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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 6
Ludwig Legge
Straßenbahnen fahren durch mein Hirn
Neue Gedichte
III.
Einsamer Überhalter
Meine Freunde sind abgeholzt
auf der Schneckenspur hat mich die Vergangenheit eingeholt
o Zeit die im Spiegel wie Eis taut
das Ticken der Wanduhr ist eine Bombe
um meine Seele zu sprengen genügt kein Dynamit
ihr Sprengstoff kommt aus Abgründen
in die ich lautlos falle
die Hedonisten haben den Schmerz beseitigt
sie leeren die Gleichung des Genusses
Gewinnmaximierung der Lust
beim Gastmahl mit gezinkten Körpern
ein totes Rennen auf dem Autofriedhof
wo eure Gesichter glänzen im zerkratzten Autolack
dabei ständig im Ohr den gläsernen Gesang
Monaden haben keine Fenster
unfruchtbare Wörter vermehren sich nicht
der Maulwurf gräbt im Bindegewebe
ich aber nehme die Schatten an die Hand
Das Gedicht beginnt mit einem Wortspiel: Kein Unter- , sondern ein Überhalter ist das lyrische Ich, das für den Autor der Verse spricht; jemand, der, inzwischen ohne Freunde und Gefährten in der poetischen Landschaft, durchhält - die Assoziation an Rilke: "Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles" mag sich einstellen; und eine weitere: ein Überhälter heißt in der Sprache der Forstwirtschaft ein Baum, der beim Abholzen stehen gelassen wird.
Statt der Freunde trifft der Vereinsamte auf "Hedonisten", die "den Schmerz beseitigt" haben, den nämlich, der nicht nur aus persönlich-individuellen Misshelligkeiten resultiert, sondern etwas über den Zustand der Welt aussagt. An die Stelle solch eines metaphysischen Gefühls tritt die "Gewinnmaximierung der Lust". Die harte Melancholie, der Rhythmus des Gedichts, lässt seinen Dichter als denjenigen hervortreten, der gerade in seiner zynischen Haltung an seiner Aufgabe festhält. Um seine Seele zu sprengen, muss der Explosivstoff "aus Abgründen / in die ich lautlos falle" stammen. Was aber bedeutet solche Sprengung?
Zunächst ist offensichtlich gemeint, dieses Ich gebe nicht klein bei. Mag es noch so schlimm kommen, es wird zu dem stehen, das es zu leisten hat. Umgekehrt jedoch könnte es sein, dass gerade die Sprengung des eigenen psychischen Gefüges seine höchste Aufgabe beinhaltet. Nicht die Fremdheit in der heutigen Welt wird zum Anlass seiner Inspiration - dazu bedarf es der Konfrontation mit den Abgründen der Vergangenheit, die "auf der Schneckenspur", unvermerkt, die Gegenwart eingeholt hat. Wer sich solchermaßen dem Gestorbenen, dem Tod selber, gegenübersieht, blickt mit fremden Augen auf das Leben, das seiner Lust nachjagt und sich dabei immer mehr seinem scheinbaren Gegenteil angleicht: "ein totes Rennen auf dem Autofriedhof".
Seltsam jedoch, wie das Aussprechen der kompromisslosen Ablehnung solchen Scheins in den nächsten Versen zur Kulmination des Schlusses führt: "ich aber nehme die Schatten an die Hand" und werde so zum Führer der Gestorbenen, der sie - vielleicht - zur Wiedergeburt, der Verwirklichung ihrer Sehnsucht, geleitet. Denn die Distanzierung vom "gläsernen Gesang", dem Ausdruck der Kommunikationslosigkeit, also dem Monadenhaften der heutigen Menschen, in deren Ohren unablässig Musik rinnt, scheint nun doch am Spannungsaufbau mitzuwirken, der zum Erreichen des Inspirationspunktes erforderlich ist. Je entschiedener die Ausgrenzung aus der Jetztzeit, um so schärfer verweigert sich auch das Ich des Gedichts ein Innehalten vor der gänzlichen Selbstpreisgabe, ohne die es nicht in seinen Abgrund gelangen kann. Je bleicher das Leben, um so anziehender der Tod. Mithin bedingt sich beides: Sehnsucht und Trostlosigkeit bilden, sagt Fernando Pessoa, ein Paar, die eine kann ohne die andere nicht sein. Beide zusammen formen die ästhetische Attitüde der Moderne.
Auch noch das nächste der insgesamt fünfundzwanzig Gedichte des Bandes sei hier, zur Gänze, zitiert; es enthält eine Zeile, es ist die längste, die sich lakonisch, in paradoxer Steigerung, gegen die Banalität der heutigen lyrischen Produktion behauptet.
Max Lorenzen
IV.
Wenn ich zur Zimmerdecke blicke
sehe ich Lichtkringel der Bogenlampen
die Löcher in den Asphalt brennen
höre ferne Notarztwagen
alarmiert per Handy aus dem Jenseits
mein Radiowecker meldet halb drei
und ich schüttle den weißen Staub von der Stirn
wie die unbeantworteten Fragen
bei blauen Blitzen
fahren Straßenbahnen durch mein Hirn
das Herzstück ist die Bettcouch
doch zur Rettung meiner analysierten Seele
brauche ich eine Gehirnwäsche
um statt an Gauguins Maoribrüsten
an durchsichtigen Plastikkühen zu saugen
ein guter Werbespot ist immer noch besser als unsere heutigen Gedichte
ich aber warte im Plattenbau auf die Abrissbirne
denn gegen Phantomschmerz hilft nicht mal Dolormin
halb drei drei halb vier vier vier Uhr 12
müde Metaphern der Zeit aus Wachs
heute Morgen werde ich bei Rot über die Straße gehen
einfach
ping pong ping pong