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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 5
STEFAN GEORGE
Nova Apocalypsis
Endchrist endchrist du wurdest zum spott
Statt deiner kommt der fliegengott.
Larven aus faulenden hirnen gekrochen
Sind nun ins leben hereingebrochen
Breiten sich dreist über alle gassen:
»Das reich ist unser: wir kommen in massen.
Der geht noch aufrecht - reisset ihn um
Der hat noch ein antlitz - zerret es krumm!
Der schreitet noch - er schleiche und hinke
Der schaut noch - macht dass er schiele und zwinke!
Kein arm: wir brauchen nur taster und greifer
Kein blut: wir brauchen nur gallert und geifer.
Hinweg mit seelen und höhen und himmeln
Wir brauchen nur staub: wir die kriechen und wimmeln.«
Das Gedicht »Nova Apocalypsis« nimmt in Stefan Georges Werk insofern eine einzigartige Stellung ein, als es in keines seiner Gedichtbücher Eingang gefunden hat. Der Dichter, der die Zerstreuungen des Literaturbetriebs mied, Anthologien als Zeichen solcher Zerstreuung haßte, und der sein Schöpferisches »ohne Rest« einem mit einmaliger Strenge durchkomponierten Gesamtwerk einverleibte, hat hier eine Ausnahme gemacht: er schenkte das Gedicht seinem Freund Karl Wolfskehl, in dessen Buch »Der Umkreis« es 1927 erschien. Der Name Georges wird nicht genannt; die Sonderstellung des Gedichts ist lediglich durch zwei Sterne markiert, die seinen Titel einrahmen.
In der Schroffheit seiner Aussage bietet das Gedicht dem unmittelbaren Verständnis keine besonderen Schwierigkeiten. Unklar ist zunächst, ob mit dem »Endchrist« des ersten Verses der nach dem michaelischen Sieg über den Abgrunddrachen erscheinende Christus Rex gemeint ist, oder nicht vielmehr der zu überwindende Antichrist. Es besteht aber kein Unterschied zwischen diesen beiden Möglichkeiten. Das Reich des Antichrist bricht gerade damit an, daß die verheißene Erlösung zur Phrase, zum dreisten Betrug einer sich in ihrer Unerlöstheit nicht erkennenden Menschheit wird. Der Antichrist parodiert den verheißenen Endchrist. Das so erscheinende Böse wird in der lachhaften, volkstümlich-derben Figur des »Fliegengotts« imaginiert. Nicht nur Christus ist durch den Antichrist, sondern er, der Antichrist selber, ist zum Spott geworden. Hannah Arendts Theorie von der »Banalität des Bösen« vorwegnehmend, läßt George das Böse nicht als Fremdes, Über- oder Untermenschliches in die Menschenwelt einbrechen, sondern als diese selbst auf ihrer niedrigsten Stufe: der heidnischen des reinen materiellen Interesses, der Verfallenheit an die reine Gewalt, des neidischen Kampfes aller gegen aller.
Die »Fliegen«, die ihren Götzen umschwirren, sind als »Larven« aus »faulenden Hirnen« gekrochen und »ins Leben hereingebrochen«, an welchem jene »faulenden Hirne« folglich keinen Anteil mehr haben. Diese »Fliegen«, ihr Abgefallensein vom Leben nicht einsehend, breiten nun »dreist« sich »über alle Gassen« und behaupten, selber das Leben zu sein. Dadurch wird in grenzenloser Perversion das, was man vorher lebendig nennen konnte: der kultivierte, geistbegabte Mensch in seiner Schönheit und Würde, zum Opfer einer Diffamierung apokalyptischen Ausmaßes. Neun der vierzehn Strophen des Gedichts lassen den haßerfüllten Chor der »Fliegen« sprechen, deren Vernichtungswerk am Menschen damit enden soll, daß »Seelen«, »Höhen« und »Himmel« abgeschafft werden, kurz: daß der Bezug des Menschen zur Transzendenz erlischt. Übrig bleibt »Staub«: er genügt denen, die stolz von sich sagen, daß sie »kriechen« und »wimmeln«.
Dem Gedicht ist die Brutalität von Wahrheiten eingeschrieben, die den, der sie ausspricht, zum Unmenschen machen. Als »Überwindung der Phrase« lobte Walter Benjamin solche Unmenschlichkeit an Karl Kraus - möglich, daß diese Äußerung, wie oft bei Benjamin, in George ihren eigentlichen, esoterischen Gegenstand hatte. Daß Wahres über den Menschen, sofern er sich »geistlos« seiner ganzen erschreckenden Natürlichkeit überläßt, in dem Gedicht ausgesagt ist, wird niemand leugnen können, der nicht als grenzenlos naiv sich bezeichnen lassen will. Trivial wäre der Vorwurf des Elitären, der gegen jeden erhoben werden kann, der nicht von anderen sich das Niveau diktieren läßt, auf dem er sich bewegt. Vollends ungerecht wäre, gegen George zu wenden, worin die Härte des Gedichts ihren Grund hat, und was George abzusprechen wir keinen Grund haben: das Schaudern vor der heraufziehenden Inhumanität. Hier spricht nicht die weltfremde Misanthropie des Aristokraten, sondern der klare Blick dessen, der schon viele Jahre vorher, als ganz Deutschland am Weltkrieg sich berauschte, und als noch niemand an die Niederlage glaubte, in seinem großen Gedicht »Der Krieg« nüchtern feststellte, kein Triumph werde sein, nur viele Untergänge ohne Würde. Einzig darin besteht die - auch moralische - Ambivalenz des Gedichts, daß die Wahrheit, die es aussagt, selber die Grenze zur Phrase berührt. Das hat seinen tiefsten Grund in der Unbestimmtheit dessen, was hier als Maßstab auftritt: des Lebensbegriffs. Kein geschichtlicher Vorgang dürfte an ihm gemessen werden, auch nicht unter den »mythischen« Bedingungen der georgeschen Dichtung, wenn er denkerisch nicht einholbar, sprachlich nicht artikulierbar, praktisch nicht assimilierbar wäre. Nur eine Betrachtung von Georges Werk im ganzen und nicht zuletzt auch der Stellung, die das Gedicht in Wolfskehls Buch einnimmt, könnte diese Frage entscheiden helfen.
Timo Kölling