![]()
Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 5
Aus der Füller der Elisabethbücher, die im Zusammenhang mit der 800-Jahr-Feier erschienen sind, sticht dieses schon durch sein Format und die äußere Aufmachung heraus: Es ist eher klein und quadratisch (16 x 16 cm), broschiert, der Einband ist in einer bräunlichen Grundfarbe gehalten, zu dem das Titelbild, eine eher selten gezeigte Holz-Skulptur Elisabeths aus der Werkstatt Tilman Riemenschneiders, gut passt.

Die beiden Herausgeber kommen aus Eisenach; Jutta Krauß ist Leiterin der wissenschaftlichen Abteilung der Wartburg-Stiftung Eisenach. Dass letztere auch eine Schriftsetzerlehre und ein Studium der Polygraphie absolviert hat, kommt der Gestaltung positiv zugute. - So sind die zahlreichen Fotos im Text nur knapp erklärt (was im Text angesichts des kleinen Formats Platz spart); im Anhang sind diese dann stark verkleinert noch einmal abgebildet und ausführlicher zu Inhalt und Ort erläutert. Das erleichtert die durchgehende Lektüre, ohne die Information zu vernachlässigen.
Das Buch erhebt keinen wissenschaftlichen Anspruch; es enthält z. B. kein bibliografisches Verzeichnis der wesentlichen Quellen. Sein Anspruch ist ein anderer: Es nimmt den Leser mit auf eine bebilderte Reise durch das Leben Elisabeths, erklärt und verdeutlicht dieses in seiner historischen Bedeutung, aber auch in seiner Bedeutung für uns Heutige.
Entsprechend diesem Anspruch, dem Leser die Lebensorte der Heiligen nahe zu bringen, ist auf der Innenseite des Umschlags vorn eine Karte zu Elisabeths Lebens eingefügt, die einen groben Überblick bietet, während an entsprechender Stelle hinten die Stationen des Kreuzzugs abgebildet sind, auf dem Landgraf Ludwig den Tod gefunden hat.
Im Buch selbst überwiegen die ungewöhnlichen Fotos (ca. 150 Seiten Fotos stehen knapp 50 Seiten Text gegenüber), die neu für dieses Buch aufgenommen wurden. Sie illustrieren den Text, regen zur Meditation, zum Sich-Versenken, zum Assoziieren an. Diese Bildmaterial trennt die einzelnen Kapitel voneinander: Landschaftsaufnahmen der ungarischen Heimat, der Wartburg, anderen Orten in Thüringen, Aufnahmen aus Süditalien und schließlich Marburg. Auch wenn man vieles kennt, wird durch die neue Perspektive der Blick geweitet. Hinzu kommen Fotos der zeitgenössischen Bauwerke - Burgen, Kirchen, Klöster - und verschiedenartigster Personendarstellungen. Dabei wird Altes und eher Modernes wie die Fresken Moritz von Schwinds von der Wartburg oder die Wandgemälde aus der Alten Aula in Marburg mit Ausschnitten aus einem mittelalterlichen Gobelin, den Glasfenstern der Elisabethkirche oder Bildern und Skulpturen aus dem Spätmittelalter und aus allen Teilen Europas bunt gemischt. Es geht den Verfassern um unseren Blick auf Elisabeth, und der ist eben geprägt von den Kunstwerken aus den letzten 700 Jahren.
Der Text will nicht alles erklären, sondern "lässt den Nebel zu, den das ferne Mittelalter allem ausgebreiteten Wissen zum Trotz behalten wird". (S. 10) Dennoch beansprucht er, "zum eigenen Versuch des Annäherns [zu] ermutigen an das, was wie eine Legende erscheint, als wirklich gelebtes Lebens zutiefst befremdet, und dennoch einen inneren Zusammenhalt der Menschheit ausmacht". (S. 11)
In jeweils kurzen Kapiteln - zwei bis drei Seiten - geht die Verfasserin auf die einzelnen Aspekte des Lebens Elisabeths ein: Die Familie in ihrer Verzweigung, das ungarische Königshaus, die thüringischen Landgrafen, der politische Hintergrund des Ehekontrakts zwischen Ungarn und Thüringen, das "exotische Königskind" (S. 47), die Ehe, die Politik ihres Gatten und sein Tod, die Armutsbewegung der Franziskaner, Elisabeths Lage nach Ludwigs Tod, das Marburger Hospital und das Bild Elisabeths, wie es sich nach ihrem Tod entwickelt hat.
Die Knappheit der Texte hat allerdings einen Nachteil: Sie setzen historische Grundkenntnisse der Zeit und der wesentlichen Herrscher-Gestalten voraus. Wer von den historischen Zusammenhängen keine Ahnung hat, also mit Begriffen wie "Arpader" oder "Ludowiger" nichts anfangen kann, dürfte einige Verständnisschwierigkeiten haben. So wären Sacherklärungen im Anhang hilfreich gewesen.
Denn die Verfasserin erzählt ja nicht einfach das Leben Elisabeths nach, sondern verdeutlicht mit wenigen kurzen Erläuterungen die historischen Perspektiven der einzelnen Lebensabschnitte Elisabeths: Die Frag-Würdigkeit des Geburtsdatums und des Geburtsortes, die politischen Kämpfe im Königreich Ungarn und dessen geopolitische, aber auch kirchenpolitische Bedeutung im Mittelalter gehören dazu. Immerhin zählten zu Elisabeths Verwandtschaft hohe Kirchenvertreter, auch mehrere Heilige. Der Hinweis, dass Elisabeth über diese Zusammenhänge allenfalls aus Erzählungen wissen konnte, relativiert abschließend die Bedeutung dieser Vorfahren für Elisabeths persönliche Entwicklung.
Ebenso knapp wird auf die Bedeutung des thüringischen Herrschergeschlechts eingegangen, das mit den Staufern durch eine Ehe verbunden war und das durch sein Mäzenatentum in die Literatur (und die Oper) eingegangen ist. Die Schattenseiten der skrupellosen Machtpolitik dieses Herrschergeschlechts werden abschließend nicht unterschlagen.
Erläutert wird, welches politische Kalkül hinter der Teilnahme Ludwigs am Kreuzzug gestanden hat - der Ehemann Elisabeths wird als Machtpolitiker dargestellt, weniger als frommer Gatte, der in der Heimat auch mit Gewalt seine Interessen durchgesetzt hat. Umso erstaunlicher erscheint es dann, dass er die Lebensmaximen seiner Frau nicht nur geduldet, sondern auch unterstützt hat.
Die Entscheidung Elisabeths, sich nach dem Tod ihres Gatten völlig der franziskanischen Armutsbewegung anzuschließen, wird als gradliniger und kompromissloser Weg auf dem Hintergrund der zeitgeschichtlichen Umbrüche eingeordnet. Deutlich wird auch, dass der häufig geschmähte Konrad von Marburg Elisabeth ihren Weg erst ermöglicht hat: Weil er ihr ihr Erbe und die Nutzung der Witwengüter der landgräflichen Ländereien um Marburg erkämpfte, konnte Elisabeth ihren Weg gehen - ein Leben im Schatten ohne weitere Wirkungsmöglichkeit wäre für sie die Alternative gewesen. Dass sich Elisabeth Konrad völlig selbständig unterworfen hat - sie hätte ihn problemlos als Beichtvater austauschen können - korrigiert das Bild eines gnadenlosen Sadisten, dem die edle Fürstin hilflos ausgeliefert war.
So entsteht bei aller Kürze das differenzierte Bild einer ungewöhnlichen Frau - auch wenn uns manches an diesem Lebensweg heute verschlossen ist.
Ich habe dieses Buch mit großer Anrührung gelesen: Obwohl man schon alles zu wissen meint, wird alles noch einmal kurz und prägnant zusammengestellt und in der einen oder anderen Weise neu beleuchtet.
Wer also ein schönes Buch sucht, das angenehm in der Hand liegt, um sich in einem ersten Schritt auf Elisabeth einzulassen, ohne sich mit allzu viel wissenschaftlichem Ballast und Zitaten zu befrachten, wer ein ansprechendes Geschenk sucht, um einem interessierten (und etwas vorgebildeten) Leser Elisabeth nahe zu bringen, der ist mit diesem (zudem auch preiswerten) Buch gut bedient.
Regina Neumann