Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 5


 

Matthias Glaubrecht, Annette Kinitz, Uwe Moldrzyk: Als das Leben laufen lernte. Evolution in Aktion, München/Berlin/London/New York: Prestel, 2007. 248 Seiten, ISBN 978-3-7913-3856-9, 29,95 €

Seitdem einige Säle des Berliner Naturkundemuseums neu renoviert sind, wartet auf den Besucher des traditionsreichen Hauses gleich zu Beginn Nervenkitzel pur: Durch die Glasscheibe ragt der Kopf eines Allosaurus fragilis in das Foyer herein und scheint einen verschlingen zu wollen. Bei näherem Hinsehen entdeckt man jedoch, dass es sich bloß um Pappmaché handelt, dass der Körper des Ungetüms vollständig skelettiert ist und der echte Schädel friedlich im Saal auf dem Boden liegt. Diese Art der Inszenierung war unter den Ausstellungsmachern umstritten, eben weil es sich um eine Inszenierung handelt. Schließlich weiß niemand genau, wie sich die Muskeln der Vorzeittiere auf den Knochen verteilten und welche Farbe ihre Haut hatte. Um zu unterstreichen, dass es sich hier nicht um die Präsentation gesicherten Wissens handelt, wurde der modellierte Kopf aus dem Dinosauriersaal ins Foyer verbannt.

Dass die neue Präsentation so viel Wert auf die Trennung zwischen gesichertem Wissen und freier Spekulation legt, lässt für das als Begleitband zur neuen Ausstellung konzipierte Buch „Als das Leben laufen lernte“ hoffen. Eine grundnüchterne Herangehensweise an die Frage nach dem Ursprung des Lebens ist nämlich dringend geboten, weil sie seit Darwins Lebzeiten immer aufs Neue zum öffentlichen und emotionsgeladenen Streitthema geworden ist. Dabei geht es nicht nur um die Frage nach dem Verhältnis zwischen Glauben und Wissenschaft, sondern auch um Fragen von Leben und Tod: Ob man beispielsweise Abtreibung und Euthanasie befürwortet oder nicht, kann abgeleitet werden aus der Haltung zur Ursprungsfrage, wie Schmidt-Salomon in seinem „Mainfest des evolutionären Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße Leitkultur“ eindrucksvoll und furchteinflößend vorexerziert hat. Die Ursprungsfrage hat also Weiterungen, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind.

Großformatig, farbig bebildert und insgesamt prächtig ausgestattet, macht das Buch Appetit auf naturwissenschaftliche Forschung und darauf, das Museum einmal persönlich in Augenschein zu nehmen. Doch die durch die faszinierende Ausstellung und die schöne Aufmachung geweckten Erwartungen an das Buch werden enttäuscht; sein Inhalt bleibt weit dahinter zurück. Und dann entpuppt sich bei näherem Hinsehen auch die attraktive Ausstattung des Buches als ein Mangel: Die verwendete Schrift ist zwar sehr modern, hochwertig ausgearbeitet und von schöner Anmutung, lässt sich aber schlecht lesen; sie ist für den Mengensatz nicht geeignet, weil sie dem Leser zu viel Aufmerksamkeit abnötigt.

Das Buch, an dem noch weitere Autoren als die auf dem Titel erwähnten mitgearbeitet haben, ist in vier Abschnitte unterteilt:

Im ersten geht es um die Geschichte des Hauses. Dass sich das Museum selbst zum Thema macht, ist nicht selbstverständlich und deshalb einer Hervorhebung wert. Viel zu oft wird verkannt, dass Forschung nicht im luftleeren Raum stattfindet, sondern eingebunden ist in ein Netz von sozialen Beziehungen und institutionellen Arrangements, das wiederum ihre Methoden und Ergebnisse prägt. Was einzelne bedeutende Forscher wie Leopold Freiherr von Buch, Erwin Stresemann oder Ernst Mayr im Verlauf der fast zweihundertjährigen Museumsgeschichte herausfanden und wie sie dazu beigetragen haben, dass das Haus zu einer der weltweit führenden Forschungseinrichtungen geworden ist, darüber erfährt man einiges.

Informativ ist auch der Artikel über die Grabungsstätte im ostafrikanischen Tendaguru, wo zwischen 1906 und 1913 zahlreiche Exponate gefunden wurden, die nun das Berliner und andere Museen schmücken. Leider werden die zeitgeschichtlichen Umstände ausgespart; das Wort „Kolonialismus“ taucht nicht auf. Noch ärger wird es bei der Überblicksdarstellung über die Geschichte des Museums, die lediglich aus einer oberflächlichen Aneinanderreihung von Daten besteht und ebenfalls entscheidende Umstände ignoriert: Eine „Gleichschaltung“ hat es unter der NS-Diktatur offensichtlich nicht gegeben; und dass es nach dem Krieg Repressionen und Beeinträchtigungen durch die SED-Diktatur gegeben haben könnte, muss man mit viel Mühe dem Subtext entnehmen.

Die Artikel der beiden folgenden Abschnitte „Vom Werden und Vergehen“ und „Wandel des Lebens“ informieren die interessierte Leserin sicherlich gründlich und zuverlässig über Korallenriffe und Meteoriteneinschläge, die ersten Spuren des Lebens auf der Erde und die durch die Plattentektonik ausgelösten Vulkanausbrüche und Erdbeben. Die Artikel sind recht trocken geschrieben – ein Umstand der durchaus vernachlässigt werden kann. Unangenehmer fällt auf, dass die Autoren hin und wieder etwas bemühte Vergleiche und unglückliche Analogien verwenden. Wenn man davon absieht und davon, dass die Artikel etwas unverbunden aneinandergereiht sind und man sich fragt, nach welcher Logik sie platziert wurden, ist sicherlich nichts gegen sie einzuwenden. Problematisch ist also vor allem die Buchkonzeption: Die Auswahl der Kapitel wirkt willkürlich, erratisch. Vielleicht ist sie dem Umstand geschuldet, dass das Buch die Ausstellung ergänzen soll, die natürlich einer anderen Logik folgt als ein klassischer Sammelband.

Der vierte und letzte Abschnitt widmet sich ausdrücklich dem kontroversen Thema Evolution. Insbesondere das Kapitel „Geheimnisse der Evolution: Was Darwin gerne gewusst hätte“ klingt vielversprechend. Hier bestünde die Chance, selbstreflexiv die Grundlagen des eigenen Denkens zu überprüfen, Vorannahmen offenzulegen und mit empirischen Befunden abzugleichen. Leider geschieht nichts dergleichen. Zwar wird in dem Kapitel „Höhepunkte der Evolution“ eingangs Poppers Diktum vom „Elend des Historizismus“ erwähnt (S. 179), aber dabei bleibt es auch. Welche Folgen das von ihm angesprochene Problem – niemand ist je dabeigewesen – für die Forschung hat, bleibt unerörtert und wird durch Phrasen ersetzt. Nachdem etwa die Autoren eingeräumt haben, dass auch sie lediglich Wahrscheinlichkeiten bezüglich der Entstehung des Lebens angeben können, fahren sie fort: „Aber je mehr möglichst unabhängig gewonnene Fakten für eine Theorie sprechen, desto wahrscheinlicher ist es, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Immer wieder sorgen spektakuläre Fossilfunde dafür, dass sich unsere Einsichten in den Verlauf der Evolution wesentlich erweitern.“ (S. 179) Und beenden den Artikel mit der Bekräftigung: „Bis heute beweist die Evolution dabei immer wieder ihr schöpferisches Potential, dem die Natur viele Höhepunkte verdankt.“ (S. 192)

Im folgenden Artikel „Geheimnisse der Evolution“ wird der Zweifel, der soeben souverän beiseite gewischt worden ist, erneut thematisiert. Denn so gesichert, wie viele Evolutionsbiologen behaupten, sind die Erkenntnisse der Wissenschaft offensichtlich gar nicht. Drei Fragen seien bislang noch nicht beantwortet, wie Autor Glaubrecht berichtet, obwohl man doch eigentlich etwas anderes erwarten könnte, wie er selbst eingesteht: „Verblüfft müssen wir festhalten, dass sich all diese Fragen bisher einer befriedigenden Antwort entziehen.“ (S. 202)

Erstens entdeckten die Wissenschaftler fast täglich neue Arten und kämen mit ihrer Beschreibung kaum hinterher. Man schätze, dass es 13-30 Millionen Arten gebe, darunter viele, die erst durch die Untersuchung ihres Erbgutes erkennen ließen, dass es sich um eigenständige Arten handele. Zweitens wisse niemand genau, was das überhaupt sei: eine Art; es gebe mehrere konkurrierende Vorstellungen und Begriffe – und das, obwohl der „Begriff oder das Konzept der Art insbesondere auch für die Evolutionsforschung von fundamentaler Bedeutung“ sei (S. 208). Für Glaubrecht indes kein Problem; es sei der Begriff zu bevorzugen, der auf das „tatsächlich überprüfbare Kriterium der Fortpflanzungsgemeinschaft bzw. der reproduktiven Isolation“ abhebe, denn es habe sich „vielfach bewährt.“ (S. 209) Allerdings könne man dieses Konzept nicht auf ausgestorbene Arten anwenden, sondern nur auf gegenwärtig beobachtbare. Drittens erwähnt Glaubrecht das Problem der Artbildung, die man allerdings inzwischen weitgehend verstanden habe, auch wenn manches Detail noch diskutiert werde. Jüngere Forschungen hätten ergeben, dass nicht nur geografische Schranken entscheidend für die Neubildung von Arten seien, sondern auch Fortpflanzungsbarrieren innerhalb einer Art. Die Artbildung verlaufe teilweise so schnell, dass man sie beobachten könne, zum Beispiel bei Buntbarschen; man könne „der Evolution in Aktion also gewissermaßen über die Schulter schauen.“ (S. 210)

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Man weiß nicht, wie viele Arten es gibt und was Arten überhaupt sind, aber man kann Artbildung live beobachten. Wie die heute bestehenden Arten entstanden sind, ist zwar mit diesem Konzept eingestandenermaßen nicht zu klären, aber man ist hoffnungsvoll: Dank „der Entwicklung moderner molekulargenetischer und entwicklungsbiologischer Methoden dürfen wir hoffen, den wahren Geheimnissen des Lebens näher zu kommen und die Darwinsche Frage nach dem Ursprung der Arten schließlich beantworten zu können. Bislang hat sich jeder wissenschaftliche Erkenntnisgewinn nahtlos in das Darwinsche Gedankengebäude eingefügt. Unstrittig ist vor allem eines: über eine plausiblere Erklärung als die Evolutionstheorie Darwins verfügen wir nicht.“ (S. 211) Wie sich nun aus einem Buntbarsch ein Vogel – also der Artensprung, um den es im Kern bei jeder Auseinandersetzung um „Evolution“ geht – entwickeln soll, bleibt allerdings unklar. Vor dem Hintergrund derartiger Begriffshudelei wirkt das von Kreationisten und ID-Forschern propagierte Grundtypenmodell geradezu plausibel.

Ein Problem, das sich durch alle Aufsätze zieht, ist die Sprache. Dabei soll nicht gemeckert werden über schlichte Subjekt-Prädikat-Objekt-Konstruktionen oder staubige Trockenheit der Darstellung. Was einen stutzen lässt, ist, wenn die Autoren bei der Beschreibung von Naturphänomenen auf Begriffe der menschlichen Wirklichkeit wie „Unterwasserstadt“ (S. 95) oder „Rüstungsspirale“ (S. 109) zurückgreifen. Glauben sie, durch Verwendung dieser Terminologie besser verstanden zu werden? Man könnte über diese Anbiederungsversuche an das Laienpublikum hinwegsehen, wenn nicht ein Weiteres hinzukäme: der immer wiederkehrende Versuch, Kausalitäten herzustellen, Erklärungen zu liefern und eben nicht-biologische Begrifflichkeiten auf biologische Tatbestände anzuwenden, anstatt es bei der bloßen Beschreibung von Naturphänomenen zu belassen. Außerdem fällt bei der Lektüre immer wieder auf, dass der Begriff „Evolution“ mindestens in zweifacher Bedeutung verwendet wird; eine davon ist korrekt: als Bezeichnung eines Interpretationsschemas. Die andere ist unklar und vermutlich einfach nur „falsch“. Was ist zum Beispiel damit gemeint, wenn „der Evolution“ Subjektqualitäten zugesprochen werden (S. 174)?

„Der Stil erhält die Schönheit vom Gedanken“, sagt Schopenhauer. „Ist doch der Stil der bloße Schattenriss des Gedankens: unordentlich oder schlecht schreiben, heißt, dumpf oder konfus denken.“ Welches Denken steckt hinter einer Formulierung wie dieser: „Die Jurakorallen waren also überaus experimentierfreudig, um möglichst viele Lebensräume besiedeln zu können.“ (S. 98)? Kann man denn das überhaupt sagen: dass diese Jurakorallen „überaus experimentierfreudig“ waren? Haben sie verschiedene Optionen gewogen und schließlich nach gründlichem Nachdenken eine Entscheidung getroffen? Was ist weiterhin von der Wendung „... um ... zu ...“ zu halten? Sie ist verräterisch, offenbart die Denkungsart des Autors: Er gibt sich nicht damit zufrieden, die rezente Welt zu beschreiben und zu deuten. Das ist ein zentraler Fehler, im besten Fall ein Missverständnis, denn die Natur kennt keine Motive, keine Moral, hat keine Ziele. Wenn man Evolution „erklären“ möchte, schwingt immer die Gefahr einer Rechtfertigung mit – in diesem Fall die Rechtfertigung menschengedachter, auf die Natur projizierter Ideologien, weil die Natur selbst ja keine hat.

Ein dickes Malus erhält das Buch, weil sich die Autoren immer wieder unsachlich und polemisch zum Kern der Auseinandersetzung zwischen Darwinisten und Kreationisten äußern: der Stellung des Menschen in der Welt. Den Menschen „entlarvte“ Darwin nämlich, wenn man den Ausführungen folgt, „als nur mehr arrivierten Affen und keineswegs als Krone der Schöpfung“ (S. 55), er wird ganz allgemein zum Tier erklärt („Dazu gehören beinahe alle Tiere (inklusive uns Menschen) ...“, S. 103) bzw. zum Wirbeltier mit „fischähnlichen Ahnen“ (S. 181). Kurzum: Der Mensch ist „zweifelsohne kaum mehr als eine evolutive Eintagsfliege mit äußerst begrenzter Haltbarkeitsdauer“ (S. 192), die „nicht die vielbeschworene Krone der Schöpfung ist, sondern nur als ein arrivierter Affe erscheint.“ (S. 196) Erstaunt stellt Museumsdirektor Leinfelder im Vorwort „fest, wie kritisch die Evolutionstheorie immer noch gesehen wird.“ Aber ist die verbreitete Abneigung gegenüber der Evolutionstheorie angesichts der gebetsmühlenartig vorgetragenen Behauptung, dass der Mensch keine Sonderstellung in der Welt innehabe, nicht sogar verständlich?

Summa summarum ist eine zumindest zwiespältige Bilanz zu ziehen. Einerseits macht die Ausstattung des Buches Freude, und sicherlich haben Koryphäen wertvolle Beiträge geliefert. Leider beschränken sie sich nicht auf das, was sie am besten können, sondern sie wollen mehr: die Welt erklären, den Sinn des Lebens herausfinden. Dagegen ist im Grundsatz nichts einzuwenden, hat doch jeder das Recht auf eine eigene Meinung. Allerdings treten sie ausdrücklich als Wissenschaftler in Erscheinung, als Repräsentanten einer bedeutenden Forschungseinrichtung. Und in dieser Funktion begehen sie eine Grenzüberschreitung, und dass sie sie systematisch begehen, merkt man den Artikeln auch an. Dabei gerieren sie sich – wie so viele Evolutionsbiologen, womöglich von ihnen selbst unbemerkt –, als handele es sich bei ihren Meinungsäußerungen um die letzte wissenschaftliche Instanz. Dass ihnen durch ihre Selbstgewissheit die Wissenschaftlichkeit abhanden kommt, das bemerken sie dabei nicht.

Den Autoren ist teils ausgesprochen daran gelegen, den Menschen zu entwerten; auf der Basis ihrer naturalistischen Weltanschauung weisen sie ihm einen Platz neben den Tieren zu, entthronen ihn. Es stimmt schon: Darwins Theorie vom Ursprung der Arten ist, wenn sie wahr wäre, eine Demütigung, und die Autoren tun alles dafür, sie für wahr auszugeben. Dass sie sich damit auf ein gefährliches Terrain begeben, bemerken sie nicht. Wie andere Vertreter ihres Faches auch dekonstruieren sie damit nämlich auch Menschenrechte, Zivilisiertheit und Humanität, ohne auch nur die Andeutung einer Antwort auf die Frage zu geben, durch was sie ersetzt werden könnten. Das Bedrohliche an Büchern wie „Als das Leben laufen lernte“ ist, dass steter Tropfen den Stein höhlt.

Benno Kirsch

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