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Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart Jg. 8
(2007), Heft 6
Wahrscheinlich ist Eckharts Trostbuch zwischen 1313 und 1323 entstanden (Nachwort, S. 120). Gleich zu Beginn werden die "drei Arten von Trübsal" genannt, die den Menschen bedrängen können: "Die erste entsteht durch Schäden an äußerem Besitz, die zweite kommt aus dem Schaden, der Verwandte und Freunde trifft, die dritte aus dem Schaden, den er an sich selbst erfährt - durch Schmähung, durch Unglücksfälle, durch körperliche Schmerzen oder seelisches Leid" (S. 9). Was kann nach Eckhart in solchem Leid, gleichgültig, ob es materieller, körperlicher, psychischer oder geistiger Art ist, trösten?

Der Beginn der Schrift wurde von den Anklägern, die Eckhart Häresie vorwarfen, beanstandet. Er enthält, in geraffter Form, eine Erkenntnislehre, die, wie immer bei Eckhart, einen praktischen Impetus hat: Tatsächlich kann es ohne diesen keine wirkliche Erkenntnis geben. "Vor allem muss man wissen: Der Weise und die Weisheit, der Wahre und die Wahrheit, der Gerechte und die Gerechtigkeit, der Gute und das Gutsein sehen einander an" (ebda.). In aller Mystik, bis hin zur romantischen des Novalis, findet man diesen Kernsatz. Der wirklich Schauende wird seinerseits, im Kairos-Moment der gelingenden Anschauung, von dem, worauf sie sich richtet, angeblickt. Eckhart erläutert: "Das Gutsein selbst ist weder erschaffen noch gemacht noch geboren. Aber es ist gebärend und gebiert den Guten. Und der Gute, sofern er gut ist, ist nicht gemacht und nicht erschaffen, sondern er ist Kind und Sohn, geboren aus dem Gutsein. Das Gutsein gebiert sich und alles, was es ist, in dem Guten. Es ergießt zugleich Sein, Wissen, Lieben und Wirken in den Guten, und der Gute nimmt all sein Sein, Wissen, Lieben und Wirken aus dem Herzen und Innersten des Gutseins, von ihm allein. Gut und Gutsein sind nichts als ein einziges Gutsein, völlig eins in allem, außer im Gebären und Geborenwerden. Das Gebären des Gutseins und das Geborenwerden im Guten ist gänzlich ein einziges Sein, ein einziges Leben" (S. 11).
Das hier Gesagte ist der Kern allen Trostes. Flasch dazu im Nachwort: "Im Trostbuch wie im Johanneskommentar erklärt Eckart dieses Verhältnis zunächst wie das Verhältnis des Allgemeinen (das Menschsein) zum Einzelnen (dieser Mensch). Er beschreibt in Kürze die Anwesenheit des Universalen im Einzelnen und betrachtet es als das reale Leben der göttlichen Drei-Einigkeit. Er erklärt wie im Trostbuch seine Metaphysik des Inseins: Alles Hervorgebrachte ist in seinem Hervorbringenden. Der Gerechte existiert in der Gerechtigkeit. Wie das möglich ist, sagt uns keine Vision oder Ahnung, sondern die philosophische Analyse des Enthaltenseins des Konkreten im Allgemeinen (abstractum). [...] Das von Dingen abgelöste geistige Erkennen wird identisch mit seinem Inhalt, also mit den genannten allgemeinen Bestimmungen: Gerechtigkeit, Weisheit, Gutsein, Wahrheit. Die Sohnschaft ist, wie ich gleich erläutern werde, die Identität des geistig Erkennenden mit dem Erkannten" (S. 122).
Flasch fährt fort: "Ich muss nur noch erklären, wieso das Insein der Gerechtigkeit im Gerechten, des Gutseins an sich im einzelnen Guten das Leben der Gottheit ist. Dazu führt eine einfache Überlegung [...]. Weisheit (Wahrheit, Gerechtigkeit etc.) als solche kann, genau genommen, nicht als erschaffbar gedacht werden. [...] Dies ist keine mystische Erfahrung, sondern eine für jede Vernunft verbindliche Notwendigkeit. [...] Weisheit ist Einheit und ihrem Wesen nach nicht als erschaffen denkbar. Dies ist der einfache Grundgedanke der Philosophie Eckharts" (S. 123 f).
Zur Sohnschaft: "Was [für Eckhart] das Wort "Gott" bedeuten kann, das wird intellektuell einsichtig und in unverletzter Würde annehmbar auf dem Weg über die Kriterien: Wahrheit, Gutsein, Gerechtigkeit, Weisheit. Dazu kommt man nicht durch religiöse Zeremonien oder Wunderglauben. [...] Aber wer die intellektuelle Operation vollzieht, dem bietet die Bibel die Entsprechung: Gott hat seinen Sohn erzeugt, nicht gemacht. [...] Jetzt kann [Eckhart] auch erklären, was antike Philosophen mit dem Ausspruch meinten, keine menschliche Seele sei ohne Gott. Und er kann sagen, dass alle Trostlosigkeit daher komme, dass wir uns das nicht klarmachen. Sofern wir einen wahren Satz sagen oder eine gute Tat wollen, hat sich das Unbedingte auf die ihm eigene Weise selbst in uns hinein ausgebreitet, und dafür können wir auch sagen: Gott Sohn ist in uns geboren [...]. Dies zu erfassen und in diesem Sinn sich als Sohn Gottes zu verstehen, das ist der einzige Trostgrund, den es auf Erden gibt. Er ergibt sich aus der einfachen Einsicht, dass wir Wahrheit, Gutsein und Weisheit ihrem Wesen nach nicht als erschaffbar denken können" (S. 126 f).
Und schließlich: "Der einzelne Gerechte und die Gerechtigkeit beziehen sich real aufeinander; Eckhart sagt bildlich: Sie sehen einander an. Damit gebraucht er eine scholastische Bezeichnung für Relationen. Er sagt also: "Gerechtigkeit" ist kein bloß abstrakter Sammelbegriff, sondern zwischen Gerechtigkeit und dem einzelnen Gerechten besteht innerhalb der wesenhaften Einheit eine reale wechselseitige Beziehung" (S. 132).
Wer diese Sätze liest, ist erstaunt. Man fühlt sich an die akademische Platon-Diskussion erinnert, ob die bloße Erkenntnis des Guten oder der Tugend auch bereits tugendsam mache. Natürlich ist das nicht der Fall, oder genauer: Es gibt gar keine bloß rational-abstrakte Erkenntnis des wirklich Guten. Wer Eckharts Argumentation im Trostbuch auf solche Weise versteht, rückt ihn, wenn er konsequent ist, in die Nähe einer wiederum akademischen Auffassung der stoischen Philosophie. Tatsächlich liest man bei Flasch: "Eckart überrascht durch ein stoisches Konzept der Unerschütterlichkeit der Seele. Alles, was geschaffen ist, erreicht den Gerechten nicht. Der Gerechte ignoriert das Zufällige und Leidenschaffende. Eckart fordert förmlich dazu auf, das Erlittene zu vergessen" (S. 140).
Bereits in seinem zuvor erschienenen Buch: "Meister Eckart. Die Geburt der "Deutschen Mystik" aus dem Geist der arabischen Philosophie" (s. die Rezension von Josef Bordat im Marburger Forum, Heft 3, 2007) hat Flasch versucht, den Philosophen Eckhart gegenüber dem Mystiker hervorzuheben. Demgegenüber soll hier vertreten werden, dass Philosophie und Mystik Eckharts eine Einheit bilden, die sich gerade auch in den Sätzen seines Trostbuchs bekundet.
Die Beziehung zwischen dem Ursprung der Gerechtigkeit und dem nach Gerechtigkeit und darin nach dem obersten Gut und noch weiter strebenden einzelnen Menschen bildet ab und ist hierin, im höchsten Wortsinn, die Identität, in der Differenz, von Gott Vater und Sohn. Sie ist das Fundament der Gelassenheit: "Wer sich gänzlich (nur) einen Augenblick ließe, dem würde alles gegeben. Wäre dagegen ein Mensch zwanzig Jahre lang gelassen und nähme sich selbst auch nur einen Augenblick zurück, so ward er noch nie gelassen" (Meister Eckehart: Deutsche Predigten und Traktate, hrsg. u. übers. v. Josef Quint, München, 3. Aufl. 1969, S. 217). In der gänzlichen Gelassenheit eines Kairos-Augenblicks liegt ihre Ewigkeit beschlossen. Trost kann nur in solcher Gelassenheit gefunden werden, die Eckhart auch "Bloßheit" nennt: "Wer unmittelbar in der Bloßheit dieser Natur stehen will, der muss allem Personhaften entgangen sein [der muoz aller persônen ûzgegangen sîn], so dass er dem Menschen, der jenseits des Meeres ist, den er mit Augen nie gesehen hat, ebensowohl Gutes gönne wie dem Menschen, der bei ihm ist und sein vertrauter Freund ist. Solange du deiner Person mehr Gutes gönnst als dem Menschen, den du nie gesehen hast, so steht es wahrlich unrecht mit dir, und du hast noch nie nur einen Augenblick lang in diesen einfaltigen Grund gelugt" (Deutsche Predigten, S. 179).
Mit dem Willen oder gar einer bloßen Verstandesoperation ist solche Bloßheit nicht zu finden. Der abstrakte Begriff, sei es von Wahrheit, Gerechtigkeit oder auch dem Einen, kann sie nicht erreichen. Was Eckhart "Vernunft" nennt, meint sie, das im höchsten Sinn Nichtunterscheiden oder Nichtanhaften, wohlgemerkt im klaren Blick auf die Welt, nicht jedoch eine nur intellektuelle Leistung: "Eine Kraft ist in der Seele, von der ich schon öfter gesprochen habe, - wäre die Seele ganz so, so wäre sie unerschaffen und unerschaffbar. Nun ist dem nicht so. Mit dem übrigen Teil (ihres Seins) hat sie ein Absehen auf und ein Anhangen an die Zeit, und da(mit) berührt sie die Geschaffenheit und ist geschaffen - (es ist) die Vernunft: dieser Kraft ist nichts fern noch draußen. Was jenseits des Meeres ist oder über tausend Meilen entfernt, das ist ihr ebenso eigentlich bekannt und gegenwärtig wie diese Stätte, an der ich stehe. Diese Kraft ist eine Jungfrau und folgt dem Lamm nach, wohin es auch geht. Diese Kraft nimmt Gott ganz entblößt in seinem wesenhaften Sein; sie ist eins in der Einheit, nicht gleich in der Gleichheit" (Deutsche Predigten, S. 221).
Der Mensch, "der jenseits des Meeres ist" (Predigt 6: In hoc apparuit caritas dei in nobis, op.cit.), bzw. das, "was jenseits des Meeres ist oder über tausend Meilen entfernt" (Predigt 14: Vidi supra montem Sion agnum stantem etc.) ist der Vernunft genau so bekannt, wie das Nächste. Die Kraft der Vernunft ist "eine Jungfrau", weil sie sich Gott rein, ohne Rückhalt, hingibt. Diese Jungfräulichkeit meint, "ohne Behinderung durch alle Bilder" zu sein (Deutsche Predigten, S. 159). Solche höchste Erkenntnis geschieht in der Gleichheit mit Gott, dort, wo er ohne Unterlass zum Sohn wird und dieser wieder zu ihm, mithin im ewigen Schöpfungsprozess selber: "Indem [Gott] das Wort spricht, spricht er sich und alle Dinge in einer anderen Person und gibt ihm dieselbe Natur, die er selbst hat, und spricht alle vernunftbegabten Geistwesen in demselben Worte als demselben Worte (wesens-) gleich (aus) nach dem "Bild", insofern es innebleibend ist, - nicht gleich jedoch demselben Worte in jeder Weise, insofern es ausleuchtet, sofern also ein jedes für sich gesondert Sein hat; sie (d.h. die ausleuchtenden "Bilder") haben aber die Möglichkeit erhalten, einige namhafte Gleichheit mit demselben Worte zu erlangen" (Deutsche Predigten, S. 157).
Was ist gemeint mit dem "innebleibenden Bild"? Zunächst gilt: "In Gott sind aller Dinge Urbilder gleich; aber sie sind ungleicher Dinge Urbilder. Der höchste Engel und die Seele und die Mücke haben ein gleiches Urbild in Gott" (Deutsche Predigten, S. 197). Am Schluss dieser zehnten Predigt sagt Meister Eckhart: "Gottes Seligkeit (aber) liegt im Einwärtswirken der Vernunft, wobei das "Wort" innebleibend ist. Dort soll die Seele ein "Beiwort" sein und mit Gott ein Werk wirken, um in dem in sich selbst schwebenden Erkennen ihre Seligkeit zu schöpfen: in demselben, wo Gott selig ist" (S. 200). Ein Erkennen, das gleichbedeutend ist mit Seligkeit, hat sicher nichts mit intellektuellen Abstraktionsleistungen zu tun. Wir können aber bereits vermuten, dass nur diese Seligkeit dem Menschen, in welcher Situation er sich immer befinde, Trost gewähren kann.
"Als Gott alle Kreaturen erschuf, hätte da Gott vorher nicht etwas geboren, das ungeschaffen war, das aller Kreaturen Urbilder in sich trug - das ist der Funke [...] - dies Fünklein ist Gott so verwandt, dass es ein einiges Eines ist, unterschiedslos, das (doch) die Urbilder aller Kreaturen in sich trägt, bildlose und überbildliche Urbilder" (Deutsche Predigten S. 257 f). Der Seelenfunke ist selber Sohn, im tiefsten identisch mit Gott, und trägt, wie er, die bildlosen Urbilder aller Kreaturen in sich. Jede Seele ist eine Monade, die sich selbst in den aller Schöpfung vorhergehenden Ideen erkennt, indem sie zu ihnen wird und doch bei sich bleibt. Ideen oder Urbilder zu schauen macht selig, weil jeder Geistfunke in solcher Anschauung - der empirischen Welt entwerdend - "mit Gott ein Werk" wirkt, also an der ewigen Schöpfung teilnimmt. In Gott jedoch ist höchste Seligkeit und Liebe: Er ist reine Bloßheit, höchstes Sichweggeben in den Sohn, die Schöpfung, der zugleich mit aller Seelenkraft zu seinem Ursprung zurückstrebt. Beides ist ein Akt: Schrankenlose Entäußerung und die unendliche Sehnsucht und Kraft zur Rückkehr sind ineinander verschlungen und ein - duales - Wesen, das sich fortwährend selbst hervorbringt. Die Liebe Gottes meint also Schöpfungsseligkeit, die alles Sein durchwirkt. Sie ist das Sichweggeben, das sich in sich selber steigert (Rilke beschreibt das Bild eines innerlichen, rein ideeierenden Inspirationsprozesses, am Bild der Engel, folgendermaßen: "Räume aus Wesen, Schilde aus Wonne, Tumulte / stürmisch entzückten Gefühls und plötzlich, einzeln, / Spiegel: die die entströmte eigene Schönheit / wiederschöpfen zurück in das eigene Antlitz", Zweite Duineser Elegie). Die antiken Mythen sagen, was einem Geschöpf geschieht, dem sich solche Liebe ungemildert zuwendet; es kann nicht standhalten und vergeht. Aber der Seelenfunke hält stand und kann es, weil er seine Identität mit der göttlichen Sphäre wiedergewonnen hat. Was ihn nun als Freude oder Wonne durchströmt, ist auch die eigene, die aus der Teilnahme am inspirativen Stiftungswerk des Numinosen stammt.
"Das Auge, in dem ich Gott sehe, das ist dasselbe Auge, darin mich Gott sieht; mein Auge und Gottes Auge, das ist ein Auge und ein Sehen und ein Erkennen und ein Lieben" (Deutsche Predigten, S. 216). Alle Dinge als Urbilder zu sehen heißt, in ihnen einen und denselben schöpferischen Prozess: als solchen, nicht länger verstellt durch seine verschiedengestaltigen Modifikationen, wahrzunehmen; gelingt das, verwandelt sich der Mensch in ihn: Die inspirative Stiftung von - noch körperlosen - Ideen kann nur schauen, wer sich selbst in einen ideeierenden Akt verwandelt, dessen Grundbewegung Gott heißt.
Irdische Freude verringert sich in ihrer Äußerung; göttliche ist ewig, weil sie sich aus sich selbst erneuert und reine Form der Selbststeigerung ist. Vater und Sohn sind die Einheit des Aus-sich-Heraus- und darin In-sich-Zurückgehens, Schöpfung, die sich anschaut. Die Seele ist das Ebenbild dieses Prozesses, nein mehr, sie ist dessen Movens und Kraft: "Da sprach Gott: "Wir wollen (uns) ein Ebenbild machen" (1 Mos.1,7). Schaffen ist ein leichtes Ding; das tut man, wann und wie man will. Was ich aber mache, das mache ich selbst und mit mir selbst und in mir selbst und drücke mein Bild völlig da hinein. "Wir wollen (uns) ein Ebenbild machen": "nicht du, Vater, noch du, Sohn, noch du, Heiliger Geist, sondern: wir, im Rate der Heiligen Dreifaltigkeit, wir wollen uns ein Ebenbild machen!" Als Gott den Menschen machte, da wirkte er in der Seele sein (ihm) gleiches Werk, sein wirkendes Werk und sein immerwährendes Werk" (Deutsche Predigten, S. 271). Die Schöpfung ist Seele, des Menschen.
Wie also Gott sich selber schafft, so auch der Mensch: "In jenem Sein Gottes nämlich, wo Gott über allem Sein und über aller Unterschiedenheit ist, dort war ich selber, da wollte ich mich selber und erkannte mich selber (willens), diesen Menschen (= mich) zu schaffen. Und darum bin ich Ursache meiner selbst meinem Sein nach, das ewig ist, nicht aber meinem Werden nach, das zeitlich ist. Und darum bin ich ungeboren, und nach der Weise meiner Ungeborenheit kann ich niemals sterben. Nach der Weise meiner Ungeborenheit bin ich ewig gewesen und bin ich jetzt und werde ich ewiglich bleiben. Was ich meiner Geborenheit nach bin, das wird sterben und zunichte werden, denn es ist sterblich; darum muss es mit der Zeit verderben. In meiner (ewigen) Geburt wurden alle Dinge geboren, und ich war Ursache meiner selbst und aller Dinge; und hätte ich gewollt, so wäre weder ich noch wären alle Dinge; wäre aber ich nicht, so wäre auch "Gott" nicht; dass Gott "Gott" ist, dafür bin ich die Ursache; wäre ich nicht, so wäre Gott nicht "Gott". Dies zu wissen ist nicht not" (Deutsche Predigten, S. 308).
Nimmt die Seele teil an dieser Ungeborenheit, bedarf sie keines Trostes. Liegt Trost in der Seligkeit ihrer Selbstgeburt, so hebt sich seine Notwendigkeit auf. Verharrt sie jedoch im Zeitlichen, so kann nichts ihre Trauer über die eigene Vergänglichkeit lindern. Was wir Individualität nennen, gehört dieser Vergänglichkeit an. Es gibt jedoch eine andere, nicht im Empirischen wurzelnde Idee des Individuums: "ich war Ursache meiner selbst und aller Dinge".
"Geh völlig aus dir selbst heraus um Gottes willen, so geht Gott völlig aus sich selbst heraus um deinetwillen. Wenn diese beiden herausgehen, so ist das, was da bleibt, ein einfältiges Eins. In diesem Einen gebiert der Vater seinen Sohn im innersten Quell. Dort blüht aus der Heilige Geist, und dort entspringt in Gott ein Wille, der gehört der Seele zu. Solange der Wille unberührt steht von allen Kreaturen und von aller Geschaffenheit, ist der Wille frei" (Deutsche Predigten, S. 181). Frei ist der Wille, soweit und solange er gelassen ist, also alle Dinge anschaut, ohne sie zu begehren. Eben dann ist er, zugleich mit Gott, ihre Ursache, die sich aus sich erneuernde Kraft ihrer Schöpfung. Das Urbild der Seele ist der trinitarische Prozess der Stiftung der Weltidee.
"Die Seligen im Himmel erkennen die Geschöpfe unabhängig von jedem Bild der Geschöpfe. Sie erkennen sie in dem einen Bild, das Gott ist und in dem Gott sich selbst und alle Dinge weiß, liebt und will" (Buch der göttlichen Tröstung, S. 29, vgl. ebda., Vom edlen Menschen, S. 107/109: "Diejenigen, die Gott unverhüllt erkennen, erkennen mit ihm zugleich die Geschöpfe…"). Alle Geschöpfe sind in dem ewigen Kairos-Moment der göttlichen Inspiration enthalten. Er ist also die Ursprungsgestalt der Individuation, die ihre eigene Notwendigkeit enthält. Das Eine wird erst zum exterritorialen Nichts seiner Schöpfung, zur absoluten Bloßheit, indem es sich gänzlich in sie entlässt: So ist es das mit sich Identische in der Differenz von Exterritorialität und Urbild- oder Schöpfungssphäre. Im einen Individuum, dem Bild der Welt, dem Sohn, liegt die Möglichkeit seiner Vielzahl. In ihr, den intelligiblen Seelen-Orten der Schöpfung, spiegelt sich ihre Herkunft.
Der Versuch Meister Eckharts, die wahrhaftige Individuation einzig als intelligibles - ewiges - Ereignis zu denken, stößt an Schranken. Die Seele ist nicht nur überzeitlich, sondern besteht auch aus Vergänglichem. Diesem mögen nun Dinge zustoßen, die Leid evozieren. Und erst angesichts dessen offenbart sich der Kern der Eckartschen Trostlehre. "Ein solcher Mensch ist so willenseins mit Gott, dass er alles will, was Gott will, und dass er es so will, wie Gott es will. [...] So will der Mensch Gott um Gottes willen entbehren und von Gott um Gottes willen getrennt sein, und das allein ist die richtige Reue meiner Sünden. So leide ich an der Sünde ohne Leid, wie Gott an aller Bosheit leidet ohne Leid. Ich habe Leid, das größte Leid wegen der Sünde - denn wegen irgend etwas Geschaffenen oder Erschaffbaren würde ich keine Sünde tun, und gäbe es tausend Welten, die ewig bestünden -, jedoch ist dies ein Leiden ohne Leid, und ich nehme und schöpfe das Leiden in Gottes Willen und aus Gottes Willen. Nur dieses Leid ist vollkommenes Leid, denn es entspringt und fließt aus der reinsten Liebe, der reinsten Güte und Freude Gottes" (Buch der göttlichen Tröstung, S. 29).
Wer das irdische Leid, das ihm zustößt, als Gottferne zu erkennen vermag, und sie, wie alles, das von Gott kommt, akzeptiert, begreift erst, dass wirkliches Leid gar nicht von Geschaffenem verursacht werden kann, sondern nur von der Sünde - um ihretwillen zu leiden, bedarf es also bereits einer Einstimmung in Gottes Willen, die sie eigentlich bereits aufhebt (dass ein wirkliches Sündenbewusstsein überhaupt erst in einer tiefgreifenden Änderung der Gesinnung entspringen kann, liegt auch dem gar nicht mystischen Ansatz von Immanuel Kants Religionsphilosophie zu Grunde, vgl. die "Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft"). Dann wäre Sünde aber etwas, das im intelligiblen Bereich der Urbilder entstünde? Noch Schelling wird sich bemühen, solche Fragen, etwa in "Über das Wesen der menschlichen Freiheit", aber auch noch in den späten Werken, zu beantworten.
Dennoch stößt hier jede Mystik und Philosophie in ein Grenzgebiet des Unwägbaren vor. Es scheint, als sei das Problem der Existenz des Bösen - und Guten - nicht mit letzter Schlüssigkeit zu lösen. Aber gerade die Einsicht in die Gründe solcher Unmöglichkeit vertieft die Erkenntnis menschlich-existenziellen Daseins bis in seine Tiefen. Die Texte Meister Eckharts führen uns nicht nur an die Schwelle jener Unwägbarkeit, sondern mitten in sie hinein; weil sie deren Logik auf präziseste Weise, so weit es nur möglich ist, ausloten, sind sie unschätzbar.
Für die gesonderte Veröffentlichung des "Buches der göttlichen Tröstung", sowie der Schrift "Vom edlen Menschen", in der Gegenüberstellung von mittelhochdeutschem Original und neuhochdeutscher Übersetzung, muss man dem Verlag und dem Herausgeber Kurt Flasch danken. Flaschs Nachwort vertritt eine Position, die man nicht teilen muss - aber sie regt allemal dazu an, sich mit dem ebenso schwierigen wie wichtigen Werk Eckharts auseinanderzusetzen.
Max Lorenzen