Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart  Jg. 8 (2007), Heft 6


 

Peter Weiss: Das Kopenhagener Journal. Kritische Ausgabe. Hg. von Rainer Gerlach und Jürgen Schutte. Wallstein Verlag, Göttingen 2006. 206 S. ISBN : 978-3-8353-0071-2. Geb. 24,00 €

An einer Stelle seines autobiographischen Romans Abschied von den Eltern (1961) lässt Peter Weiss seinen Ich-Erzähler berichten: »Während ich über meinem Tagebuch brütete, öffnete sich die Tür und mein Vater trat ein. Er sah mich am Schreibtisch hocken, bei irgendwelchen Beschäftigungen an denen er nie teilhaben durfte, er sah, wie hastig etwas in der Schublade verschwand. Was treibst du denn da, fragte er. Ich mache meine Schulaufgaben, sagte ich.« Nimmt man den Satz in Bezug auf Peter Weiss’ Leben für wahr, so bot das Tagebuchschreiben bereits dem Schüler die Möglichkeit, von »andern Mitteln des Ausdrucks« als den gemeinhin üblichen Gebrauch zu machen. Im Tagebuch erforscht der jugendliche und später auch der erwachsene Künstler die Fremdheit seines Ichs gegenüber der Lebenswirklichkeit. Für den Autor Peter Weiss wird aus der irgendwie heimlichen Tagebuchnotiz bald ein schreibend Tätigsein am Arbeitsjournal, die schriftstellerische Arbeit an sich.

Offenbar genügt dem Autor der Wert seiner persönlichen Notizen auch in soweit, dass er sich mehrfach dazu entschließt, im Stil eines Tagebuchs verfasste Texte zur Veröffentlichung zu bringen: so etwa das 1963 im Merkur publizierte Pariser Journal oder Rekonvaleszenz von 1971. Auch der hier besprochene Text erschien auszugsweise bereits 1962 im Jahresring unter dem Titel Aus dem Kopenhagener Journal. Herbst 1960. Es mutet daher kaum ungewöhnlich an, wenn pünktlich zu Peter Weiss’ 90. Geburtstag (8. November 2006) und zu seinem 25. Todestag (10. Mai 2007), mit dem erstmals ungekürzt vorgelegten Kopenhagener Journal, noch ein weiteres Tagebuch – diesmal aus dem Nachlass des Autors – in einer »Kritischen Ausgabe« (so der Untertitel) veröffentlicht wird.

Die beiden Herausgeber des Bandes, Rainer Gerlach und Jürgen Schutte, sind in der Peter-Weiss-Forschung bekannt. Gerlach promovierte mit einer Arbeit über Die Bedeutung des Suhrkamp Verlages für das Werk von Peter Weiss (2005) und Schutte leitete zuletzt, noch bis Dezember 2006, ein an der FU Berlin ansässiges Forschungsprojekt zur digitalen Edition von Peter Weiss’ Notizbüchern (Peter Weiss: Die Notizbücher. Kritische Gesamtausgabe, Digitale Bibliothek Nr. 149, 2006). Im Anhang mit Kommentar und Nachwort zum Kopenhagener Journal ist die Erfahrung beider Forscher spürbar. Sie wird dort zum Gewinn für die Ausgabe. Um »Unmittelbarkeit und Authentizität« des Textes zu erhalten, legten die Herausgeber eine Edition »ohne glättende Eingriffe« vor. Dies ist zweifellos gelungen.

Das von Gunilla Palmstierna-Weiss, der Witwe des Autors, für die Publikation jetzt nach Jahrzehnten freigegebene Tagebuch ist, wie es im Nachwort heißt, ein »Dokument einer existenziellen und künstlerischen Krise«. Es enthält private Aufzeichnungen der Monate Juli bis Dezember 1960, zudem einige Nachträge, die bis in den November 1961 hineinreichen. Für die literaturwissenschaftliche Forschung von Bedeutung sind besonders die Passagen, die im Zusammenhang mit der Publikation späterer Werke von Weiss oder seinem Schreibprozess stehen. So beispielsweise die am 28. Juli 1960 entstandenen Reisenotizen von einer Fahrt nach Hauterives ins Rhône-Tal. Peter Weiss besichtigte dort, zusammen mit seiner Lebenspartnerin, der Keramikkünstlerin Gunilla Palmstierna das ›Palais Idéal‹ des Briefträgers Ferdinand Cheval, ein zwischen 1879 und 1912 errichtetes Monument: »Ein aufgetürmter Termitenbau wie aus Sekreten zusammengeleimt. Steine, Muscheln, Äste, Wurzeln, Moose. Übergossen mit grauem Teig, zerknetet, zerwühlt, überall das Gefühl der Hand, die diese Brocken zusammengefügt hat, Brocken áwieñ mit Speichel getränkt.« (28. Juli 1960)

Der Ort wurde ein »Mekka des Surrealismus« (Mark Polizotti) und gab Weiss die Anregung für seinen Essay Der große Traum des Briefträgers Cheval: »Und in allen diesen Tagen, beim Nachsinnen über das Werk des Briefträgers Cheval, wird das Erlebnis dieser Begegnung reicher und sinnvoller. Ich verändere und erweitere mich an dieser Begegnung, so wie man sich bei den seltenen Begegnungen mit grossen, vollendeten Werken verändert und erweitert.« (28. Juli 1960)

Diverse Passagen des Journals beziehen sich zudem auf eines der Hauptwerke von Peter Weiss, den hier anfangs bereits erwähnten Roman Abschied von den Eltern. Erste Aufzeichnungen zum Roman-Projekt finden sich im Nachlass bereits in Papieren der 1950er Jahre. Nach dem Tod der Eltern – die Mutter verstarb im Dezember 1958, der Vater im März 1959 – und einer sich gerade lösenden, aber noch andauernden Beziehungskrise mit Gunilla Palmstierna, widmet sich der Autor noch einmal konsequent der Arbeit am Manuskript von TEXTUR (so der vorläufige Arbeitstitel von Abschied von den Eltern). Nach seinem deutschsprachigen Debüt Der Schatten des Körpers des Kutschers war TEXTUR das zweite Prosawerk, das dem Suhrkamp-Verlag zur Prüfung vorlag. Sowohl der Verleger Siegfried Unseld, als auch der seinerzeit zuständige Cheflektor Walter Boehlich meldeten jedoch ihre Zweifel am Rohtext an. Bei Peter Weiss’ erstem Besuch im Frankfurter Verlag und der ersten persönlichen Begegnung mit Unseld Mitte August 1960 wurden mögliche Änderungen besprochen, die Peter Weiss wenig später umsetzte. Davon wiederum berichtet sein Tagebuch: »Habe aus der TEXTUR das weggestrichen, was der eigentliche Anlass zum Niederschreiben gewesen war, nämlich alles über die Krise nach dem Bruch mit G. Jetzt steht nur noch die Auseinandersetzung mit den Eltern und der Jugend, als etwas in sich Geschlossenes da. Die Aussagen über meine Beziehung zu G waren nicht klar und fertig genug. Vielleicht sollte man solche Sache nur mit seinem Tagebuch abmachen – aber auch hier kommt man ja immer wieder in den Trieb, Literatur aus allem zu machen.« (27. August 1960)

Im Hause Unselds liest Weiss das noch unpublizierte Arbeitsjournal Bertolt Brechts und resümiert anschließend: »Ging dann, noch benommen vom Einblick in Brechts Aufzeichnungen, die vorläufig, aus Rücksichtsnahme, noch nicht veröffentlicht werden können, hinunter zu den anderen, da waren noch Uwe Johnson und Enzensberger. Warum kann man eigentlich solch ein Werk, nur weil es grosse Wahrheiten über Zeitgenossen aussagt, nicht veröffentlichen. Selbst wenn er Thomas Mann beschimpft und Fritz Lang und anderen ihre Korrumpiertheit vorhält. Selbst wenn die geäusserten Ansichten eines Mannes einen Sturm hervorrufen werden.« (19. August 1960) In diesem Zusammenhang eindrucksvoll ist auch das feinsinnige Gespür des Autors für die Erscheinungen der Anwesenden. Über den Kollegen Uwe Johnson beispielsweise notiert Weiss: »Macht beim ersten Anblick einen verschlossenen, sehr schwedischen Eindruck. Sein Aussehen ganz bäuerlich schwedisch, von seinen Vorfahren her. Schweigend, fast stur, mit rotgebranntem Gesicht und kurzem weissblonden Haar.« (19. August 1960); über Hans Magnus Enzensberger heißt es weiter: »Enzensberger, wie immer, ironisch, spöttisch, ein unruhiger, nervöser Geist, wenig Gespräch mit ihm, doch immer das Gefühl eines Einverständnisses, einer direkten Sympathie.« (19. August 1960); und schließlich über Siegfried Unseld: »Unseld ein Sammler, autoritativ, das tritt auch in der Beziehung zu seiner Frau hervor, typisches deutsches Frauenschicksal, Frau die sich opfert für Heim und Haushalt, die sich unterwirft und immer den Hausherrn vortreten lässt. Sicher mit eigenen Begabungen, die aber nie zur Sprache kommen und seit langem schon unterdrückt sind. Äusserte einmal, als ich von Gunillas Keramik berichtete, dass sie früher auch mit Ton gearbeitet, doch später nie mehr Zeit dazu gefunden habe. Als ich sagte, sie müsse das fortsetzen, kam nur eine entsagende Erwiderung und etwas Hilfloses in ihre Stimme, sie verblasste gleich neben der kraftvollen, vitalen Erscheinung Unselds.« (19. August 1960)

Einen ähnlich kritischen Tenor wie bei den Gedanken über Siegfried Unselds erste Ehefrau schlägt Peter Weiss an, als er einige Seiten später an seine Mutter, Frieda Weiss, zurückdenkt: »Meine Mutter gab das Theater auf. Das deutsche Frauenschicksal, sich dem Mann zu unterstellen sich vor ihm zu verleugnen. Diese Aufopferung, durch die Erziehung des Vaters, mit der Hundepeitsche, vorbereitet, hat sie schwer zurückbezahlt.« (31. August 1960)

Neben diesen persönlichen Erinnerungen und Eindrücken sowie Aufzeichnungen zu professionellen Belangen, zur Arbeit von Peter Weiss als Schriftsteller und Filmemacher, sind im Kopenhagener Journal diverse Leseeindrücke festgehalten. Darüber hinaus enthält es aufschlussreiche Stellungnahmen des Therapie-Erfahrenen Weiss zur Psychoanalyse: »Psychoanalyse. Ich hörte auf als der Analytiker sagte, vielleicht brauchen Sie gar nicht zu malen oder zu schreiben, vielleicht ist das nur Ihre Neurose, die sich da ausdrückt, und Sie sollten vielleicht einen bürgerlichen Beruf ausführen, und sich anpassen; ist es denn so schlimm, sich anzupassen. Der Analytiker ist eine Instanz in unserer Konsum-Gesellschaft geworden. Er soll uns, gegen Bezahlung, das abnehmen, was uns die Zusammenarbeit mit der Konsum-Gesellschaft erschwert. Unsere psychologischen Normen haben uns weis gemacht, dass wir an unseren Schwierigkeiten leiden. Die wirkliche Heilung können sie nicht zulassen, weil die Psychologie ja auch im Dienst der Gesellschaft steht, die wirkliche Heilung ist nämlich die völlige Anerkennung dieser Schwierigkeiten.« (3. September 1960); oder wenig später »Ich mache an dieser Stelle einen Teil meiner Einstellung zur Psychoanalyse geltend, sehe wohl in den Ereignissen ihrer Forschung eine der wichtigsten Errungenschaften unserer Zeit, halte aber die meisten Analytiker für Gefangene in einer von der Gesellschaftsordnung bedingten Begrenztheit. […] Der Analytiker ist ein objektives Bewusstsein. Der Analytiker macht mich, bei meinen Eröffnungen, auf Nuancen des Ausdrucks aufmerksam, die mir selbst entgehen würden. Seine Wachsamkeit ist schärfer als meine eigene.« (11. Oktober 1960)

All dies zu erfahren war ganz sicher ein Desiderat. Durch die Edition sollten die Wünsche der Peter-Weiss-Leser und Forscher nun mehr als erfüllt sein. Denn als »Tagebuch im engeren Sinne« wie es im Nachwort heißt, stehen auf den Seiten vor allem auch etliche Notizen sehr intimen Charakters. Angefangen bei den Sätzen »Sonntag nacht, den 25 vielleicht ein Kind entstanden. Voll bewusst. In einer Entladung die so stark war, dass sie fast schmerzte.« (29. September 1960); über den detailgenauen Hergang einer Selbstbefriedigung: »Ich halte mein Glied in der Hand, massiere es, in halbschlafendem Zustand. Es wächst auf. Wunsch nach einem Frauenleib. Besser, zu onanieren, als ein Coitus mit einer Frau, die einem gleichgültig ist. Nach der Erleichterung ist man gleich allein, hat nicht erst noch die Umstände des Wegkommens durchzumachen. Ich wische meine Hände und mein Glied mit einem alten, fast <fleckenhaft> verkrusteten Taschentuch ab. Verfallszustände, in denen man sich nicht einmal mehr bemüht, Widerstand zu leisten.« (5. November 1960); bis hin zur abgründigen Schilderung eines Geschlechtsaktes selbst: »Der Depressionszustand, der sich bis gestern Nachmittag erstreckte, begann am 6 November, abends, nachdem Miltred mich besucht hatte. Sie wollte es nicht zum Coitus kommen lassen, wir lagen jedoch entkleidet auf dem Bett, rangen miteinander in hochgradiger Erregung, bis zum Orgasmus, der ein Schmerzkrampf war. Ich hatte das Gefühl des Versackens in geistigem und körperlichem Dreck. Es war mir, als hätte ich jetzt alles zerstört, um dessen Ausbau ich mich seit einem Jahr bemüht hatte. Es war wieder ein totaler Bankrott. Ich war am Tag nahe dran, mit dem Flug nach Stockholm, zu Gunilla, zu reisen. Die Pflichten der Arbeit, am Montagmorgen, hielten mich zurück. In meiner Sexualnot missbrauchte ich eine Frau, die mir nichts bedeutet. Nach dem Orgasmus stiess ich sie von mir.« (12. November 1960)

Vielleicht ist das Kopenhagener Journal gerade wegen dieser unverstellten Offenheit seines Verfassers ein »ergreifendes Dokument«, wie die Herausgeber in ihrem Nachwort schreiben. Und dennoch haftet der erst durch die Veröffentlichung entstandenen Enthüllung ein Beigeschmack an, der bestenfalls als grenzenlose Wissbegierde zu verorten wäre. Gerlach und Schutte bestätigen selbst: Peter Weiss habe – und daran wird der ›Schönheitsfehler‹ dieser sonst tadellosen Ausgabe sichtbar –, »zu keiner Zeit daran gedacht, den vorliegenden Text zu publizieren.« Er wird seine Gründe dafür gehabt haben. Zu diskutieren bliebe, inwieweit sich die Nachwelt über solche Gründe hinwegsetzen darf oder sollte. Einen ersten Denkanstoss dazu liefert der Autor in seinem Journal selbst: »Es gibt Augenblicke, in denen man so privat mit sich selbst ist, dass man es als indiskret empfindet, wenn man sich dabei belauscht.« (5. November 1960)

Arne Grafe

Diesen Artikel als PDF-Datei herunterladen

[Zurück zur Startseite]