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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 5
Günter Grass: Die Vorzüge der Windhühner
Weil sie kaum Platz einnehmen
auf ihrer Stange aus Zugluft
und nicht nach meinen zahmen Stühlen picken.
Weil sie die harten Traumrinden nicht verschmähen,
nicht den Buchstaben nachlaufen,
die der Briefträger jeden Morgen vor meiner Tür verliert.
Weil sie stehen bleiben,
von der Brust bis zur Fahne
eine duldsame Fläche, ganz klein beschrieben,
keine Feder vergessen, kein Apostroph …
Weil sie die Tür offen lassen,
der Schlüssel die Allegorie bleibt,
die dann und wann kräht.
Weil ihre Eier so leicht sind
und bekömmlich, durchsichtig.
Wer sah diesen Augenblick schon,
da das Gelb genug hat, die Ohren anlegt und verstummt.
Weil diese Stille so weich ist,
das Fleisch am Kinn einer Venus,
nähre ich sie. –
Oft bei Ostwind,
wenn die Zwischenwände umblättern,
ein neues Kapitel sich auftut,
lehne ich glücklich am Zaun,
ohne die Hühner zählen zu müssen –
weil sie so zahllos sind und sich ständig vermehren.
Im Gedicht genügt ein einziges Wort, um aus einem unbeachteten, schwerfälligen Allerwelts-Etwas ein luftiges, leichtes Gebilde zu machen, das so noch niemals gedacht und gesprochen worden ist und sich in seiner poetischen Neuheit für immer einprägt. Günter Grass hat ein solches Wort, ein wirkliches „Zauberwort“, gleich im ersten Gedicht seines ersten Lyrikbands, veröffentlicht 1956, gefunden: „Windhühner“. Es verbindet Phantasievolles mit Handfestem, Nie-Gesehenes und Nie-Gehörtes mit Alltäglichem, Wunderbares mit Konkretem.
In sechs Anläufen zeigt der Lyriker, worin die Vorzüge der luftigen Wesen bestehen: in ihrem Widerstand gegen den Alltag, in ihrer Besonderheit, in ihrer Fülle und Leichtigkeit, in dem, was sie hervorbringen und in dem, was sie für den Lyriker bedeuten. „Weil diese Stille so weich ist, das Fleisch am Kinn einer Venus, nähre ich sie.“ Windhühner „sind agile Geschöpfe, nicht leicht zu fangen und zu fassen, schon gar nicht festzulegen; denn sie sprechen ihre eigene Sprache.“ (Werner Frizen in der neu erschienen dtv-Augabe aller Grass-Gedichte)

Das Gedicht lässt sich als ein Text über Dichtung, über poetische Einfälle und Ideen, über dichterische Phantasie lesen. Es ist das gelassen-selbstsichere Bekenntnis des jungen Autors Grass über die noch ungeahnten und längst nicht entdeckten Möglichkeiten und Weiten seiner dichterischen Imagination: „Lehne ich glücklich am Zaun, / ohne die Hühner zählen zu müssen, – / weil sie so zahllos sind und sich ständig vermehren.“
Das Typische vieler Grassschen Gedichte ist die Verbindung des Dinglichen mit Phantastischem. Im Bild der „zugluftigen“ Windhühner, die „die harten Traumrinden nicht verschmähen“, verwandelt sich das Gegenständlich-Altbekannte zu etwas Poetisch-Surrealem und das Abstrakte wird ganz bildhafte Vorstellung. Es entsteht eine neue über das Vordergründige hinausweisende Bedeutung. – In den ´ Zeichnungen, mit denen Grass seine „Windhühner“-Texte „weiterdichtet“ und illustriert, kommt die Luftigkeit der Gebilde zum Ausdruck. Das „filigrane Geflügel“, wie er es selbst nennt, das der Wind leicht verwehen kann, hat sich als beständiger und unvergänglicher erwiesen, als das die paar Leser in den fünfziger Jahren – nur 700 Bände der „Vorzüge der Windhühner“ wurden bis 1959 verkauft – wohl vermutet haben.
„Gedichte schrieb ich seit eh und je“, so heißt es am Ende der „Zwiebel“-Autobiographie. „Ich schrieb und verwarf sie. Nie hätte ich auf die Veröffentlichung all dessen gedrängt, was mir aus bloßem Schreibzwang unterlaufen war. So selbstsicher ich mich in jungen Jahren auf zukünftigen Spielflächen sah, so gewiß war mir die Unzulänglichkeit aller bisherigen Tintenprodukte.
Erst die in Berliner Luft entstandenen Gedichte waren ganz mein eigen, wollten gesprochen, gelesen, gedruckt werden. Und gleichfalls sind jene Federzeichnungen für jene englische Broschur, die unter dem Titel ´Die Vorzüge der Windhühner´ mein erstes Buch werden sollte, kein illustrierendes Beiwerk, sondern als grafische Fortsetzung und Vorwegnahme der Gedichte zu sehen.“
Günter Grass feierte am 16. Oktober seinen achtzigsten Geburtstag.
Herbert Fuchs