Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 5


 

Mein Buch des Monats Oktober 2007

 

Fritz Stern: „Fünf Deutschland und ein Leben. Erinnerungen“
Aus dem Englischen von Friedrich Griese
Verlag C.H. Beck München 2007, 675 S., ISBN 978 3 406 55811 5, 29,90

Eine Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, dargestellt von einem Historiker: Amerikaner und Deutscher, Zeitgenosse und Zeitzeuge, eng verflochten mit seiner Biographie. Eigentlich sind es sogar sechs Deutschland, die dargestellt sind – auch die Kaiserzeit wird sichtbar im Schicksal der Familien Stern und Brieger in Breslau, von denen im ersten Kapitel „Das Deutschland meiner Vorfahren“ die Rede ist.

Als Motto hat Fritz Stern seinen Erinnerungen den Schluss von Albert Camus „Die Pest“ vorangestellt: den Hinweis darauf, dass der „Pestbazillus“ nie stirbt. Er stellt sich die Frage „Warum und auf welche Weise ist das universelle Potential der  der Menschheit zum Bösen in Deutschland Wirklichkeit geworden?“(10) und fährt fort: „Ich erforschte und lehrte die deutsche Geschichte mit amerikanischen Augen für amerikanische Studenten und Leser“. In diesem Band aber geht es um den „Versuch, Erinnerung und Geschichte miteinander zu verschmelzen, jene ungleichen Zwillinge, die einander fördern und gefährden.“(19)

In den ersten Kapiteln stehen die Geschichte der Familie und die eigene Geschichte   deutlich sichtbar in der Analyse des größeren Geschehens – im späteren Verlauf wird der autobiographische Faden dünner, das Persönliche tritt hinter der Arbeit zurück. Diese Einschränkung beginnt nach der Schilderung der Gründung der eigenen Familie und der Lehrtätigkeit an der Columbia University in New York: die Arbeit mit Vorlesungen, Büchern, Vorträgen, politischen Aktionen und ‚dienstlichen’ Reisen bringt Stern viele Begegnungen mit Kollegen, Politikern, Journalisten in Amerika, in Deutschland – die Fähigkeit zur knappen und genauen Charakterisierung des jeweiligen Gegenübers macht einen besonderen Reiz der Erinnerungen dieses engagierten Beobachters aus. Der amerikanische Originaltitel weist zudem weniger aufs Biographische hin als der deutsche: „Five Germanys I have known“

Stern beginnt mit dem persönlichen Bericht „Heimkehr 1979“, den er für seine Kinder Fred und Katherine nach seinem ersten Wiedersehen mit Wroclaw, Breslau schrieb, der Stadt seiner Kindheit, einem Wiedersehen, das ihm nicht leicht gefallen ist. Und er stellt sich nun, Jahre später, die Aufgabe: „Die Geschichte dieser fünf Deutschland kann also gelesen werden als ein Leitfaden für politische und moralische Lehren, als ein Drama des Grauens und der Hoffnung. Denen, die beim Abstieg des letzten Jahrhunderts in ein Inferno zu Opfern wurden, schulden wir ein bleibendes ehrendes Gedenken, eine besonnene Wachsamkeit und das Wissen, dass der Bazillus, der sie tötete, nicht mit ihnen gestorben ist. Camus hatte recht.“(20)

Im ersten Kapitel geht es neben der Familien-Erzählung um die Situation der Juden im Kaiserreich – geradezu beispielhaft: vier Urgroßväter, beide Großväter und der Vater Fritz Sterns waren angesehene Ärzte in Breslau. Sie gehörten zum Bildungsbürgertum, gleichgültig, ob sie konvertiert waren oder nicht. Was sie verband war eine Wissenschaftsgläubigkeit, die sich an dem Goethewort orientierte: „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion; wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion“. (26) Als Beispiel für diese Haltung dient ihm unter anderen Fritz Haber (1886-1934), ein Freund der Großeltern, Chemiker und Nobelpreisträger,  Patenonkel des Verfassers. Dieser kann sich in seiner Darstellung auf die zum Glück in großer Zahl geretteten Familienbriefe stützen – wichtig besonders für den Ersten Weltkrieg, in dem die Sicherheit der Vorkriegszeit für immer verloren geht. Es sind die Briefe seines Vaters aus dem Feld, die die Veränderungen durch den Krieg sichtbar machen.

Das zweite Kapitel „Weimar“ erzählt die Geschichte der Eltern vor dem Hintergrund dieses unruhigen Jahrzehnts vom Schock durch den Versailler Vertrag über das Trauma der Inflation bis zur Geburt des Sohns am 2. Februar 1926. Fritz Sterns Vater wurde Arzt, seine Mutter eine Vorkämpferin moderner Vorschulpädagogik im Sinne der Maria Montessori, was ihm und seiner älteren Schwester Toni gewiss zugute gekommen ist. Für Stern „beschwört [‚Weimar’] zwei gegensätzliche Bilder herauf: das Bild einer Zeit der kulturellen Glanzleistungen, der in allen Künsten triumphierenden Moderne, der radikalen Neuerung in vielen Bereichen, der antibürgerlichen Grenzüberschreitungen – und zugleich das Bild der modernen Demokratie im Todeskampf“. (93) Bald darauf kommt es für den Vierjährigen zu einer ersten einschüchternden Begegnung mit der heraufkommenden Nazi-Zeit; am Strand von Norderney steht ein SA-Mann: „diese Figur, die mit ihrem Gummiknüppel Feindseligkeit und Gewalttätigkeit ausstrahlte, blieb mir dauerhaft im Gedächtnis“. (107) In seiner Zusammenfassung weist Stern darauf hin, dass „Weimar“ sehr unterschiedlich empfunden wurde: Gerade der Fortschritt auf so vielen Gebieten des geistigen und wirtschaftlichen Lebens „beunruhigte Millionen von Deutschen; sie empfanden die Moderne als Bedrohung […] Das ganze revolutionäre Experimentieren zerstörte in ihren Augen die herkömmlichen Bräuche, war das gottlose Werk fremder, kosmopolitischer und jüdischer gewinnsüchtiger Schurken“ (114); die psychische Beunruhigung wird verstärkt durch die   materielle Not in dieser Zeit.

Das Kapitel „Das Dritte Reich“ beginnt mit Überlegungen allgemeiner Art: „In der Auseinandersetzung mit jeder Vergangenheit und besonders mit dieser Vergangenheit müssen wir einer grundlegenden Wahrheit eingedenk sein: Diese Vergangenheit wusste nicht, was wir wissen. Unsere Aufgabe ist, so gut wie möglich zu rekonstruieren, was die Menschen damals erhofft und befürchtet haben, und wir müssen außerdem bedenken, dass die Ereignisse sich mit einem noch nie dagewesenen Tempo überschlugen“. (117) Für Fritz Stern hieß das: „Jetzt erfuhr ich, dass ich kein ‚Arier’ war, ein Begriff, mit dem ich nichts anfangen konnte […] Und nach dem, was ich ringsum sah, beschlich mich das Gefühl, kein Deutscher zu sein…“ (129) Weil die Familie zunächst in Breslau  bleibt, kommt er aus der privaten Vorschule 1936 ins Maria-Magdalena-Gymnasium. Das Bewusstsein,  ausgeschlossen zu sein vertieft sich, der Schulweg wird zum ‚Angstweg’ – und das für zwei lange Jahre. Besonders deutlich wird die Situation in Deutschland schon für den Knaben bei Sommerreisen ins Ausland: 1936 nach Dänemark, 1937 nach Holland und England: der Wunsch, das Land zu verlassen, steigt ebenso wie die Schwierigkeiten für eine Auswanderung. Erst im September 1938 können sich Sterns in Holland zur Fahrt nach New York einschiffen: „Erst später begriff ich, dass die Jahre im Dritten Reich mir meine erste und gründlichste Lektion in politischer Bildung erteilt hatten. Und noch viel später fand ich bei Heine das prägnante Wort für das, was ich gewonnen hatte: ‚Die Freiheitsliebe’, schrieb er, ‚ist eine Kerkerblume’.“ (167)

„Der Terror aus der Ferne“ ist das nächste Kapitel überschrieben: darin wird, eng verbunden mit dem Blick auf das Geschehen in Deutschland,  der Anfang in New York geschildert. Stern schreibt später einmal, sie seien keine Exilanten gewesen, sondern Einwanderer und beschreibt, wie er Amerikaner wurde, was schwer genug war: „Ich erinnere mich an den unbeschreiblichen Reiz der Freiheit und an ihren Preis, die ungeheure Unsicherheit. Wir hatten unvorstellbares Glück gehabt, als wir den politischen Terror gegen wirtschaftliche Armut vertauschten, aber die letztere war fühlbar…“ (171) Stern war damals zwölf Jahre alt und hatte seinen Teil zu übernehmen bei der Bewältigung des Alltags. Und dann der Krieg, in dem die Deutschen rasch zu Herren des europäischen Kontinents wurden – die Sorge um die nach Frankreich Geflohenen, von den Angehörigen in Deutschland gar nicht zu sprechen.

Im Juni 1943 bestand Stern die Abschlussprüfung an der Highschool, ging im Juli auf das Columbia College, wo er das Grundstudium der Columbia University absolvieren konnte – an der Hochschule, die seine zukünftige Wirkungsstätte werden sollte. Zunächst wollte er Medizin studieren, ganz in der Familientradition, doch überwog das Interesse an Literatur und Geschichte – erlebte er diese doch selbst in aller Intensität während dieser Jahre, in denen er oft genug Stellung bezog. Er beginnt Kommentare zu schreiben und bemüht sich, den amerikanischen Kommilitonen etwas davon zu vermitteln, was es bedeutet, frei zu sein – ihnen war das viel zu selbstverständlich. So kommt er unwillkürlich in die Rolle des Lehrenden, die sein ganzes weiteres Leben bestimmt: „Inzwischen fühlte ich mich, obwohl ich feindlicher Ausländer war, ganz und gar als Amerikaner…“ (210) und  er beantragt die Einbürgerung, sowie er 1947 einundzwanzig geworden ist. Nicht lange darauf – seine Lehrtätigkeit ‚in Columbia’ hatte bereits begonnen, heiratete Stern Peggy Bassett, eine Studienkollegin seiner Schwester, Assistentin seiner Mutter, die in einem eigenen Kindergarten deren Theorien erprobte. Stern schreibt: „Zwischen 1945 und 1949 wurde ich amerikanischer Bürger, Lehrer, Ehemann und Vater, und es entstanden meine engsten Freundschaften mit Amerikanern, während ich mir zugleich sowohl beruflich als auch persönlich meines europäischen, wenn auch nicht speziell deutschen Erbes immer stärker bewusst wurde“: (219)

Das gehört schon in das folgende Kapitel: „Als es kein Deutschland gab“. „Aus der endlich besiegten deutschen Gefahr wurde die deutsche Frage“. (214) Wohl war Sterns politisches Interesse daran wach, aber den geschlagenen Deutschen gegenüber überwog ein gewisses Maß von Gleichgültigkeit – zu erschreckend waren die Enthüllungen über den Völkermord an den Juden, den im vollem Ausmaß niemand für möglich gehalten hatte. „Während alles Deutsche in den Jahren 1945 bis 1949 eine Zeitlang an Bedeutung für mich verlor, wuchs meine Bindung an Europa“ (225), und so stellt Stern die Entwicklung jener Zeit unter dem erweiterten Gesichtswinkel dar. Zugleich arbeitet er an seiner Examensarbeit über Moeller van den Bruck: „Ich lernte, mich auf Ideen in ihrem Kontext zu konzentrieren und sie zu den persönlichen und öffentlichen Erlebnissen der Menschen in Beziehung zu setzen“ (243), was zu seiner bestimmenden Sichtweise wurde.

Das umfangreichste Kapitel seiner deutschen Geschichte widmet der Verfasser der Bundesrepublik: „Neu beginnen“, es umfasst 140 Seiten. Gerade wenn man diese Phase selbst miterlebt hat, liest man es mit großem Gewinn und ist entsetzt, wie viel man inzwischen nicht mehr weiß! Stern erörtert das Geschehen, dessen Zeuge er auf verschiedenen Reisen wurde, unter amerikanischen Gesichtspunkten – diese Verfremdung schärft ihrerseits den Blick des Lesers für das scheinbar Vertraute. Näher geht er z. B. auf die Gründung der Freien Universität in Berlin ein, an der er 1954 eine Gastprofessur innehatte. Während eines Forschungsaufenthaltes in Stanford gewinnt er Ralf Dahrendorf zum Freund: „Freundschaften mit Deutschen hatten mir bereits eine Brücke gebaut zu einer erneuten gründlicheren Beschäftigung  mit dem deutschen Leben“ (287). Damals entstand seine Untersuchung „Kulturpessimismus als politische Gefahr“. In den folgenden Jahren beschäftigten den Verfasser seine umfassenden Vorarbeiten zu dem großen Werk „Gold und Eisen. Bismarck und sein Bankier Bleichröder“, das erst nach 16 Jahren erscheint. Das Aufspüren der Quellen liest sich wie eine Kriminalgeschichte. Damals verbrachten die Sterns ein glückliches Jahr in Paris.

Sehr intensiv setzt sich Stern – von einem längeren Forschungsaufenthalt in Oxford zurückgekehrt – mit dem Vietnamkrieg und den Studentenunruhen auseinander. Auch hier ist die Zusammenschau von Ereignissen in Amerika und Europa aufschlussreich. Er selbst war vielfältig gefordert von der Entwicklung an der Columbia University. Seine Zusammenfassung lautet: „Manche sehen das mythische Jahr 1968 als ein Jahr unverzeihlicher Gewalt, andere als das Jahr, in dem verkrustete Institutionen endlich in Frage gestellt, in dem Heuchelei und unverzeihliches Schweigen aufgedeckt wurden. In beiden Beurteilungen steckt etwas Wahres.“ (332)

Die Darstellung der deutschen Geschichte setzt sich fort in den Kapiteln „Das vierte, vergessene Deutschland“, das der DDR gewidmet ist, mit der Betrachtung „Deutsche Themen in fremden Ländern“, dem Problemkreis „Die Wiederkehr der deutschen Frage“ und schließlich dem letzten: „Das geeinte Deutschland: eine zweite Chance?“ In diesem letzten Teil nimmt Stern seinen autobiographischen Faden noch einmal wieder auf, spricht von seiner zweiten Ehe mit Elisabeth Sefton, der Tochter des Theologen Reinhold Niebuhr, von seiner schweren Erkrankung und dem Herzinfarkt, den er glücklich überstand. Als einen Höhepunkt empfindet man dann die Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Fritz Stern im Jahr 1999 mit seiner großen Rede in der Paulskirche (648).

Ein Bildteil ergänzt die Darstellung – hier sieht man auch die Freundschaften Sterns, auf die nicht näher eingegangen werden konnte, vor allem die mit der „Gräfin“, mit Marion Dönhoff.

Dieser nicht nur überaus reichhaltige, sondern auch niemals langatmige oder eintönige Gang durch die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts, gespiegelt im Leben und im Lebenswerk eines bedeutenden Historikers, bietet ein ungewöhnliches und höchst bereicherndes Leseerlebnis.

Renate Scharffenberg

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