist, sondern immer in einer ursprünglichen Verbindung zu dem numinosen Gesetz, das die Strukturäquivalenz von Einheit und Gegensatz in einem "Punkt der Vereinigung" zusammenfasst. Er steuert die Kommunikation auch von Seiendem, das räumlich weit voneinander entfernt ist. Ähnlich ist jedes Ding jedem anderen, auch und gerade in seiner spezifischen Verschiedenheit, weil es im tiefsten mit ihm eins ist und seine Differenz gerade aus solcher Einheit resultiert. Eine Farbe, s. das von Bruno gegebenen obige Beispiel, ist eigentlich Farbe überhaupt oder schlechthin und deswegen in sich auch von ihrem eigenen ursprünglichen Grund unterschieden.
Einheit und Differenz, und ihre Einheit, sind bei Bruno aber nicht wie bei Hegel in einem dialektisch - rationalen Wechselspiel begriffen. Eine Farbe, die "alle Farben in sich einfaltet", ist, durchaus im platonischen Wortsinn, eine Idee. "Idee" meint also, ein numinos-inspiratives Kraftzentrum enthalte, vor aller konkreten gegenständlichen Konfiguration, alle möglichen Formen, in denen das ihm entsprechende Seiende erscheinen kann - dieses "ist", sofern es an jenem partizipiert. Ein Ding kann in solchen Betracht ebensowenig aus sich existieren, wie das Mitglied einer Stammesgesellschaft ohne Teilhabe an seinem Totem. Die Weltseele wäre mithin der Inbegriff, die Essenz solcher Ideen (und schon bei Platon ergibt sich daraus das Problem, wie deren Vielheit mit ihrer höchsten Einheit vereinbart werden kann). Sie entlässt eine unendliche Anzahl von Abbildern aus sich, ohne dass sich dadurch ihre Substanz verringerte.
Ein solches Denken fußt auf den sympathetisch-analogischen Vorstellungen der Renaissance, andererseits ist es doch, in seiner Begründung eines homologen Raumes, wenn auch in einer intrikaten Weise, auf dem Weg in die Neuzeit. Da sich uns heute schier unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg stellen, wollen wir die partizipativen Denkmuster früherer Zeiten nachvollziehen, kommt der Beschäftigung mit der Philosophie Brunos, in der diese sich mit den sich entwickelnden naturwissenschaftlich-logischen der folgenden Epoche verbinden, eine Schlüsselrolle zu. Auch der zweite Band der neu erscheinenden Werkausgabe liefert ein verbessertes Fundament für ein vertieftes Studium der italienischen Texte des 1600 auf dem Campo de' Fiori in Rom verbrannten Philosophen. Im Marburger Forum sollen auch die Folgebände der Edition ausführlich vorgestellt werden.
Max Lorenzen